DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Siegfried Matthus

EFFI BRIEST

Uraufführung am 19.10.2019 |

 

trailer

 

Siegfried Matthus hat sich als Opern-Komponist zurückgemeldet, als nunmehr 85-Jähriger hat er nach dem Roman EFFI BRIEST von Theodor Fontane im Auftrage des Staatstheaters Cottbus eine abendfüllende Oper geschaffen, die durch die musikalische Sprache des heute leider zu selten aufgeführten Komponisten überzeugt. Es ist nicht nachzuvollziehen, dass die Opern von Matthus heute unbekannt sind, Werke, die einst viel gespielt wurden und das Publikum in Ost und West beeindruckten. Ja, Matthus war der produktivste und wohl auch meistgespielte Komponist der ehemaligen DDR; gleichwohl bewies er mit der Vielseitigkeit seiner Tonsprache ebenso wie mit den Sujets, die er gestaltete, dass er ein weltläufiger, für viele künstlerische Facetten offener Musiker war und ist, der wohl in der DDR lebte und arbeitete, dessen Werke in ihrer Wirksamkeit jedoch weit über die Grenzen dieses Landes und dessen ideologische Barrieren hinausgingen. Weshalb so wirkungsstarke Werke wie DER LETZTE SCHUSS (1967 Berlin), DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE (1985 Dresden), JUDITH (1985 Berlin) oder die hinreißende komische Kriminaloper(!) NOCH EINEN LÖFFEL GIFT, LIEBLING? (1972 Berlin) heute auf keinem Spielplan mehr stehen und infolgedessen nahezu unbekannt sind, ist mir völlig unverständlich und eigentlich ein echter Skandal! So reich ist die neuere und neueste deutsche Operngeschichte nicht an Werken, dass man aus Unwissenheit oder Ignoranz auf dieses Oeuvre meint verzichten zu müssen!

Nun also EFFI BRIEST – das Fontane-Jubiläum macht‘s möglich! Der Roman ist wenigstens durch zahlreiche Adaptionen auf der Leinewand bekannt – gelesen wird er heute wohl eher seltener, auch wenn Thomas Mann einst meinte, es sei das wichtigste Buch seit Goethes WAHLVERWANDTSCHAFTEN ! (Nun könnte man das Fragespiel fortsetzen: wer l i e s t heute noch Goethe oder Thomas Mann…?) Ein zu weites Feld, wie es wörtlich in Fontanes Romanvorlage heisst …!

Siegfried Matthus läßt sich den 36 Kapitel umfassenden Roman von seinem Sohn Frank in 46 Szenen aufbereiten, von denen 13 instrumentale Zwischenspiele sind, die das Geschehen nachklingen lassen oder künftiges vorbereiten. Das ist ein möglicher Weg, dem Roman sehr nahe zu kommen; ich meine, man könnte das Werk auch verstehen, wenn man den Roman nicht gelesen hat – und das ist gut so. Natürlich ist alles auf die Titelheldin konzentriert, es gibt neben ihr nur Episoden, auch das entspricht durchaus der Vorlage. Und die Musik spricht ihre eigene Sprache: Matthus beherrscht das volle Spektrum – er kann melodiös, schlicht und ergreifend, (quasi: zu Herzen gehend) schreiben ebenso, wie er mit Dissonanzen, grellen Farben und peitschenden Rhythmen aufrütteln kann.

Auch hier wieder: eine Oper, die durch ihre Musik überzeugt. Wollen wir immer noch mehr? Mir hat die Oper, ihre Musik, gefallen – übrigens auch in der Vielfalt der Instrumentation; der Einsatz der Holzbläser zum Beispiel, die dramaturgische Funktion von Englischhorn und Altflöte, die Brillanz der engen Blechsätze, die Soli der Streicher, der Harfe, nicht zuletzt der Orgel. Und ein großes, aber nie vordergründig effekt-haschendes Schlagwerk! Eine Vielfalt musikalischer Gestaltung, die einem sogar über offensichtliche „Längen“ (z. B. der Verführungsszenen mit Crampas) hinweg hilft. Bravo, Siegfried Matthus!

