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Nurejew Gala 2018

am 29.06.2018

Wien ist eine Ballettstadt

 

Die Ballettsaison 2017/18 fand mit der traditionellen Nurejew Gala einen fulminanten Abschluss, der gekrönt wurde mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Wiener Staatsoper an Ballettdirektor Manuel Legris. Selten wird die Ehrenmitgliedschaft an einen Balletttänzer verliehen (Anm.: zuletzt 1988 an Rudolf Nurejew), deswegen war es Staatsoperndirektor Dominique Meyer eine besondere Freude, die Laudatio auf offener Bühne im Anschluss an die Gala für den Menschen zu halten, der Wien zur Ballettstadt gemacht hatte. Meyer erwähnte, dass er zu Beginn seines Amtsantritts gefragt wurde, warum er sich so für das Ballett einsetzt, nachdem Wien ja keine Ballettstadt sei.

Die Aussage „Heute ist Wien eine Ballettstadt“ wurde mit tosendem Applaus begrüsst. Auch die Statistik spricht für sich, die Auslastung beim Ballett liegt mittlerweile wie bei der Oper bei 98%, dank des ansprechenden Programms und der hohen Qualität der Company. Meyer lobte auch den Einsatz von Legris für die neue Tänzergeneration, welcher Simona Noja (ehem. 1. Solotänzerin des Wiener Staatsopernballetts) als Leiterin der Ballettakademie engagierte, und durch deren effiziente Arbeit einige Nachwuchskünstler direkt von der Akademie ins Corps de Ballet des Staatsballetts übernommen werden konnten. (Anm: Solotänzerin Natascha Mair und Solotänzer Jakob Feyferlik, sowie 1. Solotänzer Davide Dato, dessen Comeback nach 1-jähriger Verletzungspause von Meyer freudig extra erwähnt wurde) Ein weiterer Verdienst von Legris war auch das Wiedereinführen des Titels 1. Solotänzer_In, was zur Folge hatte, dass die Tänzer_Innen der Company bessere Karrierechancen erhielten, als wenn die Hauptrollen hauptsächlich von Gastsolisten getanzt werden – die in diesem Modul aber nicht gänzlich abgeschafft wurden.

Nun aber zur gut 4-stündigen Gala, die wie im Flug verging: Eröffnet wurde der Abend mit George Balanchines „Valse fantaisie“, ein Werk, mit welchem Natascha Mair und Jakob Feyferlik bereits vor 3 Jahren im Rahmen der „Talente des Wiener Staatsballetts“ an der Wiener Volksoper einen grossen Erfolg feierten. Und wie souverän die hochkarätigen Solisten den elegant-diffizilen Stil von Balanchine beherrschen und mit welcher Freude sie tanzen! Lieblich schweben auch Elena Bottaro, Adele Fiocchi, Sveva Gargiulo und Madison Young über die Bühne.

Erfreulich ist, dass bei dieser Gala gleich zwei Tänzer auch als Choreographen präsentiert werden, das folgende Stück „opus 25“ von Solotänzer Eno Peci ist ein geschmeidig-emotionaler Pas de deux, Peci tanzt selbst mit 1. Solotänzerin Maria Yakovleva, die durch Facettenreichtum glänzt (am Ende des 1. Teils als klassisch-mädchenhafte Raymonda, hier als charakterstarke, gereifte junge Frau), begleitet werden sie von Ballettkorrepetitor Igor Zapravdin.

Ein brillantes Solo gab es anschliessend aus John Neumeiers „Le Pavillon d'Armide“ von 1. Solotänzer Masayu Kimoto, ein beispielhafter Tänzer mit einer sauberen Technik und Schalk!

Was einen 1. Solotänzer ebenfalls auszeichnet, zeigt Roman Lazik im darauffolgenden Ausschnitt aus Kenneth MacMillans „Concerto“, als hervorragender Partner von Nina Polakova. Dieser Pas de deux wird dank seiner enormen Sicherheit in den diffizilen Hebefiguren zu einem ästhetischen Genuss, dazu die überaus elegante Haltung mit melancholischem Ausdruck von Polakova, grossartig!

Nach der doch etwas schwermütigen Musik von Schostakowitsch geht es danach umso spritziger weiter mit dem „Satanella“ Pas de deux von Marius Petipa. Kiyoka Hashimoto zeigt sich mit Charme und einer derart souveränen Technik von ihrer besten Seite, kongenial dazu Mihail Sosnovschi, der mit seinen perfekt ausgeführten Sprüngen immer noch jugendliche Energie versprüht (er ist seit 17 Jahren im Staatsballett).

Anschliessend ging es dramatisch weiter, mit einem akrobatischen Pas de deux aus Boris Eifmans „Giselle Rouge“, die Rolle, welche vor 3 Jahren Ketevan Papava den Titel 1. Solotänzerin verschaffte; sowohl sie als auch Eno Peci überzeugen mit packenden Emotionen, gepaart mit atemberaubenden Hebefiguren.

Ein charmanter Pas de deux aus Jean-Christophe Maillots „The Taming of the Shrew“ erfreute das Publikum darauf, erfrischend getanzt von den Gastsolisten Olga Smirnova und Semyon Chudin, bevor Teil 1 mit Ausschnitten aus Nurejews „Raymonda“ zu Ende ging. Hier konnte man sich vor allem von der Vielseitigkeit von Maria Yakovleva überzeugen, die nicht nur in Charakterstücken (siehe Beginn), sondern auch im „ganz Klassischen“ seit ihrem Engagement an die Wiener Staatsoper sich stetig weiterentwickelt hat und für die grossen klassischen Ballerinenpartien eine Luxusbesetzung ist. Das Corps de Ballet bewies hierbei, dass es auch das wohl schwierigste klassische Werk mehr als im Griff hat und glänzte durch Harmonie und Präzision. Beglückt ging man in die Pause.

 

Für Teil 2, Frederick Ashtons „Marguerite and Armand“, konnten die Gastsolisten Marianela Nunez und Vadim Muntagirov vom Royal Ballet gewonnen werden, sichtlich erfahren mit der für Dame Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew konzipierten Choreographie, ein purer Genuss, wie makellos und emotional die beiden das Publikum mitrissen! Legris erwähnte in seiner Dankesrede am Ende der Vorstellung, dass es ihm ein Anliegen war, dieses Werk noch vor der Gala ins Repertoire des Wiener Staatsballett aufzunehmen. Das virtuose Klaviersolo spielte Shino Takizawa.

Der 3. Teil wurde mit einem Ausschnitt aus Andras Lukacs' „Movements to Stravinsky“ eröffnet, mehrere seiner Choreographien wurden bereits an der Wiener Staatsoper getanzt. Man möge sich noch an seine erste Choreographie vor etwa 10 Jahren erinnern, wo man auf Alice Firenze (damals noch im Corps de Ballet) aufmerksam wurde. Diesmal ist sie die Haupttänzerin, und brilliert gemeinsam mit Ioanna Avraam, Sveva Gargiulo, Fiona McGee, Masayu Kimoto, James Stephens, Richard Szabo, Arne Vandervelde und Géraud Wielick durch Geschmeidigkeit.Einen romantischen Pas de deux aus dem ersten abendfüllenden Ballett von Manuel Legris, „Le Corsaire“, gaben anschliessend Liudmila Konovalova (mit atemberaubender Technik) und Robert Gabdullin zum Besten, und auch aus dem Orchestergraben wurde man mit einem süsslichen Violinsolo verwöhnt.

Die folgende Nummer, der Pas de deux aus Edward Clugs „Peer Gynt“, wurde mit besonderer Freude aufgenommen, da Publikumsliebling Davide Dato nach einer 1-jährigen Verletzungspause endlich wieder zu erleben war, gemeinsam mit der überaus sympathischen, lieblichen Nina Polakova.

Grossen Applaus gab es auch für die Gastsolisten Alexandre Riabko und Ivan Urban vom Hamburg Ballett, welche in John Neumeiers „Opus 100 – for Maurice“ einen kraftvollen Pas de deux mit sinnlichen Anspielungen zum Besten gaben.

Ein zweites Mal traten dann die Gastsolisten Olga Smirnova und Semyon Chudin mit einem Pas de deux aus George Balanchines „Diamonds“ auf – technisch makellos, wenn auch mitunter etwas kühl im Ausdruck mag der Kontrast nach Simon & Garfunkel's „Old Friends“ etwas stark gewirkt haben.

Mit grosser Spannung erwartete man dann den Pas de deux aus Roland Petits „Le Rendez-vous“, getanzt von Ballettdirektor Manuel Legris und Gastsolistin Isabelle Guérin. Das Publikum begrüsst Legris mit einem lang anhaltenden Auftrittsapplaus (mehrere Bravorufe). Man hat ihn wohl letztes Jahr bei der Gala als Tänzer vermisst, damals vielleicht auch befürchtet, dass er nicht mehr auftritt, aber wie schon Dominique Meyer bei der Laudatio erzählte, wenn er Legris im Haus suchte, dann fand er ihn so gut wie immer im Ballettsaal bei der Arbeit, selten im Büro. Legris ist nicht nur ein hervorragender Tänzer (Meyer lobte ihn u.a. als „Meister der petite batterie“), sondern auch eine starke Persönlichkeit auf der Bühne und tanzt leidenschaftlich mit der genial zwischen sexy und eiskalt pendelnden Isabelle Guérin, eine ebenso charakterstarke Tänzerin, die ihm zum Schluss triumphierend die Kehle aufschneidet.

Zum Schluss der Gala gab es noch ein choreographisches Arrangement aus Nurejews „Raymonda“ und „Schwanensee“, mit der besonders stilvollen Olga Esina (die Variation gelingt ihr traumhaft gut!), der brillanten Natascha Mair, dem prinzenhaften Jakob Feyferlik, dem kraftvollen Mihail Sosnovschi, und bei den „Schwanensee“- Ausschnitten begeisterten der unermüdliche Masayu Kimoto (es war definitiv die richtige Entscheidung, ihn vor 1 Jahr zum 1. Solotänzer zu befördern!), die hervorragende Liudmila Konovalova, sowie auch (diesmal im Charaktertanz) die präzise Nikisha Fogo.

Tosender Applaus für alle Beteiligten, insbesondere auch für den stilsicheren Dirigenten Kevin Rhodes und das Orchester der Wiener Staatsoper.

Im Anschluss an die Vorstellung wurden Dumitru Taran und Richard Szabo zu Solotänzern befördert, neue Halbsolist_Innen sind Fiona McGee, Rikako Shibamoto, Madison Young und Scott McKenzie. Man darf sich auf eine vielversprechende neue Saison freuen!

Katharina Gebauer 2.7.2018

Bilder (c) Staatsballett / Staatsoper

 

Balanchine/Neumeier/Robbins

Wiener Staatsoper, 16.04.2018

Ein Abend, der gute Laune macht

Mit „Stravinsky Violin Concerto“ von George Balanchine wird der Vierteiler eröffnet, ein wahrhaft virtuoses Stück, nicht nur für die Tänzer, sondern auch für das Orchester. Konzertmeisterin Albena Danailova spielt energisch und souverän die Passagen in der 7. Lage aufwärts, beherrscht die Doppelgriffe; und besonders schöne Cantilenen gibt es im 3. Satz. Dazu glänzt das Wiener Staatsballett durch Präzision, allen voran die geschmeidige Ketevan Papava mit dem kraftvollen Eno Peci und die lieblich-melancholische Liudmila Konovalova mit dem energiegeladenen Mihail Sosnovschi (sichtlich in Höchstform durch die vergangenen Abderachman- und bevorstehenden Puck-Vorstellungen). Souverän ist auch das Corps de Ballet (besonders positiv: Dumitru Taran und Richard Szabo).

Ein bravouröses Rollendebüt als Haupttänzerin in George Balanchine's „Thema und Variationen“ gab die junge Solotänzerin Nikisha Fogo, die nicht nur mühelos ihre blitzsaubere, flinke Technik ausspielt (und dafür mehrmals Szenenapplaus erntet), sondern auch die anspruchsvolle Choreographie auskostet und mit einem sympathischen Selbstbewusstsein zum Besten gibt. Bei dieser hervorragenden Leistung hofft man auf weitere Hauptpartien für sie. Ihr kongenialer Partner Denys Cherevychko ermöglicht ihr traumhaft schöne Hebefiguren und brilliert in seinen Variationen mit sauberen Pirouetten, mühelosen Sprüngen und jugendlichem Charme. Ebenfalls brillant sind die Halbsolisten-Paare (Rollendebüt bei Sveva Gargiulo, auffallend gut Francesco Costa und Rikako Shibamoto), sowie das harmonische Corps de Ballet. Tosender Applaus, nicht zuletzt auch für die schwungvolle Musik von Peter Iljitsch Tschaikowsky, man geht beglückt in die Pause.

Teil 2 wurde mit John Neumeiers „Bach Suite drei“ eröffnet, hervorragend getanzt vom Hauptpaar Maria Yakovleva und Roman Lazik, sowie dem zweiten Paar Fiona McGee (eine sehr begabte Tänzerin, aktuell noch im Corps de Ballet) und Richard Szabo, sowie drei luxuriös besetzten weiteren Paaren (geschmeidig: Ioanna Avraam, Alice Firenze und Natascha Mair, und kraftvoll: Leonardo Basilio, Dumitru Taran und Alexandru Tcacenco). Besonders bewundernswert ist deren Körperbeherrschung in den zeitlupenartigen, ästhetischen Bewegungen.

Last but not least wird mit „The Concert“ von Jerome Robbins ein herrlich-komödiantisches Werk geboten. Pianist Igor Zapravdin spielt die wunderschöne Musik von Frédéric Chopin nicht nur schwungvoll, sondern erweist sich auch als guter Schauspieler, der zum Schluss des Stücks die Tänzer mit einem Schmetterlingsnetz zu fangen versucht.

