Opernfestspiele in Köln? Offiziell kann sich die Kölner Oper mit einem derartigen Attribut nicht schmücken. Was die Besucherinnen und Besucher in der gestrigen Aufführung von Puccinis Meisterwerk, seiner unvollendeten Oper Turandot, an musikalischem Glanz und immer noch faszinierendem Inszenierungsreichtum erlebten, hatte jedoch allemal Festspielcharakter und wird bei niemandem, der das Glück hatte, bei dieser Aufführung dabei zu sein, in Vergessenheit geraten.
Der enthusiastische Beifall im Staatenhaus, das als Ausweichstätte der Kölner Oper nun bald seinen Dienst getan hat, war die verdiente Anerkennung für eine der hochintelligenten, kreativen Inszenierungen, die in diesem Provisorium trotz vieler Schwierigkeiten und Einschränkungen über viele Jahre zu bewundern waren. Erfolgsregisseurin Lydia Steier hatte es sich nehmen lassen, ihre schon bei der Premiere bejubelte Regiearbeit nun bei der Wiederaufnahme nach neun Jahren selbst zu betreuen und neu einzurichten.
An der abstrusen Geschichte der eiskalten, monströsen Prinzessin Turandot, die ohne jede Gefühlsregung Dutzenden von Heiratsbewerbern den Kopf abschlagen lässt, wenn sie die drei von ihr gestellten Rätsel nicht lösen können, haben sich schon etliche Regisseure die Zähne ausgebissen. Wie kann sich Calaf in eine solch männermordende Frau verlieben, wenn er mit ansehen muss, wie die treue Gefährtin seines blinden Vaters Liu, die Calaf in selbstloser Liebe ergeben ist, grausam gefoltert und zum Selbstmord gezwungen wird? Wie kann es nach einer derart blutrünstigen und mit Grausamkeiten gespickten Handlung noch ein Hollywood reifes Happy End zwischen Turandot und Calaf geben?
Lydia Steier findet eine überraschende, aber ungemein überzeugende Lösung. Sie präsentiert die Handlung als großes Medienspektakel, als Eventshow und Stummfilmset, als Inszenierung in der Inszenierung, die vor allem dazu dient, das unterdrückte Volk von den brutalen Strukturen und Praktiken eines totalitären Regimes abzulenken. Billige Gegenwartsbezüge werden von der Regisseurin bewusst vermieden. Die Rahmenhandlung ist in der Entstehungszeit der Oper angesiedelt, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, die ja auch eine große Zeit des Stummfilms darstellten. Im „Pekino“ – so die große Leuchtreklame im Zentrum der Bühne, deren Buchstaben immer wieder kunstvoll variiert werden; so leuchten z.B. nur die beiden Buchstaben „no“ auf, wenn Kaiser, Minister und Volk von China Calaf von einer Bewerbung abhalten wollen – spielt sich für eine teils erheiterte, teils schockierte Zuhörerschaft in der Kleidung der damaligen „golden twenties“ ein Massenspektakel ab, in dessen Zentrum eine „Bloody Princess Turandot“ steht, „ein sich selbst entfremdetes Vehikel der von ihr losgetretenen perversen ‚Show‘, eine Maschine, weit weg von allem Menschlichen“ (Lydia Steier).
Die grandiose Choreografie der Chorszenen zeigt ein unterdrücktes Volk, das zwischen Bewunderung, Angst und Mitleid hin- und hergerissen ist. Da werden rote Fähnchen mit dem Großbuchstaben T geschwenkt, da jubelt man gaffend auf den Zuschauertribünen des Hinrichtungsspektakels, da duckt man sich und schleicht davon, um in diesem inhumanen System zu überleben. Was Kostümbildnerin (Ursula Kudrna), Maske (Rolf Ueltzhöffer), Bühne & Video(fettFilm: Momme Hinrichs, Torge Möller) und Lichtregie (Andreas Grüter) geleistet haben, um ein authentisches Bild des kaiserlichen Chinas entstehen zu lassen, war und ist immer noch nur bewundernswert. Natürlich verweist diese Darstellung über die historische Verortung hinaus auf vergleichbare politische Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen zu allen Zeiten.
