DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
Alle Premieren 19/20
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-(
Der OF-Stern * :-)
Neu im Kino
Neue Silberscheiben
Neue Bücher
Oper DVDs Vergleich
Musical
-----
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Abu Dhabi
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Amst. Concertgebouw
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Bad Hersfeld
Bad Ischl
Bad Reichenhall
Bad Staffelstein
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Barcelona
Basel Musiktheater
Basel Sprechtheater
Basel Ballett
Basel Musicaltheater
Basel Konzerte
Bayreuth Festspiele
Bayreuth Markgräfl.
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Belogradchik
Bergamo
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstige
Bern
Biel
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bochum Sonstiges
Bologna
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bordeaux
Bozen
Brasilien
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremen Musikfest
Bremerhaven
Breslau
Britz Sommeroper
Brühl
Brünn Janacek Theate
Brünn Mahen -Theater
Brüssel
Brüssel Sonstige
Budapest
Budap. Erkel Theater
Budapest Sonstiges
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Caen
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago Lyric Opera
Chicago CIBC Theatre
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Daegu Südkorea
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Semperoper
Dresden Operette
Dresden Ballett
Dresden Konzert
Duisburg
Duisburg Sonstiges
MusicalhausMarientor
Düsseldorf Oper
Rheinoper Ballett
Düsseldorf Tonhalle
Düsseldorf Sonstiges
Schumann Hochschule
Ehrenbreitstein
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Phil NEU
Essen Philharmonie
Essen Folkwang
Essen Sonstiges
Eutin
Fano
Fermo
Flensburg
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Frankfurt Sonstiges
Frankfurt Alte Oper
Frankfurt Oder
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Sankt Gallen
Gelsenkirchen MiR
Genova
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Gießen
Glyndebourne
Görlitz
Göteborg
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte NEU
Graz Sonstiges
Gstaad
Gütersloh
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hanau Congress Park
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Jekaterinburg
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Oper Köln
Wa Oper Köln
Köln Konzerte
Köln Musical Dome
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Kriebstein
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leipzig Ballett
Leipzig Konzert
Lemberg (Ukraine)
Leoben
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
Loeben
London ENO
London ROH
London Holland Park
Lucca
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Luzern Sprechtheater
Lyon
Maastricht
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mahon (Menorca)
Mailand
Mainz
Malta
Mannheim
Mannheim WA
Mannheim Konzert
Mannheim Opernstudio
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Meran
Minden
Minsk
Miskolc
Modena
Mönchengladbach
MG Sonstiges
Mörbisch
Monte Carlo
Montpellier
Montréal
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Nantes
Neapel
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neustrelitz
Neuss RLT
New York MET
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oberhausen
Odense Dänemark
Oldenburg
Ölbronn
Oesede (Kloster)
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Paris Comique
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Paris Sonstiges
Parma
Passau
Pesaro
Pfäffikon
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag StOp
Prag Nationaltheater
Prag Ständetheater
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Remscheid
Rendsburg
Rheinsberg
Riga
Riehen
Rosenheim
Rouen
Rudolstadt
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg Festspiele
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
Salzburg Sonstiges
San Francisco
San Marino
Sankt Petersburg
Sarzana
Sassari
Savonlinna
Oper Schenkenberg
Schloss Greinberg
Schwarzenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spielberg
Spoleto
Staatz
Stockholm
Stralsund
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Sydney
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Tel Aviv
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Tours
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Utting
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Versailles
Weimar
Wels
Wernigeröder Festsp.
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Wiesbaden Wa
Wiesbaden Konzert
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfenbüttel
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Wuppertal TE
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Theater 11
Zürich Konzert
Zürich Sonstiges
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
Bilsing in Gefahr
Herausgeber Seite
YOUTUBE Schatzkiste
NRW Vorschau
Jubiläen
HUMOR & Musikerwitze
Essay
Nationalhymnen
Leser reisen
Doku im TV
Oper im Fernsehen
Oper im Kino
Lenny Bernstein 100.
Unsitten i.d. Oper
Buckritiken alt
Wiesbaden Archiv
Christoph Zimmermann
---
---
---

 KÖNIGLICHE OPER KOPENHAGEN

 

(c) Wiki / Julian Herzog

 

 

ROMEO UND JULIA

30.10. 2019

 