Mit Auftrittsapplaus wird das Comeback von der Ersten Solotänzerin Irina Tsymbal gefeiert, die nach der Babypause erneut mit Ausdrucksstärke und Eleganz glänzt – diesmal in der humoristischen Rolle der Ballerina, die ihr ideal liegt: gekonnt überzeichnet sie die affektierten Momente mit einer entzückenden Mimik, elegant schwebt sie als Schmetterling geradezu schwerelos über die Bühne. Eno Peci zeigt sich nach dem virtuosen Balanchine von einer ganz anderen Seite, sein komisches Talent kommt in der Rolle des Ehemanns ideal zur Geltung (nebenbei tanzt er flink und sauber) und einer der besten Momente des Stücks ist wohl der „Hitchcook“-Auftritt mit dem Messer. Als Ehefrau debütierte Gala Jovanovic mit einer starken Bühnenpräsenz, ebenso gab es für Trevor Hayden als schüchterner Jüngling ein gelungenes Rollendebüt. Céline Janou Weder überzeugt als energische Frau und sorgt für zahlreiche Lacher gemeinsam mit ihren fünf Kolleginnen im „Valse“.

Die Künstler wurden alle mit frenetischem Applaus gefeiert, sehr grosses Lob gilt auch Dirigent Kevin Rhodes und dem Orchester der Wiener Staatsoper, die selbstverständlich Strawinsky, Tschaikowsky, J. S. Bach und Chopin an einem Abend stilgerecht spielen.

Folgevorstellungen: 3. und 5. Mai 2018

Katharina Gebauer 18.4.2018

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Raymonda

Wiener Staatsoper, 07.04.2018

Zweite Opernfreund-Kritik

Alles andere als eine gewöhnliche Repertoire-Vorstellung

 

Es ist unumstritten ein Qualitätsmerkmal des Wiener Staatsballetts, dass auch die 3. Besetzung in einem anspruchsvollen Werk, wie Rudolf Nurejews „Raymonda“ sehenswert ist und ein ebenbürtiges technisches Niveau bietet. Jede der Ersten Solotänzerinnen hat auf ihre Art etwas Besonderes, Einmaliges, und Nina Polakova ist jene, die vor 13 Jahren ins Corps de Ballet des Wiener Staatsballetts (damals: Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper) aufgenommen wurde, es über die Jahre durch steten Fleiss verdient bis an die Spitze der Company schaffte und mittlerweile so gut wie alle Hauptpartien des klassischen und modernen Repertoires getanzt hat.

Sobald eine Partie melancholische oder dramatische Züge hat, ist Polakova ganz in ihrem Element; während sie nicht so sehr auf das „süsse kleine Mädchen“ setzt, sondern vielmehr mit Ruhe und Selbstbewusstsein zu überzeugen weiss, was ihr auch in den technisch diffizilen Variationen sehr zugute kommt. Und dazu ist Masayu Kimoto als Jean de Brienne eine wahrhaft edle Erscheinung, überhaupt hat er sich in den vergangenen Produktionen (Giselle, Schwanensee) als Prinz bewährt: ein sicherer Partner mit nobler Zurückhaltung, wenn die Primaballerina im Vordergrund steht, in seinen Variationen stets souverän, aber auch darstellerisch aussagekräftig. Seinen ersten Jean de Brienne tanzte er wenige Tage zuvor und auf die nächsten Hauptrollen kann man sich schon freuen.

Als Abderachman war der vielseitige Eno Peci zu erleben, ein charakterstarker, flinker Tänzer mit jahrelanger „Bösewichter-Rollen“-Erfahrung.

Während die Nebenrollen Clémence, Henriette, Bernard und Béranger dramaturgisch zwar in erster Linie als fröhliche Freunde Raymondas angelegt sind, die technisch Unglaubliches leisten dürfen, so hat diese (1.) Besetzung allerdings erstklassigen Charme und man freut sich auf jede ihrer Variationen. Nikisha Fogo ist die Freude über die unermüdlichen (und weich landenden) Sprünge förmlich anzusehen – es wäre spannend, sie einmal in einer abendfüllenden klassischen Hauptrolle zu erleben, technische Grenzen scheint es bei ihr keine zu geben – Natascha Mair bezaubert elfengleich mit souveränen, sauberen Balancen (man denkt hierbei unweigerlich, was für ein hervorragendes Dornröschen sie wäre), Nachwuchstalent Scott McKenzie und der bereits routinierte Richard Szabo brillieren ebenfalls.

In den Charaktertänzen überzeugen Fiona McGee und Francesco Costa als feuriges Sarazenen-Duo, sowie Alice Firenze (mit hervorragender Fussarbeit) und Dumitru Taran als temperamentvolle Spanier, Alena Klochkova und Igor Milos als geschmeidige Ungarn, aus den Walzer-Halbsolisten fallen besonders Anita Manolova, Rikako Shibamoto und Dumitru Taran positiv auf.

Grosses Lob gilt auch dem unermüdlichen, harmonischen Corps de Ballet, das ebenfalls von der Schnelligkeit und Genauigkeit nicht verschont bleibt, nicht umsonst gilt Nurejews Version als eine der schwierigsten, wenn nicht die schwierigste...

Den grössten Applaus jedoch gab es für das Dirigat von Kevin Rhodes, der das Orchester der Wiener Staatsoper facettenreich durch die schwelgende Musik von Alexander Glasunow führt und dabei die Tänzer gekonnt begleitet.

Folgevorstellungen: 12. und 14.4.2018 mit Maria Yakovleva, Denys Cherevychko und Eno Peci

Katharina Gebauer 10.4.2018

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Raymonda

am 13.03.2018

Olga Esina in einer neuen Glanzpartie

 

Die umjubelte Erste Solotänzerin ist nach ihrer Babypause wieder zurück auf der Bühne und begeistert das Wiener Publikum mit keiner geringeren Hauptpartie, als die der Raymonda, in der Fassung von Rudolf Nurejew. In ihrer zweiten Vorstellung zeigt sie gekonnt, was eine klassische Primaballerina ausmacht, neben einer blitzsauberen Technik (ohne eine solche die Nurejew-Fassung nicht möglich ist) gestaltet sie glaubhaft die zuerst jugendlich-schwärmende Adelige, die sich gegen die Avancen des exotischen Abderachman zuerst noch schüchtern, dann immer entschiedener wehrt und mit jedem Akt auch an Selbstbewusstsein gewinnt. Extra erwähnen muss man die besonders schön getanzte Variation im 2. Akt, Esina gelingt es nicht nur, diese zu absolvieren; der Zuschauer registriert sowohl die technischen Ansprüche, als auch wie souverän sie diesen gerecht wird und wie sie darüber hinaus das Tanzen geniesst. Jakob Feyferlik (bereits vergangene Saison 1. Besetzung Jean de Brienne) ist ihr ein ebenbürtiger, sicherer Partner, der mit jugendlichem Charme und edler Haltung die beinahe Entführte rettet und überdies mit leicht-federnden Sprüngen erfreut. Als sein Konkurrent Abderachman überzeugt Vladimir Shishov vor allem durch Ausdruckskraft und Geschmeidigkeit.

Und es wäre nicht das Wiener Staatsballett, wenn nicht auch die Rollen neben den drei Protagonisten hervorragend besetzt sind. Allen voran Clémence und Henriette mit den Solotänzerinnen Ioanna Avraam und Alice Firenze, welche beide ihre äusserst diffizilen Variationen mit einer Präzision und Spielfreude zum Besten geben, beiden gelingen sowohl die Balancen, als auch die schnellen Schrittfolgen mühelos, Avraam ist besonders brillant, Firenze genauso lieblich. Ihre Partner Trevor Hayden und Tristan Ridel beeindrucken mit unermüdlichen Sprüngen – Nurejew hatte nicht nur an die Hauptrollen hohe Anforderungen...

Eine weitere Hauptrolle des Abends spielt das harmonische Corps de Ballet, denn auch die Ensemblenummern bedachte Nurejew mit unzähligen schnellen Schrittkombinationen. In den Charaktertänzen brillieren Sveva Gargiulo und Francesco Costa (Sarazenen-Duo), Gala Jovanovic und Alexandru Tcacenco (Spanischer Tanz), wie auch Oxana Kiyanenko und Zsolt Török (Ungarischer Tanz).

Unter der Leitung von Kevin Rhodes, der die Tänzer hervorragend begleitet (selten kennt sich ein Dirigent so gut mit den Schrittfolgen aus!), spielt das Orchester der Wiener Staatsoper facettenreich und erntet grossen Applaus.

Katharina Gebauer 17.3.2018

Bilder (c) Staatsballett

Folgevorstellungen: 2. und 7.4. (mit Nina Polakova, Masayu Kimoto und Eno Peci), 12. und 14.4. (mit Maria Yakovleva, Denys Cherevychko und Eno Peci)

 

PEER GYNT 

Staatsoper am 27.1.2018

Packend bis zum Schluss

Die 2015 in Maribor uraufgeführte Choreographie von Edward Clugs „Peer Gynt“ hatte vor einer Woche Premiere mit dem Wiener Staatsballett – in der 4. Aufführung kommt die Alternativbesetzung erstmals zum Zug. Neu besetzt sind Peer Gynt, Solveig, Ingrid, die Frau in Grün, der Schmied Aslak und Anitra, sowie vereinzelte Tänzer im Corps de Ballet, während die anderen Partien einfach besetzt sind.

Mit der Titelpartie von Peer Gynt hat Erster Solotänzer Denys Cherevychko (nach seiner besonders erfolgreichen Interpretation als Corsaire) eine weitere Idealpartie gefunden. Cherevychko ist mittlerweile auf einem derart hohen Niveau, dass man von ihm nur noch „ausgezeichnete“ oder „besonders ausgezeichnete“ Leistungen kennt, und Peer Gynt ist eine „besonders ausgezeichnete“ Rolle für ihn.

Mühelos gelingen ihm sowohl die geschmeidigen, als auch die zackigen Bewegungen, aber vor allem glänzt er darstellerisch, zuerst als teils unbekümmerter Jungspross, der allerdings auch Kritik und Schläge seiner Mutter (ausdrucksstark: Franziska Wallner-Hollinek) verkraften muss und einem weissen Hirsch (geschmeidig: Zsolt Török) hinterherjagt, dann als lässiger Macho, der Mads Moen (Igor Milos) die Braut ausspannt, schliesslich doch mehr Gefallen an Solveig (hervorragend: Nina Polakova) findet, und zum Ende des ersten Akts reumütig zur sterbenden Mutter zurückkehrt und sich nochmals schlagen lässt. Umso selbstbewusster geht er im zweiten Akt auf Reisen, lässt sich von Anitra bezirzen, verliert alles, landet in der Irrenanstalt (hier schöpft Cherevychko seinen Facettenreichtum gekonnt aus), bis er schliesslich als alter Mann wieder zurück zu Solveig kehrt und mit letzter Kraft den Felsen hinaufklettert. Das sind auch die Momente, die zu Tränen rühren, wenn Nina Polakova als gealterte, blinde, immer noch liebende Solveig wartend auf dem Felsen sitzt und Peer Gynt gar nicht mehr wahrnimmt. Überdies ist Polakova in den Pas de deux eine ebenbürtige Partnerin für Cherevychko, gerne würde man noch mehr Auftritte von Solveig sehen.

Es ist ein bekanntes Qualitätsmerkmal des Wiener Staatsballetts, bis in die kleinsten Rollen hervorragend zu besetzen. Seien es die elegante Eszter Ledan als Ingrid, oder die geschmeidig-verführerische Nikisha Fogo als Frau in Grün – mit einer sensationell choreographierten Schwangerschaft, wo der Hinterkopf auf einmal durch eine Maske als Gesicht fungiert – oder die bezaubernde Céline Janou Weder als Anitra, oder auch die vier Verrückten (überzeugend: Sveva Gargiulo, Gala Jovanovic, Leonardo Basilio und Scott McKenzie). Auch das Corps de Ballet zeigt sich stilsicher, geschmeidig und harmonisch in dem schlicht, aber effektvoll gehaltenen Bühnenbild (Marko Japelj, Kostüme: Leo Kulas, Licht: Tomaz Premzl).

Der heimliche Protagonist des Abends ist Andrey Kaydanovskiy in der Rolle des Todes. Zuerst verhindert er im ersten Akt, dass Peer Gynt von Aslak (Alexis Forabosco) zu Tode getroffen wird, begleitet ihn aber geradezu dämonisch-bedrohlich durch das ganze Stück. Bei jedem Auftritt von ihm, egal ob er in kleinen Schritten und gefährlich lächelnd über die Bühne trippelt, oder ob er energisch-geschmeidig erscheint, verschafft er dem Zuschauer eine gehörige Gänsehaut. Da darf man auf weitere Charakterpartien gespannt sein.

Grossen Applaus gab es auch für das souveräne Klaviersolo von Shino Takizawa, sowie für das Orchester der Wiener Staatsoper, welches unter der dynamischen Leitung von Simon Hewett die wunderschöne Musik von Edvard Grieg mehr als hervorragend zum Besten gab und das packende Geschehen auf der Bühne ideal unterstützte.

Folgevorstellungen: 30.1., 1.2.2018

Katharina Gebauer

Bilder (c) StOp

 

 

BRITISCHE CHOREOGRAPHEN

MacMillan/McGregor/Ashton

Wiener Staatsballett am 31.10.2017

Auf höchstem Niveau

Mit dem neuen Dreiteiler, der ganz unter dem Motto „britische Choreographen“ steht, bot das Wiener Staatsballett eine vielseitige Premiere auf höchstem Niveau.