Die Umsetzung dieses Werkes am „auftraggebenden“ Staatstheater Cottbus war leider nicht so eindeutig, wie es die Partitur verdient gehabt hätte. Zunächst beeinträchtigte ein sehr ungünstiger Umstand das Ganze: ein wichtiger Episoden-Sänger fiel aus; sicher, es ist die „Liebeswerbung“ von Crampas nur eine Episode im Werk (übrigens auch schon bei Fontane!) – aber eben in diesem Falle eine der wichtigsten Episoden überhaupt. Wenn der Mann, der Effi zum Treuebruch überredet und damit ihre Tragödie heraufbeschwört, ausfällt, findet das Stück eigentlich nicht statt. Die mehr oder weniger charmante Umschreibung, mit der Intendant, Dr. René Serge Mund, vor Beginn der Vorstellung versuchte zu erklären, dass es ja nur eine kleine Ergänzung sei, wenn diese (wichtige!) Rolle vom indisponierten Sänger, der besetzt war nur gespielt, von einem eiligst zugezogenen anderen von der Seite gesungen werde, war in Wahrheit ein Offenbarungseid! Der dramaturgische Dreh- und Angelpunkt fand – jedenfalls für mich! – nicht statt. Das ist eine Art Improvisation, die – wenigstens bei einer UR-Aufführung! – nicht Schule machen sollte. Fairerweise sind die entsprechenden Szenen hier nicht zu beurteilen. Das ist schade.

Schade auch um die Inszenierung von Jakob Peters-Messer, die durch ihre ehrliche Grund-haltung, ihre betont auf theatralische Mittel reduzierte Erzählweise ohne jeglichen, heute meist üblichen, Show-Schnickschnack auskommt. Sie konzentriert sich auf die Menschen, die uns die Geschichte näher bringen, auf Mittel, die jeder Zuschauer versteht, sie gaukelt nichts vor – sie erzählt. Selten habe ich eine so schlüssige und sachlich überzeugende Inszenierung in den letzten Jahren gesehen. In diesen positiven Eindruck schließe ich auch ausdrücklich Guido Petzold (Bühne/Video/Licht) und Sven Bindseil (Kostüme) mit ein. Das gesamte szenische Erscheinungsbild war großartig. Bravo!  

Das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus war den musikalischen Anforderungen, die Matthus an seine Musiker stellt, in hohem Maße gewachsen und wurde von Alexander Merzyn mit viel Gespür für die Feinheiten der Partitur souverän geleitet, immer getragen von dem Bemühen, das szenische Geschehen und die Deutlichkeit des Wortes zu bedienen.

Liudmila Lokaichuk, eine junge russische Sängerin, war mit der Titelpartie betraut; sie – eine der Entdeckungen, die aus Matthus‘ Gesangswettbewerb auf Schloß Rheinsberg hervor-gegangen ist – rührte dem Komponisten wohl auch die Saiten; soll heißen: für sie schrieb Matthus diese Figur in der gesamten Vielfalt und Kompliziertheit des Charakters. Die Partie erfordert eine große Souveränität und stimmliche Leichtigkeit in der Höhe, aber eben auch glaubhafte theatralische Dramatik, die kurz vor Ende in durchaus dramatische Ausbrüche mündet. Und sie erfordert die Vielseitigkeit einer Frau, die vom recht jungen Mädchen bis zur gebrochenen Mutter reicht – eine komplizierte darstellerische Aufgabe. Frau Lokaichuk meisterte die gesanglichen Anforderungen mit bewundernswertem Bemühen, blieb allerdings darstellerisch der Figur einiges schuldig. Sie vermochte, obwohl Sympathieträgerin beim Publikum, als Persönlichkeit den Abend leider nicht zu tragen. Neben ihr gibt es, siehe oben, nur Episoden.

Sehr überzeugend Andreas Jäpel als Effis Ehemann Innstetten, Carola Fischer als Effis Vertraute Roswitha, Ulrich Schneider (mit profundem Bass!) als Effis Vater Briest, etwas oberflächlich sekundiert von Gesine Forberger als dessen Frau Luise, einprägsam Nils Stäfe als Geheimrat Wüllersdorf und sympathisch in Spiel und Gesang die drei Freundinnen der jungen Effi – Debra Stanley und Rahel Brede (die Kantorentöchter Bertha und Hertha) sowie Zela Corina Calita (als Pfarrerstochter Hulda). Zahlreiche kleinere Rollen waren mit weiteren Solisten und mehrfach auch aus dem Chor besetzt. (Choreinstudierung: Christian Möbius).