Geradezu berührend altmodisch

kommt die Choreographie von Helgi Tomasson daher, welche er in der Ausstattung von Jens-Jacob Worsaae 1994 für das San Francisco Ballet geschaffen hatte und mit der das San Francisco Ballet nun für vier Vorstellungen in Kopenhagen vor restlos ausverkauftem Haus gastierte. Thomas R. Skelton tauchte das Bühnenbild in warmes Licht, ein wunderbarer Tag (wenn er denn nicht so tragisch enden würde) im Verona der Renaissance wird hier evoziert, einen Eindruck, welche auch die ganz klassischen, weich fliessenden und an die Epoche des Dramas angelehnten Kostüme unterstrichen. Man erlebt das bunte, verspielte Treiben auf dem Marktplatz, Flirten und Hofieren, virtuose Akrobaten (ganz stark getanzt von Julia Rowe, Max Cauthoren und Lucas Erni), stupende Fechtszenen und viel Pantomime.

Daneben wird aber auch eindringlich getanzt, zum Beispiel von den beiden "leichten" Mädchen (Isabella DeVivo und Elizabeth Powell) und ihren Verehrern Estéban Cuadrado, Steven Morse, Henry Sidford und wieder Lucas Erni, ein äusserst vielseitiger, wunderbar agiler Tänzer. Alle grösseren Partien waren ganz hervorragend und charakterlich stimmig besetzt. Hervorzuheben sind der kraftvolle Tybalt von Luke Ingham, die in in verliebte Gräfin Capulet von Jennifer Stahl mit einem eindrücklichen Porträt dieser komplexen Figur. Sehr gut auch Val Caniparoli als Pater Lorenzo und auch als Prinz von Verona. Wunderbar witzig und leider tragisch endend der Mercutio von Estéban Hernandez, toll auch im Zusammenspiel mit dem Benvolio Hansuke Yamamoto. Benjamin Freemantle war ein zurückhaltend vornehm-kalter Graf Paris und Anita Paciotti wusste als umtriebige Amme zu gefallen.

Das Hauptaugenmerk allerdings richtete sich auf das Liebespaar - und dieses war geradezu ideal besetzt mit Mathilde Froustey als mädchenhaft unbeschwerte Julia, die dann umso brutaler in die Wirklichkeit der Familienfehde zwischen ihrer Sippe und den Montagues geworfen wurde. Perfekter Spitzentanz, luftig, weich fliessend und eine bestechend saubere Armhaltung zeichnete ihren einfühlsamen Tanz aus. Jugendlich stürmisch und mit schönen, weitgreifenden Sprüngen, perfekten Drehungen und Hebungen wartete Joseph Walsh als Romeo auf, die beiden waren ein wunderbares Paar, dem man so gerne eine gemeinsame Zukunft gegönnt hätte.

Prokofievs magische Partitur war bei Martin West und Det Kongelige Kapel bestens aufgehoben und zusammen mit dem mit bestechender Präzision tanzenden San Francisco Ballet wurde die Aufführung zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk - und befriedigte die manchmal das Publikum allerorten beschleichende Sehnsucht nach dem Althergebrachten ....

 

Kaspar Sannemann 3.11.2019

(c) Erik Tomasson

 

 

Søndergård & The sea

25.10.2019

 

Zu dieser Progrmmgestaltung kann man dem DR SymfoniOrkestret unter der Leitung von Thomas Søndergård nur gratulieren. Vier Werke, die allesamt die Thematik des Meeres, die Sonnen - und Schattenseiten, mit musikalischen Mitteln malen, entstanden innerhalb von 70 Jahren, wurden an diesem Abend gespielt, und zwar zusammengefasst in zwei Blöcke. Vor der Pause die beiden narrativen Werke, Brittens SEA INTERLUDES und Elgars SEA PICTURES, nach der Pause die beiden Kompositionen mit " impressionistischem" Charakter, Borup-Jørgensens MARIN und Debussys LA MER.

Stimmungsvolle, ja aufwühlende Seelemgemälde malt Britten in den SEA INTERLUDES aus PETER GRIMES. Wunderbar gespielt der DAWN mit der Mixtur aus tiefem Blech, den ersten Violinen und der Flöte. Betriebsamkeit dann im zweiten Interlude SUNDAY MORNING: Gezwitscher der Holzblasinstrumente über grummelndem Bass, Unheil wird durch scharfes Blech angekündigt, dazu die Scheinheiligkeit der Glocken. Im MOONLIGHT verbreitete sich trügerisch ruhige Stimmung, welche dann im STORM mit brachialer Gewalt vertrieben wurde. Faszinierend gelangen hier dem Orchester die Übergänge von Harfenglissandi zu Streicherphrasen.