Zur Eröffnung des Abends wurde „Concerto“ von Sir Kenneth MacMillan getanzt – ein neoklassisches Werk aus den 60er Jahren, welches in erster Linie eine brillante Technik von Solisten und Corps de Ballet abverlangt. Für die (perfekte) Einstudierung zeichnet Julie Lincoln verantwortlich, eine würdige Atmosphäre gibt es dank Deborah MacMillan (Kostüme und Bühne) und John B. Read (Licht). Die Musik dazu ist das Klavierkonzert Nr. 1 in F-Dur von Dmitri Schostakowitsch, erfreulicherweise live - Igor Zapravdin am Flügel, und das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Valery Ovsyanikov glänzen durch exaktes Zusammenspiel, genauso wie das Corps de Ballet. Und die Solisten! Geschmeidig und blitzsauber eröffnen Nikisha Fogo und Denys Cherevychko den Abend, sie sind nicht nur technisch vorzüglich, sondern kosten gekonnt und locker ihre Stärken aus, dass der Zuschauer aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Ein wahrer Genuss ist der Pas de deux im 2. Satz mit Nina Polakova und Roman Lazik. Unumstritten hat Polakova eine hervorragende Technik und meistert die Ansprüche geradezu mühelos, schwebend gelingen alle Hebungen, nicht zuletzt auch dank ihrem kongenialen Partner Lazik; ein harmonisches Paar, dem man wirklich gerne zusieht. Der 3. Satz – der übrigens bei der Uraufführung 1966 in Berlin auch für ein Paar konzipiert war und dann aus Verletzungsgründen zu einem Solo umchoreographiert wurde, welches dauerhaft so beibehalten wurde – ist mit der lieblichen Alice Firenze besetzt, die das Solistenensemble ideal ergänzt. Beeindruckt geht man in die erste Pause.

„EDEN/EDEN“ von Wayne McGregor, welches 2005 in Stuttgart uraufgeführt wurde, entführt das Publikum in eine Welt der Technologie. In den ersten paar Minuten wird ein Film von Ravi Deepres abgespielt, dann tauchen die Tänzer aus der Versenkung auf. Zunächst mit glatzenähnlichen Hauben, und spärlich bekleidet (Kostüme: Ursula Bombshell); zum Schluss des Stücks sind die Haare frei und jede/r trägt ein kurzes, hautfarbenes Kleidchen. Die Musik von Steve Reich („Dolly“ aus „Three Tales“ - gemeint ist das Klonschaf Dolly aus den 90er Jahren) wird etwas laut aus der Box wiedergegeben, was auf Dauer mit den intensiven Bässen etwas nervös macht – getanzt wird hervorragend (Einstudierung: Antoine Vereecken). Gerade, wenn man für so ein Werk Solisten mit Persönlichkeit, wie Rebecca Horner hat, die sich in diesem Stil sichtlich wohlfühlt und selbst als Roboter zu faszinieren weiss, oder auch die vielseitige Natascha Mair, deren Part auch einige klassische Elemente (z.B. Fouettés) beinhaltet und im nächsten Moment eine derartige Beweglichkeit an den Tag legt, wie man sie selten sieht. Imponierend ist auch die Wandlungsfähigkeit von Nikisha Fogo und Denys Cherevychko, die noch 20 Minuten zuvor ganz im neoklassischen Stil zuhause waren, und auch Madison Young, Francesco Costa, Masayu Kimoto, Tristan Ridel und Zsolt Török tragen entscheidend zum grossen Erfolg bei.

Nach der zweiten Pause (es ist ganz gut, dass es nach einem intensiven Werk, wie „Eden/Eden“ eine weitere Pause gibt) kommt der Klassikfan ganz auf seine Kosten: „Marguerite and Armand“ von Frederick Ashton, uraufgeführt 1963 am Royal Opera House mit Dame Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew, ist 50 Jahre nach seiner Wiener Erstaufführung (ebenfalls mit Fonteyn und Nurejew) wieder nach Wien zurückgekehrt. Ein berührendes, romantisches Werk mit dazu passender, schwelgender Musik von Franz Liszt (Klaviersonate h-moll, arrangiert von Dudley Simpson), die wieder vom Orchester der Wiener Staatsoper und Shino Takizawa am Flügel zum Besten gegeben wird. Liudmila Konovalova hat als Marguerite nicht nur eine stets perfekte Technik, sondern gibt auch viel Gefühl in die Partie der Edelkurtisane, die sich ihrer Schönheit sehr wohl bewusst ist, und sich dennoch ehrlich in Armand verlieben kann; glaubhaft bittet sie Armands Vater (überzeugend: Vladimir Shishov) um seinen Segen zu ihrer Beziehung mit Armand, und nobel wahrt sie die Haltung bei den Hustenanfällen, selbst die Sterbeszene darf auch Eleganz beinhalten. Jakob Feyferlik reüssiert als Armand auf ganzer Linie, mit gerade einmal 21 Jahren legt er eine bewundernswerte Charakterstärke an den Tag, berührt als junger, leidenschaftlich liebender Armand, zudem ist er ein harmonischer Partner für Konovalova; alle Hebefiguren gelingen mühelos und seine Sprünge landen stets weich. In den statistischen Rollen überzeugen neben Vladimir Shishov auch Alexis Forabosco (Herzog) und Franziska Wallner-Hollinek (Zofe).

Kurz: Sehenswert und hörenswert!

Folgevorstellungen: 3., 6., 10. November 2017, 8., 9., 12. Juni 2018

Katharina Gebauer 6.11.2017

Bilder (c) Staatsballett

 

 

GISELLE

Wiener Staatsballett, Wiener Staatsoper, 9.10.2017

Ioanna Avraam bezaubert als „Giselle“

Nach einigen Hauptrollen in modernem und neoklassischem Repertoire, sowie auch als Titelpartie von der „Schneekönigin“ und „Giselle Rouge“ (an der Volksoper) ist Solotänzerin Ioanna Avraam nun in ihrer ersten abendfüllenden, klassischen Hauptrolle an der Staatsoper zu erleben und ist so gut, dass man sie sehen MUSS.

Dies zeigt sich auch in kleinen Details; glaubhaft bestaunt sie das herrlich-leuchtende rote Samtkleid von Bathilde (elegant: Vanessza Csonka), als sähe sie so einen wertvollen Stoff zum ersten Mal in ihrem Leben, und wenn sie in der Konversation mit Bathilde kindlich nickt, oder die Herzkrankheit verharmlost, so wirkt dies niemals als eine aufgesetzte Schüchternheit, oder eine erwachsene Frau, die einen Teenager spielt, Avraam IST in diesem Moment das sympathische, naiv-verliebte Bauernmädchen. Dass sie in dramatischen Szenen für Gänsehautmomente sorgt, hat sie schon in Eifmans „Giselle Rouge“ bewiesen, und so gelingt es ihr auch als „klassische Giselle“, in der Wahnsinnsszene zu Tränen zu rühren. Übrigens landet Avraam bereits im 1. Akt sehr weich bei allen Sprüngen, was dem Charakter der Giselle auch noch einmal zugute kommt. Während sie im 1. Akt gekonnt Zerbrechlichkeit zeigt und den daraus drohenden Tod wie ein Damoklesschwert über sich schweben lässt, so strahlt sie im Gegenzug im 2. Akt eine innere Ruhe und Sanftmut aus, bezaubernd schwebend meistert sie die technischen Ansprüche im 2. Akt und wie ein Geist über den Tod hinaus noch Gefühle hat, kann man sich anhand ihres melancholisch-schönen Ausdrucks vorstellen. Besonders lieblich gelingen ihr die fliessenden port de bras und mühelos die petite batterie. Solch eine Giselle möchte man öfters erleben; auch in anderen darstellerisch anspruchsvollen Partien wäre Ioanna Avraam sehr geeignet. Wenn es nicht schon sieben 1. Solotänzerinnen gäbe... Die nächste Beförderung dürfte sicher bald an diese wunderbare Tänzerin gehen.

Denys Cherevychko als jugendlicher Herzog Albrecht ist ein sehr harmonischer Partner für Avraam, technisch wie immer sehr sicher, und spielerisch-kraftvoll. Ebenfalls stark als Hilarion: Alexis Forabosco. Halbsolistin Oxana Kiyanenko ist eine etwas zurückhaltende Myrtha mit sauberer Technik, die Solo-Wilis (Sveva Gargiulo und Anita Manolova) glänzen grazil und filigran, Sveva Gargiulo ist dazu angenehm lautlos bei den Sprüngen, was die Glaubhaftigkeit, ein Geist zu sein, unterstreicht.

Ein hervorragendes Debüt im Bauern-Pas de deux gibt der junge Corps de Ballet-Tänzer Scott McKenzie – ein äusserst talentierter Tänzer, dessen brillante Leistung nach mehr solistischen Aufgaben ruft. Ihm zur Seite bezaubert die liebliche Natascha Mair, die in jeder Vorstellung ein Garant für hohe Qualität ist.

In den Statistenrollen überzeugen Franziska Wallner-Hollinek als Giselles Mutter, Jaimy van Overeem als Wilfrid, Kamil Pavelka als Herzog von Kurland und Vanessza Csonka als Bathilde.

Das Corps de Ballet zeigt sich einmal mehr mit Harmonie von seiner besten Seite.

Grossen Applaus gab es auch für Dirigent Valery Ovsyanikov und das Orchester der Wiener Staatsoper – einmal mehr muss die klangschöne Darbietung des Solo-Bratschisten hervorgehoben werden!

Folgevorstellungen: Mai/Juni 2018

Katharina Gebauer 12.10.17

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Zum Zweiten

GISELLE

Wiener Staatsballett, Wiener Staatsoper, 28.9.2017

Mehr als nur eine Repertoire-Vorstellung

Mit der bereits 69. Vorstellung von Elena Tschernischowas „Giselle“, bzw. die 5. Vorstellung in Serie diesen Herbst, kann sich der Zuschauer erneut vom hohen Niveau des Wiener Staatsballetts überzeugen, und dass der „Ballettklassiker“ keinesfalls zu einer gewöhnlichen Repertoire-Vorstellung abgestumpft ist.

Aufgrund einer Erkrankung von Maria Yakovleva wurde die Titelpartie wieder von Nina Polakova getanzt, welche mit ihrer dritten Vorstellung nun ganz in die Rolle hineingefunden hat. Während der 2. Akt schon bei der Wiederaufnahme atemberaubend schön war, hat sie sich nun auch im 1. Akt die Giselle zueigen gemacht; noch neckischer und unbeschwerter sind die gemeinsamen Momente mit Albrecht, überzeugend ist sie auch das schüchtern-verliebte, herzkranke Bauernmädchen, welches an Albrechts Betrug zerbricht und wahnsinnig wird.

Dies liegt nicht zuletzt auch an ihrem neuen Partner Masayu Kimoto, welcher mittlerweile schon gewöhnt an Prinzen-Rollendebüts mit Livestream (zuletzt im Juni als Schwanensee-Prinz) sein dürfte. Kimoto ist nicht nur ein hervorragender Partner, sondern hat auch die Ausstrahlung eines Prinzen, der sehr wohl die Flirtereien mit Giselle geniesst, aber dessen fürstliche Haltung nie verloren geht. Seine Variationen tanzt er sowohl ausdrucksstark, als auch mit makelloser Technik. Als sein Kontrahent Hilarion weiss Andrey Kaydanovskiy zu überzeugen, dessen eifersüchtige Handlungen aus Liebe zu Giselle nur logisch erscheinen – völlig am Boden zerstört bleibt er am Ende des 1. Aktes zurück, ohne jedoch affektiert zu wirken. Im 2. Akt wieder einmal hervorragend: Rebecca Horner als unbarmherzige Myrtha, die gekonnt Eleganz und Ausdrucksstärke vereint und überdies auch mit Sprungkraft glänzt.

Rollendebüts gab es diesmal auch für das Bauernpaar (Alice Firenze und Leonardo Basilio), zwei äusserst souveräne Tänzer, sowie in den statistischen Rollen für Kamil Pavelka (Herzog von Kurland) und Vanessza Csonka (Bathilde), während die Solo-Wilis erneut von den federleichten Damen Rikako Shibamoto und Elena Bottaro getanzt, bzw. geschwebt wurden.

Das Corps de Ballet erntete im 2. Akt Szenenapplaus und glänzte durch Harmonie – auch in kleinen Gruppen sehr anmutig: Giselles Freundinnen (Elena Bottaro, Sveva Gargiulo, Fiona McGee, Xi Qu, Rikako Shibamoto und Céline Janou Weder).

Das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Valery Ovsyanikov spielte auch deutlich besser, als bei der Wiederaufnahme; besonders schön gelangen die Bratschensoli im 2. Akt.

Folgevorstellungen: 1. und 9.10.2017, sowie 30.5., 2., 4. und 6.6.2018

Katharina Gebauer 1.10.2017

Bilder Staatsballett

 

 

GISELLE

Wiener Staatsballett, Wiener Staatsoper, 22.9.2017

Schwebender „weisser Akt“

Nach 6 Jahren Pause steht der Ballettklassiker „Giselle“ wieder am Spielplan des Wiener Staatsballetts und wartet mit einer Fülle an Rollendebüts auf.

Nina Polakova, welche bereits zahlreiche Hauptpartien des klassischen Repertoires erfolgreich getanzt hat, ist nun erstmals in der Titelpartie zu erleben. Wie man es bei einer Ballerina von ihrem Kaliber auch gar nicht mehr anders erwarten kann, ist sie nicht nur technisch perfekt, sondern zeigt auch ganz feine Linien, die besonders im 2. Akt zur Geltung kommen, glänzt durch Schwerelosigkeit und einen wunderschön-melancholischen Ausdruck. Als Herzog Albrecht debütiert Denys Cherevychko, der als sehr jugendlich-leichtsinniger Adeliger überzeugt und dessen Reue über Giselles Tod im 2. Akt glaubhaft vermittelt wird. In seinen Variationen ist er mit einer Lässigkeit hervorragend, in der Schlussszene geradezu unermüdlich mit unzähligen battements, für die er auch Zwischenapplaus erntet. Als sein Gegenspieler Hilarion ist Rollendebütant Eno Peci (der übrigens in der letzten „Giselle“-Serie als Albrecht reüssierte) ein energischer, bodenständiger Wildhüter.