Anmerken möchte ich wenigstens, dass der Dramaturg der Aufführung (Bernhard Lenort), wenn er schon die Übertitel ständig zu spät einblendete, dem Publikum bei einer instruktiveren Gestaltung des Personenzettels hätte helfen können. Die Figuren eines so reichhaltigen Romanes nur in Kurzform (Vor- oder Nachname, ohne Titel oder Figuren-Konstellation) auf dem Zettel aufzuführen, noch dazu in einer Reihenfolge, die sein Geheimnis bleibt, verwirrt mehr, als es hilft. Prompt hat auch der Rezensent einer anderen renommierten online-Zeitschrift dem Briest eine falsche Gattin unterschoben…!

Das Publikum im nahezu ausverkauftem Staatstheater nahm das Werk durchaus mit Sympathie und Interesse auf, spendete am Ende herzlichen, wenn auch nicht besonders lang anhaltenden Beifall (sieben Minuten!). Der Komponist wurde zu Recht stürmisch gefeiert.

 

(c) Marlies Kross

Werner P. Seiferth, 25.10.2019

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

 

 

 

 

Liebe Leser, 

manchmal passieren halt Fehler in Eifer des Gefechts, deshalb eine Korrektur, oder besser einen kleinen Nachtrag zu meiner unten angefügten Kritik.
 
Der mich so begeisternde Tenor, der den Nemorino gesungen hat, heißt mit Namen Andrei Danilov ! Und die Aufführungsbilder sind aus verschiedenen Proben genommen und zeigen außer der erlebten Premierenbesetzung auch die Alternativbesetzungen von Donizettis "Der Liebestrank" Nochmals: perdono!     MF

 

DER LIEBESTRANK

Besuchte Premiere am 22.07.19

Erinnerungen an eine Liebe

So könnte man den Rahmen von Anthony Pilavachis Inszenierung von Gaetano Donizettis "Der Liebestrank" am Staatstheater Cottbus bezeichnen, doch verraten werde ich die Pointe dazu nicht. Dabei wird ganz hervorragend der musikalische Gestus der Opera Buffa aufgegriffen, der doch ständig am Rande der Melancholie schwebt. Wie immer , wenn ich dieses Stück erlebe, bewundere ich die einfache und doch geniale Struktur dieser Oper, die Handlung schlichter geht es kaum; an der Musik nichts Überfüssiges, dabei stets inspiriert. Ein echtes Meisterwerk seiner Gattung, dessen man nicht müde wird zu erleben.

Unter die vielen gelungenen Aufführungen dieser Oper, die ich erleben durfte, reiht sich die Cottbuser nahtlos ein. Denn Pilavachis Inszenierung ist stets dicht an Libretto und Partitur. Diese "Erinnerung an eine Liebe" führt uns in ein imaginäres Italien der Dreißiger Jahre. Markus Meyers Bühnenbild ist ein "Bühnenbild" am Meer, wie Pilavachis Inszenierung nicht mehr als eine "Opera Buffa" sein will, was Lachen und durchaus Gefühlstiefe nicht ausschließt. Nicole Lorenz`stattet die Spieler mit den attraktiven Kleidern dieser Zeit aus, daß der Sergeant Belcore eine faschistische Uniform trägt ist dabei (fast) lediglich der historischen Zeit geschuldet, ohne irgendwelches Pseudokritisches zu betonen.

Das Ensemble ist aus weitgehend jungen und sehr erfreulichen Talenten bestückt, die teilweise ihre ersten großen Partien singen, da merkt man schon mal eine leichte Nervosität. Die Krone des Abends gebührt der ausgezeichneten Adina von Mirjam Miesterfeldt, da ist alles am rechten Platz: eine junge selbstbewußte Frau, die sich so nach der Liebe sehnt und ihr gleichzeitig nicht traut, jede Nuance im Gesang bedeutet etwas: Koketterie , Abschottung, Gefühl und Selbstschutz immer als Aussage im Gesang, bei schönem agilen Sopran mit toller Höhe - Belcanto in Reinkultur. Dazu ein junger, russischer Tenor (29!) als Nemorino mit beachtlichem Stimmpotential , schöner Tenorfarbe, der als stimmlich saftiger Nemorino debutiert, von durchaus leuchtendem Schmelz, wie man so sagt "goldener" Höhe, ab nächster Spielzeit fest an der Deutschen Oper Berlin, da darf man sich freuen. Auch spielerisch sehr präsent; ein Nemorino mit dem man schier mitleidet, weil er so knuddelig ist. Der Belcore ist da ein recht unangenehmer Macho in seiner historischen Uniform, dabei in sich unsicher, was den Charakter sehr glaubwürdig macht. Er wird von Adina als Werkzeug benutzt, was er spürt, aber verdient hat er es freilich schon. Nils Stäfe bringt das ganz prima auf die Bühne und erfreut dabei mit üppigem Baritonschmelz.