Elgars wunderschön vertonte fünf Lieder SEA PICTURES wurden von der Mezzosopranistin Karen Cargill mit sanft timbrierter Mezzosopranstimme vorgetragen. Sie ist keine Sängerin, die mit oberflächlicher Stimmprotzerei imponieren will, sondern sie bettet ihre schöne Stimme zurückhaltend, aber mit interpretatorischer Tiefe in den orchestralen Fluss ein. Søndegård und das Orchester waren ihr dabei aufmerksame Partner. Wunderschön die Wärme im SLUMBER SONG, mit Liebe efüllt wie ein lauer Frühlingswind erklang IN HAVEN. Mit dezenten Turbulenzen wurde SABBATHMORNING AT SEA gestaltet, textafin und mit hymnischem Blech untermalt . Verführerisch und neugierig führte und Cargills Stimme zu dem mystischen Ort WHERE CORALS LIE. Mit grossen Effekten warteten Orchester und Sängerin in THE SWIMMER auf: Das ging unter die Haut - Elgars Spätromantik vom Allerfeinsten glänzte wortwörtlich silbern und golden!

Nach der Pause erblickte man dann auf dem Podium ein Riesenorchester mit zwei Flügeln, viel Schlagwerk, vollbesetzte Bläser- und Streicherpulte. Überraschenderweise wurde Borup-Jørgensens Riesenpartitur MARIN aber nie laut und lärmig. Geradezu fein ziseliert und von zarter Transparenz im Klang erfüllt, lauschte man dem Werk, mit seinem Flüstern, Gemurmel und Brodeln. Untewasserwelt, mit all ihren Geheimnissen und Schönheiten und Gefahren, wie ein Tauchgang. Das Orchester war stark gefordert. Da müssten die Posaunisten auch mal rhythmisch präzise auf die Notenpulte und die Bässe auf den Resonanzkasten klopfen, einer der Pianisten die Saiten des Flügels zupfen. Diese Klangkulisse liess innere Bilder entstehen, die Orchestercrescendi wühlten auf, die Gongs schufen Mystik und das geradezu träumerische Verklingen des Stückes löste begeisterten Applaus aus. Ja, diesen Weg kann zeitgenössische Musik einschlagen (ok, das Stück ist schon 50 Jahre alt), aber auch nicht viel älter als Lachenmanns unsägliche Komposition, die ich mit kürzlich in Zürich anhören musste.

Den Abschluss dieses eindrücklichen Konzerts bildete Debussys Orchesterwerk - man könnte es auch eine Sinfonie in drei Sätzen nennen - LA MER.Stimmungsvoll die Morgendämmerung über dem Meer, sanfte Wellenschlag, geheimnisvolle Ruhe, zwei Harfen begleitet von Celli und Bratschen, dann die effektvolle Solotrompete, die zum höchsten Sonnenstand am Mittag überleitet. Im zweiten Satz das liebliche und Lichte Spiel der Wellen, reizvoll die Kombination Triangel - Harfen. Den krönenden Abschluss bildete die mit wagnerianischem Aplomb gestaltete Apotheose Darstellung des DIALOGUE DU VENT ET DE LA MER. Grndios die Homogenität der Blechbläser. Ein herausragender Abend, der lange nachhallen wird!

 

Kaspar Sannemann, 27.10.2019

 

 

 

QUEEN OF SPADES

26.10.2019

 

 

Es gibt sie noch, diese einmaligen Glücksmomente im Theater, wo man vor lauter Schönheit und Ergriffenheit nur noch weinen könnte. Solche Momente bringt das Ballett QUEEN OF SPADES, welches der junge britische Choreograf Liam Scarlett vor eineinhalb Jahren für das Königliche Dänische Ballett geschaffen hatte. Wo soll man mit dem Lob beginnen? Nun am besten wohl in der Reihenfolge des Besetzungszettels. Liam Scarlett schuf auf der Grundlage von Puschkins wohl eindrücklichster Novelle ein bestechendes Konzept, um die tragische Geschichte des spielsüchtigen deutschen Offiziers und Aussenseiters in der russischen Armee, Hermann, in die choreographische Sprache zu übersetzen. Das ist perfektes Handlungsballett, ohne gestellten pantomimischen Firlefanz. Alles wird aus dem Tanz, dem Körper der Tänzer*innen herausgearbeitet, in eine bezwingende, ja geradezu atemberaubende Tanzsprache übersetzt. Selbst wer weder mit Puschkins Novelle noch mit Tschaikowskys gleichnamiger Oper vertraut ist, wird mit dem Schicksal der Protagonisten mitfiebern können.