Natascha Mair ist eine luxuriöse Besetzung für den Bauern Pas de deux, mit ihrer sympathischen Lockerheit meistert sie auch dieses Rollendebüt brillant. In Dumitru Taran (ebenfalls Rollendebüt) hat sie einen ebenbürtigen Partner, der seine Variation souverän zum Besten gibt.

In den statistischen Partien überzeugen Marcin Dempc als Wilfrid, Igor Milos als Herzog von Kurland, Oxana Kiyanenko als besonders elegante Bathilde in prächtig-rotem Kostüm und Franziska Wallner-Hollinek als Giselles Mutter.

Während der 1. Akt souverän und unter Umständen etwas unterkühlt wirken mag, so kann man sich im 2. Akt auf Rebecca Horners Rollendebüt als Myrtha freuen. Oftmals erlebt man die Königin der Wilis mit klassischen Ballerinen, die in erster Linie solide ihre Variationen absolvieren, und dann hübsch ohne Lächeln dastehen und manchmal den Arm halb abweisend bewegen.

Rebecca Horner hingegen, welche primär im modernen Tanz zum Publikumsliebling avancierte, macht auch in ihrer ersten klassischen grossen Rolle eine sehr gute Figur. Ihre Myrtha ist genauso majestätisch und unbarmherzig, wie elegant und schwebend. Schon vom ersten Auftritt an entführt sie das Publikum in eine Geisterwelt und durch ihre eiskalte Unerbittlichkeit spornt sie Nina Polakova darstellerisch umso mehr zur Verzweiflung an – eine kongeniale Interaktion, wobei besonders die hervorragende Armführung (zwischen der geradezu zerbrechlichen Polakova und der energischen Horner) zur Geltung kommt. Als Solo Wilis Moyna und Zulma debütieren lieblich schwebend Rikako Shibamoto und Elena Bottaro.

Offensichtlich gab es in den letzten 6 Jahren doch einiges an personeller Veränderung, zumindest ist „Giselle“ für 80% des Corps de Ballet eine Neuproduktion. Das ändert aber nichts daran, dass das Corps de Ballet sehr harmonisch agiert und die Wilis verdient Szenenapplaus erhalten.

Unter der Leitung von Valery Ovsyanikov spielt das Orchester der Wiener Staatsoper manchmal etwas uneins (gar eine bitonale Stelle), besonders positiv allerdings fällt das Viola-Solo im 2. Akt auf.

Folgevorstellungen: 24., 26., 28.9., 1., 9.10.2017

Katharina Gebauer 23.9.2017

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Nurejew Gala 2017

am 29.06.2017

Grossartig, aber ein strahlendes und ein weinendes Auge

Wie zu jedem Saisonschluss seit der Ära Legris gab es für das Wiener Publikum eine „Nurejew Gala“. Und auch dieses Jahr wartet Ballettdirektor Manuel Legris mit einer Fülle von hervorragenden Werken auf, die für den Zuschauer wie im Flug vergehen.

Mit dem pas de cinq aus Nurejews „Dornröschen“ wurde die Gala eröffnet – ein Markenzeichen für Nurejews Choreographien ist das hohe Schwierigkeitslevel, die Tänzerinnen durften unzählige à la seconde und rasche Schrittkombinationen absolvieren, zweifelsohne auf sehr hohem Niveau, allerdings aufgrund der choreographischen Komplexität mit Kombination der Sommerhitze fast eine Überforderung für die Zuschauer, welche die souveräne Leistung von Adele Fiocchi, Dumitru Taran, Laura Nistor, Elena Bottaro und Xi Qu mit etwas zu mässigem Applaus belohnte.

Aber spätestens beim darauffolgenden Stück - „Solo“ von Hans van Manen – war man munter, nicht zuletzt auch durch den bübischen Schalk, welchen alle drei Interpreten hervorragend transportieren vermochten, allen voran der begnadete Solist Masayu Kimoto (der im Anschluss an die Vorstellung verdient zum 1. Solisten befördert wurde), sowie die geschmeidigen Halbsolisten Richard Szabo und Géraud Wielick.

Natürlich dürfen bei einer Saisonschlussgala auch keine Gastsolisten fehlen – dieses Jahr debütierte Maria Shirinkina (1. Solistin des Bayerischen Staatsballetts) im Spartacus-Pas de deux von Juri Grigorowitsch an der Wiener Staatsoper. Ihr Partner und Ehemann, Vladimir Shklyarov -ebenfalls 1. Solist des Bayerischen Staatsballetts – gab sein Debüt an der Wiener Staatsoper bereits 2012. Ein emotionaler, geradezu artistischer Pas de deux zwischen Phrygia und Spartacus wurde hier dargeboten, mit Szenenapplaus für eine besonders schwere Hebung.

 Ein „bewährtes“ Werk, „Glow-Stop“ von Jorma Elo, folgte daraufhin, mit zahlreichen Rollendebüts (bei den Damen hatte bisher nur Maria Yakovleva in „Glow-Stop“ getanzt, bei den Herren gab es hingegen nur bei Francesco Costa ein Rollendebüt). Und es ist eine pure Freude, wie geschmeidig die Damen Yakovleva, Avraam, Firenze, Horner, Mair und Kiyanenko über die Bühne wirbeln und die Herren Shishov, Costa, Forabosco, Lukacs, Tcacenco und Pavelka ein kraftvolles Pendant geben.

Erstmals an der Wiener Staatsoper war der anschliessende Pas de deux aus John Neumeiers „Magnificat“ zu sehen, in einer traumhaft-ästhetischen Interpretation von Nina Tonoli und Jakob Feyferlik. Zwei junge Solotänzer, die sich im vergangenen Jahr darstellerisch sehr gesteigert haben, Tonoli kann natürlich nach wie vor den Mädchencharakter ideal verkörpern, hat jedoch an Ruhe und Tiefgründigkeit gewonnen und man darf sehr gespannt auf ihre nächsten Partien sein. Die Altpartie wurde von Staatsopernsolistin Margaret Plummer mit einer angenehm-satten Tiefe gesungen.

Bedauerlicherweise verletzte sich 1. Solotänzer Davide Dato in seiner Variation des „Stars and Stripes“ Pas de deux. Dabei hatte dieses hochvirtuose Werk von George Balanchine so vielversprechend begonnen, mit der technisch äusserst versierten Nikisha Fogo, die alle Balancen mühelos stand und dem Publikumsliebling Davide Dato, der zu seiner hervorragenden Leistung noch eine riesige Portion Charme miteinbrachte. Eine plötzliche Verletzung zwang ihn in seiner Variation zu Boden und es musste abgebrochen werden. Wirklich schade auch für seine Partnerin Fogo, die gerade in diesem Stück besonders brilliert hätte, ebenso schade auch für seine zweite Partnerin Nina Tonoli, da der Pas de deux aus „Peer Gynt“ aufgrund der Verletzung entfallen musste.

Dies überschattete auch das danach folgende Stück „Murmurations“ von Edwaard Liang mit der wunderbar-geschmeidigen Nina Polakova, dem kongenialen Roman Lazik und dem eleganten Ensemble. Mit einem strahlenden und einem weinenden Auge ging man also in die erste Pause.

Der zweite Teil stand ganz unter dem Motto Rudolf Nurejew – ein Teil des ersten Aktes, sowie der „Schattenakt“ wurde dargeboten.

Flinke Soli gaben Sveva Gargiulo und Céline Janou Weder im Dschampe-Tanz, Gabor Oberegger mimte einen würdigen Radscha Dugmanta. Besonders edel gelang der Pas de deux von Ioanna Avraam und Robert Gabdullin als Nikia und Solor – Avraam wäre auch für die ganze Partie ein Glücksfall.

Der Schattenakt wurde von Liudmila Konovalova und dem Gastsolisten Vladimir Shklyarov getanzt, auf technisch sehr hohem Niveau. Wunderschöne Variationen gab es von den Solo-Schatten Natascha Mair (bezaubernd!), Nikisha Fogo (hier gab sie sichtlich noch einmal alles und wurde mit Sonderapplaus belohnt) und der souveränen Adele Fiocchi. Das Damen-Ensemble glänzte grösstenteils durch Harmonie, ein paar kleine Wackler nach minutenlangen Arabesque-Folgen kann man da schon eher verzeihen.

Der letzte Teil schliesslich begann mit einem Klaviersolo von Ballettkorrepetitor Igor Zapravdin, welcher in Melodien von Sergei Rachmaninow die „russische Seele“ zum Klingen brachten - „With a chance of Rain“, eine humoristische, aber auch melancholische Choreographie von Liam Scarlett wurde von Alice Firenze und Mihail Sosnovschi bzw. als „Gegenpaar“ von Nina Polakova und Eno Peci facettenreich und mit einer sympathischen Portion Sexappeal zum Besten gegeben.

Lässigkeit und Kraft stand im folgenden Stück „In the middle, somewhat elevated“ von William Forsythe im Vordergrund: Mühelos wirft die Gastsolistin Elena Vostrotina (ab nächster Spielzeit 1. Solistin beim Ballett Zürich) mehrere 200-Grad-grand battements, was bei ihrer Grösse und unendlich langen Beinen noch eindrucksvoller zur Geltung kommt, während Vladimir Shishov mit Ausdrucksstärke und Lockerheit punktet.

Da der „Peer Gynt“ Pas de deux aufgrund der Verletzung von Davide Dato leider ausfiel, gab es unmittelbar nach dem umjubelten Forsythe nochmals eine Steigerung des modernen Tanzes: Rebecca Horner, mit der Geschmeidigkeit und Kondition einer Raubkatze macht sich das finale Solo aus John Neumeiers „Le Sacre“ durch starke Persönlichkeit ganz zu eigen und schafft Gänsehautmomente! Einzig bedauerlich, dass hier die Musik vom Tonband kam – im März hatte das Orchester der Wiener Staatsoper nämlich eine Höchstleistung beim „Sacre“ dargeboten.

Nach soviel geballter Kraft war der folgende lyrisch-romantische Pas de deux „La Prisonnière“ aus Roland Petits „Proust ou les intermittences du coeur“ ideal-beruhigend – überhaupt hat Ballettdirektor Manuel Legris einen dramaturgisch spannenden Ablauf der Gala gestaltet, abwechslungsreich mit Soli und Ensembles und choreographischen Stilen - und wurde stilvoll von den ersten Solotänzern Maria Yakovleva und Roman Lazik mit wunderschöner Ausstrahlung präsentiert. Gerade bei Tänzern, die schon seit über 10 Jahren im Wiener Staatsballett in zahlreichen Hauptpartien grosse Erfolge feiern, freut man sich umso mehr, wenn sich deren Darstellungen jedes mal noch mehr entfalten können, so ist Yakovleva seit ihrem Staatsoperndebüt zu einer ausdrucksstarken, jungen Frau gereift, die nun auch dramatische Partien überzeugend gestaltet, und Lazik ist der wahrscheinlich beste Partner, den sich in diesen Jahren eine Ballerina wünschen kann und hat an Facettenreichtum gewonnen.

Ein weiterer Höhepunkt der Gala war Balanchines „Tschaikowski-Pas de deux“, getanzt von der Gastsolistin Ludmila Pagliero und Jakob Feyferlik. Pagliero ist diesjährige Preisträgerin des Prix Benois de la Danse und glänzt mit schwebender Leichtigkeit – offensichtlich ist dieser Pas de deux Standardrepertoire für diese grossartige Ballerina – während Feyferlik voll jugendlicher Energie sprüht und hoffentlich noch öfters in Balanchine-Werken zu erleben sein wird.

Zum Abschluss des knapp 4-stündigen Abends gab es noch den 4. Satz aus Georges Bizet's „Symphonie in C“, Choreographie ebenfalls von Balanchine. Als Hauptpaare geben Alice Firenze, Robert Gabdullin, Natascha Mair, Masayu Kimoto, Liudmila Konovalova, Leonardo Basilio, Ioanna Avraam und Richard Szabo noch einmal alles – Szabo übernahm kurzfristig für den verletzten Davide Dato – und das Publikum feierte die Künstler mit lang anhaltendem Applaus. Ebenso wurde auch der souveräne Kevin Rhodes und das Orchester der Wiener Staatsoper mit zahlreichen Bravi bedacht.

Anschliessend an die Vorstellung wurden folgende Beförderungen bekannt gegeben: Neuer 1. Solist ist Masayu Kimoto, neue Halbsolistinnen sind Adele Fiocchi, Elena Bottaro, Sveva Gargiulo und Oxana Kiyanenko.

Erste Vorstellung des Wiener Staatsballetts in der Saison 2017/18: „Giselle“ von Elena Tschernischova am 22.9.2017

Katharina Gebauer 1.7.2015

Bilder (c) Staatsballett

 

SCHWANENSEE

am 1.6.2017 in der StOp

Neuer „Ideal-Prinz“

Die 233. Aufführung von Rudolf Nurejews „Schwanensee“ wurde Prof. Karl Musil (1939-2013) gewidmet, welcher jahrelang als Erster Solotänzer des Wiener Staatsopernballetts bemerkenswerte Erfolge feierte und bereits schon während seiner Tänzerkarriere als Ballettlehrer einige heute international gefeierte Ballettstars ausbildete. Einer seiner letzten Schüler – Jakob Feyferlik – war in dieser Vorstellung erstmals als Prinz Siegfried zu erleben.

