DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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                                                                           Katharina Gebauer  

 

 

Onegin

23.09.2022

Gelungenes Rollendebüt

Bereits im Jänner 2022 hätte Solotänzerin Ioanna Avraam ihr Debüt als Tatjana geben sollen, aufgrund von Corona-Massnahmen wurde die Vorstellung damals leider abgesagt, aber gestern war es endlich soweit. Da die anderen Tänzerinnen bereits mehrmals in ihren Rollen zu erleben waren, wird in dieser Rezension hauptsächlich auf das Debüt von Avraam eingegangen.

 

Und gleich vorweg: Avraam ist eine Tatjana, die mit all ihren Vorgängerinnen sowohl darstellerisch, als auch technisch ex aequo mithalten kann, mehr noch, auf ihre authentische Weise gelingt ihr gleich in der ersten Vorstellung eine beispielhafte, detaillierte und gefühlvolle Interpretation! So erlebte man eine junge, verträumte Tatjana, die sich zu Beginn Romantik mit Bücheridylle zusammenreimt, und erst bei der ersten Begegnung mit Onegin erfährt, wie sich die erste grosse Liebe tatsächlich anfühlt. Auch wenn Onegin (hervorragend: Eno Peci) in der ersten Szene sein Solo tanzt und Tatjana meistens zuschaut, so agiert sie schon mit ihren Blicken eindeutig, jedoch nie aufgesetzt. Und wenn sie den Liebesbrief schreibt und sich über das Geschriebene freut, vermittelt sie ideal eine etwa 18-Jährige, die auf ein besseres Leben mit dem Traumprinzen hofft, und genauso stellt man sich eine Tatjana im 1. Akt vor. Im Spiegel-Pas de deux kommt ihre filigrane, saubere Technik neben puren Glücksgefühlen im Ausdruck bestens zur Geltung, Eno Peci, welcher den Onegin schon oft getanzt hat, ist besonders hier ein harmonischer Partner und absolut sicher in den anspruchsvollen Hebefiguren. Avraam schwebt geradezu schwerelos in seinen Armen. Eine Sternstunde!

 

Weiters vorbildhaft zeigt Avraam den Wandel im 2. Akt, wo Tatjana realisiert, dass der Liebesbrief nicht seine Wirkung erzielt hat, wie neben sich tanzt sie mit Gremin in der Gesellschaft und ist mit der Aufmerksamkeit klar bei Onegin, der schamlos mit Olga flirtet. Ihr Blick nach der Duellszene spricht Bände. Was Avraam ebenfalls überzeugend gelingt, ist dass sie im 3. Akt in ihrer Darstellung 10 Jahre vergehen lässt, jetzt ist Tatjana eine immer noch junge, aber realistisch gewordene, elegante Fürstin geworden, die in sich ruht und in Gremin (ein Gentleman: Andrey Teterin) einen Ehemann gefunden hat, den sie wirklich liebt. Der Pas de deux blüht von fliessenden Bewegungen, hier merkt man die jahrelange Bühnenerfahrung der beiden, ohne dass eine Routine im negativen Sinne aufkommen würde. In der Schlussszene bleibt kein Auge trocken, Eno Peci als geläuterter Onegin versucht verzweifelt, Tatjana für sich zu gewinnen, Ioanna Avraam ringt überzeugend mit sich selbst, Gefühle gegen Verstand, schliesslich siegt für den entscheidenden Moment der Verstand, um Onegins Brief zu zerreissen und ihn wegzuschicken, und die Gefühle, die Verzweiflung über die verlorene Liebe, zeigt sie nurmehr dem Publikum. Tatjana ist eine perfekte Rolle für Ioanna Avraam, bzw. Avraam ist eine Idealbesetzung für Tatjana.

 

Dass der vielseitige Eno Peci auch in tragischen Rollen reüssiert, beweist er einmal mehr, und gerade weil man ihn oft als herrlich-komisch in anderen Balletten (The Concert, Robbins) erlebt hat, ist es umso bewundernswerter, dass er als Onegin genau das richtige Mass findet, zwar in manchen Momenten richtig unsympathisch und arrogant – wie es der Rolle entspricht! Wer zerreisst schon Liebesbriefe am Geburtstag der Verehrerin… -, aber nie unfreiwillig komisch wirkt.

 

Elena Bottaro ist eine liebenswerte, mädchenhafte Olga, die den Ernst des Lebens erst in der Duellszene kennenlernt, Arne Vandervelde ein Lenski mit geschmeidigen Sprüngen und guter Partner für Bottaro. Franziska Wallner-Hollinek sorgt für einige Schmunzler als Amme und Alexandra Inculet ist eine noch etwas junge, aber elegante Madame Larina.

 

Unter der Leitung vom umjubelten Robert Reimer spielt das Orchester der Wiener Staatsoper die wunderschöne Musik von Tschaikowski in guten Tempi, die Piani werden geschmackvoll ausgekostet. Hier punkten Avraam, Peci und Vandervelde zusätzlich durch weiche Sprünge. Sehens- und hörenswert!

 

Folgevorstellungen: 26.9., 3.10.2022, sowie im Jänner 2023

 

Katharina Gebauer, 24.9.22

 

 

DIE JAHRESZEITEN

30.4.2022

Gastkritik

 

Mit so einigen kraftvollen artistischen Sprüngen und kunstvoll arrangierten Figurationen der Tänzer geht es jetzt in der Wiener Staatsoper um einiges zurück in die Epoche der Wiener Klassik. Joseph Haydns vormals volkstümliches Oratorium „Die Jahreszeiten“ steht nun mehrmals auf den Programmzetteln an den Abenden des Hauses. Getanzt vom Wiener Staatsballett. Auf heutzutage trendy Art. Allerdings: Erweist sich Haydns Alterswerk aus dem Jahr 1801, eine Folge von vier in sich geschlossenen Kantaten, auch als eine so richtig passende Tanzmusik? Benötigen edle klassischen Harmonien ein derart geschäftig rotierendes Rundum?

Martin Schläpfer hat sich als Choreograph für seine beiden ersten Saisonen als Chef des Staatsballett nicht so ganz den Bedürfnissen des heimischen Publikums entsprechend (wohl auch des Operndirektors?) so eine Art Motto ‚Ballett ohne Ballettmusik‘ gewählt und dies bis jetzt durchgezogen. Als Nr. 6 in diesem Zyklus wird nächste Saison György Ligeti zitiert ….. doch aufatmen: im Psycho-Stil möchte man sich auch Tschaikowskis „Dornröschen“ nähern. Bis jetzt waren die Komponisten Mahler (4. Symphonie), Beethoven (4. Klavierkonzert), Brahms (Deutsches Requiem), Schostakowitsch (Symphonie Nr.15) an der Reihe. Und mit diesen „Jahreszeiten“-Puzzle – nicht der flirrende Gesang des Antonio Vivaldi, nicht die prächtig aufrauschende Ballettpartitur von Alexander Glasunov – bleibt Schläpfer seinem choreographischen Schema mit dessen vielen Wiederholungen treu. Für Besucher als erste Begegnung: ein dynamisches wie auf Ästhetik bedachtes auf und ab mit feinen Tänzern. Für Kundigere in Sache Ballett: Ob Mahler oder Brahms, it´s always the same.

 

 

Noble Musik – und Schläpfer denkt durchaus human. Als Tanzschöpfer-Senior mit dem Moderne-Faible seiner Zeit hinkt er den großen Choreographen dieser Epoche nach. Schläpfer sucht, sucht, sucht, möchte differenzierte Psychogramme niederschreiben …. und landet mit seiner gut beherrschten Profession bei den Manierismen des heute allgemein eingesetzten Bewegungsrepertoire und dessen gängigen Ingredienzien. Er sucht nach Finessen, kann solche immer wieder finden, bleibt aber auch bei zwei Stunden klassischer Musik-Schönheit in seinem dramaturgischen Ego gefangen.