Die Choreografie ist von stringentem Fluss, Kraft und Empathie geprägt. Und trotz allem verharrt sie im klassischen Tanzstil mit Tanz auf der Spitze, Sprüngen, Hebungen und Virtuosität. Wahrlich, der Tanz bringt hier eine bedeutende zusätzliche Ebene in die Geschichte - und zwar kongruent zur Musik! Diese hat der begnadete Musiker Martin Yates aus verschiedenen Werken Tschaikowskys zusammengestellt und sensationell stimmig orchestriert: Man hört Ausschnitte aus Opern (EUGEN ONEGIN, natürlich auch PIQUE DAME, DIE JUNGFRAU VON ORLÉANS u.a., Orchestermusik aus HAMLET, DER STURM, MANFRED, und orchestrierte Klaviermusik - Berceuse, Scherzo, Valse caprice). Die Bühne und die Kostüme wurden von Jon Morell entworfen, wobei er sich bei der Gestaltung der Bühne auf schlichte, bewegliche Elemente in klaren Linien beschränkte, bei den Kostümen hingegen mit prachtvollen, beglückenden Entwürfen punktete. Im Prolog (mit der jungen Gräfin) sind die Kostüme an das Rokoko Zeitalter angelehnt, später dann an die Entstehungszeit der Novelle Puschkins. Wunderschön! Die alles wird durch das Lichtdesign David Finns atmosphärisch dicht ausgeleuchtet.

Kommen wir zu den Ausführenden dieser Matinee im wunderschönen alten königlichen Theater: Stephanie Chen Gundorph beherrscht die Szene mit ihrer gefühlskalten, unheimlichen Präsenz. Ihre Darstellung der Gräfin ist schlicht eine Wucht, präzise getanzt, die Mimik zur Eismaske erstarrt und dabei sowohl als junge Gräfin als auch als betagte und später als Geist von geradezu unheimlicher Anziehungskraft. Tobias Praetorius tanzt den ehrgeizigen Aussenseiter Hermann, der schliesslich den einzigen Weg zum sozialen Aufstieg in dieser versnobten russischen Adelsgesellschaft im Glücksspiel sieht. Diesem verfällt er so sehr, dass er in die Sucht, ja in eine Besessenheit abgleitet. Praetorius tanzt dies mit fantastischer, ausdrucksstarker Kraft. Wenn er dann - nach verlorenem Endspiel und dem Einsatz der falschen Karte - zusammenbricht und dem Wahnsinn verfällt, könnte man heulen über sein tragisches Schicksal. Er liebt zwar Liza, die Pflegetochter der Gräfin, welche von Lena-Maria Gruber mit berührender Schlichtheit getanzt wird. Sie wird aber auch von Tomskij bedrängt (kraftvoll und sexy dargestellt von Vitor de Menezes). Hermann jedoch ist ambitiös und wendet sich von Liza ab: Eine Beziehung zu Pauline (wunderbar spritzig und mit schönem Tanz auf der Spitze: Heather Dünn) scheint ihm erfolgsversprechender.

Der Pas de Quattre beim Ball (Liza - Tomskij , Pauline - Hermann) ist fantastisch geraten. Der Kapitän in der Kaserne wird von Meirambek Nazargozhayev mit autoritärer Kraft getanzt, Nicolai Hansen besticht mit Eleganz als Paulines Vater Cekalinskij und James Clark gibt den Gegenspieler der Gräfin, Graf St.Germain, im Prolog am Hof von Orléans .

Wunderbar luftig tanzt das Corps des königlichen Balletts in der Ballszene, mit schon beinahe Nurejew'scher Kraft die Männer in der Szene in der Kaserne.

Vincenzo Milletari am Pult der Kongelige Kapel bringt Tschaikowskys elegische Melodien aufs Einnehmendste zum Klingen!

Eine Aufführung, die man gesehen und erlebt haben sollte und wohl nicht so schnell vergisst!