Feyferlik ist ein begnadeter, junger Tänzer, der schon allein optisch dem Ideal für Prinzenrollen entspricht, und sich in seiner ersten Saison als Solotänzer (nach 3 Jahren im Corps de Ballet wurde er direkt zum Solisten befördert) in einigen Hauptpartien bewährt hat. So ist der Schwanensee-Prinz nicht seine erste Nurejew-Choreographie (bereits im Dezember war er 1. Besetzung für Jean de Brienne), aber gewiss ein krönender Abschluss für diese Saison. Gerade in der Nurejew-Choreographie ist der Prinz vielmehr als nur ein „Balance-Halter“ für die Primaballerina, sehr anspruchsvoll sind die Soli, die sowohl Schnelligkeit, als auch Stärke abverlangen. Sauber und weich landen seine Sprünge, souverän dreht er seine Pirouetten, als Partner hat er natürlich bei einer derart technisch brillanten Nina Polakova keine Mühe, so kann er auch darstellerisch auf ganzer Linie punkten, zunächst als jugendlich-stürmischer Prinz, der in Odette die grosse Liebe findet, dennoch nicht die Verwechslung mit Odile realisiert und danach umso dramatischer abstürzt. Allerdings bewahrt er stets eine edle Haltung, ohne affektiert zu wirken.

Hervorragend ist Nina Polakova sowohl als melancholisch-edle Odette, als auch als triumphierende, geradezu dämonische Odile, die technisch über jedem Zweifel erhaben ist und sehr gekonnt alle Feinheiten in den port de bras herausarbeitet. Die überaus schwierige Variation im 3. Akt mit den italienischen Fouettés zum Schluss tanzt Polakova mit einer Souveränität, die den Zuschauer erfreut. Eno Peci zeigt als Rotbart, dass man auch durch wenige, gezielte Gesten mit einem Flügelkleid Eindruck hinterlassen kann, während Oxana Kiyanenko, Jaimy van Overeem und Gabor Oberegger sehr elegant die statistisch angelegten Partien der Königin und Hofleute vertreten.

Als Gefährtinnen und Gefährten des Prinzen brillieren Natascha Mair, Nina Tonoli (welche sich unmerklich während der Vorstellung leider verletzte, weswegen zum Schlusstableau des 1. Aktes nur 1 Gefährten-Paar vor dem Corps de Ballet tanzte, Mair und Matthews lösten dies aber geschickt, dass es – wenn überhaupt - erst viel später auffiel), Greig Matthews und Dumitru Taran. Vor allem die Variationen von Mair und Tonoli wurden so grossartig getanzt, dass man gerne noch mehr gesehen hätte. Beide haben eine angenehm-lockere Art, ihre Auftritte zu geniessen und die solistischen Aufgaben in einer Perfektion und mit Persönlichkeit zu erfüllen; solche Solistinnen sprechen auch sehr für das hohe Niveau des Wiener Staatsballetts im internationalen Vergleich. Mair tanzte überdies gemeinsam mit der ebenfalls ausgezeichneten Solotänzerin Ioanna Avraam und den beiden Rollendebütantinnen Elena Bottaro und Rikako Shibamoto einen hochkarätigen Pas de quatre der vier kleinen Schwäne.

Die Charaktertänze im 3. Akt zeigen einmal mehr die brillante Vielseitigkeit des Wiener Staatsballetts, besonders positiv fällt Rebecca Horner im spanischen Tanz auf: eine Luxusbesetzung mit Esprit, welche die pure Freude am Tanz optimal zum Ausdruck bringt! Rollendebüts bei den Charaktertänzen gab es mit Rikako Shibamoto und Scott McKenzie (neapolitanischer Tanz) und Franziska Wallner-Hollinek und Marcin Dempc (polnischer Tanz), und für die verletzte Nina Tonoli sprang kurzfristig die geschmeidig-feurige Alice Firenze an der Seite von Francesco Costa ein.

Das Corps de Ballet glänzte durch Harmonie und Präzision, und auch Dirigent Alexander Ingram, welcher das Orchester der Wiener Staatsoper sicher durch Tschaikowskys herrliche Musik führte, wurde mit tosendem Applaus belohnt.

Folgevorstellungen: 4., 8. und 12.6.2017 (mit den Gastsolisten Marianela Nunez und Vadim Muntagirov/Liudmila Konovalova und Leonardo Basilio*/Maria Yakovleva und Masayu Kimoto*) *= Rollendebüt. Einen Live Stream gibt es in der Vorstellung vom 12.6.2017.

Katharina Gebauer 2.6.2018

Bilder (c) Staatsballett

 

 

ONEGIN

Wiener Staatsballett am 10.4.2017

Immer wieder atemberaubend schön

Nach einigen Rollendebüts in den vergangenen Vorstellungen von John Crankos „Onegin“ steht zur Abwechslung wieder einmal eine „altbekannte“ Besetzung am Spielplan – Routine kann man dies allerdings nicht nennen, da die Solisten darstellerisch mit jeder weiteren Vorstellung noch mehr in die Tiefe gehen. Dass die ganzen Pas de deux reibungslos ablaufen, ist nur ein angenehmer Nebeneffekt, da der Schwerpunkt auf der dramatischen Interpretation liegt.

Roman Lazik in der Titelrolle hat in den letzten Jahren an Facettenreichtum gewonnen, er mimt überzeugend den eitlen Dandy, aber stets mit Stil – es ist nunmal gerade bei dieser Partie eine Gratwanderung, dass es nicht durch zu grosse Affektiertheit ins Lächerliche gezogen wird – und im 3. Akt wird er glaubhaft zum geläuterten und verzweifelt liebenden Mann. Abgesehen davon hat Lazik unumstritten eine hervorragende Technik, als Partner ist er absolut verlässlich und besonders schön (und sauber!) gelingt ihm die Variation in der 1. Szene. Kongenial dazu ist die ausdrucksstarke Nina Polakova als Tatjana, mit einer genauso gepflegten Technik. Die beiden harmonieren wunderbar miteinander, der Spiegel-Pas de deux ist atemberaubend schön, das ist klassisches Ballett auf höchstem Niveau. Fast möchte man in der Schlussszene mit Polakova mitweinen, die ihr dramatisches Talent auf sehr edle Art zum Besten gibt.

Als liebliche Olga entzückt die souveräne Alice Firenze, und Masayu Kimoto punktet mit weich landenden Sprüngen und überzeugt als schwärmerisch-verliebter Lenski. Alexis Forabosco schliesslich gibt einen sehr noblen Gremin, während das Corps de Ballet durch Harmonie glänzt.

 Das Orchester der Wiener Staatsoper spielt schwungvoll unter der Leitung von Guillermo Garcia Calvo, welcher mehrmals kleinere Uneinigkeiten ausbügelt und mit grossem Applaus belohnt wird.

Wie schön eine Repertoire-Vorstellung sein kann, zeigt das Wiener Staatsballett einmal mehr. Und so fallen einem mit jeder weiteren Vorstellung neue Details auf, sei es ein kurzer, aber deutlicher Blick von Gremin an Onegin nach Tatjanas Variation im 2. Akt, oder wie brillant eigentlich die Corps Herren im 1. Bild ihre Sprünge meistern.

Katharina Gebauer 13.4.2017

Bilder (c) Staatsballett

 

LE PAVILLON D´ARMIDE / LE SACRE DU PRINTEMPS

Geballte Kraft und geglückte Rollendebüts

Nach einer fast dreiwöchigen Pause steht der Neumeier-Abend mit zahlreichen Rollendebüts erneut am Spielplan des Wiener Staatsballetts. „Le Pavillon d'Armide“ ist eine Hommage an Vaslaw Nijinsky, in welcher Neumeier (Choreographie, Bühnenbild, Kostüme und Licht) sehr gekonnt den Übergang von Gegenwart in die Vergangenheit verschwimmen lässt und klassische Elemente mit Ausdruckstanz vereint. Die Musik stammt von Nikolai Tscherepnin.

Und auch die zweite Besetzung ist vielseitig und souverän. Es ist eine grosse Freude, dass der gerade einmal 20 Jahre junge Solotänzer Jakob Feyferlik nicht nur eine äusserst gute Technik hat, sondern vor allem auch darstellerisch auf ganzer Linie in seiner ersten Vorstellung überzeugt! Da ist es schon prädestiniert, dass er auch zahlreiche andere Hauptpartien (Romeo, Schwanensee-Prinz, Onegin – dies nur als Anregung, derweil sind diese Rollen noch Zukunftsmusik) sehr gut interpretieren wird. Ioanna Avraam als Romola Nijinsky hat eine wunderschöne, ruhige Ausstrahlung und brilliert auch als Armide. Man darf sehr gespannt auf ihr Rollendebüt im April als Giselle Rouge an der Wiener Volksoper sein; nach ihren letzten vielversprechenden Vorstellungen ist die Vorfreude umso grösser.

Hervorragend ist einmal mehr Premierenbesetzung Roman Lazik als Arzt, bzw. als Serge Diaghilew. Im Pas de trois – Rollendebüt für alle drei - reüssieren die technisch perfekte Liudmila Konovalova, die elfengleiche Natascha Mair, welche die Freude am Tanzen besonders gut vermitteln kann, und der grossartige, sprungfreudige Davide Dato. Auch das Rollendebüt von Masayu Kimoto im danse siamoise erfreut durch Souveränität. Und das Corps de Ballet schliesslich glänzt durch Harmonie und Vielseitigkeit, denn nach der Pause geht es kraftvoll mit „Le Sacre“ weiter und fordert ausnahmslos jeden Tänzer.

Rollendebüts im 2. Teil gibt es bei Nikisha Fogo und Zsolt Török, sowie vereinzelten Corps-Herren, alle anderen haben bereits die Premiere getanzt. Und dieser „Sacre“ ist ein sehenswertes Meisterwerk, packend vom ersten Moment an, ein geschmeidiges und kraftvolles Zusammenspiel von Tanz und Lichtgestaltung, vereint mit der genialen Musik von Igor Strawinsky. Dass das Wiener Staatsballett in erster Linie eine klassisch fundierte Technik hat, sieht man unweigerlich an der exzellenten Fussarbeit eines jeden einzelnen, aber es mangelt nicht im Geringsten an Ausdruckskraft und Geschmeidigkeit. Gerade solche flexiblen Tänzer, wie Alice Firenze, Nikisha Fogo, Eszter Ledan, aber auch Zsolt Török und Masayu Kimoto können sowohl im Klassischen, wie auch im Modernen brillieren, und Francesco Costa beeindruckt mit seinen atemberaubenden Sprüngen (eigentlich „Flüge“).

Last but not least, der fulminante Schlusstanz von Rebecca Horner: In John Neumeiers Version ist die Solistin die letzten fünf Minuten ganz alleine auf der Bühne (in vielen anderen Versionen tanzt sich das auserwählte Opfer umringt vom Corps de Ballet zu Tode), und hat die ganze Bühne (schwarzer Hintergrund und Verfolger) zu füllen. Eine enorme Herausforderung, nicht nur von der tänzerischen Kondition her, sondern vor allem auch emotional, mit geballter Kraft diese fünf Minuten durchzustehen und nonstop mit Bühnenpräsenz dazusein, keine Chance, kurz unauffällig zu verschnaufen. Und Rebecca Horner meistert dies fabelhaft! Sie tanzt nicht nur die Choreographie, nein, sie lebt jeden Moment bis in die Fingerspitzen, ist eins mit der Musik und fühlt den Rhythmus, wie es sonst keine andere vermag! Eine sensationelle Leistung, für die sie absolut zu Recht nach der Premiere im Februar zur Solotänzerin ernannt wurde.

Unter der Leitung von Michael Boder spielt das Orchester der Wiener Staatsoper herausragend gut, insbesondere der Sacre wird zu einer Sternstunde!

Folgevorstellungen: 13. und 16. März 2017

Katharina Gebauer 16.3.2017

Bilder (c) Staatsballett

 

ONEGIN

Wiener Staatsoper am 01.03.2017

Gelungenes Rollendebüt

 

Der leidenschaftliche Klassiker von John Cranko steht wieder am Spielplan des Wiener Staatsballetts, und wartet mit dem langersehnten Rollendebüt von Maria Yakovleva als Tatjana auf!

Sieben Jahre musste die Erste Solotänzerin Maria Yakovleva auf ihr Debüt als Tatjana warten – bereits 2010 war sie in einer Besetzung vorgesehen, und war dann aber vom Aussehen her „zu jung“. Nun ist es endlich soweit und wird der hohen Erwartungshaltung mehr als gerecht. Technisch hätte sie die Partie sowieso auch 2010 mühelos tanzen können, und mit Eno Peci hat sie einen versierten, verlässlichen Partner, mit dem die Hebefiguren in den Pas de deux bestens funktionieren. Darstellerisch glückt ihr das jugendlich-verliebte Mädchen genauso überzeugend, wie die um Fassung ringende, hin-und hergerissene erwachsene Frau und die Schlussszene ist mitreissend dramatisch, aber nie aufgesetzt. Mit diesem gelungenen Rollendebüt ist Maria Yakovleva eindeutig bereit für dramatische Partien, und man darf sich auf drei weitere Vorstellungen mit ihr als Tatjana in dieser Saison freuen.

Eno Peci, bereits seit elf Jahren als Onegin zu erleben, überzeugt durch Noblesse und in der Schlussszene, sowie auch in der Duellszene durch starke Emotionen.

Bezaubernd und souverän ist Natascha Mair als kokette Olga, die aber nicht (wie man es oft von anderen durchaus soliden Besetzungen erlebt) in Oberflächlichkeit erstarrt, sondern sehr wohl auch starke Gefühle zeigen kann. Hervorragend glückt ihr der Pas de deux mit Lenski - einer der wohl technisch schwierigsten Momente des ganzen Stücks, da ist es schlichtweg ein Genuss, wie mühelos die beiden reüssieren! - und Denys Cherevychko ist ein leidenschaftlicher, schwärmerischer Lenski, dessen Sprünge stets weich landen. Alexandru Tcacenco als edler Fürst Gremin, sowie die schrullig-sympathische Franziska Wallner-Hollinek als Amme und Erika Kovacova als motivierte Madame Larina runden das Solistenensemble ab.

