Dresden: „Der Florentiner Hut“, Nino Rota

Der fulminante Florentiner Hut Bernd Mottls
Ein Nino-Rota-Feuerwerk in der Semperoper Dresden

Nino Rotas erfolgreichste Oper Der Florentiner Hut ist eine „Farsa musicale“ in vier Akten. Das Libretto stammt vom Komponisten und seiner Schwester Ernesta Rota Rinaldi nach dem Vaudeville „Un chapeau de paille d’Italie“ von Eugène Labiche und Marc-Antoine-Amédée Michel. Im originalen Italienisch heißt die Oper „Il cappello di paglia di Firenze“. Sie wurde 1955 in Palermo uraufgeführt und wurde schnell zum Welterfolg. Bis heute findet sie in unregelmäßigen Abständen ihren Weg auf die Bühnen der europäischen Opernhäuser. Am 31. Mai 2026 fand an der Semperoper Dresden die dortige Erstaufführung der Oper statt. Es handelt sich um die Übernahme einer gefeierten Produktion der Grazer Oper, die dort 2023 herauskam.

Nino Rota entschloss sich, in Mailand und Rom Komposition zu studieren. Nach seinem Diplom 1929 ging er auf Anraten Arturo Toscaninis, einem Freund der Familie, in die USA und setzte seine Ausbildung am Curtis Institute in Philadelphia fort. Dort freundet er sich mit Aaron Copland und Samuel Barber an, begeisterte sich für die Musicals von George Gershwin und lernte ein neues Medium kennen, das ihn tief beeindrucken und seinen weiteren Weg prägen sollte: die Filmmusik. Er startete seine Karriere mit Filmmusik, Musik für den Rundfunk, Sinfonien sowie neoklassizistisch orientierter Kammermusik. Für ihn als bekennenden Eklektiker galt: „keine Einteilung der Musik in verschiedene Stilarten, leicht oder ernst“. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten als Improvisator, seiner geistigen Flexibilität und Fantasie wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg zum international gefragten Filmmusikkomponisten. Etwa 150 Filmmusiken hat er hinterlassen. Eine enge Zusammenarbeit verband ihn mit Federico Fellini, für den er 16 vertonte, darunter Klassiker wie La stradaCasanova oder La dolce vita. Aber auch für Luchino Visconti (Der Leopard), Franco Zeffirelli (Der Widerspenstigen ZähmungRomeo und Julia) und für John Guillermin (Tod auf dem Nil) schrieb er die Musiken, für den Score zum zweiten Teil von Francis Ford Coppolas Filmtrilogie Der Pate wurde Rota 1975 sogar mit einem Oscar und dem Golden Globe Award ausgezeichnet.

© Semperoper Dresden, Foto: Mark Schulze Steinen

Weniger bekannt ist, dass er außerdem fast ebenso viele nicht-filmische Werke komponierte. Dazu gehören zehn Opern – darunter Der Florentiner Hut – sowie 23 Ballett- und Bühnenkompositionen, drei Sinfonien, drei Klavierkonzerte und zahlreiche weitere Werke für Orchester, Chor und Kammerensemble.

Zudem hatte Nino Rota nicht nur als Komponist, sondern auch als Pädagoge großen Einfluss: 1939 begann er seine Lehrtätigkeit am Konservatorium Niccolò Piccinni in Bari, 1950 wurde er zum Direktor berufen und leitete es fast drei Jahrzehnte lang bis 1979.

Rotas 1955 uraufgeführte Oper ist völlig anachronistisch: Er nimmt Anleihen bei diversen Komponisten und nicht zuletzt bei sich selbst. „Das leugnet er gar nicht. Er sagt, das ist Musikgeschichte, das haben die anderen auch gemacht. Stimmt ja auch, er macht es aber noch offensiver, wandelt es ab und macht etwas Eigenes daraus. Es ist ein gut gemachtes Stück mit sehr süffiger und leidenschaftlicher Musik“, erklärt zu Recht der Regisseur Bernd Mottl.

Der Komponist integriert Anleihen aus seinen eigene Filmmusiken, aber auch Anklänge an Rossini, Donizetti, Bellini, Offenbach, Humperdinck, Puccini, Johann und Richard Strauss bis zu Schostakowitsch in seine Partitur. Wenn sich die dunklen Wolken zu einem Gewitter zusammenbrauen, hört man die Walküren durch die Luft reiten, die Gewittermusik fängt dann so ähnlich an wie die Gewittermusik aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ und geht dann in der Steigerung über zu der großen Sturmszene aus dem 1. Akt von Verdis „Otello“. Das Liebesduett zwischen Fadinard und Elena ist ganz im Belcanto-Stil eines Bellini oder Donizetti komponiert und das turbulente Finale im 3.Akt erinnert sehr an die großen Opernfinali von Rossini. Wenn es leidenschaftlich bzw. emotional wird, blitzt Puccini durch, und irgendwann sogar die Salome von Richard Strauss. Ein geniales Opernpasticcio.