Der Dulcamara ist die einzige wahre Buffo-Praline a la Commedia dellàrte mit weißlich geschminktem Gesicht, doch er hält das Rädchen der Handlung am Laufen. Matthias Henneberg hat eine gute Bühnenpräsenz und einen echten Bassbuffo, doch ist er am Premierenabend scheinbar sehr nervös, was sich in leichten Intonationproblemen und Schludereien äußert. Ganz hervorragend auch die in jeglicher Hinsicht präsente Gianetta, von Rahel Brede mit feinem hohem Mezzosopran gesungen, szenisch ein echtes Kabinettstück vom häßlichen Entlein zum stolzen Schwan.

Eine Bank auch der Opernchor unter Christian Möbius, vor allem die Damen in der Szene mit Gianetta, das ist wirklich überbordende Spielfreude, gesanglich stets auf den Punkt. Sergey Simakow am Pult des Philharmonischen Orchesters Cottbus gefällt mir auch sehr gut, vielleicht manchmal etwas laut oder sogar ruppig. Doch wie oft habe ich Dirigenten in der Oper erlebt, die eine Partitur zelebrieren und dabei vergessen, das Oper eine dramatische Kunst ist. Simakow ist ein echter Operndirigent und immer bei der Szene, er beweist mit wahrlich teilweise rasanten Tempi ordentlich Mut, das Orchester und die Sänger dabei immer auf Augenhöhe. Die Rezitative mit manchmal erstaunlich langsamen, aber nie langweiligen Tempi immer am Text. Hier scheinen Regie und musikalische Leitung hervorragend zusammengearbeitet zu haben.

Ein wirklich toller Saisonschluss für die Cottbusser Oper: italienische Oper mit wunderbaren Stimmen, einer spannenden Regie und tollen Szene. Nach dem Abend mit viel Hören, aber auch viel Gelächter über die Situationen auf der Bühne ein begeistertes Premierenpublikum mit langen, herzlichen Ovationen; der Kritiker war auch dabei. Ein Abend der zeigte, wieviel wahres Leben doch in der Oper stecken kann; aber auch wieviel Oper oft in unserem wahren Leben ist.

 

Martin Freitag, 27.6.2019

Fotos (c) Marlies Kross  

 

 

 

Andrew Lloyd Webbers

SUNSET BOULEVARD 

 

Aufführung am 18.10.2017

Premiere 14.10.17

 

TRAILER

 

Für ein Musiktheater, dessen Kernkompetenz die Oper ist, ist es immer eine besondere Herausforderung, ein großes Musical aufzuführen, das nicht für solche Häuser erdacht wurde. Gemessen an dem großen Applaus, der sich am Ende zu rhythmischem Klatschen und Standing Ovations im voll besetzten Zuschauerraum des Staatstheaters steigerte, ist dieses Wagnis voll aufgegangen. Dass dennoch nicht alle Blütenträume reiften, lag ganz sicher nicht am emotional packenden und zugleich doch auch unterhaltsamen Musical von Andrew Lloyd Webber, dessen Beginn fast an eine „Cavalleria rusticana“ erinnert und eine Art Verismo innerhalb der Gattung Musical markiert. Große ausladende Melodien, die sich gerne auch mal wiederholen, prägen das Werk.

Die Orchesterleistung unter dem Dirigenten Alexander Merzyn war jedenfalls tadellos. Auch die großen Ensembles mit Chor und Tänzern rissen mit, die Silvester-Party noch weit mehr als die Introduktion, bei der Wünsche hinsichtlich der Präzision offen blieben. Die Ausstatterin Barbara Krott arbeitete mit einer Drehbühne, die zwischen den Hollywood-Studios und Normas Villa hin und her wechselte. Dass die sicher werkgerechte Inszenierung von Klaus Seiffert dennoch nicht hundertprozentig zündete, lag an einem Kardinalfehler in der Zusammenstellung der Besetzung: Beide Hauptdarsteller waren jeder für sich gut, passten aber überhaupt nicht zueinander! Die Handlung lebt ja von der Spannung zwischen der gealterten Diva, die ihren Zenit deutlich überschritten hat, und dem jungen Mann, der sein Leben eigentlich noch vor sich hat.