Das Corps de Ballet ist einmal mehr harmonisch und souverän, und grossen Applaus gibt es auch für das Orchester der Wiener Staatsoper und Dirigent Guillermo Garcia Calvo, welcher einige kleinere Unstimmigkeiten im 2. Akt heldenhaft rettete.

Folgevorstellungen: 4., 22. März, 4., 10. und 12. April 2017 (4.3.: dieselbe Besetzung wie 1.3., 22.3. und 4.4.: Yakovleva, Lazik, Fogo*, Dato, 10. und 12.4.: Polakova, Lazik, Firenze, Kimoto, *= Rollendebüt von Nikisha Fogo als Olga)

Katharina Gebauer 3.3.2017

Bilder (c) Staatsballett

 

RAYMONDA

Derniere am 08.01.2017

Krönender Abschluss

Mit der letzten „Raymonda“-Vorstellung in dieser Saison schafft es das Wiener Staatsballett, sich noch einmal zu steigern und die Vorstellungsserie hervorragend zu beenden.

Angefangen bei einem wunderbaren Rollendebüt von Maria Yakovleva, welche die Raymonda lieblich und selbstbewusst tanzt, und ihre technische Souveränität sichtlich geniesst. Es ist eine Freude zu sehen, wie sie sich in den 11 Jahren in Wien entwickelt hat, dass sie zwar sehr wohl die jugendlichen Partien tanzen und spielen kann, aber auch als junge Frau (und nicht mehr nur als Mädchen) überzeugt. Denys Cherevychko ist ein sprung- und drehsicherer Jean de Brienne, welcher selbst eine Choreographie von Nurejew noch locker aus dem Ärmel schütteln kann.

Den meisten Applaus allerdings erntete (zu recht) Davide Dato, welcher für den verletzten Mihail Sosnovschi einsprang, und als Abderachman alle in seinen Bann zieht. Energisch und brillant zugleich erobert er vom ersten Moment an die Bühne – und auch wenn Raymonda ihn aus tugendhaften Gründen verschmäht, so ist sie dennoch fasziniert von ihm, wer mag es ihr verdenken, wenn Dato seine Variationen mit Schnelligkeit und blitzsauberer Geschmeidigkeit meistert, und dazu soviel Esprit mitbringt, und danach noch genug Kondition für die anspruchsvollen Ensembles hat, so bedauert man es geradezu, dass Abderachman im 3. Akt nicht noch als Geist auftreten könnte.

Auch die Nebenrollen sind mehr als vorzüglich besetzt: Nina Tonoli und Natascha Mair als Clémence und Henriette bestechen durch Anmut, perfekte Balancen, Geschmeidigkeit und Schönheit, wirklich sensationell, was die beiden jungen Solotänzerinnen mühelos meistern, oftmals gibt es Bravorufe für ihre Soli. Masayu Kimoto und Richard Szabo sind nicht nur verlässliche Partner, sondern auch ausgezeichnet in ihren Variationen.

Als elegante Gräfin Sibylle überzeugt Rebecca Horner (sie wäre bestimmt auch als Gräfin Capulet eine starke Erscheinung), im Sarazenen-Tanz brillieren dieses mal Sveva Gargiulo und Francesco Costa, im Spanischen Tanz Alice Firenze (mit hervorragender Fussarbeit) und Dumitru Taran, sowie im ungarischen Tanz Rebecca Horner und Igor Milos.

Das Corps de Ballet war deutlich harmonischer als am 3. Jänner, der Endspurt, noch einmal alles zu geben, ist zweifelsohne geglückt.

Grossen Applaus gab es auch für den Dirigenten Kevin Rhodes und das herrlich-schwelgende Orchester der Wiener Staatsoper.

Bilder (c) Staatsballett

Katharina Gebauer 9.1.2017

 

 

RAYMONDA

Wiener Staatsballett am 03.01.2017

Hervorragende Solotänzerinnen

Es ist kein Geheimnis, dass „Raymonda“ von Rudolf Nurejew eines der technisch schwierigsten Ballette überhaupt ist, welches ausnahmslos jeden Beteiligten fordert. Und dass das Wiener Staatsballett im Stande ist, das Werk gleich mehrfach zu besetzen und auch bei Engpässen kein anderes Stück ansetzen muss.

Die Einstudierung (Wiederaufnahme war im Dezember 2016) erfolgte durch Ballettdirektor Manuel Legris und Jean Guizerix, welche übrigens beide an der Wiener Staatsoper in „Raymonda“ zu erleben waren, Legris als Jean de Brienne, Guizerix als Abderachman gemeinsam mit Nurejew.

Aufgrund einer Verletzungspause im November war Liudmila Konovalova in der Titelpartie nicht ganz so strahlend, wie man sie z.B. als Dornröschen oder Fille mal gardée kennt, so waren die ersten beiden Akte eher verhalten gespielt, hingegen der 3. Akt wieder von einer stupenden Perfektion gestaltet - Nurejews Choreographie hat nunmal seine Tücken und Schwierigkeiten - und eine Ballerina wie Konovalova schafft auch diese Partie. Robert Gabdullin ist ein souveräner Jean de Brienne, dessen Armhaltung bei den grossen Sprüngen zwar zeitweise etwas steif wirken mag, aber als Partner ist er stets sicher und seine Variationen meistert er solide.

Als sein Kontrahent Abderachman debütiert der äusserst geschmeidige und ausdrucksstarke Mihail Sosnovschi – dessen Variationen haben es auch in sich! - und verleiht der manchmal etwas langatmigen Handlung (Hochzeit im 3. Akt zieht sich aus dramaturgischer Sicht etwas in die Länge) die nötige Spannung.

Die wohl sehenswerteste Leistung des Abends allerdings boten die Solotänzerinnen Ioanna Avraam und Alice Firenze als Clémence und Henriette, beide mit einer hervorragenden Technik, in jeder Variation atemberaubend gut, Avraam vor allem mit einer herzlichen Fröhlichkeit, während Firenze den lieblichen Aspekt optimal vertrat. Als ihre Partner reüssieren Masayu Kimoto und James Stephens.

Sehr elegant ist Rebecca Horner als Gräfin Sibylle und temperamentvoll gemeinsam mit Igor Milos im ungarischen Tanz.

Im zweiten Akt überzeugen Anna Shepelyeva und Tristan Ridel im Sarazenen-Tanz, sowie der sehr energisch-souveräne Alexandru Tcacenco mit Gala Jovanovic im Spanischen Tanz.

Durch einige Krankheitsfälle im Corps de Ballet (und in Bälde steht noch ein Gastspiel mit „Le Corsaire“ an) gab es ein paar kleinere Ungenauigkeiten, nichtsdestotrotz ist es eine enorme Leistung der gesamten Company, „Raymonda“ im Repertoire zu haben.

Und mit Kevin Rhodes am Dirigentenpult hüllt das Orchester der Wiener Staatsoper das Publikum in eine angenehme Klangwolke ein, wobei besonders der virtuose Konzertmeister und das wohlklingende Englischhorn positiv auffallen.

Folgevorstellung: 8.1.2017

Katharina Gebauer 5.1.16

Bilder (c) Staatsballett

 

CENDRILLON

Wiener Staatsballett, Volksoper Wien, 27.11.2016

Ein sehenswerter Abend der Preisträger

Die preisgekrönte Choreographie von Thierry Malandain hatte vor 2 Wochen Premiere an der Wiener Volksoper und bringt dem Zuschauer eine gekonnte Mischung von Modern Dance, Komödie, verträumter Liebesgeschichte, Bodenturnen, sowie eine Prise klassischen Balletts.

Das Bühnenbild (Jorge Gallardo) besteht aus unzähligen schwebenden schwarzen Absatzschuhen (Cendrillon tanzt auf Halbspitze mit „normalen“ Ballettschuhen), der Hintergrund wird der Stimmung entsprechend farbig beleuchtet (Jean-Claude Asquié, bzw. Umsetzung des Lichtdesigns: Frédéric Eujol). Die Stiefmutter turnt auf Krücken herein, während der Vater (und auch die Elfen) des Öfteren auf den Händen gehen, die klassischen Elemente sind hauptsächlich bei Cendrillon und dem Prinzen, sowie der Fee aufgehoben, letztere dreht auch einige Fouettés auf Spitze.

Dass ohne Pause direkt in den 2. Akt eingeleitet wird, oder die „klassische Solo-Variation“ von Cendrillon und dem Prinzen nicht stattfindet, mag den eingefleischten Klassik-Fan vielleicht etwas stören, jedoch zeigen die Protagonisten oft genug ihr Können, dass zwei Solo-Variationen im Nachhinein betrachtet den Handlungsverlauf in dieser Version nur aufgehalten hätte.

Sehr originell ist die Ballszene, in welcher auch das Damen-Corps als Herren fungiert, und die Damen von Kleiderständern ohne Kopf mit rauschenden Kostümen (Jorge Gallardo) dargestellt werden.

Getanzt wird auch im Corps de Ballet der Wiener Volksoper auf sehr hohem Niveau: Mila Schmidt ist eine äusserst sympathische Cendrillon, welche ehrliche Emotionen vermittelt, nie übertrieben aber auch nie verhalten. Sehr geschmeidig gelingt ihr die teils akrobatische Choreographie von Malandain, und die klassischen Elemente sind stets elegant und stilvoll. Nach dieser hervorragenden Leistung ist es gleich doppelt erfreulich, dass sie den Förderpreis 2017 des Ballettclubs der Wiener Staatsoper und Volksoper erhalten wird. Als Prinz brilliert Andrés Garcia-Torres mit edler Haltung und sauberen Sprüngen. Das Protagonistenpaar harmoniert sehr angenehm, und vermittelt glaubhaft die zarte Verliebtheit.

Für sehr amüsante Momente garantieren die mit Glatzen versehenen Laszlo Benedek als Stiefmutter, sowie Samuel Colombet und Keisuke Nejime als Stiefschwestern, sei es, dass sie wie sterbende Schwäne in den Spagat vor den Prinzen rutschen, oder kokett das Röckchen heben, oder einfach nur theatralisch gestikulieren, die Mimik ist grossartig und die Beweglichkeit beeindruckend! Als souveräne Fee glänzt Kristina Ermolenok, genauso wie Patrick Hullmann als akrobatischer Vater. Aber auch die kleineren Partien sind wunderbar besetzt, mit Gleb Shilov als Freund des Prinzen, bzw. Tanzmeister und Zeremonienmeister, Taina Ferreira Luiz als Soloelfe und Frühling – gemeinsam mit Dominika Kovacs-Galavics und Natalie Salazar, sowie Laura Cislaghi, Miriam Ensle und Suzanne Kertesz als Sommer, Michal Beklemdziev, Roman Chistyakov, Alexander Kaden und Martin Winter als Pferde, Maria-Sarah Drugowitsch und abermals Taina Ferreira Luiz als Herbst.

Dass Malandain nicht nur die Stiefmutter und -schwestern mit viel Humor versieht, macht sich sowohl durch Kostüme, als auch Choreographie im 2. Akt auch im spanischen und arabischen Tanz deutlich – am Ende eines jeden Tanzes entpuppt sich die sehr muskulöse Haupttänzerin nämlich als eine der Stiefschwestern.

Aber am Schluss wird alles gut, der Prinz findet seine Cendrillon und auch die böse Stieffamilie wandelt sich zum Guten. Dies alles wird musikalisch sehr kraftvoll vom Orchester der Volksoper Wien unter der Leitung von Guillermo Garcia Calvo unterstrichen, grosse Begeisterung beim Publikum.

Folgevorstellungen: 5. Dezember 2016, 16., 22., 26. und 29. Jänner 2017

Katharina Gebauer 30.11.16

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Balanchine/Liang/Proietto

am 1.11.2016

Starker Start, und ein vielseitiger, niveauvoller Abend

 

Die neue Première des Wiener Staatsballetts wird durch George Balanchines „Symphonie in C“ (Musik: Georges Bizet) eröffnet – ein Werk, welches sowohl von Solisten, als auch vom Corps de Ballet eine äusserst souveräne Technik abverlangt. Und ein „Tutu-Fest“ (Kostüme: Stephanie Bäuerle), welches einigen Zuschauern im Publikum ein zufriedenes „Ah“ entlockt, als sich der Vorhang hebt. Für die Einstudierung zeichnet sich Ben Huys verantwortlich, welcher mit dem hohcn Niveau des Wiener Staatsballetts seine Freude gehabt haben dürfte.

Das Hauptpaar des 1. Satzes ist mit den frischgebackenen Solisten Natascha Mair und Jakob Feyferlik wunderbar besetzt, es ist schlichtweg eine Freude, zuzusehen, wie locker und strahlend Mair die technischen Anforderungen meistert und Feyferlik ist mit seiner jugendlichen Frische ein kongenialer Partner für sie. Im 2. Satz erlebt man mit der 1. Solotänzerin Liudmila Konovalova – welche leider verletzungsbedingt im dritten Teil „Blanc“ ausfiel und deswegen ausschliesslich den Balanchine tanzte – eine pure Ästhetik, mit einer Ruhe und Sicherheit kostet sie jede Balance aus, und kann sich stets auf den eleganten Vladimir Shishov verlassen. Brillant und freudig reüssieren anschliessend Nina Tonoli und Denys Cherevychko als hervorragendes Hauptpaar im 3. Satz, während der 4. Satz souverän von Alice Firenze und Robert Gabdullin bestritten wird. Bei den zahlreichen Solopaaren fallen Adele Fiocchi und Eszter Ledan besonders positiv auf. Überhaupt hat hiermit das gesamte Wiener Staatsballett wieder einmal seinen 1A Status in der internationalen Ballettwelt bestätigt, gerade mit einem Werk wie diesem sind sowohl Solisten, als auch Corps de Ballet gefordert. Das Publikum belohnte die Leistung mit begeistertem Applaus.

