Ein Film, also ein Motion Picture, ist ein Bewegungsbild. Dabei kommt es nicht allein auf die Bewegung (der Bilder wie der Zuschauer), sondern auch auf das Bild an – und jedes Bild, das wir uns von einem Genie machen, ist ein persönlich gefärbtes. Man hat in den verschiedenen Epochen, die nun schon seit dem irdischen Dahinscheiden Richard Wagners vergangen sind, in durchaus verschiedenen Ansichten auf Wagner geschaut. Als 1913, pünktlich und nicht zufällig zum 100. Geburtstag des Dichterkomponisten, der Stummfilm Richard Wagner, Untertitel: Ein kinematographisches Lebensbild, herauskam, war das Bild relativ eindeutig: Die Macher Carl Fröhlich und Wilhelm Wauer stellten Wagner als moralisch einwandfreien Künstler, der ganz seiner Kunst lebt und nur aufgrund der Schlechtigkeit seiner Zeitgenossen (und seiner Ehefrau) an den Rand des Scheiterns geriet, ins Bild. Von Politik und Ehebruch war also nur am Rande oder gar nicht die Rede. Ein typisch kaiserzeitliches Heldenbild also, ein wenn auch aus Fragmenten bestehendes Heldenporträt, basierend auf Wagners eigenen Aussagen in Mein Leben und Glasenapps Heiligenbiographie, in summa eine Mischung aus viel Dichtung und wenig Wahrheit, also eine auf Wagner und seinen wirkungsmächtigen Biographen aufbauende Geschichtsklitterung, die man nicht weiter ernst nehmen muss.
Doch unterschätzt man nicht das Kunstwerk Film, wenn man einen 113 Jahre alten Streifen mit den Maßstäben der modernen Wissenschaft misst? In der Bayreuther Stadtkirche, wo man nun anlässlich des Jubiläums 150 Jahre Bayreuther Festspiele in der seit Jahren laufenden Reihe „Stummfilm mit Musik“ sinnvollerweise den Wagner-Film mit Live-Musik präsentiert hat, kommt man schon schnell auf andere Gedanken. Denn erstens war der Film von 1913 nicht nur die erste Filmbiographie, die überhaupt einem Menschen gewidmet worden ist. Zum zweiten hat er mit 95 Spielminuten eine beeindruckende Länge, zum Dritten handelt es sich um den ersten Film, für den seinerzeit eine eigene Begleitmusik komponiert wurde, viertens hat man damals auch in Bayreuth gedreht, sodass man heute lebende Bilder vom Festspielhaus, vom Haus Wahnfried und vom alten Rathaus anschauen kann. Fünftens ist er repräsentativ für eine bestimmte Spielart der Wagner-Rezeption – der Idolatrie – und sechstens kann man mit dem Titeldarsteller nicht nur einen erstaunlichen lookalike des „Meisters“, sondern auch einen bedeutenden Filmmusikkomponisten agieren sehen, der noch bis 1973 lebte. Giuseppe Becce mimte 1913 nicht nur den Filmhelden, er schrieb damals auch die Filmmusik, den score zum Film, der seit 2013 in der vertonten, mit einem Symphonieorchester eingespielten Tonspur im Handel vorliegt. Um die Rechtefrage zu umgehen – weil die Rechteinhaber der Opern Richard Wagners damals ungeheure Summen forderten –, schrieb Becce die bekannten Wagner-Standards einfach um, indem er sie mehr oder weniger raffiniert, aber immer wirkungsvoll und erkennbar variierte. Man hört also, hört man den Soundtrack von 1913 im rekonstruierten und restaurierten Original, zugleich Wagner und seine (immer reizvolle) Verfremdung.