Dem langgedienten und hochverdienten Ensemblemitglied Hardy Brachmann kann man gar keinen individuellen Vorwurf machen: Besser als er kann kein Opernsänger Musical singen – stimmlich und sprachlich absolut hervorragend! Dafür, dass diese Rolle für ihn mindestens zehn Jahre zu spät kommt, kann er nichts, er vollbrachte als Joe die bestmögliche Leistung. Hätte man ihm nun eine Carola Fischer oder eine andere Dame ähnlichen Alters an die Seite gestellt, hätte das vielleicht sogar funktionieren können, aber der eingekaufte Musical-Gast Isabel Dörfler wirkte bestenfalls gleichaltrig, wenn nicht jünger. Das funktioniert dann leider im Zusammenspiel nicht, zumal eine Musical-Spezialistin auch völlig anders singt und artikuliert als ein Opernsänger. Mit Gesine Forberger, die in zwei Mini-Rollen (als Ärztin und Reporterin) demonstrierte, wie gut sie auch Musical kann, hätte das als Norma neben Brachmann vielleicht klappen können, aber Dörfler und Brachmann zusammen, das geht so nicht! Vielleicht ist sie auch noch nicht alt genug für diese Rolle, vielleicht fehlte aber auch einfach nur ein junger Musical-Partner an ihrer Seite und es hätte wieder gestimmt. Im ersten Monolog hätte ihre Stimme etwas ausladender sein dürfen, aber ansonsten kann man ihr nichts vorwerfen, hat sie einen guten Job gemacht.

Trotzdem war es bemerkenswert, dass beim Schlussapplaus beide Hauptdarsteller nicht sensationell absahnten – ganz im Gegensatz zu Heiko Walter als Diener Max von Mayerling, der in der Höhe teilweise sehr geschickt falsettierte und sehr eindrücklich spielte. Hätte Debra Stanley etwas weniger Akzent bei der deutschen Aussprache (man spielte die deutsche Übersetzung von Michael Kunze), wäre sie eine sehr gute Betty Schaefer gewesen. Ulrich Schneider stellte als Cecil gesanglich etwas zu sehr seinen Donnerbass aus, das klang fast mehr nach Hagens Mannen-Rufen als nach Musical, ansonsten gab er aber ein glaubwürdiges Rollenportrait. Wie sehr dieses Werk das ganze Haus beansprucht und wie sehr in Cottbus der Ensemblegedanke noch lebt, konnte man schon daran sehen, dass eigentlich alle mit auf der Bühne waren: vom Mezzo-Ensemble-Urgestein Carola Fischer über den langjährigen Tenorhelden Jens Klaus Wilde und den Stamm-Buffo Dirk Kleinke bis hin zur Haus-Elektra Gesine Forberger – sie und alle anderen jetzt nicht Erwähnten gaben in ihren kleinen Rollen ihr Bestes und dieses Zusammenspiel aller Kräfte sorgte dann eben doch noch für einen gelungenen Abend, der allein aufgrund des Missverhältnisses zwischen dem Protagonisten-Paar eigentlich unter keinem günstigen Stern stand.

Fazit: Es war mein dritter Besuch im Staatstheater Cottbus im Kalenderjahr 2017 – und nach einem stimmlich und szenisch ziemlich unbefriedigenden „Mahagonny“ und einem in jeder Hinsicht herausragenden „Wozzeck“ (abgesehen vom Sänger des Andres eine Sternstunde!) landet „Sunset Boulevard“ meines Erachtens im Mittelfeld der Möglichkeiten des Cottbuser Staatstheaters, geriet aber durchaus zur Freude des anwesenden Publikums.