„Welche Labung für die Sinne!“ lauten etwa die Worte von Gottfried van Swieten zu Haydns auf klassische-romantische Atmosphäre bedachten Schilderung der Jahreskreislaufes. Oder, berühmter Gesang: „Schon eilet froh der Ackermann zur Arbeit auf das Feld“. Und ausgelassener: „Lasst uns hüpfen! Heißa! Hopsa!“. Auch ein kräftiges „Ho!“ fehlt da nicht. Und der Religiosität dieser Zeit entsprechend: „Sei nun gnädig, milder Himmel!“, „Die Abendglocke tönt“, „Von oben winkt der helle Stern“, „Ein redlich Herz ist was uns rührt“. Solch eine Denkungsart lenkt bereits in die Richtung der Kultur des Biedermeiers.

Des Choreographen bis jetzt vorgeführtes System, hier wie bei Brahms, Mahler, Schostakowitsch: Der Grundton der jeweiligen musikalischen Aussage wird aufgenommen, doch rasch geht es über jegliche Strukturen der symphonischen Kompositionen hinweg und es wird dem tänzerischen Zeitgeist gefolgt. Handwerklich perfekt gemacht, nicht so ganz die erwünschte Tiefenwirkung erzielend. Hier kürzest ein andeutendes Mini-Register von den sich wiederholenden gestalterischen Mustern und Mechanismen: Immer, immer wieder nur eine dunkle leere Bühne; keine klar erzählende oder durchgehende Geschichte; und schon wieder, schon wieder ein herein stürmendes oder trippelndes Rudel an TänzerInnen; Solisten tauchen auch zu zweit, zu dritt auf, können dabei stets markig auftrumpfen; oft zu sehen: am Boden hockende, hingestreckte, sich wälzende Opfer; hoch gesprungen und dann sofort sinnierend niedergesetzt; zuerst ein Arm in die Höhe gereckt, dann der andere; jetzt beide schnell hoch; und noch einmal; Gebärdensprache dazwischen – da können die Tänzer wie Dummerln wirken; und schon wieder auf dem Boden gekauert; und nochmals, nochmals …. so eine richtiger Spannungsverlauf ist nicht gegeben.

Schläpfer bemüht sich nicht übermäßig um weitere Assoziationen zu Haydns klangmalerischen Stimmungsbildern wie aufkommendes Gewitter, schwül lastende Sommertage, muntere Hirschjagd (humoristisch reizvoll gedeutet) und Weinlese etc. – sondern er schafft den Worten van Swieten folgend seinen eigenen Lebenskreis im weiten nüchternen Raum (Bühne & Kostüme: Mylla Ek). Fahl eingeleuchtet, von Natur oder Natürlichkeit ist nicht das geringste zu merken. Dramatik wird kaum aufgebaut. Intensivere Wirkung erzielt nach der Pause Haydns vierte Kantate: der Winter als Paraphrase auf das menschliche Leben und Vergänglichkeit. „Erblicke hier, betörter Mensch“ ist mit einiger stimmiger Poesie durchsetzt.

 

 

Das Ensemble? Viele, viele Tänzer sind im Programm aufgelistet, und in ihren kunterbunten wie simplen, so gar nicht charakterisierenden Tanzkostümen bleiben sie im massiven Aufgebot doch anonym. Ketevan Papava steht da notiert, Maria Yakovleva, Davide Dato, Eno Peci, Massayu Kimoto. Echte Champions, bemüht um Emotionen zu zeigen. Wer ist wer? Dem herrschenden Chef zu dienen dürfte nicht allzu lustig sein.    

Diese Wanderung durch das Jahr: Das vivide tänzerische unablässliche auf und ab auf der Bühne, dieses ständige Hin und Her, rein und raus mag mehr oder weniger gefallen. Beste Schützenhilfe dabei bekommt der Choreograph aus dem Orchestergraben. Der Arnold Schönberg Chor musste für dieses Gastspiel aus dem Theater an der Wien in die Staatsoper übersiedeln, perfekt. Und Adam Fischer weiß als einspringender Dirigent zu gut, wie das Opernorchester zu ordentlichem Spiel angefeuert werden kann. Die Gesangssolisten erfüllten sehr ansprechend ihre Stichworte: Slávka Zámecniková, Josh Lovell, Martin Häßler. 

Veredelnde Wiener Klassik versus die heutige Tanzmode und deren Manierismen. Oder doch Hand in Hand, so eine Art von friedlicher Koexistenz? Vor ganz wenigen Saisonen war in der Staatsoper bereits ein Jahreszeiten-Ballett zu sehen. Originale Ballettmusik von Verdi, von Choreographengröße Jerome Robbins hintergründig schmunzelnd und sehr ironisierend gedeutet. Schon vergessen? Der Bühnentanz ist nun einmal eine sich schnell verflüchtende Kunst.

 

Meinhard Rüdenauer, 1.5.22

Bilder (c) Wiener Staatsballett/ Ashley Taylor

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

 

Giselle

15.02.2022

 

Letzte Spielzeit fiel sie dem halbjährigen Kultur-Lockdown zum Opfer, aber jetzt steht Elena Tschernischovas „Giselle“ wieder auf dem Spielplan des Wiener Staatsballetts. Einstudiert von der damaligen Premièren-Giselle Brigitte Stadler stellt man als Zuschauerin auch wieder neue Feinheiten fest, dass es immer wieder eine Freude ist, diesen Klassiker zu sehen.

 

 

Überzeugender Wahnsinn und Noblesse

 

Als Titelheldin war die 1. Solotänzerin Liudmila Konovalova zu erleben, welche bereits seit 11 Jahren in mehreren Vorstellungsserien erfolgreich die Giselle getanzt hat. Man hat sie durchaus auch in stärkeren Vorstellungen erlebt, beispielsweise als Dornröschen oder im Schwanensee, diesmal gab es im 1. Akt kleine Unsicherheiten, die man von ihr sonst so nicht kannte. In der Wahnsinnsszene überzeugte sie auf ganzer Linie, als Mädchen vom Lande hingegen wirkte sie zu gewollt, der Gesichtsausdruck streckenweise etwas hart. Ihr Partner Masayu Kimoto hat als Albrecht genau die Noblesse, die einen Prinzen ausmacht, jede Hebefigur gelingt mühelos, in den Solo-Variationen ist er souverän. Einzig mag es verwundern, dass er seit Neustem nicht mehr zum Schwert greift – der Moment, als Hilarion ihn mit dem Dolch angreift und Albrecht bisher instinktiv das nicht-vorhandene Schwert ziehen will – einer der Momente, die ihn als Prinzen verraten und Hilarions Verdacht bestätigen.

 

 

 

Hervorragend: Hilarion und Myrtha

 

Exzellent in dieser Vorstellung ist Eno Peçi als Hilarion – er ist nicht nur ein hervorragender Tänzer, sondern weiss auch darstellerisch jede Mimik perfekt zu dosieren, ein Hilarion, der Giselle ehrlich liebt, und auch den Konkurrenzkampf gegen Albrecht antritt, in blinder Eifersucht (aber niemals outrierend – da hat man auch andere Interpreten am Hilarion eher scheitern erlebt...) für Giselles Tod mitverantwortlich ist und diesen in stummer Erschütterung bereut. Eine ebenfalls grossartige Leistung garantiert Kiyoka Hashimoto als sprungsichere Myrtha, die unerbittlich alle Männer in den Tod treiben will, jedoch beim 1. Glockenschlag auch gleich wieder elegant verschwinden kann, nach dem Motto, morgen Mitternacht kommt sicher das nächste männliche Wesen...

 

Als Mutter Berthe flackert auch Franziska Wallner-Hollinek der Wahnsinn in den Augen, wenn sie die Schauergeschichte von den Willis erzählt, Claudine Schoch als Bathilde ist eine Erscheinung der besonderen Art; dass Albrecht in dieser Beziehung eher weniger zu sagen hat, wird allein durch Blicke schon deutlich. Als Bauernpaar gibt Sonia Dvorak ein souveränes Rollendebüt neben Arne Vandervelde, welcher bereits 2018 den Pas de deux tanzte und als Solo-Wilis schweben Adele Fiocchi und Anita Manolova leichtfüssig über die Bühne. Das Corps de Ballet (auch einige Tänzer:innen der Junior Company) wird vor allem den Ansprüchen des 2. Aktes gerecht. Und gerade diese Stunde zeigt die Harmonie innerhalb der Company.