In der Stadtkirche hat Lucas Pohle, Professor für Orgelspiel an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik, die Aufgabe übernommen, den Film musikalisch zu begleiten: natürlich als Improvisator. Was er in 95 Minuten, auch, aber nicht allein auf der Grundlage einiger Wagner-„Schlager“ und Passagen herausarbeitet, ist nicht nur, wie Wagner gesagt hätte, aller Ehren wert, sondern hochvirtuos. Unmöglich, Pohles Leistung zu überschätzen: In über eineinhalb pausenlosen Stunden bringt er die physische und geistige Energie auf, um mit zwei Händen und ebenso vielen Füßen eine so freie wie wagnereske Musik zu produzieren, die das Geschehen nicht bloß im Micky-Mousing-Stil verdoppelt, sondern lebhaft akzentuiert. Um nur einige Sequenzen zu erwähnen: die (im filmischen Original ein wenig länglichen) Dresdner Revolutionsszenen werden, als wär‘s ein Stück von Max Reger, mit einer monumentalen Variation über die Prügelfuge verstärkt. Die Gläubiger treten mit dem Nibelungen-Motiv auf – das ist witzig und naheliegend; schon Jens Schlichting hat, als er den Film 2013 bei Steingraeber begleitet hat, die Szenen derart musikalisiert. Die Minister am Münchner Hof haben ein ähnliches Leitmotiv: Sie erscheinen stets, sehr sinister registriert, zum Gibichungen-Motiv, also einer gestelzten Polonaise. Verlieben sich Minna Planer und der junge Kapellmeister Wagner, schleicht sich, immer wieder und betörend, Siegmunds und Sieglindes Liebesmotiv ins Ohr. Für Cosima Wagner hat Pohle die „Ewig war ich, ewig bin ich“-Melodie aus dem Schlussakt des Siegfried reserviert, wofür der Film – durch die Parallelisierung von Brünnhildes Erweckungsszene und der Liebe Cosima von Bülows zu Richard Wagner – die beste Gelegenheit bietet, ohne dass das bewegte Bild alles vorgeben würde, was Pohle hintersinnig aus ihm herausspielt. Viele Stellen bleiben Stellen, werden melodisch oder harmonisch nur angetippt: Wenn Wagner seiner Frau, historisch zu Unrecht, eine Szene macht, weil die ihn bei seinen Fremdgehereien ertappt hat, spielt Pohle, sehr kurz und doch deutlich genug, in feinster Ironie Mimes „Starenlied“ an: „Als zullendes Kind zog ich dich auf…“ Man sieht und hört: Pohle schuf eine Filmmusik für Feinschmecker, also nicht allein für jene Wagnerfreunde, die sofort das Lohengrin-Auftrittsmotiv – „Ein Wunder, ein Wunder!“ – identifizieren können, wenn Ludwig II. daherkommt. Schier bewegend ist es schließlich, wenn sich zum Finale nach dem letzten Parsifal-Bild die wichtigsten Wagner-Figuren an seinem Grabe treffen, wobei man wissen muss, dass sie sich an Wagners Totenmaske begegnen, weil man es nur schwer zu erkennen vermag: Brünnhilde und der Holländer, Parsifal und Siegfried, Lohengrin und Tannhäuser und all die anderen. Es stimmt ja, auch wenn es, wie es die zeitgenössischen Kritiker abtaten, purer Kitsch ist: Wagners Figuren haben ihn überlebt, sie zeugen, und vermutlich noch sehr lange, von seinem Ruhm und der Lebendigkeit seiner unvergleichlichen Schöpfungen. Man kann das Bild als Auswuchs eines “Geniekults” – oder als Fakt interpretieren. Pohle kommentiert diese Tatsache, so naheliegend – aber darauf muss man erst einmal kommen – wie tiefsinnig, auch ohne jegliche unangemessene Ironie, mit der „Ewig war ich“-Melodie, der als Krönung, natürlich, nur die Apotheose des Grals-Motivs folgen kann. Schließlich sitzen wir ja auch in einer Kirche und keinem Kino.
Wie nennt man das? Bewegend.
Frank Piontek, 15. Mai 2026
Richard Wagner (1913)
Stummfilm mit Orgelbegleitung
Stadtkirche, 13. Mai 2026
Orgel: Lucas Pohle