 

Kaspar Sannemann 27.1ß.2019

© Henrik Stenberg

 

 

 

Rossini

Il Viaggio a Reims

Königliche Oper Kopenhagen

Premiere am 12. März 2017

www.kglteater.dk

Ein Mordsspaß in der Galerie

„Das ist ein Geschenk und kein Geschenkgutschein“ soll der greise Milliardär Maersk McKinney Moeller, Chef der weltweit größten Transportfirma, ärgerlich von sich gegeben haben, als die Stadtverwaltung Kopenhagen immer wieder Einfluss auf Architektur und Ausstattung der neuen Oper nehmen wollte. Hatte doch der patriarchalische Unternehmer 2005 der Stadt ein Opernhaus auf einer eigens von ihm gekauften Insel für schlappe 335 Millionen Euro „geschenkt“, allerdings mit einer steuerlichen Meisterleistung für seine Stiftung und erheblichen Folgekosten für die Stadt bezüglich Betrieb und Umfeld. So stellt der 41.000 Quadratmeter große graue Kasten am Wasser das Schloss Amalienborg, welches seit 250 Jahren das Stadtbild prägt, in den Schatten, ist schwer zu erreichen und wäre in diesen Dimensionen von den Dänen niemals gebaut worden. Die Akzeptanz bei der Presse und der Bevölkerung geht daher für „Moellers Mausoleum“ ziemlich auseinander.

 Anfahrt mit dem Wassertaxi

Auf dem Spielplan stand die Premiere von Rossini´s letzter, weitgehend handlungsarmer, musikalisch aber ganz vorzüglicher Oper „Il Viaggio a Reims“, eher nur dann und wann aufgeführt, da mit vierzehn (!) Solisten eine selten große Anzahl an herausragenden Sängern benötig wird. Das kann für kleinere Häuser schon finanziell unerreichbar sein. Natürlich nicht für Wien, wo 1988 das Werk in stupender Güte herauskam; unter Claudio Abbado und der Regie von Luca Ronconi spielten und sangen u.a. nicht Geringere als Cecilia Gasdia, Lucia Valentini-Terrani, Monserat Caballé, Samuel Ramey, Ruggero Raimondi und der unverwüstliche Enzo Dara. Der hervorragende Mitschnitt ist erhältlich bei der Deutschen Grammophon. Die damalige Life-TV-Übertragung war so anregend, dass der Rezensent probierte, kurzfristig noch Eintrittskarten zu bekommen – leider vergebens. Vielleicht gibt es ja irgendwo noch einen TV-Video zu ergattern.

Die zahlreichen Solistenrollen machen diese Oper interessant für die Life-Präsentation von jungen Sängern; so geschieht es in Pesaro, dem Geburtsort von Rossini. Hier können seit 2001 die jährlichen Absolventen der „Accademia Rossiniana“ im Rahmen des „Rossini Opera Festivals“ ihre szenischen und musikalischen Qualitäten in einer Inszenierung von Emilio Sagi zeigen, aufmerksam beobachtet von zahlreichen „Voice-huntern“ aus ganz Europa. Im Gegensatz zur klassischen Inszenierung, wo eine internationale Reisegruppe auf dem Wege zur Krönung von Karl dem X. in Reims in einem vornehmen Hotel gestrandet ist, weil keine Pferde zur Verfügung stehen, befindet man sich hier auf einem Schiff. Das aber kommt auch nie an; so wechseln die Seereisenden vom Bademantel in schicke Abendgarderobe und feiern ausgiebig unter sich.

Nun zu Kopenhagen. Der venezianische Regisseur Damiano Michieletto hat zusammen mit der deutschen Revivaldirektorin Meisje Barbara Hummel, derzeit federführend in der Oper Amsterdam, aus dem Libretto eine alternative und sehr originelle Geschichte herausgekitzelt. Die Wirtin des eigentlichen Hotels Madame Cortese ist jetzt Chefin einer großen, extravaganten Kunstgalerie, wo eine neue Ausstellung vorbereitet wird. Man schleppt riesige Bilder hin und her, Schwadronen von Reinigungsfrauen feudeln, was das Zeug hält; der Raum ist eine einzige Baustelle mit zahlreichen hektischen Arbeitern, elektrischem Hubwagen, diversen Leitern und sogar einem Laser-Meßgerät für die Bildjustage.