 

Dirigent Jendrik Springer rollt mit dem Orchester der Wiener Staatsoper den roten Teppich für die Tänzer:innen aus, die tonalen „Hoppalas“, die in früheren Saisonen vor allem im 2. Akt immer wieder passierten, sind behoben, wunderschön erklingt das Bratschen-Solo. Das Publikum feierte vor allem die Leistung des Orchesters. Es sei wohl der durchgehenden Tragepflicht von FFP2-Masken geschuldet, dass die Bravorufe (die alle Mitwirkenden wohl verdient hätten) sich eher gedämpft in Grenzen hielten.

 

(c) Ashley Taylor

Katharina Gebauer 17..2.22

 

Folgevorstellungen: 17., 18.*, 20**., 23*.2.2022 (mit Maria Yakovleva*/Elena Bottaro** als Giselle, Davide Dato*/Denys Cherevychko** als Albrecht, Ketevan Papava*/Gala Jovanovic** als Myrtha)

 

 

Pressekonferenz Wiener Staatsballett

17.06.2021

 

Die Saison 2021/22 wurde am 17. Juni 2021 von Ballettdirektor Martin Schläpfer, Chefdramaturgin Anne do Paço und der kaufmännischen Direktorin Mag. Simone Wohinz vorgestellt. Zu Beginn der Pressekonferenz begrüsste Gerald Stocker die Anwesenden und merkte an, dass die nun zu Ende gehende Saison 2020/21 alles andere als wie geplant verlaufen ist – aus bekannten Gründen.

 

Ballettdirektor und Chefchoreograph Martin Schläpfer hat für 2021/22 ein vielseitiges, vielschichtiges Programm zusammengestellt, welches sowohl klassisches Handlungsballett, Postmoderne, als auch Uraufführungen beinhaltet, deckt doch das Wiener Staatsballett alle Genres ab. Ebenso wies Schläpfer darauf hin, wie wichtig die Vielseitigkeit ist, um auch international unter den grossen Compagnien auf sich aufmerksam machen zu dürfen. Das Publikum wird 4 Uraufführungen erleben (bzw 5, da die Premiere von Mahlers 4. Symphonie im Dezember 2020 wegen der Corona-Massnahmen nur als Stream gezeigt werden konnte).

 

Die erste Premiere „Im Siebten Himmel“ findet am 14. November 2021 an der Wiener Staatsoper statt und beinhaltet „Marsch, Walzer, Polka“ von Martin Schläpfer, eine Uraufführung von Marco Goecke, sowie „Symphony in C“ von George Balanchine. Letzteres ist bereits im Repertoire des Wiener Staatsballetts, für die Neueinstudierung wird die Balanchine-Expertin Patricia Neary nach Wien geholt. Schläpfer merkte an, dass er immer wieder auf die Neoklassik zurückkommen möchte, und wie wichtig die Attacke und Freiheit in der Führung der Technik bei Balanchine ist. Marco Goecke, welcher bereits für das Ballett am Rhein choreographierte, gibt sein Debüt in Wien – Schläpfer: „Goecke ist einer derjenigen, der in den letzten Jahren zu einer derart eingezirkelten, konsequenten Bewegungssprache gefunden hat, wie das ganz selten vorkommt, und die einzigartig dasteht.“ Zu dem für das Ballett Mainz kreierte „Marsch, Walzer, Polka“ wird Susanne Bisovsky neue Kostüme entwerfen.

 

Die 2. Premiere, „Liebeslieder“, ist für den 14. Jänner 2022 an der Wiener Staatsoper angesetzt und wird drei neue Werke von Robbins, Childs und Balanchine zum Besten geben. Eröffnet wird der Abend mit „Other dances“ von Jerome Robbins – ursprünglich kreiert für Natalia Makharova (Schläpfer: Die Ballerina mit den schönsten Armen) und Mikhail Baryshnikov. „Concerto“ von Lucinda Childs ist ebenfalls ein Hausdebüt, erstmals ist eine Choreographie von Childs an einem Abend mit Robbins und Balanchine zu erleben. „Liebeslieder Walzer“ bindet Mitglieder des Opernstudios ein, am Klavier vierhändig sind Jendrik Springer und Sarah Tysman zu erleben. Martin Schläpfer betonte hier auch die Wichtigkeit, die Sparten zu verbinden und auf Augenhöhe mit allen Mitwirkenden zu arbeiten.

 

Am 30. April 2022 gibt es die nächste Uraufführung von Martins Schläpfers abendfüllendem Werk „Die Jahreszeiten“ (Musik von Joseph Haydn), auch hier sind Solistinnen und Solisten und Chor der Wiener Staatsoper involviert, dirigieren wird Giovanni Antonini, welcher aktuell bis 2032 (Haydn-Jahr) das Gesamtwerk von Joseph Haydn einspielt. Hier plant Schläpfer eine grosse Besetzung, sowohl mit Staatsopern-, als auch Volksopern-Tänzern.

 

Die für Jänner 21 geplante Premiere von „Brahms, ein deutsches Requiem“ wird ab dem 30. September 2021 an der Wiener Volksoper zu sehen sein, die zweite Premiere ebenda gibt es am 2. Februar 2022, unter dem Titel „Begegnungen“. Hier werden „24 Préludes“ von Alexei Ratmansky, eine Uraufführung vom mehrfach preisgekrönten Halbsolisten Andrey Kaydanovskiy, sowie eine Uraufführung von Martin Schläpfer zu erleben sein. Die 3. Ballett-Premiere an der Wiener Volksoper, „Kontrapunkte“, vereint „Grosse Fuge“ von Anne Teresa De Keersmaker, „Duets“ von Merce Cunningham und „Four Schumann Pieces“ von Hans van Manen. Schläpfer erwähnte bei dieser Gelegenheit noch den 90. Geburtstag von Hans van Manen.

 

Zu den Sonderprogrammen zählen „Plattform Choreographie“ an der Wiener Volksoper (16. Juni 2022), für welche es eine Extra-Pressekonferenz geben wird – soviel sei schon verraten, es wird einige Choreographien von Tänzerinnen und Tänzer des Wiener Staatsballetts geben, und die Tradition des Ballettclubs fortgeführt – dem Ballettclub und seiner Botschafterin Ingeborg Tichy-Luger ist es übrigens zu verdanken, dass Andrey Kaydanovskiy als Choreograph entdeckt wurde. Schläpfer wies auf die Wichtigkeit der Nachwuchsförderung hin, und dass vor allem zeitgenössische Tänzerinnen und Tänzer früher „die Seite wechseln“, indem sie selbst Choreographien kreieren.

 

Das zweite Sonderprogramm ist die „Nurejew Gala“, das Format des ehemaligen Ballettdirektors Manuel Legris, welches seit 2011 jährlich stattgefunden hat. Schläpfer führt dieses Format nun alle 2 Jahre fort: „Es ist wichtig, fortzusetzen, was Erfolg hat, was Sinn macht. Nurejew ist ein wichtiger Mann für Wien, für den Tanz grundsätzlich.“ In der Nurejew Gala 2022 werden Werke von Balanchine, Béjart, Schläpfer, Leon/Lightfoot, Van Manen, aber auch die Klassiker „Le Corsaire“ und „Paquita“, sowie ein Flamenco Tänzer zu erleben sein. Bei Maurice Béjarts „Lieder eines fahrenden Gesellen“ gibt es ein Wiedersehen mit Friedemann Vogel.

 

Insgesamt geplant sind 57 Vorstellungen an der Staatsoper und 33 Vorstellungen an der Volksoper.

 

Im Repertoire bleiben die Handlungsballette „Onegin“ (John Cranko), „Schwanensee“ (Nurejew), „Giselle“ (Tschernischova), sowie an der Volksoper „Peter Pan“ (Orlic).

 

Weitere Produktionen sind die am 26.6.21 stattfindende Premiere „Tänze, Bilder, Sinfonien“ mit Werken von Balanchine, Ratmansky und Schläpfer, sowie die im Mai und Anfang Juni mit grossem Erfolg gespielte Premiere „Suite of Dances“ mit Werken von Robbins und Balanchine, ebenso die im Dezember gestreamte Premiere „Mahler, Live“ mit Werken von Hans van Manen und Martin Schläpfer.