Ivo Zöllner 20.10.2017

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

Bilder (c) Staathestheater Cottbus

 

 

 

DON CARLOS

Premiere am 16. April 2016

Man darf sich beim durchaus kleinen Staatstheater Cottbus, einem Mehrspartenhaus zumal, wundern, welch mutige und gute Opernproduktionen dieses Haus immer wieder auf die Beine stellt. Nach einem überaus sehenswerten und ebenso erfolgreichen „Ring des Nibelungen“ zeigte man nun nach einem knappen Jahrhundert wieder Guiseppe Verdis komplexe und dramatische Oper „Don Carlo“. Das Staatstheater entschied sich in der Inszenierung des Intendanten Martin Schüler für eine Version der Oper, die in Italienisch gesungen auf der fünfaktigen Pariser UA von 1867 basiert, jedoch mehrere, vielleicht nicht nur dem Rezensenten nicht ganz eingängige Kürzungen vornimmt. Der Fontainebleau-Akt wurde zu einem kurzen Vorspiel verknappt, um die Liebe von Don Carlos und Elisabeth darzustellen.

Die Figur Karl V., und mit ihr das – im Finale doch so wichtige – Metaphysische der Handlung, ist eliminiert. Carlos wird vom Grafen von Lerma im wahrsten Sinne des Wortes abgeknallt. Die wohl unerklärlichste Kürzung ist jedoch der Wegfall der ersten großen Arie der Eboli, der sog. Schleierarie. In einem persönlichen Gespräch mit der Dramaturgin Carola Böhnisch nach der Aufführung erklärte diese, dass man dem Cottbuser Publikum keine über drei Stunden hinausgehende Oper zumuten könne (wobei Wagners „Ring“ das mit Erfolg dennoch tat…). Stattdessen wollte man den zur Erklärung des zentralen Liebeskonfliktes relevanten Fontainebleau-Akt in Kurzform zeigen, wobei eben die Schleierarie dran glauben musste. Nach Böhnisch habe sogar Verdi behauptet, dass er die ja in Paris stattgefundene UA für zu lang erachtete, um dem Publikum das rechtzeitige Erreichen seiner Verkehrsverbindungen nach Hause zu ermöglichen… Um die Kälte der Hofes szenisch aufzulockern und gleichzeitig Täuschungen und intrigante Handlungen zu verdeutlichen, fügte man in Cottbus im Gegenzug den Maskenball in gekürzter Form wieder ein.

Dennoch ist es Schüler unter der musikalischen Leitung des GMD Evan Christ und im Bühnenbild von Walter Schütze sowie den stets dazu passenden geschmackvollen Kostümen von Nicole Lorenz gelungen, den Konflikt zwischen absolutistischer Machtanmaßung und dem Recht auf persönliche Freiheit sowie jenen der Liebe von Elisabeth und Carlos eindrucksvoll und zeitweise mit bemerkenswerter Schärfe zu zeigen. Die große Szene im 6. Bild des 3. Aktes zwischen König Philipp II. und dem Großinquisitor ist in solcher Intensität und Aussagekraft wohl selten zu sehen und wurde zu einem Höhepunkt des Abends, wenn nicht d e m Höhepunkt. Der in Cottbus gastierende und von der Semperoper kommende Tilmann Rönnebeck als Philipp II. und Jörn E. Werner als wahrlich greisenhaft und seine Blindheit klar dokumentierender sowie äußerst bedrohlich wirkender Großinquisitor zeigen hier Elemente eines bemerkenswerten darstellerischen Könnens. Auch stimmlich lassen beide nichts zu wünschen übrig.

In den überwiegend geometrisch gestalteten, immer wieder neue Räume öffnenden Bühnenbildern ist zu erkennen, dass Walter Schütze zusätzlich zu seinem Studium von Bühnen- und Kostümbild an der Technischen Universität Berlin, u.a. bei Peter Sykora (der das Bühnenbild des legendären „Tunnel-Ring“ von Götz Friedrich an der Deutschen Oper Berlin schuf) Architektur an der Technischen Universität Darmstadt studierte. In dieser Bildästhetik gelang in Cottbus auch ein atemberaubendes Autodafé mit einer von Kreuzen beherrschten Szene sowie einem großen und gar brennenden Kreuz über den im Hintergrund mit viel Bühnennebel angedeuteten Scheiterhaufen für die zuvor über die Bühne getriebenen Ketzer. Vor dem Hintergrund einer allgemein guten und teilweise packenden Personenregie ließ der Regisseur Prinzessin Eboli und Elisabeth von Valois im 3. Bild des 1. Aktes allzu plakativ und lang mit ihren Fächern wedeln, etwas weniger davon wäre hier mehr (gewesen).