Aus diversen Transportkisten werden Statuen hervorgeholt, die sich ihrer Schutzhüllen entledigen und plötzlich ein Eigenleben führen: Jetzt wird es surreal. Sie werden mit Preisschildern ausgezeichnet und präsentieren sich zum Kauf in einem großen Rahmen. Einige der Figuren finden sich in den aufgehängten berühmten Gemälden an den Wänden wie die Infantin von Velasques, Frieda Kahlo, Otto Dix und Van Gogh u.a. Ein Treffen zwischen Kunst und Alltag, zwischen realistischen und imaginären Menschen. Gemälde werden auf einmal lebendig, die Objekte mischen sich unter die Menschen. Der Auktionator Don Profondo waltet umtriebig und mit herrlich flexiblem salbungsvollem Bass seines Amtes. Später reißen die Figuren Löcher in eine riesige weiße Leinwand, klettern dahinter und ziehen dann die komplette Leinwand runter. Dahinter erscheinen verhüllte Objekte, Kulisse für das kommende Bild.

Übervolle Einführung in die Oper

In der Pause bot sich die Gelegenheit, das Handling der Oper mit dem Publikum zu erkunden. Es gibt ein kostenloses Wassertaxi für die Anfahrt. Erstaunlich war, dass die Einführung in die Oper übervoll war, die Besucher standen auch auf den Treppen bis hoch oben. Sehr praktisch ist, dass große Garderobenanteile kostenfrei zugänglich sind, dass große Tische mit bereits bezahlten Getränken die Drängelei an der Theke entbehrlich machten, und dass die Garderobe der Besucher trotz Premiere nur als sehr zivil bezeichnet werden konnte. Das sieht in Bayern sicherlich ganz anders aus.

Im zweiten Teil wurden die verhüllten Objekte entblättert, herauskam die Szenerie des berühmten Gemäldes von Francois Gerard „Die Krönung von Karl X in Reims von 1827. Aber noch ganz ohne die zugehörigen Figuren. Nur ein Haufen Restauratoren pinselt und schabt alles auf Neue. Die Figuren bekommen ihre Kostüme, nehmen ihre Plätze in Zeitlupe auf der Gemäldebasis ein und erstarren zum bekannten Bild von Gerard, welches dann ganz langsam in das projizierte Originalbild übergeht. Man weiß nicht genau - ist es noch echt oder schon Projektion?

Damiano Michieletto hat eine lebendige, äußerst amüsante Geschichte geschaffen, in der sich alle Sänger und Sängerinnen herrlich austoben können. Ganz köstlich die Szene, wo die Nationalhymnen angestimmt werden, es gibt wunderbare Aktionen zwischen Galeriebesuchern und den Figuren auf den Bildern. Man hat Mühe, alle feinsinnigen Gags überhaupt registrieren zu können. Rossini´s Musik ist wie Champagner oder Kir Royal, spritzig, durchsichtig und fein gezeichnet. Der Dirigent Thomas Sondergard schafft eine sensible Balance zwischen den stark beschäftigten Sängern und seinen Musikern, immer bedacht auf ausgewogene Lautstärke und angenehmes Tempo. Sein königliches Orchester war bestens in Form, federnd, mit präzisen Bläsern und einem wunderbaren Rossini-Klang.

Auch der Chor, der szenisch stark gefordert ist, singt perfekt und spielt vor allem köstlich; es ist eine reine Freude ihm zuzusehen (Marco Ozbic). Von den vielen hervorragenden Sängern, die überdies auch noch genial und mit großer Spielfreude auf der Bühne agierten, können hier nur einige aufgezählt werden: Anke Briegel, Elisabeth Jansson, Rebeca Olvera, Henriette Bonde-Hansen,  Gert Henning-Jensen, Levy Sekgapane, Mirco Palazzi, Nicola Ulivieri, José Fardikha und Davide Luciano. Die überaus originellen Kostümeaus zwei verschiedenen Zeitaltern stammen von Carla Teti.

Diese Produktion wurde vor zwei Jahren bereits in Amsterdam gezeigt und wandert von Kopenhagen weiter nach Rom. Ein ganz großer Opernspaß, der die Reise allemal gelohnt hat. Und durchaus ein Grund für einen Besuch der ewigen Stadt sein könnte.

Hier der Trailer:

 

https://kglteater.dk/det-sker/sason-20162017/opera/rejsen-til-reims/#galleri

Wer mal in die Amsterdamer Produktion reinschauen möchte:

https://www.youtube.com/watch?v=WSsvg0iWRcY

 

Michael Cramer 16.3.2017

Fotos ©Thomas Petri und © Opernfreund

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de