 

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vermittlung, und die Kontaktaufnahme mit dem Publikum, so wird es nach grossem Zuspruch vor fast jeder Vorstellung Werkeinführungen geben, ebenso Einführungsmatineen, Ballettwerkstätten und Tanzpodien, eine Gesprächsreihe im Gustav Mahler Saal, wo u.a. auch Gespräche mit Christiana Stefanou und Brigitte Stadler geplant sind.

Sobald es mit den Corona-Massnahmen vereinbar ist, wird es auch wieder Open Classes geben. Auch das Tanzlabor unter der Leitung von Christina Winkel wird heuer wieder stattfinden, diesmal zum Thema „Bilder einer Ausstellung“.

 

Personelle Veränderungen gibt es ebenfalls in der Company: 1. Solotänzerin Nina Polakova wurde als Ballettdirektorin nach Bratislava berufen, 1. Solotänzer Robert Gabdullin beendet seine aktive Karriere und wird Ballettpädagoge. Neu engagiert an deren Position sind Hyo-Jung Kang aus dem Stuttgarter Ballett und Alexey Popov aus dem Bayerischen Staatsballett. Aus der Ballettakademie werden 4 Mitglieder ins Corps de Ballet aufgenommen.

 

Zum Schluss berichtete Mag. Simone Wohinz noch den statistischen Überblick. Bis zum Tag der Pressekonferenz fanden in der Saison 2020/21 pandemiebedingt 17 Vorstellungen an der Staatsoper, 10 Vorstellungen an der Volksoper statt. Die Besucherzahl ist mit 89,78% an der Staatsoper und 77,08% an der Volksoper sehr erfreulich und trotz Lockdown wurde ein breites Publikum, nicht zuletzt auch durch den Stream von „Mahler, Live“ erreicht.

Last but not least: Auch durch den Ballettclub  https://www.wiener-staatsoper.at/ballettclub/, der seit dem Direktionsantritt von Martin Schläpfer in die Staatsoper integriert wurde, konnten wichtige Investitionen, wie z.B. Physiotherapie für die Tänzerinnen und Tänzer ermöglicht werden. Ebenso setzt sich der Ballettclub für die Förderung von jungen Choreographinnen und Choreographen ein. Interessierte können gerne mit Frau Ingeborg Tichy-Luger Kontakt aufnehmen.

 

Katharina Gebauer

 

 

„A suite of dances“

Wiener Staatsballett, Wiener Staatsoper, 30.05.2021

Vielseitig und unbeschwert

Nach einer 6 1/2-monatigen Zwangspause kehrt das Wiener Staatsballett endlich wieder zurück auf die Bühne – vor ausverkauftem Haus. Ausverkauft bedeutet in Zeiten wie diesen, alle möglichen Plätze verkauft, einige Plätze müssen wegen den Sicherheitsabständen leer gelassen werden. Die Sehnsucht nach Live-Vorstellungen ist gross, und am Ende des Abends hätte man gerne den Künstlern noch deutlich längeren Applaus gegönnt, aber offensichtlich ist auch die Anzahl Vorhänge vorgeschrieben. 45 Minuten frenetischen Applaus, wie es z.B. 2005 bei der „Elisir“-Vorstellung mit Netrebko und Villazon gab, gehören aus bekannten Gründen der Vergangenheit an. Aber man ist dankbar, dass überhaupt etwas stattfinden darf, zu gross wirkt noch der Schock der Ereignisse der letzten 15 Monate, wie schnell Kunst und Kultur abgedreht werden kann...

 

Mit „Glass Pieces“, Choreographie Jerome Robbins, wird der Abend eröffnet, zu vollem Orchester in g-moll überqueren die Tänzer in zügigem Tempo die Bühne, elegant lösen sich die Solopaare des 1. Satzes (Ioanna Avraam, Calogero Failla, Alice Firenze, Arne Vandervelde, Fiona McGee und Lourenço Ferreira) aus der Gruppe heraus – ein besonderer Lichtblick ist hier Solotänzerin Avraam, die sowohl exakt, als auch fliessend einen grossen Bogen über ihre Schritte zu spannen vermag, wie ein Sänger mit geradezu endlosem Atem und berührender Phrasengestaltung. Nina Polakova und Roman Lazik zeigen im 2. Satz plastische Figuren, oftmals waren die beiden in den vergangenen Jahren als überaus harmonisches Paar zu erleben und einmal mehr sei erwähnt, dass Lazik wohl der beste Partner ist, den sich eine Ballerina wünschen kann, jede Hebung glückt in einer Gelassenheit, die nur ein erfahrener Tänzer hat. Ballettdirektor Martin Schläpfer hat auf jeden Fall gut daran getan, den Titel „Senior Artist“ für Lazik (und eine weitere Charaktertänzerin, die heuer neu zum Staatsballett dazugestossen ist) einzuführen, um eben solche Tänzer länger in der Company zu behalten, von deren Erfahrung dann die jungen Kollegen profitieren können. Im 3. Satz steht das Herren-Ensemble energiegeladen im Vordergrund, beschwingt geht man danach in die Pause.

 

Nach der Pause folgte George Balanchines „Duo concertant“ - wie auch Robbins' „a suite of dances“ heuer erstmals an der Wiener Staatsoper zu erleben – sowohl spritzig, als auch melancholisch musizieren Fedor Rudin (Violine) und Cécile Restier (Klavier) die äusserst diffizile Musik von Igor Strawinski, Rudin hat nicht nur die Doppelgriffe in einem flotten Tempo intonationssicher, sondern zaubert auch in der Apotheose weiche Klänge in höchsten Tönen. Zu Beginn des Stücks stehen Liudmila Konovalova und Masayu Kimoto andächtig lauschend hinter dem Klavier. Und wenn sie zu tanzen beginnen, realisiert man wieder (gerade wenn man dieses Werk vor einigen Jahren in Zürich gesehen hat), dass bei Werken von Balanchine nicht nur eine brillante Technik, sondern auch Musikalität gefordert ist. Auch wenn Konovalova und Kimoto bisher noch nicht so oft gemeinsam getanzt haben (wie z.B. Polakova und Lazik), so harmonieren sie sehr gut miteinander, Konovalova hat sich spätestens seit ihrem Eintritt ins Wiener Staatsballett mit ihrer makellosen Technik einen Namen in der Ballettszene gemacht und Kimoto ist viel mehr als nur ein sicherer Partner, seine lebhaften Sprünge in der Gigue sind erstklassig, und ebenso schmerzerfüllt sucht er in der Apotheose seine Partnerin im Dunkeln. Ein grossartiger danseur noble, der auch in früheren Balanchine-Werken sehr positiv in Erinnerung geblieben ist und es auch hier bleiben wird.

 

Ein kongeniales Duo bilden im Anschluss auch die Cellistin Ditta Rohmann und Erster Solotänzer Davide Dato in Jerome Robbins' „A suite of dances“, ursprünglich für Baryshnikov choreographiert. Während Ditta Rohmann in einer unbeschwerten Leichtigkeit die Musik von J. S. Bach zum Besten gibt, und den Raum mit Musik erfüllt, so strahlt Davide Dato dasselbe tänzerisch aus, sei es in mühelosen Manegen, oder Purzelbäumen, einmal schlägt er sogar ein Rad. Den Schalk hat Dato schon immer gehabt, ebenso weiss er, wie seriöse Partien authentisch zu gestalten – nicht umsonst war er für seine Interpretation als Abderachman für den Prix Benois de la Danse nominiert – so ist er auch in „a suite of dances“ ungemein facettenreich, und ein Garant für das international hohe Niveau des Wiener Staatsballetts.