Die junge Sopranistin Stella Motina, gebürtig in der Ukraine, sang als Gast die Elisabeth und war bisher in „Don Carlo“ nur als Tebaldo eingesetzt. Ihr Repertoire weist unter anderen Rollen wie Frasquita, Une Planète in „Castor und Pollux“ und die Zémire in „Die Schöne und das Biest“ auf, alles Partien, die nicht unbedingt die Elisabeth in „Don Carlo“ nahelegen. Während Motina darstellerisch durch emotionales Engagement und ein hohes Maß an Empathie voll überzeugen konnte, war doch unverkennbar, dass sie mit der Elisabeth an ihre stimmlichen Grenzen stieß. Zu scharf klangen einige Spitzentöne. Optisch passte sie wegen ihrer Jugend und Attraktivität nahezu ideal zu ihrem jungen Partner Carlos, der vom Cottbuser Haustenor Jens Klaus Wilde gesungen wurde. Er zeigte sich den Herausforderungen des Carlos zwar darstellerisch, nicht aber stimmlich gewachsen. Vokalverfärbungen, Ungenauigkeiten und ständige Probleme mit den dramatischen Dimensionen der Rolle waren so unverkennbar, dass man zum Schluss kam, das Staatstheater Cottbus wäre gut beraten gewesen, auch diese große Rolle mit einem Gast zu besetzen.

 Denn mit dem Ensemblemitglied Andreas Jäpel hat das Haus einen Rodrigo, der mit seinem klangvollen und ausdrucksstarken Bariton sowie entsprechender Mimik den Marquis von Posa an jedem großen Haus singen könnte, das aber auch unerfindlichen Gründen nicht tut. Er und Marlene Lichtenberg als Prinzessin Eboli waren stimmlich die besten der sechs Protagonisten. Wie Stella Motina, Andreas Jäpel, Jens Klaus Wilde und Jörn E. Werner debütierte Lichtenberg in dieser anspruchsvollen Partie und machte daraus eine beeindruckende Rollenstudie der Hofintrigantin. Mit einem sowohl in der Tiefe wie bei den Spitzentönen bestens ansprechenden Mezzo verlieh sie der Eboli große Intensität und viel Charakter. Mit ihr bewies Lichtenberg einmal mehr, dass sie neben dem deutschen Fach mit Schwerpunkt Richard Wagner auch ebenso gut im italienischen Fach zu Hause ist.

Katerina Fridland debütierte mit einem guten Tebaldo, und Christian Henneberg verlieh dem Grafen von Lerma einen farbigen Bariton, der größere Rollen nahelegt. Ingo Witzke war ein Mönch mit einem etwas rauen Bass. Debra Stanley sang die Stimme vom Himmel beim Autodafé mit schöner Lyrik, diesmal sichtbar wie einer überhöhter Engel im Bühnenhintergrund – ein guter Einfall des Regieteams. Die Deputierten und Mönche sangen ebenfalls gut, und die Damen und Herren des Opernchores und Extrachores überzeugten unter der Einstudierung von Christian Möbius durch kräftige Stimmen und eine gute Choreografie.

 GMD Evan Christ dirigierte einen packenden „Don Carlo“ mit dem bestens aufspielenden Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus. Höhepunkte waren die großen Tabelaus in ihrer Transparenz und Dynamik sowie die dunkel drohende Untermalung der Szene zwischen Philipp II. und dem Großinquisitor. Aber auch die subtileren Passagen vermochte Christ mit seinen Musikern fein auszumusizieren, wobei er stets große Rücksicht auf die Sänger nahm. Großer Applaus und viele Bravi für alle Beteiligten. Cottbus kann einmal mehr stolz auf eine gute neue Opernproduktion sein. Wenigstens die Berliner Opernfans sollten mal hierher kommen.                                                        

Bilder © Marlies Kross

Klaus Billand 25.4.16

 

 

 

 

 

ALCINA

Besuchte Aufführung am 14.04.15 (Premiere am 14.03.15)

