Baden-Baden: „Gräfin Mariza“

Aufführung vom 20. Oktober 2013

Operettenzauber

Emmerich Kalman ist ein Meister melodischer Erfindungen und Empfindungen. Dies verdeutlicht seine Operette in drei Akten „Gräfin Mariza“ in geradezu idealer Weise. Jetzt ist eine rasante und pfiffige Produktion des Budapester Operettentheaters auch im Festspielhaus in Baden-Baden zu sehen gewesen. Es ist eine Geschichte von Liebe, Geld und Betrug – und natürlich vom Verzeihen.

Zsuzsa Kalocsai stieg als voluminöse Gräfin Mariza tatsächlich vom Himmel herab und fiel in die Arme des völlig verarmten Tassilo, den Zsolt Vadasz mit strahlkräftigen Spitzentönen und stählerner Strahlkraft durchaus fesselnd verkörperte. Diese beiden Protagonisten füllten aufgrund ihrer Darstellungskunst die Bühne in der konventionellen und farbenprächtigen Inszenierung von KEROR in ansprechender Weise aus. Dass Tassilo zuletzt im Geld badete, ging auf die gesamte „Hochzeitsgesellschaft“ wie ein feuriges Fieber über und ergriff auch das Publikum im Zuschauerraum. Das Bühnenbild und die Kostüme von Agnes Gyarmathy passten sich der Zeit um 1924 sehr gut an. Es war eben auch ein Augenschmaus.

Mit viel Spielwitz wurde hier verdeutlicht, dass Gräfin Mariza ihr Gut einem Verwalter anvertraut hatte. Dieser Tassilo hoffte für seine Schwester Lisa (facettenreich: Szilvi Szendy) die nötige Mitgift zu verdienen. Jetzt steigerte sich auch die Situationskomik und das Tempo dieser spritzig-fetzigen Inszenierung, die kaum Wünsche offenließ. Dabei kam nämlich heraus, dass Gräfin Mariza ihre Verlobung mit dem Baron Koloman Zsupan im Stil von Johann Strauß‘ „Zigeunerbaron“ nur inszeniert hatte. Damit der Schwindel aufflog, überredete Tassilo seinen Freund Baron Stephan (wandlungsfähig: Karoly Peller) den nicht existierenden Bräutigam zu spielen. Diese verzwickte Lage arbeitete der Regisseur einfühlsam heraus. Mariza lässt den Baron Zsupan natürlich folgenreich abblitzen, das Bühnenbild verwandelt sich ständig.

Da es Tassilo immer schwerer fällt, den Verwalter zu spielen (ohne Mariza seine Liebe zu gestehen), schreibt er seiner Schwester einen Abschiedsbrief, den Mariza abfängt und empört liest. Sie glaubt jetzt, Tassilo wolle nur ihr Vermögen. Zuletzt finden die beiden Liebenden aber dennoch unter dem Jubel der Gesellschaft zusammen. Breite Gesellschaftskritik wird bei dieser eher „braven“ Vorstellung nicht großgeschrieben. Es kommt alles recht harmlos daher, etwas mehr Biss und Sarakasmus hätte der Aufführung gleichwohl bei der einen oder anderen Passage gut getan. Denn das melancholische Lebensgefühl nach dem Ersten Weltkrieg kam manchmal etwas zu kurz. Erfreulich hoch war aber das musikalische Niveau. Eine hervorragende Idee war es, Showeinlagen in die Szenen einzubauen. So bekam das Ganze eine stark revuehafte Ausprägung mit Anklängen an den Broadway amerikanischer Art, auch wenn das nicht jedem gefiel. Nicht nur der unverwechselbare „Puszta-Fox“ verwöhnte dabei die Ohren. Auch reizvolle Tanzformen wie Shimmy, Bottom oder Charleston ließen grüßen.

Orchester, Chor und Ballett des Budapester Oprettentheaters boten unter der elektrisierenden Leitung von Laszlo Maklary insgesamt eine ausgezeichnete Leistung. Vor allem triumphierten die glanzvollen Momente der ungarischen Volksmusik. Die herrlichen Walzerlieder „Grüß mir die reizenden Frauen im schönen Wien!“, „Einmal möcht‘ ich wieder tanzen“, „Sag ja, mein Lieb, sag ja“ oder „Schwesterlein, Schwesterlein“ versprühten einen geradezu elektrisierenden Charme. Sehr melodiös gestaltet waren ferner die Duette „Ich möchte träumen von dir, mein Puzikam“ und natürlich „Komm mit nach Varasdin“ mit den knisternden Synkopen. Da ging das Herz auf. Das war auch von den Sängern mit Leib und Seele gefühlt und gestaltet. Sie identifizierten sich ganz und gar mit ihren Rollen. Dies galt auch für das stimmungsvolle Lied Tassilos „Komm, Zigan, komm, Zigan, spiel mir was vor!“ In weiteren Rollen gefielen Bori Kallay als gewiefte Fürstin Bozena Cuddenstein, Tamas Földes als Fürst Moritz Dragomir Populescu, Andras Farago als Bozenas Diener Kudelka, Peter Marik als Marizas Diener Tschekko, Maria Rikker als Zigeunerin Manja und Jozsef Szajko als Zigeunerprimas. Insgesamt also eine Aufführung mit rasanten akrobatischen Einlagen, Verve und Drive. Die exzellente Choreografie besorgte Jenö Löcsei, die Chorleitung hatte Peter Drucker.

Alexander Walther Bilder: Festspielhaus