 

Nach einer weiteren Pause gab es das herrlich-komische „The Concert“, ebenfalls von Jerome Robbins. 2011 erstmals an der Wiener Staatsoper zu sehen und heuer teils mit neuer, teils mit Premièrenbesetzung – gleich vorweg unschlagbar: Eno Peçi als Ehemann. Elena Bottaro schwebt als entzückende Ballerina herein und überzeugt sowohl mit einer erfrischenden Mimik, als auch mit Finesse. Ketevan Papava ist eine Ehefrau, mit der man sich besser nicht anlegt – da genügt ein deutlicher Blick, um den schüchternen Jüngling (Daniel Vizcayo) ordentlich zu verschrecken. Immerhin traut er sich später, der Ballerina beim etwas gar stürmischen Pas de deux einen Schlag auf den Kopf zu verpassen. Für zahlreiche Lacher im Publikum sorgte auch der „Mistake Waltz“, allen voran Fiona McGee mit Brille. Die Szene, für die allein es sich schon lohnt, den Abend zu besuchen, ist allerdings unmittelbar danach, wenn Eno Peçi zähnefletschend mit einem grossen Gummi-Messer versucht, die andächtig lauschende Ketevan Papava zu erstechen, während Igor Zapravdin (nicht nur virtuos am Klavier, sondern auch schauspielerisch in seinem Element) Chopins Melodien erklingen lässt. Nachdem der Ehemann mit einem schwungvollen Husarentanz die Ballerina erobert, flattern schliesslich alle Tänzer*innen als Schmetterlinge über die Bühne, bis es Zapravdin zu bunt wird und er alle mit einem grossen Netz zu fangen versucht. Begeisterter Applaus für alle Beteiligten, vor allem auch für Benjamin Pope und das Orchester der Wiener Staatsoper, leider viel zu kurz aus bekannten Gründen. Der Vorhang senkt sich, 2 mal treten noch Bottaro, Papava, Peçi, Zapravdin und Pope gemeinsam vor den Vorhang und man freut sich auf weitere Vorstellungen.

 

Folgevorstellungen: 4., 5., 7. und 11. Juni 2021

 

Katharina Gebauer, 2.6.2021

 

 

Jewels

24.09.2020

Glänzender Auftakt

„In Zeiten, wie diesen“ ist es nicht selbstverständlich, dass man eine Ballettvorstellung mit live Orchesterbegleitung geniessen kann. Das Wiener Staatsballett, seit Saisonbeginn unter der Leitung des Schweizer Choreographen Martin Schläpfer, ermöglicht dies, wie gewohnt auf sehr hohem Niveau. Etwa 25% der Company wurde mit dem Direktionswechsel neu besetzt, die meisten Ersten Solotänzer blieben dem Wiener Publikum erhalten, auch wenn man manche Tänzer vermisst, denen man wirklich von Herzen eine umjubelte Finalvorstellung im Juni gegönnt hätte. Wäre nicht die Coronakrise seit März... Ein etwas beklemmendes Gefühl mag in einem aufkeimen, wenn man mit Mund-Nasen-Schutz die Staatsoper betritt und auf der Website darum gebeten wird, die Begeisterung ausschliesslich durch möglichst lautes Klatschen auszudrücken. Aber vor allem ist man glücklich, dass Veranstaltungen wieder möglich sind, die Tänzerinnen vermitteln dieses Glücksgefühl ebenfalls, geben mehr denn je ihre grossartige Leistung – angesichts der wieder steigenden Zahlen weiss man ja nie, wie lange es jetzt möglich sein darf.

Genug von Damokles-Schwertern, wer sich in Bezug auf den Direktionswechsel gesorgt hat, das klassische Ballett würde mit einem Schlag von der Bildfläche verschwinden, wird eines Besseren belehrt. Zum einen ist das Niveau des Wiener Staatsballetts gerade im klassischen Repertoire international sehr hoch, zum anderen stehen diese Spielzeit Klassiker, wie Nurejews „Schwanensee“ und Ashtons „La Fille mal gardée“ am Spielplan, ebenso das neoklassische Werk „Jewels“ von George Balanchine. Und mit der neuen Ersten Solotänzerin Claudine Schoch, die gleich im ersten Stück, „Emeralds“, einen sehr guten Einstand gibt, dürften die Zweifel zerstreut sein. Da hat Wien eine erfahrene, technisch souveräne neue Ballerina mit klaren Linien gewonnen, die den Stil Balanchines bestens beherrscht, und auch die notwendige „Coolness“ hat, ein abstraktes Werk angemessen zu vermitteln. Als kongenialer Partner ist Roman Lazik ihr zur Seite, seit dieser Saison Senior Artist. Schoch wird übrigens Ende Oktober den Hauptpart im dritten Stück, „Diamonds“, tanzen.

 

Bereits in der letzten Saison waren Nina Polakova und Robert Gabdullin als 1. Paar in „Emeralds“ zu erleben, und harmonieren elegant miteinander. Polakova gestaltet in diesem Ballett die Armhaltung besonders feingliedrig und detailgetreu.

 

Ein weiteres Hausdebüt gab es in „Emeralds“ von Halbsolistin Sonia Dvorak – eine vielversprechende Tänzerin, die in einer Folgevorstellung auch für das 1. Hauptpaar vorgesehen ist. Geschmeidig und flink gelingt ihr gemeinsam mit der ebenso lieblichen Alice Firenze und dem als Solotänzer wieder zum Wiener Staatsballett zurückgekehrten Francesco Costa der Pas de trois.

Auch bei den 10 Corps Damen gab es gleich acht Rollendebüts, davon vier Hausdebüts, alle in sich stimmig und harmonisch.

Nach der Pause ging es mit „Rubies“ sehr energisch weiter, Igor Zapravdin spielte das Capriccio für Klavier und Orchester von Igor Strawinski präzise und brillant, während Kiyoka Hashimoto und Densy Cherevychko mit Esprit und Humor und einem faszinierend-schnellen Wechsel von leger und streng-klassisch den Pas de deux zum Besten geben. Ketevan Papava ergänzt mit starker Bühnenpräsenz und energiegeladenen Sprüngen die Solistenriege optimal, während auch hier das Corps de Ballet (hier zwei Hausdebüts, aber ansonsten keine Rollendebüts, auch Papava, Hashimoto und Cherevychko haben die Rubies bereits vergangene Saison getanzt) eine souveräne Leistung bringt.

 

Schliesslich, nach einer weiteren Pause, kam der klassischste Teil des Abends mit „Diamonds“ und Publikumsliebling Olga Esina. Das ist eine Ballerina der ganz grossen Klasse, die seit 2006 dem Wiener Staatsballett angehört, und die man bereits in zahlreichen Hauptpartien bewundern konnte. Während der „Diamonds“-Pas de deux bereits 2018 bei der Nurejew Gala von technisch souveränen Gastsolisten getanzt wurde, doch leider damals etwas langatmig war, so hat Esina die Begabung, einen Spannungsbogen zu schaffen, der bis zum Ende des Abends wirkt. Erstmals als ihr Partner ist Masayu Kimoto zu erleben, sehr sicher in den Hebungen und hervorragend in seinen Soli – er ist übrigens der einzige, der Szenenapplaus erntet. Einziges Manko: Esina ist nunmal eine grossgewachsene Ballerina und ihr letzter kongenialer Partner, Jakob Feyferlik, tanzt seit September beim Het Nationale Ballet...

 

Bei „Diamonds“ gab es auch einige Hausdebüts, sowohl im Corps de Ballet, als auch unter den Solisten, neue Solotänzerin ist Aleksandra Liashenko, die gemeinsam mit Elena Bottaro vereinzelte Soli zum Besten gibt, ein freudiges Wiedersehen gibt es mit Masha Tolstunova, welche in der Ballettschule als kleine Clara im „Nussknacker“ zu erleben war und später bei den „Jungen Talenten des Wiener Staatsballetts“ auf sich aufmerksam machte, bevor sie für ein paar Jahre nach Hamburg wechselte.

 

Kräftigen Applaus gab es auch für den Dirigenten Paul Conelly, der den ganzen Abend mit Mund-Nasen-Schutz dirigierte und das Orchester facettenreich durch Fauré, Strawinsky und Tschaikowski führte, und schliesslich beim Schlussapplaus Olga Esina die Ellbogen bot, was für allgemeine Erheiterung sorgte.