Nach der Pause gelangte das Werk „Murmuration“ vom Taiwanesen Edwaard Liang zur Wiener Erstaufführung. Die Musik stammt von Ezio Bosso, das Violinkonzert Nr. 1, welches von der Konzertmeisterin Albena Danailova bis in die höchsten Töne expressiv und brillant dargeboten wurde. Während im 1. Satz noch eine weisse Wand mit Schattenprojektionen im Hintergrund als Bühnenbild diente, wurde diese für den 2. und 3. Satz beiseite geschoben und Federn schneiten herab, was dem Zuschauer gerade in Kombination mit der äusserst geschmeidigen, ästhetischen Choreographie den Eindruck vom steten Fliegen gab. Sehr passend dazu waren auch die stilvollen Kostüme der Damen, welche mit einem leichten Schleier das Gefühl vom Fliegen noch mehr unterstützte. Und die Leistung der Tänzer – vor der Pause noch im neoklassischen Stil mit zahlreichen Pirouetten, Sprüngen, nach der Pause gleich eine andere Welt – ist enorm! Besonders berührend gelingt der Pas de deux mit Nina Polakova und Roman Lazik (die beiden tanzten bereits im Juni bei der Nurejew Gala einen Pas de deux von Liang, sind also mit dessen Stil bestens vertraut), aber auch Ioanna Avraam, Alice Firenze und Eszter Ledan, sowie Jakob Feyferlik, James Stephens und Leonardo Basilio zeigen modernen Tanz auf höchstem Niveau. Tosender Applaus für die Tänzer und Edwaard Liang.

Nach einer weiteren Pause erwartete die Zuschauer eine Uraufführung: „Blanc“ von Daniel Proietto, welcher schon in der Nurejew Gala 2016 mit seinem Werk „Cygne“ einen sensationellen Erfolg feierte. Mit „Blanc“ hat er eine Hommage an „Les Sylphides“ geschaffen und verknüpft gekonnt klassisches Ballett mit zeitgenössischem Tanz. Die Musik ist von Mikael Karlsson und Frédéric Chopin, am Klavier brilliert Maria Radutu. Als Poet gibt der Schauspieler Laurence Rupp (verstärkt, da er immer wieder übers Orchester zu sprechen hat) sein Hausdebüt.

Die Geschichte handelt von einem Poeten, welcher aus seiner düsteren Umgebung sich in eine Traumwelt flüchtet, zwei weisse Wände im Hintergrund (Bühnenbild: Leiko Fuseya), auf welche immer wieder Schatten von einer Waldlichtung projiziert werden, symbolisieren die leeren Seiten. Sylphiden erscheinen, eine löst sich besonders anmutig aus der Gruppe und entpuppt sich als Muse. Wieder alleine gerät der Poet in die Welt der Negation, während sich das Bühnenbild wie ein Negativ einer Fotographie ändert und auch die Kostüme (Stine Sjogren) und Make Up der negativen Sylphide und der zwei negativen Poeten sind der Negativperspektive angepasst. Der Schatten des Poeten irrt ziellos umher, erinnert sich an seine Muse. Schliesslich findet sich der Poet am Flussufer, abseits eines rauschenden Festes. Eine Frau (die Muse) erscheint, diesmal in der realen Welt. Es gelingt dem Poeten nicht, mit ihr zu sprechen, da seine Worte ohne Zusammenhang sind. Er bleibt alleine.

Wenngleich der Schluss sehr abrupt wirkt, so gelingt es Daniel Proietto sehr wohl, dramatische und anmutige Momente zu schaffen, und gerade mit einer starken Persönlichkeit wie Ketevan Papava hat er eine wunderbare Muse/Sylphide, die jeden Ausdruck vermitteln kann und dabei mit einer herrlichen Eleganz den sensationellen Eno Peci als Schatten des Poeten zum Tanz verführt. Hervorragend sind auch Natascha Mair als negative Sylphide und Davide Dato und Masayu Kimoto als negative Poeten, welche einen packenden Pas de trois zum Besten geben. Und Ioanna Avraam, Nina Tonoli und Eszter Ledan machen als drei führende Sylphiden mehr als nur eine gute Figur.

Ein grosses Lob gilt auch dem Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Fayçal Karoui, das durch die verschiedenen Stile sehr facettenreich und vor allem in Bizets 2. Satz mit einem wunderschönem, weichen Piano-Klangteppich das Ohr erfreute!

Katharina Gebauer 3.11.16

Bilder (c) Staatsballet

Folgevorstellungen: 4., 5., 18. November 2016

 

 

Nurejew Gala 2016

Wiener Staatsballett am 26.6.2016

Ein fulminanter Abend der Spitzenklasse

Zum Abschluss der Saison 2015/16 gab das Wiener Staatsballett in der „Nurejew Gala 2016“ wieder einige Leckerbissen zum Besten. Das Publikum bejubelte alle Mitwirkenden nach einem knapp vierstündigen Marathon der Spitzenklasse.

Eröffnet wurde der Abend mit dem Trio odalisques aus Manuel Legris' „Le Corsaire“, getanzt von den glänzenden Halbsolistinnen Natascha Mair, Anita Manolova und Prisca Zeisel. In dem darauf folgenden Ausschnitt aus „SENTieri“ von Philippe Kratz bewiesen die Solotänzer Alice Firenze, Eno Peci und Masayu Kimoto Ausdrucksstärke und Geschmeidigkeit, anschliessend folgte das Staatsoperndebüt von Pariser Etoile Mathias Heymann, welcher mit Nurejews „Manfred“ einen sensationellen Start hinlegte, ein grand danseur noble mit Stil, sauberer Technik und Ausdruck!

Als Abschluss des ersten Teils gab es dann „The Four Seasons“ von Jerome Robbins, eine humorvolle Choreographie, welche von den Tänzern Vielseitigkeit abverlangt, so konnte sich der Zuschauer an einem harmonisch-perfekten Corps de Ballet erfreuen, sowie an einer Vielzahl hochkarätiger Solisten, wie die souveräne Nina Tonoli, die liebliche Maria Yakovleva, die grazile Alice Firenze (sowohl im Modernen, als auch im Klassischen eine hervorragende Tänzerin!) und die brillante Liudmila Konovalova, und auch die Herren waren weitaus mehr als „nur“ sichere Partner, allen voran die sprungfreudigen Ersten Solotänzer Denys Cherevychko und Davide Dato, aber auch die eleganten Mihail Sosnovschi, Robert Gabdullin, Greig Matthes und Géraud Wielick.

In Teil Zwei gab es als erstes einen ästhetischen Pas de deux mit den Ersten Solotänzern Nina Polakova und Roman Lazik, ein kongeniales Paar, welches „Distant cries“ von Edwaard Liang mit melancholisch-schönem Ausdruck versahen. Als Gastsolisten traten dann erstmals Hélène Bouchet und Carsten Jung vom Hamburg Ballett in der Choreographie von John Neumeier „Illusionen – wie Schwanensee“ auf, wobei dieser Ausschnitt eher an „Onegin“ erinnert – auch der Schnitt des Kostüms von Bouchet ähnelt dem Kostüm von Tatjana bei der Schlussszene. In George Balanchines „Tarantella“ glänzen der frischgebackene Erste Solotänzer Davide Dato und die Halbsolistin Nikisha Fogo mit einer brillanten Technik und einer gesunden Portion Lässigkeit, dass die anspruchsvolle, konditionsfordernde Choreographie quasi „aus dem Ärmel“ geschüttelt wird.

Wunderschön folgte dann ein Ausschnitt aus „Le Parc“ von Angelin Preljocaj, getanzt von Ballettdirektor Manuel Legris und der Gastsolistin Isabelle Guérin. Äusserst stilvoll, sinnlich und geschmeidig gestalten die Weltstars den Pas de deux, und ernten Szenenapplaus für eine besonders schöne, schwerelose, in einem Kuss verschmelzende Hebefigur. Eine weitere Gastsolistin von der Pariser Oper, Myriam Ould-Braham, tanzte anschliessend mit Mathias Heymann den Pas de deux aus „La fille mal gardée“, wenngleich ihr Ausdruck für die kecke und unbeschwerte Lise während des Pas de deux etwas gar ernst erschien – und gerade diese Saison gab es gleich vier wirklich gute Lises an der Wiener Staatsoper – konnte sie doch zum Holzschuhtanz (köstlich: Andrey Kaydanovsky) etwas mehr Freude vermitteln. Für den stärksten Moment des Abends sorgte allerdings die Erste Solotänzerin Ketevan Papava mit Daniel Proiettos „Cygne“ - eine moderne Fassung des sterbenden Schwans. Es ist faszinierend, wie Papava die schwanenhaften, eleganten port de bras mit dramatischen Zuckungen kombiert, wie ein Schwan, der den Verstand verloren hat.

Als dritten Teil gab es dann den 1. Akt von Legris' „Le Corsaire“ und damit schliesst sich der Kreis wieder. Mit Auftrittsapplaus wird Erster Solotänzer Kirill Kourlaev begrüsst, der seine Variation als Lanquedem hervorragend meistert, und nun zum letzten Mal auf der Bühne der Wiener Staatsoper tanzte. Energiebündel Vladimir Shishov gibt den Conrad kraftvoll männlich, und Olga Esina als Médora ist eine Klasse für sich, grazil und strahlend. Technisch sehr sauber, aber darstellerisch etwas zurückhaltend: Kiyoka Hashimoto als Gulnare. Erstmals als Zulméa war die triumphierend-strahlende Ioanna Avraam zu erleben, kongenial mit dem souveränen Masayu Kimoto als Birbanto.

Ein grosses Lob gilt auch dem Corps de Ballet und dem Orchester der Wiener Staatsoper (Dirigat: Valery Ovsianikov) für die Vielseitigkeit und den Facettenreichtum.

Im Anschluss an die Vorstellung gab Manuel Legris gleich neun Avancements bekannt: Natascha Mair, Nina Tonoli und Nikisha Fogo, sowie Jakob Feyferlik sind nun Solotänzer/innen, Laura Nistor, Leonardo Basilio, Francesco Costa, James Stephens und Géraud Wielick wurden zu Halbsolisten ernannt.

Katharina Gebauer 27.6.16

Bilder (c) Ashley Taylor

 

 

„Van Manen/Ekman/Kylian“

Wiener Staatsballett, Wiener Staatsoper, 11. Juni 2016

Ästhetik, Humor und Sinnlichkeit

Mit dem Dreiteiler „Adagio Hammerklavier“ (Hans van Manen), „Cacti“ (Alexander Ekman) und „Bella Figura“ (Jiri Kylian) erwartet den Zuschauern ein abwechslungsreicher Abend, an welchem sich das Wiener Staatsballett in verschiedenen Stilen präsentiert – und dies von seiner besten Seite!

Der Abend wird mit van Manens „Adagio Hammerklavier“ eröffnet, ein neoklassisches, ästhetisches Werk, welches von allen drei Paaren eine unglaubliche Beherrschung des Körpers erfordert, eine perfekte Technik, Eleganz und auch die Ruhe, die komplexen Hebefiguren als leicht erscheinen zu lassen. Während Vladimir Shishov und Roman Lazik choreographisch bedingt vor allem als sehr sichere und elegante Partner fungieren, hat der wendige Eno Peci auch solistische Einsätze – die Damen sind jede auf ihre Art brillant, die grazile Olga Esina, die energische Ketevan Papava und die voll Ruhe strahlende Nina Polakova. Hier wird jeder Moment der diffizilen Choreographie ausgekostet, und das hohe Niveau des Staatsballetts auch ausserhalb von klassischen Handlungsballetten bestätigt.

Kontrastreich geht es nach der Pause mit Ekmans „Cacti“ weiter – hier beweist sich vor allem das hervorragende Corps de Ballet, in perfektem Zusammenspiel, egal ob es sich um rhythmisches Klopfen auf den Boden, Atmen, Ausrufen, Hantieren mit grossen quadratischen Platten, Kakteen, oder „nur“ Sprünge handelt. Kongenial dazu die Beleuchtung (Doef Beernink), die für Partystimmung sorgt. Hier kommt die Musik teils aus der Box (wie bei Van Manen und Kylian auch), teils mit verstärkter Live-Musik (Oreada Steude und Julia Gyenge, Violine, Laszlo Toma, Viola und Andrea Wutschek, Violoncello), die Streichquartette von Schubert, Haydn und Beethoven zum Besten geben, während darüber noch einige Texte gesprochen werden. Besonders amüsant ist der Dialog während des schlichtweg brillanten Pas de deux von Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto, in welchem die Gedanken der Tänzer wiedergegeben werden (Schrittkombinationen, „oh that hurts“ - „i know“ etc), und köstlich von Hashimoto und Kimoto interpretiert! Da stimmt einfach alles, die Präzision, der Humor, die Lässigkeit – das Publikum reagiert mit grossem Applaus und kann sich bestens amüsieren. Und gerade solche Werke sind auch wichtig für eine 1A Company, wie das Wiener Staatsballett, um die Vielseitigkeit und Stilsicherheit der Tänzer regelmässig in Erinnerung zu rufen. Besonders erfreulich ist, dass auch „Mehrteiler-Vorstellungen“ ausverkauft sind, und nicht nur die klassischen Handlungsballette.

