Stuttgart: „L’elisir d’amore“, Gaetano Donizetti

Seit einiger Zeit steht an der Staatsoper Stuttgart wieder Donizettis famose Oper L’elisir d’amore auf dem Spielplan. Diesen absoluten Renner unter den Werken Donizettis wieder einmal zu erleben, bereitete ausgesprochenes Vergnügen. Um das Fazit vorwegzunehmen: Hierbei handelte es sich in jeder Beziehung um eine hoch gelungene Aufführung!

(c) Martin Sigmund

Überzeugend war schon die Inszenierung. Regisseurin Anika Rutkofsky hat in Zusammenarbeit mit Uta Gruber-Ballehr (Bühnenbild) und Adrian Stapf (Kostüme) das Stück geschickt modernisiert und ansprechend auf die Bühne gebracht. Sie siedeln die Handlung in einem kühl anmutenden Gewächshaus an, über dem sich ein riesiges Glasdach erstreckt und das den Eindruck eines sterilen Forschungslabors macht. Von einer metallenen Kommandobrücke aus beobachtet Adina, die hier als Leiterin des Laboratoriums dargestellt wird und sich der Verantwortung, die sie für das Ganze trägt, voll bewusst ist, das geschäftige Treiben der Werkangestellten. Zu diesen gehört auch der Arbeiter Nemorino, der sich bereits zu Beginn ziemlich ungeschickt anstellt, wenn er immer mehr mit Erde gefüllte Töpfe auf den Boden fallen lässt. Das ändert indes nichts an der Sympathie, die der Zuschauer ihm auf den ersten Blick entgegenbringt. Im Forschungslabor wird eine runde, graue Frucht angebaut, deren genaue Einordnung sich nicht erschließt. Sonst erblickt man fast den ganzen Akt hindurch keinerlei Grünzeug. Erst als Nemorino in seiner Vorstellung den von der Regie als schwarz gekleideten Chef der Security gezeichneten Belcore mit Schlägen in die Magengrube traktiert, beginnt grünes Gras zu wachsen.

(c) Martin Sigmund

Die Macht der Phantasie spielt hier eine gewichtige Rolle. Entscheidend ist der Glaube. So ist Nemorino von Anfang an bewusst, dass es sich bei dem Liebeselixier nur um Bordeaux handelt. Gleichzeitig aber ist der Glaube an die Wirksamkeit dieses Symbols in ihm derart stark, das in seinem Inneren eine Änderung vorgeht, die ihm mannigfaltige neue Perspektiven eröffnet. Diese mögen zwar schon lange in ihm gesteckt haben, aber jetzt erst drängen sie bewusst an die Oberfläche. Wider besseres Wissen will er nun an Magie glauben. Die Wirkung des Trankes tritt ein, noch bevor der unbescholtene junge Mann ihn eingenommen hat. In ihm geht eine Wesensveränderung vor, die Adina ihr bisheriges abweisendes Verhalten gegenüber ihm überdenken lässt. Just in dem Augenblick, als Nemorino das Elixier trinkt, erleidet Adina einen Kontrollverlust und ihr bisher unangefochtenes Weltbild steht auf einmal auf wackeligen Beinen. In ihrem ausgeprägten Staunen über Nemorinos plötzliches abweisendes Verhalten verliert sie die Beherrschung über die ihr anvertrauten Arbeitsvorgänge und landet emotional nun auf der derselben Ebene, auf der sich Nemorino bisher befand. Sie, die bisher als Chefin die Forschungsversuche geleitet hat, wird auf diese Weise selbst zum Teil einer Versuchsanordnung.

Die Wirkungsweise des Elixiers ist es, die Frau Rutkofsky besonderes interessiert und die von ihr entsprechend stark beleuchtet wird. Konsequenterweise stellt sie mehrere Möglichkeiten der Wirkung des Trankes in den Raum und überlässt es dem Publikum, sich eine davon auszusuchen. Die Hauptaspekte des Elixiers sind folgende: Einerseits will die Regisseurin Wunder gehörig unter die Lupe nehmen. Auf der anderen Seite geht es ihr um eine Wiederverzauberung, die insbesondere im zweiten Akt offenkundig wird, als urplötzlich die ganze Laboranlage von Pflanzen gesäumt ist. Diese Wiederverzauberung bezieht sich sowohl auf die Menschen als auch auf das Grünzeug. Dieses ist gerade in dem Augenblick aus dem Boden gesprießt, in dem es zu der inneren Veränderung von Nemorino und Adina kam. Der symbolische Charakter dieses Regieeinfalls wird deutlich. Je mehr sich die beiden Protagonisten in ihrem Inneren wandeln, desto mehr ändert sich auch die sie umgebende Vegetation. Bemerkenswert ist auch die Szene, in der Adina und Dulcamara ihre Tränke austauschen. Adina hat an Dulcamaras Gebräu kein Interesse und leert es auf den Boden. Und genau an dieser Stelle wächst urplötzlich eine neue Pflanze. Die Menschen, deren zwiespältiges Verhältnis zur Natur – labormäßige Beherrschung statt Unterwerfung – von der Regisseurin hier behände untersucht wird, beginnen unter dem Einfluss der Wissenschaft ebenfalls eine Änderung durchzumachen. Am Ende erscheinen Zwitterwesen aus Mensch und Pflanze auf der Bühne. Die Sichtweise auf die humane Spezies ist eine gänzlich andere geworden. Damit erweist sich auch die Bedeutung des Begriffs Wiederverzauberung: Er steht für eine variierte Sichtweise auf die Welt und den Mut, einen Perspektivwechsel herbeizuführen. Damit ändern sich die Verhältnisse. Hier wird von der Regie die Frage aufgeworfen, ob sich das Verhältnis des Menschen zur Natur ändern kann.