 

Folgevorstellungen: 25.9., 3., 9., 18., 22., 27., 29.10., 1.1.2020

 

Katharina Gebauer, 26.9.2020

Bilder (c) Staatsballett

 

 

 

Gastbeitrag

MANUAL LEGRIS

Zehn Jahre Chef des Wiener Staatsballetts: Ein positiver Rückblick

Zehn Jahre Chef des Wiener Staatsballetts: Ein positiver Rückblick auf Manuel Legris

Es sind erfolgreiche zehn Saisonen künstlerischer Arbeit für das Wiener Staatsballett gewesen. Auf den Bühnen von Staats- und Volksoper hatte es in diesem Jahrzehnt immer wieder gefunkelt. Angefacht durch Manuel Legris und von den TänzerInnen der Kompanie mit all deren Begabungen weitergereicht. Das große Ensemble ist von seinem von der autoritären Balletterziehung an der Pariser Oper geprägten Chef enorm gefordert worden, musste sich als eine Leistungsgesellschaft bewähren. Tänzerischer Glanz, hart erarbeiteter Glanz, nicht aber Glamour – so könnte es rückblickend vielleicht zu beurteilen sein.  

„…. es war keinesfalls so schlimm!“ Nun, so hat sich Legris nicht über seine Jahre in Wien geäußert, sondern zur zuletzt aufgekommenen wie von der Presse gern aufgenommenen Problematik mit den Methodiken der Ballettakademie der Österreichischen Bundestheater. Es ist auch keinesfalls übermäßig schlimm gewesen. Eigentlich normal: Kein Honiglecken sind heute für hoffnungsfrohe Kinder solche fordernden Jahre der Ausbildung. Und wie wir immer wieder mitverfolgen können: Den wenigsten von ihnen ist dann auch die Möglichkeit gegeben, ihre jugendliche Träume und Wünsche im Berufsleben, auf großen Bühnen auszukosten. Oder zu erdulden: Im Wechsel zur neuen Ballettdirektion unter Martin Schläpfer hat es sehr wohl mehrere arbeitsgerichtliche Prozesse gegeben – und einige der zahlreichen ausgesprochenen Kündigungen mussten auch zurück genommen werden.

Um die Ballettschule der Staatsoper hatte sich Legris allerdings nur beschränkt gekümmert. 2010 nach Wien gekommen, konnte er die meisten seiner heute auch noch weiterhin engagierten Leistungsträger – feine, sich voll hingebende TänzerInnen, die von seinem Vorgänger Gyula Harangozó als noch junge Talente überwiegend aus den Oststaaten nach Wien geholt wurden – übernehmen. Besonders Österreicher-freundlich oder aufgeschlossen gegenüber weniger integrierte Personen schien Legris nicht zu sein. Doch die beiden jungen Wiener Natascha Meier und Jakob Feyferlik wurden voll gefördert und sind zu perfekten Ersten Solisten aufgestiegen. Legris´ strenges Regime hat seine Früchte gezeigt, und das Renommee der Ballettkompanie vermochte auch jenes des Sängerensembles der Staatsoper zu überstrahlen. 

Nicht gern wird darüber gesprochen, doch Realität ist, dass nur diese Kompanien in die Geschichte des Tanzes eingegangen sind, in denen stilbildende Choreographen wirken und schöpferisch aufbauen konnten. Stark ausgeprägt im 20. Jahrhundert – Balanchine, Cranko, Bejárt, einige mehr. Solche Namen haben in den letzten Jahrzehnten prägend nachgewirkt. Und auch die Fähigkeiten einer heutigen Choreographenriege, weltweit, mit wendiger Bewegungsphantasie die geschmeidigen Körper der Tänzer einzusetzen, sind immer wieder bewunderswert. So ist es auch mit den neuen Tanzkreationen in Wien gewesen. Gut gemacht, im Profil aber doch auch wieder zu leicht auswechselbar.

Legris zählt nicht zu Direktoren mit echter Kreativkraft. Bestens geglückt ist ihm jedoch sein allererster choreographischer Versuch, alte Balletthistorie mit gepflegter konventioneller Attitude neu zu beleben. Sein spektakulärer „Le Corsaire“ (Pariser Oper, 1856) bietet Liebhabern dieses üppigen Genres reines Vergnügen. Und auch mit seiner zweiten choreographischen Arbeit, Leo Delibes´ „Sylvia“, ist ihm mit Hilfe der beschwingt melodiösen Musik ein gelungenes Schaustück geglückt.     

Das Wiener Staatsballett hat sich in diesen zehn Jahren in der Staatsoper sowie in der Volksoper immer wieder mit Bestleistungen auszuzeichnen vermocht. Wiederholt zu hören ist jetzt, dass Wien nun zu einer Ballettstadt geworden ist. Gut so – doch Kunst ohne Augenmerk auf eigenes junges Blut? Scheint in der derzeitigen österreichischen Kulturpolitik eher nebensächlich eingeschätzt zu werden. Das Augenmerk ist auf einen positiven Kassenrapport gerichtet. Und Manuel Legris hat das Wiener Opernballett zu einem gut verkäuflichen Kulturgut gemacht.

 

Meinhard Rüdenauer

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online

Fot (c) StOp

 

Lukacs/Lidberg/Duato

Wiener Staatsoper, 04.03.2020 Première

Unermüdliches Wirbeln

Die letzte Ballettpremière vor der Nurejew Gala 2020 in der Ära Legris stand im Zeichen der zeitgenössischen Choreographen Andras Lukacs, Pontus Lidberg und Nacho Duato.

 

Mit dem bereits 2017 an der Wiener Volksoper uraufgeführten Werk „Movements to Stravinsky“ von Halbsolist Andras Lukacs wurde die Première eröffnet.

 

Lukacs kann nicht nur tänzerisch, sondern vor allem choreographisch auf zahlreiche Erfolge in Wien zurückblicken, erstmals reüssierte er 2009 mit der Uraufführung von „Duo“, wo man ebenfalls auf die damals noch im Corps de Ballet tanzende Alice Firenze aufmerksam wurde. Was Lukacs als Choreographen unter anderem auszeichnet ist, dass er die ausgewählte Musik (in diesem Fall die neoklassische Phase von Stravinsky) gekonnt auf seine Tänzer und deren Stärken zuschneidert. Kongenial dazu sind die Kostüme von Monika Herwerth. Eine Handlungsgeschichte ist bei den „Movements“ nicht notwendig, hier steht die Ästhetik im Vordergrund, allen voran die elegante Alice Firenze mit ihrem ebenbürtigen Partner Masayu Kimoto, dann natürlich das besonders geschmeidige Paar Natascha Mair - James Stephens. Quirlig agieren Nikisha Fogo und Richard Szabo, Halbsolistin Iliana Chivarova ist nach längerer Zeit endlich wieder einmal solistisch zu erleben, ebenso sehenswert wie Erika Kovacova mit Zsolt Török (der ausdrucksstarke Tänzer ist nach einer Verletzungspause wieder wie eh und je in Form) und die federleichte Céline Janou Weder mit Gaetano Signorelli und Arne Vandervelde.

 

Mit grosser Spannung wurde die Uraufführung „Between Dogs and Wolves“ von Pontus Lidberg erwartet. Und wenn im Programm bereits „Das Rudel bei den Proben“ steht, kann man sich auch humoristische Elemente erwarten. Zum Streichquartett Nr. 10 von Dmitri Schostakowitsch hebt sich der Vorhang und neun reizende Mädchen in weissen Tutus (Kostüme: Rachel Quarmby-Soadaccini) tanzen idyllisch in der Abenddämmerung, die Videoprojektionswand (Jason Carpenter) im Hintergrund zeigt Baumstämme, man befindet sich wohl im Wald. Passend zur spannungsgeladenen Musik taucht auf einmal ein Wolfsschatten auf der Projektion auf, und hinter der Wand kommt ein Herr im Anzug hervor, ein steter Wechsel von Soli und Ensemble hält das Publikum in Bann, dazwischen ein gekonntes Spiel mit der Projektionswand, die einen zwischen zwei Welten gefangen hält, die charakterstarke Rebecca Horner mutiert nach kurzer Zeit zu einer verspielten, geschmeidigen Wölfin mit Wolfsmaske und Pfoten, Nikisha Fogo zeigt sich von ihrer lieblichen, aber dennoch sprungkräftigen Seite, Ioanna Avraam und Jakob Feyferlik zeigen ästhetische, fliessende Figuren im Pas de deux, Nina Polakova bezaubert ebenso wie die flinken Herren Davide Dato und Navrin Turnbull. Keck jagen die Herren die Damen, eine Dame geniesst es, von drei Herren umworben zu werden. Eine konkrete Inhaltsangabe gibt es nicht, die Zuschauer sind selbst aufgefordert, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen.