Nach der zweiten Pause zeigt sich das Wiener Staatsballett von seiner sinnlichen Seite mit Kylians „Bella Figura“ (Première 2010/11). Besonders geschmeidig gelingen hier die Soli von Rebecca Horner und Ketevan Papava, präzise und souverän der Pas de deux von Alice Firenze und dem frisch gebackenen 1. Solotänzer Davide Dato, engelsgleich erscheint die grazile Irina Tsymbal mit Roman Lazik und auch Nina Polakova, Eno Peci und Kamil Pavelka runden die „Bella Figura“ elegant ab.

Folgevorstellungen: 17.6.2016, sowie kommende Spielzeit: 26.9., und 4., 8., 12.10.2016

Katharina Gebauer 14.6.16

 

MAYERLING

Zum Zweiten

19.5.2016

Abschiedsvorstellung von Kirill Kourlaev

Mit dem Ende der Spielzeit 2015/16 beendet 1. Solotänzer Kirill Kourlaev seine Karriere an der Wiener Staatsoper – als letzte Hauptrolle war er nochmals als Kronprinz Rudolf an der Wiener Staatsoper zu erleben. Ein würdiger Abschied für den charismatischen Tänzer, der 16 Jahre lang zahlreiche Vorstellungen des Wiener Staatsballetts durch seine Ausdruckskraft und präzise Technik bereichert hat.

Beim jubelnden Schlussapplaus erhielt Kourlaev von Ballettdirektor Manuel Legris persönlich einen prächtigen Blumenstrauss überreicht, und von 1. Solotänzerin Olga Esina (Kourlaevs Ehefrau) gab es vor dem Vorhang Blumen und ein liebevolles Bussi. Nun, ein Wermutstropfen bleibt bei all dem frenetischen Jubel: Warum hört ein derart guter Tänzer mit gerade einmal 34 Jahren auf? Kourlaev hat sich die Entscheidung reiflich überlegt und möchte lieber jetzt aufhören, wo es am Schönsten ist, anstatt das Ende der Karriere unnötig herauszögern. Ballett ist nunmal Extremsport und eine enorme Belastung des Körpers – das ist man sich als Zuschauer oftmals nicht bewusst, weil gerade die Kunst darin besteht, dass alles so „leicht“ aussieht. Dies glückt Kourlaev auch bestens, gerade in einer Rolle wie Rudolf, wo er quasi nonstop zu tanzen hat, und dazu noch einen Pas de deux nach dem anderen mit wechselnden Partnerinnen. Als Partner ist Kourlaev für alle sechs Damen sehr sicher und versiert, die akrobatischen Hebefiguren geschehen bei ihm mit einer Lässigkeit, aber ebenso glaubwürdig übermittelt er apathische, brutale, gierige und dann wieder trotzige Momente. Besonders gut harmoniert er allerdings mit Ketevan Papava, welche als Gräfin Larisch eine Luxusbesetzung ist und in dieser Vorstellung von ihrer ohnehin schon sensationellen Darbietung nochmal ein „Schäuferl nachlegt“, und für zahlreiche Gänsehautmomente garantiert. Nina Polakova ist im 2. Akt in erster Linie eine technisch extrem gute, lieblich lächelnde Mary Vetsera, die grossen Gefühle brechen jedoch erst im 3. Akt aus ihr heraus.

Eine jugendliche Kaiserin, die mit jedem Akt energischer wird, gibt Iliana Chivarova mit einer feinen Technik, ebenso glänzen Eszter Ledan als verschüchterte Kronprinzessin Stephanie und Prisca Zeisel als verführerische Mizzi Casper mit einer Eleganz, die an Darcey Bussell erinnert. Die heiteren Soli des Kutschers Bratfisch tanzt Mihail Sosnovschi mit einer charmanten, starken Energie, gekonnt vereint mit dem Wissen um das Drama.

Bestens besetzt sind neben den vier Offizieren (Masayu Kimoto, Marcin Dempc, Alexis Forabosco und Alexandru Tcacenco) auch die statistischen Nebenrollen (Eduard Graf Taafe: Gabor Oberegger, Erzherzogin Sophie: Beata Wiedner, Kaiser Franz Joseph I.: Thomas Mayerhofer und Graf Larisch: Jaimy van Overeem), die regelmässig das Drama gemeinsam mit dem gut eingespielten Corps de Ballet durch kurze, aber starke Momente mittragen. Apropos: ein sängerisches Highlight gab es im 2. Akt von Aura Twarowska, welche kultiviert Klangschönheit mit Wortdeutlichkeit vereint.

Unter der Leitung von Fayçal Karoui spielte das Orchester der Wiener Staatsoper pompös und facettenreich – eine deutliche Steigerung zur Wiederaufnahme!

Der in Moskau geborene Startänzer erhielt seine Ausbildung an der Klassischen Ballettschule in Moskau, am Ballettkonservatorium St. Pölten, sowie an der Ballettschule der Wiener Staatsoper. 2001 wurde er Mitglied des Wiener Staatsopernballetts, 2004 wurde er zum Halbsolisten befördert. 2009 ernannte Gyula Harangozo (damaliger Direktor des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper) ihn anlässlich seiner hervorragenden Leistung als „Johann“ in Roland Petits „Die Fledermaus“ zum Solotänzer, 2012 folgte die Beförderung zum Ersten Solotänzer des Wiener Staatsballetts durch Ballettdirektor Manuel Legris, für seine herausragende Interpretation des Frédéri in „L'Arlesienne“ - ebenfalls ein Ballett von Roland Petit. An der Wiener Staatsoper und Volksoper war er in vielen Hauptpartien („La Sylphide“, „Coppélia“, „Die Fledermaus“, „Anna Karenina“, „Carmen“, „Ein Sommernachtstraum“, „Blaubarts Geheimnis“, „Le Concours“, „Giselle Rouge“, „Mayerling“, um nur einige wenige zu nennen) zu erleben und er gab zahlreiche internationale Gastspiele.

Katharina Gebauer 20.5.16

Bilder (c) Staatsballett

Letzte Vorstellungen mit Kirill Kourlaev: 5. Juni (Espada in „Don Quixote), 17. Juni (Adagio Hammerklavier), sowie 26. Juni (Nurejew Gala)

 

MAYERLING

Wiener Staatsballett am 2.5.2016

Farbenprächtiges Ballettdrama

Das Ballettdrama um Kronprinz Rudolfs Frauengeschichten, die schliesslich in einen gemeinschaftlichen Selbstmord gipfeln, ist wieder am Spielplan des Wiener Staatsballetts – ein sehr dankbares Stück, da sehr viele kleinere und grössere solistischen Partien dem Ensemble die Möglichkeit gibt, Persönlichkeit zu zeigen. Nicht zuletzt auch für den Kronprinzen Rudolf, welcher im 1. Akt quasi nonstop auf der Bühne ist, und neben den zahlreichen Pas de deux mit wechselnden Partnerinnen und Soli auch mehrere Szenen mit den 4 Offizieren (besonders hervorragend fällt hier Masayu Kimoto auf) tanzt und vor allem darstellerisch sehr gefordert wird.

Roman Lazik, welcher schon allein vom Aussehen her perfekt für Prinzenrollen passt, hatte zwar anfangs etwas Startschwierigkeiten in den diffizilen Soli und abwechslungsreichen Pas de deux (Kronprinz Rudolf hat gleich sechs verschiedene Partnerinnen, davon vier Pas de deux allein im 1. Akt!), fand jedoch mit dem 2. Akt ganz in die Rolle hinein und harmonierte mit seiner Hauptpartnerin Irina Tsymbal besonders gut. Diese wiederum ist seit Jahren mit der Rolle der Mary Vetsera vertraut und vereint einmal mehr gekonnt Dramatik und jugendliche Verliebtheit mit akrobatischer Souveränität, ohne allerdings routiniert zu wirken. Ihren Partien stilvoll von Anfang bis zum Schluss Leben zu verleihen, und dabei nicht nur die Schritte sauber zu absolvieren, ist zweifelsohne eine der Stärken von Tsymbal. Kongenial dazu die ausdrucksstarke Ketevan Papava als Gräfin Larisch, sowie die elegante Natascha Mair als Kronprinzessin Stephanie, welche im Finale des 1. Aktes geradezu schwerelos in den komplizierten Hebefiguren wirkt.

Davide Dato verleiht mit Präzision dem Kutscher Bratfisch einen Charme von Charlie Chaplin und holt das Maximum aus der kleinen, aber feinen Rolle heraus, ebenso die schlichtweg brillante Liudmila Konovalova als Mizzi Caspar. Als sehr junge, zierliche Kaiserin Elisabeth zeigt Iliana Chivarova perfekte Fussarbeit in einem ästhetischen Pas de deux mit Colonel „Bay“ Middleton (nobel: Eno Peci), während Thomas Mayerhofer als Kaiser Franz Joseph für seine Liaison mit Katharina Schratt (wortdeutlich und wohlklingend: Aura Twarowska) einen verächtlichen Blick von Mutter Erzherzogin Sophie (hervorragend: Beata Wiedner) erntet. Bestens aufeinander eingespielt war das Corps de Ballett, die auch die Farbenpracht der Kostüme elegant präsentierten.

Unter der Leitung von Fayçal Karoui spielte das Orchester der Wiener Staatsoper bisweilen etwas uneins, fand sich allerdings ab dem 2. Akt zusammen. Auch wenn der Applaus vergleichsmässig kurz war, ist es eine sehenswerte Produktion. In der Vorstellung vom 19.5. wird übrigens 1. Solotänzer Kirill Kourlaev in seiner letzten Hauptrolle zu erleben sein, da er mit Ende der Saison bedauerlicherweise seine Tänzerkarriere beendet.

Folgevorstellungen: 5., 15. und 19.5.2016

Katharina Gebauer 3.5.16

Bilder (c) Staatsballett

 

 

LE CORSAIRE

Wiener Staatsballett am 23.3.2016

Der lässige Macho mit atemberaubenden Sprüngen

Mit „Le Corsaire“ hat Ballettdirektor Manuel Legris eine stilvolle und brillante Produktion geschaffen – genau das Richtige für das Wiener Publikum, ein Handlungsballett mit Spannung, wunderschönen Kostümen und Bühnenbild (Luisa Spinatelli). Die Choreographie ist nach Marius Petipa, wobei offensichtlich ist, dass Legris seine Tänzer und deren Stärken bestens kennt und die Partien sehr dankbar gestaltet.

In der 3.Vorstellung kommt nun endlich Denys Cherevychko zum Zug – er zierte schon wochenlang die Plakate, nun begeistert er mit seinem neuen Rollendebüt das Wiener Publikum. Nicht umsonst meinte Legris in einem Interview, dass jede Besetzung eine Première verdient hätte – Cherevychkos grandiose Leistung bestätigt dies voll und ganz. Die Choreographie kommt ihm dabei sehr zugute, da er all seine Stärken mit einer Lockerheit ausspielen kann – oft erntet er Szenenapplaus für seine atemberaubenden, sauberen Sprünge und die geschmeidigen, flinken Pirouetten. Schon in seiner 1. Variation zeigt er, dass er in Höchstform ist, und vermag sein Können im 2. Akt beim Pas de deux nochmals zu steigern – kein Zweifel, Cherevychko setzt neue Massstäbe in der internationalen Ballettwelt! Als lässiger Macho, der sich sehr wohl gegen die anderen Männer durchsetzen, aber auch eine schöne Frau lieben kann und für diese alles tun würde, überzeugt er ebenfalls auf ganzer Linie.

Kiyoka Hashimoto als Médora stellt in erster Linie eine saubere Technik in den Vordergrund; während sie bislang nur in der Schlafzimmerszene des 2. Aktes darstellerisch als liebende Frau aufblüht, bleiben die restlichen Szenen noch sehr zurückhaltend. Allerdings wird sie den technischen Ansprüchen sehr souverän gerecht, und im Anschluss an die Vorstellung wurde sie für ihr Rollendebüt zur 1. Solistin befördert.

Besonders lieblich ist die Gulnare, erstmals von Nina Tonoli getanzt; ein junges Nachwuchstalent mit einer gepflegten Technik, und einer erfrischenden, sympathischen Ausstrahlung. Temperamentvoll und präzise brillieren Masayu Kimoto als Birbanto und Alice Firenze als seine kongeniale Partnerin Zulméa. Als kraftvoller, geschmeidiger Lanquedem überzeugt Francesco Costa (ebenfalls Rollendebüt). Und dass bis in die kleinen Rollen hochkarätig besetzt wird, zeigt sich vor allem an der bezaubernden Natascha Mair, welche gemeinsam mit Eszter Ledan und Anita Manolova (beide Rollendebüt) den Odalisken-Pas de trois tanzt und durch Eleganz und Präzision ein besonders schönes Solo zum Besten gibt.

Jaimy van Overeem ist erstmals als Seyd Pascha zu erleben, mit sehr nobler Haltung wertet er die Statistenrolle auf, dass es nachvollziehbar ist, warum Gulnare am Schluss freiwillig bei ihm bleibt.

Generell sind die Herren in dieser „Corsaire“-Geschichte als das „starke Geschlecht“ dargestellt und die Damen eher als zarte, bezaubernde Wesen, auch in der Version von Legris ist dies nicht anders, so punkten die Herren vor allem durch zahlreiche Sprünge, während die Damen vor allem flink und elegant tanzen. Das Corps de Ballet glänzt einmal mehr durch Harmonie und Spielfreude.

Sehr originell ist der Schiffsuntergang im Epilog – ein grosses Lob an die Bühnentechnik! - und überhaupt sind Bühnenbild, Kostüme und Beleuchtung ein Augenschmaus, wirken aber niemals überladen.

Das Orchester der Wiener Staatsoper spielt die Musik (Adolphe Adam, Cesare Pugni, Léo Délibes und weitere) unter der Leitung von Valery Ovsianikov schwungvoll und facettenreich.

Folgevorstellungen: 28., 31.3. und 2.4.2016

Katharina Gebauer 24.3.16

Bilder (c) StOp

 

 

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