© Semperoper Dresden, Foto: Mark Schulze Steinen

Zur Handlung der Oper nur so viel: Im Laufe des Abends werden unzählige Personen und Handlungsstränge gestreift. Im Mittelpunkt steht Fadinard, der seine Verlobte Elena heiraten will. Just am Hochzeitstag sorgt aber sein Pferd für gehöriges Chaos, denn es hat den Strohhut einer fremden Dame gefressen, die wiederum darauf besteht, den gleichen Hut als Schadenersatz wieder zu bekommen. Da es sich um ein seltenes Modell handelt, gestaltet sich diese vermeintlich einfache Forderung aber als ziemliche Herausforderung, und so entspinnt sich eine Geschichte voll Irrungen, Wirrungen und Verwechslungen, bevor es doch noch ein Happy End für alle Beteiligten gibt: Fadinard und Elena „versinken, ertrinken, unbewusst, höchste Lust“ in einer Hutschachtel.

Diese Hutschachtel ist das Hauptrequisit und die zentrale Dekorationsidee des Regisseurs Bernd Mottl und seines erstklassigen Ausstatters Friedrich Eggert. Mottl inszeniert diese Farce mit flottem, perfektem Timing, reichlich Slapstick- und Commedia-dell-Arte-Anleihen in einem Bühnenbild ineinander und übereinander geschachtelter, aufzuklappender Geschenkpakete und Hutschachteln auf einer Drehbühne, die verschiedene Innen- und Außenansichten erlaubt (Szenenwechsel von einem Salon zu einem Modisten-Laden – köstlich, wie die Arbeiterinnen des Hutladens alle in einer riesigen Hutschachtel sitzen), aber auch ein temperamentvolles Spieltempo. Die verschachtelte Welt ist Schwarz-Weiß und tapetenartig ausstaffiert. Äußerst phantasievoll sind die Kostüme von Alfred Mayerhofer. Mit glänzenden Bewegungsabläufen bzw. Choreographien à la Offenbach oder Rossini schnurrt die Inszenierung ironisch gewitzt ab wie ein gut geschmiertes Uhrwerk. Da bleibt kein Auge trocken. Eine amüsante, ja virtuose Inszenierung.

Dirigent Daniele Squeo, der schon in Graz das Stück dirigiert hatte, animiert die Sächsische Staatskapelle zu einer klangprächtigen, rhythmisch pointierten, gewitzten Interpretation, die auch musikalisch immer wieder schmunzeln lässt und mit ihren Anspielungen begeistert. Er dirigiert mit Verve und Temperament, dass die Funken nur so sprühen. Ein Nino-Rota-Feuerwerk!

Die Besetzung ist nicht anders als großartig zu bezeichnen. Den Fardinar singt, spielt und tanzt der außergewöhnlich stimmprächtige, lyrische, mit exzellenten Spitzentönen aufwartende und zudem schauspielerisch wie tänzerisch hochbegabte polnische Tenor Piotr Buszewski, der an der Semperoper zuletzt 2024 als Alfredo (La traviata) zu hören war. Ein Tenor der Extraklasse, der längst international von sich reden macht. Der österreichische Bassbariton Alexander Grassauer ist als charakterloser Schwiegervater in spe Nonancourt zu hören. Die US-amerikanische Mezzosopranistin Maire Therese Carmack beeindruckt ladylike als exaltierte Baronin de Champigny mit Divengehabe. Die spanische Sopranistin Rosalia Cid singt eine lupenreine, geradezu belkantisch betörende Elena im Format einer Lucia di Lammermoor.  Sie ist zweifellos das sängerische Highlight neben dem Ferdinard von Piotr Buszewski. Ein Traumpaar. Eindrucksvoll ist auch der der bosnische Bariton Neven Crnić in der Rolle des Beaupertuis.

© Semperoper Dresden, Foto: Mark Schulze Steinen

Aber auch alle übrigen Partien sind durchweg glänzend und handverlesen besetzt, auch der Sächsische Staatsopernchor besticht durch Opéra-bouffe-hafte Spielfreunde und gesangliche Differenziertheit. Alles in allem eine kurzweilige, gesanglich hochkarätige und regielich glänzende, ja mitreißende Aufführung von Seltenheitswert, die zu Recht vom Publikum gefeiert wurde.

Dieter David Schulz, 2. Juni 2026


Der Florentiner Hut
Oper in vier Akten von Nino Rota

Semperoper Dresden

Besuchte Premiere: 31. Mai 202

Inszenierung: Bernd Mottl
Musikalische Leitung: Daniele Squeo
Dresdner Staatskapelle

Weitere Aufführungen: 2., 6., 14. und 19. Juni 2026