 

Das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Fayçal Karoui spielt sowohl den Stravinsky, als auch Schostakowitsch hervorragend, ein grosses Lob gilt auch Konstanze Brosch (Oboe), Peter Somodari (Violoncello) und Shino Takizawa (Klavier).

Spannungsgeladen ist der 3. Teil „White Darkness“ von Nacho Duato. Dieses Stück widmete der spanische Choreograph seiner viel zu früh verstorbenen Schwester.

Mit Madison Young und Jakob Feyferlik hat man zwar ein junges, aber keineswegs unreifes Hauptpaar, Feyferlik vermochte bereits in zahlreichen Hauptpartien zu überzeugen (gerne erinnert man sich an seine grossartige Interpretation als Nijinsky) und ist für jede noch so komplizierte Hebung ein sicherer Partner, Young weiss gekonnt, jugendliche Dramatik und den Wechsel zwischen Hektik und Ruhe zu vereinen, man darf sehr gespannt sein, welche Partien die junge Tänzerin in den nächsten Jahren verkörpern wird. Abwechselnd mit den Pas de deux, wo immer wieder weisser Sand von der einen Hand in die andere rieselt (passend zum Vorhang im Hintergrund, der wie ein Sandbild gerafft ist), wirbeln vier weitere Paare (ebenfalls in kleinen Pas de deux und Ensemble) über die Bühne, energiegeladen in raschen, teils auch hektischen und dann wieder fliessenden Bewegungen. Vor allem die unermüdlich hoch springende und präzise Nikisha Fogo, die selbst beim Schlussapplaus keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt, und in allen drei Stücken Höchstleistung bot, sei an erster Stelle lobend erwähnt, ebenso erfreuen Kiyoka Hashimoto, Fiona McGee und Sveva Gargiulo durch Geschmeidigkeit und Präzision.

 

Bei den Herren gibt es ein kleines Déjà-Vu mit „Skew Whiff“ von Lightfoot und Leon, abwechselnd im Scheinwerferlicht mit besonders schnellen, zackigen Bewegungen – deswegen Déjà-Vu, weil der brillante Masayu Kimoto (welcher vor ein paar Jahren eine der Hauptpartien in „Skew Whiff“ tanzte) den Reigen eröffnet. Sprunggewaltig überzeugen ebenfalls Davide Dato, Géraud Wielick und Arne Vandervelde (wie Nikisha Fogo ebenfalls in allen drei Stücken tanzend).

 

Einziges Manko an dem Stück ist, dass die Musik (Karl Jenkins) aus der Box kam und etwas laut aufgedreht war und dadurch diverse Schnauber und Schnappatmer von den Musikern (auf der Aufnahme) mitunter etwas störend wirkten.

Jubelnder Applaus für alle Beteiligten. Bedauerlich, dass die insgesamt 5 Vorstellungen bereits am 11. März, also genau 1 Woche nach der Première, abgespielt sind. Vielleicht gibt es ja kommende Saison unter dem neuen Ballettdirektor Martin Schläpfer eine Wiederaufnahme – dies ist aber alles noch Zukunftsmusik.

 

Katharina Gebauer, 7.3.2020

Bilder (c) Staatsballett

 

Folgevorstellungen: 6., 8., 10. und 11.3.2020

 

Onegin

26.01.2020

Auch die dritte Besetzung in John Crankos „Onegin“ brilliert und berührt in der 52. Aufführung im Haus am Ring.

Roman Lazik in der Titelpartie ist nicht nur ein hervorragender Partner – der wahrscheinlich beste Partner der ganzen Company, der noch jede Hebefigur mit einer Gelassenheit meistern kann – sondern lässt gekonnt die Emotionen mit einfliessen. Ist er zu Beginn ein abgehobener Dandy, so glückt ihm der Umbruch im 3. Akt besonders stark und er vermittelt die verzweifelte Liebe zu Tatjana glaubhaft.

Ketevan Papava ist eine echte dramatische Ballerina, die sowohl als verträumtes junges Mädchen, aber vor allem im 3. Akt auf ganzer Linie überzeugt. Gerade wenn sie zu Beginn des 3. Aktes mit Gremin auftritt, ist sie eine grande Dame mit faszinierender Ausstrahlung, und wenn sie zum Schluss in Tränen aufgelöst zurückbleibt (und auch noch beim Applaus sichtlich mit der Fassung ringt), kann man sich sicher sein: diese Tänzerin weiss, was Liebe ist, mehr noch, sie kann es dem Publikum darstellen.

Als Olga ist in dieser Serie erstmals Madison Young (Rollendebüt in der Donnerstags-Vorstellung, wie auch Feyferlik) zu erleben, und nach einer Natascha Mair und Nikisha Fogo dieselbe Partie zu tanzen, ist wahrhaftig eine Herausforderung! Young setzt vor allem auf einen kindlich-trotzigen Charakter im 2. Akt und gibt durchgehend eine mädchenhafte Olga mit flinken Füssen. Jakob Feyferlik ist ein ästhetisch-leidenschaftlicher Lenski, der überdies auch als Partner sehr sicher ist. In einigen Jahren dürfte er auch sehr überzeugend als Onegin sein, wenn man vor allem an seine reife Darstellung als Nijinsky, oder Peer Gynt zurückdenkt, traut man ihm auch diese Partie zu.

Vladimir Shishov, ehemaliger 1. Solotänzer des Wiener Staatsballetts (wurde 2010 übrigens für seine grossartige Interpretation als Onegin zum 1. Solotänzer befördert) ist ein Gremin mit Charisma, und auch wenn er im Pas de deux in erster Linie als „Heber“ fungiert, so ist er dennoch mit seiner Persönlichkeit ein ebenbürtiger Partner für die bezaubernde Papava. Dass es nach deren Pas de deux begeisterte Bravorufe gibt, ist daher nicht verwunderlich.

Als Madame Larina und Amme überzeugen erneut Erika Kovacova und Beata Wiedner. Das Corps de Ballet rundet das Ensemble durch Präzision ab.

Ermanno Florio dirigiert das Orchester der Wiener Staatsoper schwungvoll – einige Momente im 1. und 2. Akt gab es leider, in denen das Tempo untereinander variierte, aber spätestens zum 3. Akt hatte man zum üblichen Niveau gefunden.

 

Katharina Gebauer, 27.1.2020

 

Onegin

Zum Zweiten

 

17.01.2020

Magische Momente

Ebenso wie in der ersten Vorstellung der „Onegin“-Serie in dieser Spielzeit sind Nina Polakova und Robert Gabdullin in den Hauptpartien zu erleben. Dennoch bleibt es spannend, den beiden zuzusehen, kosten sie doch alle Facetten aus und rühren vermehrt zu Tränen, z.B. wenn Onegin Tatjanas Brief vor ihren Augen zerreisst, und sie völlig konsterniert stehen bleibt (Polakova leidet gekonnt mit Stil) oder wenn Onegin realisiert, dass er sich in Tatjana verliebt hat, sie aber bereits verheiratet ist. Magische Momente gibt es hier zahlreiche, sei es im romantischen Spiegel-Pas de deux oder die erste Hebefigur noch in der 1. Szene, und vor allem der emotionale Schluss-Pas de deux, wo die verbotene Liebe zwischen Onegin und Tatjana glaubhaft vermittelt wird, sowohl Polakova als auch Gabdullin wissen, Gefühle darzustellen! Und dazu hat Polakova noch eine makellose Technik und Gabdullin elegante weiche Sprünge, traumhaft! Da kommen die Ballettliebhaber ganz auf ihre Kosten.