(c) Martin Sigmund

Diese Neuerung kann indes auch Dulcamara herbeigeführt haben, der bei seinem Eintreten den Samen einer fremden Pflanze in das Laboratorium eingebracht und auf diese Weise die Änderungen herbeigeführt hat (vgl. Programmheft). Bei Anika Rutkofsky ist er ein hippieartiger Weltenbummler, ein Lebenskünstler, dem es gegeben ist, das ungenutzte Potential der Menschen aufzudecken und zu nutzen. Gekonnt führt der den Eindruck eines Gurus machende Quacksalber den Mitarbeitern des Forschungslabors ihre ursprünglichen Wünsche und Sehnsüchte vor Augen. Bei manchen gelingt ihm das gut, bei anderen weniger. Gleich dem Anführer einer Sekte gewinnt er zahlreiche Anhänger, wird von manchen aber auch abgelehnt. Das wird bei dem großen Fest zu Beginn des zweiten Aktes deutlich, als die Menschen auf einmal recht unterschiedliche Gewänder tragen. Die Unterschiedlichkeit der Kleider ist es, die auf verschieden motivierte Anhänger oder auch Gegner Dulcamaras hinweist. Am Ende werden sich die Laborangestellten darüber bewusst, dass es nicht gut ist, einem Guru untertan zu sein, und zerfleischen Dulcamara. Damit haben sie ihre Eigenverantwortlichkeit wiedergewonnen und sind nun fähig, selbst über ihren Lebensinhalt zu entscheiden. Jedenfalls hat nun hat auch die sich extrem nach Freiheit sehnende Gianetta, die die Regie als wesensverschiedene Schwester Adinas vorführt, ihr Ziel erreicht und kann dem alles bestimmenden Einfluss ihrer Blutsverwandten entgehen. Das war alles sehr überzeugend durchdacht. Bei der Personenregie gab es vor allem beim Chor leider auch Leerläufe. Insgesamt haben wir es hier aber mit einer durchaus gelungenen Inszenierung zu tun.

Am Pult erzeugte die junge Dirigentin Danila Grassi zusammen mit dem trefflich disponierten Staatsorchester Stuttgart einen in nicht zu schnellen Tempi dahinfliessenden, transparenten und farbenreichen Klangteppich. In erster Linie galt Frau Grassis Aufmerksamkeit den wunderbar gefühlvoll aufspielenden Holzbläsern, die sie gekonnt herausstellte.

(c) Martin Sigmund

Phantastisch waren die gesanglichen Leistungen. Durch die Bank wurde mit vorbildlicher Körperstütze gesungen, was nicht allzu oft vorkommt und sehr zu loben ist. Da merkt man wieder einmal, über was für hervorragende Sänger die Stuttgarter Staatsoper doch verfügt. Elena Tsallagova war eine tiefgründig und beweglich singende sowie mit perfekten Koloraturen ausgestattete Adina. Neben ihr bewährte sich mit einem emotional anmutenden, ebenmäßig dahinfliessenden und jede Nuance seines Parts geschickt auslotenden Tenor Charles Sy als Nemorino. Johannes Kammler gab mit kräftigem Bariton einen gefälligen Belcore. Ein prachtvolles schauspielerisches Feuerwerk entfaltete Giorgio Caoduro in der Rolle des Dulcamara. Auch gesanglich geriet ihm mit einem sonoren, bestens italienisch geschulten Bass-Bariton eine tolle Leistung. Ein ansprechendes Versprechen für die Zukunft gab die Gianetta der jungen Angehörigen des Internationalen Opernstudios Lucia Tumminelli. Ebenfalls auf hohem Niveau bewegte sich der von Bernhard Moncado und Manuel Pujol einstudierte Staatsopernchor Stuttgart.

Ludwig Steinbach, 2. Oktober 2023


L’elisir d’amore
Gaetano Donizetti

Staatsoper Stuttgart

Premiere: 30. Oktober 2022
Besuchte Aufführung: 1. Oktober 2023

Inszenierung: Anika Rutkofsky
Musikalische Leitung: Danila Grassi
Staatsorchester Stuttgart