Nachts im Kaufhaus

Wenn man in den Großstädten oder von den Produkten der Rundfunk- oder Phonoproduktionen an die neuen Händeleinspielungen oder -aufführungen gewöhnt ist, mit Alte-Musik-Ensembles und den Barockspezialisten verwöhnt ist, so ist es kommt man bei den Besuchen in der sogenannten "Provinz" auf dem Boden der Tatsachen an. So scheint es auf den ersten Höreindruck bei der neuen "Alcina" am Staatstheater Cottbus. Doch macht man sich von seinen etwas versnobten Vorstellungen frei, so erlebt man Erstaunliches: Ivo Henschel und das Philharmonische Orchester spielen ihren Händel ohne Spezialinstrumente, wenn man das notwendige Cembalo außer Acht lässt. Trotzdem wird mit Verve und Herzblut musiziert, manches Detail gerät in einen romantischen Sog, der heute vielleicht von Experten verpönt wird, doch Händels Musik lebt auch ohne große rekonstruierten Erkenntnisse, wenn sie mit Liebe gespielt wird, wie hier.

Auch die Besetzung kommt ganz aus dem Hausensemble und ohne Spezialisten aus, was vor allem bei der Besetzung des Ruggiero ohrenfällig wird, statt Countertenor oder Mezzosopran, singt in Cottbus Alexander Geller mit angenehm baritonal timbriertem Tenor den Heros in Liebesnetzen, die nötige Geschmeidigkeit besitzt der Sänger. Lediglich beim Hit "Verdi prati" und beim finalen Terzett vermisst man den spezifischen Klang oder im Ensemble eben eine Art Ausgewogenheit zwischen den Stimmen.

Grandios auf ihre eigene Art Laila Salome Fischer in der Titelpartie, die die menschlichen Zustände mit einer ganzen Palette an Farben ausstattete und die Zuhörer aufregend eine Fallstudie erleben ließ. da werden Puristen vielleicht auch mal das Näschen rümpfen, denn die Sopranistin wechselt von filigranen Acuti durch geläufige Koloraturgirlanden bis in leichte Verismo-Ansätze mit emotionalem Flackern, doch dient dabei alles stets der Darstellung des außerordentlichen Charakters der Figur. Debra Stanley als ihre Schwester Morgana mit substanzreichem Koloratursopran an ihrer Seite. Marlene Lichtenberg mit sinnlich, leicht körnigem Mezzo als Verlobte Bradamante in männlicher Travestie kam ebenfalls sehr beim Publikum an. Jeanette Wernecke komplettierte mit angemessen kindlichem Sopran die Damen als Oberto, der seinen Vater sucht.

Mattias Bleidorn würde ich von Haus aus eher als Buffo- oder Charaktertenor bezeichnen, doch kam er mit dem barocken Gesangsstil und der Affekt-Gestaltung sogar mit am besten zu recht. Seine letzte Arie , "Un contento", überraschte mit einer fulminant variierten Reprise des A-Teils der Arie, gesanglich ein echter Höhepunkt. Ingo Witzke machte als Melisso zwar "bella figura",überzeugte vor allem in den tiefen Partien seiner Rolle, doch die fahle Höhe und der opernhafte Gesangsstil, was hier im unangenehmen Sinne gemeint ist, schmälern die Leistung.

Der Chor erledigte seine Aufgaben im vokalen mehr als zufriedenstellend, die darstellerisch aufgewertete Aufgabe mit Begeisterung und Intensität, das Ballett unterstützte die Szene und gab der Geisterszene eine spukige Aufwertung.

Die Inszenierung des jungen Regisseurs Sam Brown versetzt die barocke Zauberinsel Alcinas ins England der Zwanziger Jahre. Der Palast ist ein von außen heruntergekommenes Kaufhaus namens "Elysium", im Innern ein Zaubertempel der zu erfüllenden Wünsche. Die Metapher scheint mir vom Sinngehalt durchaus noch mehr auszuschöpfen zu sein, doch die stringente Personenregie entfaltet ihre Wirkung. Großen Anteil daran hat die opulente Bühne von Simon Holdsworth, die sich durch Drehung des verrotteten Äußerenen in das luxuriöse Innere verwandelt, sehr schön durch Lichteffekte hervorgehoben. Dazu kommen die attraktiven Kostüme von Ilona Karas, zusammen eine echte Augenweide.

Die auf knappe drei Stunden zusammengekürzte Aufführung weiß ihre Zuschauer zu fesseln, zumal mit Leib und Seele musiziert wird: berechtigter großer Beifall mit einigen Bravo-Rufen.

Martin Freitag 19.4.15

Photos: Marlies Kross 

 

 

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