Turandot erscheint im ersten Akt als Stummfilmikone auf einer Leinwand, im zweiten Akt präsentiert sie sich puppen- und maskenhaft in einem knallroten, weit ausgestellten und gesteppten, stark wattierten Rock, der sie wie ein Panzer vor jeder Gefühlsregung abschirmt. Eine übergroße schwarze Haarschleife wirkt ironisierend. Überhaupt konterkariert Lydia Steier immer wieder das todernste Sujet durch komische und ironisierende Elemente. Die drei Minister werden z.B. von Bediensteten auf hohen Stelzen hin- und hergeschoben, legen sich mit ihnen an, da sie dies nicht zu ihrer Zufriedenheit bewerkstelligen, und entkleiden und bekleiden sich in einer Backstage Szene im 2. Akt so köstlich und komisch, dass im Publikum das Lachen nicht unterdrückt werden kann. Andererseits sind auch sie Opfer des Systems, dem sie ihren Einfluss verdanken. Auch sie ersehnen ein idyllisches, friedvolles Leben und ein Ende der Schreckensherrschaft Turandots.
Im dritten Akt scheut die Regisseurin nicht davor zurück, in schockierendem Naturalismus die Grausamkeiten des chinesischen Kaiserreichs zuerst in einer originalen Stummfilmsequenz, dann aber auch als reales Geschehen auf der Bühne zu präsentieren. Liu wird bei ihrer Fol-terung die Hand abgeschnitten, es fließt viel Blut, Turandot tritt als Domina oder Zirkus-direktorin in einem männlichen Outfit im schwarzen Hosenanzug mit blonder Perücke auf und demütigt den greisen Timur, indem sie die Asche ihrer Zigarette über seinem Kopf aus-schnippt.
Wie zwei Raubtiere umkreisen sich Turandot und Calaf, nachdem Liu durch ihren Freitod sich davor bewahrt hat, den Namen Calafs preiszugeben. Calaf reißt Turandot schließlich die blonde Perücke vom Kopf, sie löst nach langem innerem Kampf ihre unter der Perücke zusammengebundenen Haare und legt ihre männliche Attitüde ab. Also doch ein Happy End? Wohl kaum. Trotz der heftigen Umarmung und der bezeichnenderweise von Turandot ausgehenden Küsse – auch hier will sie noch nicht die Kontrolle über das Geschehen verlieren! –kann es am Schluss nicht zu einem wirklich glücklichen Ende kommen. Während Calaf von einem der Zuschauer wegen seiner schauspielerischen Leistung für ein weiteres Bühnenspektakel engagiert wird, fällt Turandot den drei Ministern um den Hals. „Das Ende – ein Happy End über die Leiche der Sklavin Liu, mit der düsteren Prophezeiung des trauernden Timur im Ohr und darüber hinaus mit einem unterdessen verstorbenen Komponisten – ist und bleibt ambivalent; der innere Bruch ist dieser Oper immanent“ ( Lydia Steier).
Die umjubelte Inszenierung wurde an diesem Abend noch von der musikalischen Darbietung übertroffen. Besser hat man Puccinis Turandot in Köln noch nie gehört. Der Chor der Oper Köln unter Rustam Samedow singt und spielt überragend, Felix Bender legt mit dem hinter der Bühne postierten Gürzenich-Orchester Köln einen samtweichen, dann auch wieder groß auftrumpfenden Puccini-Klangteppich, der das Sängerensemble trägt und stützt. Die Koordination zwischen Dirigent, Orchester sowie Sängerinnen und Sängern klappt trotz der schwierigen Situation jedenfalls ausgezeichnet.
Die russische Sopranistin Olga Maslova ist für die Titelpartie eine Idealbesetzung. Schon ihre große Auftrittsarie im 2. Akt „In questa reggia“ zeigt in Stimmmodulation und nie versiegender Intensität eine Ausnahmekünstlerin. Wie sie ihre Verzweiflung über Calafs Sieg in der Rätselrunde artikuliert und dabei das Wogen von Orchester und Chor mit immer neuen Spitzentönen überstrahlt, verdient größte Bewunderung. Triumphal auch zum Abschluss ihr Eingeständnis, Calaf zu lieben, wenn sie die Frage nach dem Namen des Prinzen so beantwortet: „Padre augusto…Conosco il nome dello straniero! Il suo nome è…Amor!“
Gabriela Lagun als Liu ist die zu Tränen rührende Gegenspielerin Turandots. Die junge polnische Sopranistin hat bis jetzt vor allem im Mozart-Fach reüssiert, feierte aber auch z.B. als Desdemona in ihrer Heimat große Erfolge. Die Partie der Liu singt sie mit leuchtender Stimme und herrlichsten Pianotönen in den hohen Lagen. Ihre große Schlussarie im letzten Akt „Sì, Principessa, ascoltami! Tu, che di gel sei cinta, da tanta fiamma vintal’amerai anche tu!“ wurde zu einem musikalischen Höhepunkt des Abends und ging wirklich unter die Haut. Lucas Singer verlieh der Rolle des Timur mit balsamischem, vollem Bass Würde, Tragik und Trauer.
Star des Abends war Young Woo Kim, dem die Partie des Calaf wie auf den Leib geschrieben scheint. Schon in Sydney hatte das Ensemblemitglied der Kölner Oper zum Jahreswechsel als Calaf für Furore gesorgt, nun glänzte er bei seinem Auftritt in Köln mit seinem warm timbrierten, baritonal gefärbten Tenor und riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Nicht nur in der großen Rätselszene des 2. Aktes singt er mit einer Attacke und Leuchtkraft in der Stimme, die einem wirklich den Atem verschlägt. Hinzu kommt eine schauspielerische Bühnenpräsenz, die auch auf die anderen Akteure ausstrahlt und eine ungeheure Dynamik und Dramatik entfaltet. Sein großer Hit im dritten Akt „Nessun dorma“, bei dem Woo Kim auch mit herrlichen Pianotönen aufwartete, wurde zu einem Triumph für den Sänger. Das Auditorium jubelte in die laufende Musik hinein, was von etlichen Opernkennern eher naserümpfend aufgenommen wurde. In der Schlussauseinandersetzung mit Turandot steigerte sich der koreanische Heldentenor noch einmal. Klangschönheit und Durchschlagskraft seiner Stimme, dazu eine ausgezeichnete Diktion in der italienischen Sprache krönen eine wirklich faszinierende Leistung.
Wolfgang Stefan Schwaiger als Mandarin, Insik Choi, John Heuzenroeder und Martin Koch als quicklebendige, dabei urkomische Minister Ping, Pang und Pong sowie das Kölner Urgestein Alexander Fedin als Altoum komplettierten ein Sängerensemble, das internationalen Standard nicht nur erreicht, sondern auch den größten Bühnen der Welt mehr als zur Ehre gereichen würde. Schließlich wird Olga Maslova bei den Münchner Operfestspielen 2026 als Turandot zu erleben sein und Young Woo Kim singt den Calaf im Juli in Seoul, nachdem er in der Kölner Philharmonie als Siegfried unter Kent Nagano in Wagners Götterdämmerung aufgetreten ist.
Das Publikum im restlos ausverkauften Staatenhaus geizte nicht mit Beifall. Der tosende lang anhaltende Applaus galt allen Beteiligten, und steigerte sich zum Orkan, als die drei Protagonisten der Turandot, der Liu und des Calaf sich vor den Besucherinnen und Besuchern verneigten.
Fazit: eine hoch spannende Inszenierung der Turandot in der Kölner Oper mit einem herausragenden Sängerensemble, einem großartigen Chor und einem bestens disponierten Gürzenich-Orchester Köln. Bei weiteren Aufführungen werden u.a. Olesya Golovneva als Turandot und Andrea Shin als Calaf zu hören sein. Und abschließend doch noch ein Wunsch. Diese Inszenierung der Turandot sollte auch im neuen alten Opernhaus am Offenbachplatz nach dessen Wiedereröffnung am 24. September 2026 weiter zu sehen sein.
Norbert Pabelick, 2. Juni 2026
Turandot
Giacomo Puccini
Deutsche Oper Berlin
Aufführung am 31 Mai 2026
Premiere am 02. April 2017
Inszenierung: Lydia Steier
Musikalische Leitung: Felix Bender
Gürzenich-Orchester Köln
Weitere Aufführungen: 4./ 6. Juni.2026