 

Doch nicht nur das Protagonistenpaar erfreut sich grosser Beliebtheit, auch Olga und Lenski sind – diesmal mit Nikisha Fogo und Davide Dato – durchaus gleichwertig zu sehen. Nikisha Fogo ist als Olga eine unbekümmerte Frohnatur mit brillanter Sprungkraft (springt sowohl im 1., als auch im 2. Akt deutlich höher als das Corps de Ballet, das sind aber auch die Erwartungen, die man in solchen Momenten an eine Erste Solotänzerin stellt, wenn man ehrlich ist) und sympathischer Verliebtheit im Pas de deux und zeigt einen starken Wendepunkt im 2. Akt, als Lenski Onegin zum Duell auffordert. Davide Dato ist nicht nur darstellerisch der schwärmerisch, leicht wehmütige Dichter, der fast wie ferngesteuert sich zur Duellaufforderung hinreissen lässt. Seine Sprünge landen stets weich und geschmeidig, und vor allem auch die Armhaltung senkt sich nach virtuosen Sprüngen in einer bewundernswerten Ruhe. Dato und Fogo harmonieren bestens miteinander und man könnte sich die beiden sehr gut auch als Romeo und Julia vorstellen. Als Gremin überzeugt Alexis Forabosco sowohl mit Noblesse, als auch als hebesicherer Partner. Erika Kovacova ist eine herzliche Madame Larina und Beata Wiedner überzeugt als Amme. Im Corps de Ballet fallen besonders Eszter Ledan und Anita Manolova positiv in kleinen Szenen im 2. Akt auf. Zum Schlussapplaus gab es noch je 2 Blumensträusse für Polakova und Fogo.

 

Grossen Applaus gab es auch für Ermanno Florio und das Orchester der Wiener Staatsoper.

 

Folgevorstellungen: 23. und 26.1.2020 mit Papava, Lazik, Young, Feyferlik

 

Katharina Gebauer, 20.1.2020

Bilder (c) Staatsballett

 

Onegin

08.01.2020

Grosse Gefühle

Ein grosser Klassiker steht mit John Crankos Ballett „Onegin“ erneut am Spielplan der Wiener Staatsoper und in der 47. Vorstellung erfreute sich das Publikum ob eines gelungenen Rollendebüts des Titelhelden und versierten Protagonistinnen.

Erstmals ist Robert Gabdullin als Onegin zu erleben, der bisher vermehrt Prinzenpartien tanzte, und nun in einer sehr ausdrucksstarken Weise reüssiert. Der blasierte Dandy, der die gesamte Dorfgesellschaft nur müde belächelt gelingt ihm genauso überzeugend, wie im herrlich-romantischen Spiegel-Pas de deux der Verführer, da kann man nachvollziehen, wie Tatjana sich den Onegin erträumen würde! Umso stärker holt er einen dann in die „Realität“ zurück, wenn er rücksichtslos Tatjanas Liebesbrief zerreisst und Lenski zu einer Duellaufforderung provoziert, indem er mit Olga flirtet. Gabdullin besteht besonders im 3. Akt die Gratwanderung zwischen starkem Ausdruck und zu affektiert gekonnt, glaubwürdig ist sein älter gewordener Onegin, der realisiert, die Liebe seines Lebens verloren zu haben.

Nina Polakova, welche bereits seit knapp 10 Jahren noch in jeder Vorstellung als Tatjana begeistert hat, reisst auch diesmal das Publikum vom ersten Augenblick an mit, überzeugend mimt sie das junge, verträumte Mädchen mit ersten schüchternen Flirtversuchen, geradezu jubelnd lässt sie sich in der Spiegelszene durch die Lüfte wirbeln, umso stärker wirkt ihre Verzweiflung ob der verschmähten Liebe und der ruhige, vorwurfsvolle Blick, als Onegin Lenski erschossen hat, um im 3. Akt als elegante Fürstin aufzublühen, die in der Gesellschaft Contenance behalten kann, als Onegin ihr erneut begegnet, und deren Liebe zu ihm aber nie erloschen ist.

Der finale Pas de deux wird zu einem Höhepunkt der Gefühle, Polakova und Gabdullin vermitteln leidenschaftlich das Drama und ernten verdient tosenden Applaus.

Doch nicht nur das Hauptpaar ist vortrefflich besetzt, auch Denys Cherevychko als Lenski und Natascha Mair als Olga begeistern auf ganzer Linie. Nicht nur grossartig getanzt, sondern auch die berühmte Chemie stimmt, der Pas de deux der beiden ist eine pure Freude, Cherevychko ist nicht nur ein schwärmerischer Dichter, der die liebliche Olga vergöttert, sondern ebenso impulsiv im 2. Akt, dass sich das Drama unweigerlich schon früh für die Zuschauer abzeichnen kann. Mair war schon die vergangenen Aufführungsserien eine brillante, herzerfrischende Olga, die szenische Details stilvoll auskostet (sei es, dass sie zwar Lenski und Tatjana kurz einander vorstellt, aber auch einen Handkuss charmant unterbindet, oder das Flirten mit Onegin in vollen Zügen geniesst) dieses mal gewinnt sie noch an dramatischer Darstellung (die Duellszene ist von allen vier Protagonisten gleichwertig stark getanzt) und macht neugierig auf neue, dramatischere Hauptpartien.

Als Fürst Gremin erweist sich Alexis Forabosco als nobler und sicherer Partner, ebenfalls öfters war auch Erika Kovacova als Madame Larina zu erleben, sympathisch-schrullig ist Beata Wiedner als Amme (Rollendebüt). Im Corps de Ballet waren ebenfalls einige Rollendebüts zu verzeichnen, was der üblichen Harmonie aber nicht im geringsten trübte.

Mit anfangs zügigen Tempi, aber im 3. Akt umso gefühlvoller und das Drama ideal untermalend spielte das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Ermanno Florio. Sicher auch mit ein Faktor, weswegen nicht nur die Schlussszene zu Tränen rührte.

Folgevorstellungen: 11., 13. 17., 23., 26.1.2020 (11.1. Polakova, Peci, Mair, Cherevychko, 13.1. Polakova, Peci, Fogo, Dato, 17.1. Polakova, Gabdullin, Fogo, Dato, 23. und 26.1. Papava, Lazik, Young, Feyferlik)

 

Katharina Gebauer, 10.1.2020

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Le Corsaire

03.01.2020

Technische Perfektion

Unumstrittener Star der wahrscheinlich letzten „Corsaire“-Vorstellung (Anm.: Direktionswechsel in der Spielzeit 2020/21) am Haus am Ring war der koreanische Gastsolist Kimin Kim, welcher bereits in der Nurejew Gala 2019 das Publikum zu frenetischem Applaus hinriss. Er ist ein Conrad, der vom ersten Augenblick an die Bühne mit seiner feurigen Präsenz füllt, mühelos sehr hohe Sprünge zum Besten gibt, aber auch eine sympathische Rollengestaltung an den Tag legt. Für die kraftvollen Manegen im Grand Pas des 2. Aktes gibt es verdienten Szenenapplaus. Ein grand danseur noble, wie er im Bilderbuche steht, eine Freude, solch einen hochkarätigen Tänzer zu bejubeln! Technische Perfektion gibt es auch bei Liudmila Konovalova zu bewundern, die vor allem mit einer präzisen Fussarbeit und klaren Linien glänzt (wie man sie besonders als Dornröschen, oder Odette/Odile schätzen gelernt hat), jedoch bedauerlicherweise über den ganzen Abend eher kühl wirkt, die verliebte Médora bleibt sie dem Publikum für dieses mal schuldig. Kiyoka Hashimoto ergänzt das Protagonisten-Trio als spielfreudige, herzlich-selbstbewusste Gulnare – besonders anmutig im 3. Akt, dass man sich auf jede ihrer Variationen freuen kann – und wird allen technischen Herausforderungen mehr als gerecht.

Als Lanquedem überzeugt der charakterstarke Mihail Sosnovschi sowohl mit leichten Sprüngen, als auch mit einer facettenreichen Interpretation. Hervorragend besetzt sind auch der Intrigant Birbanto (sprungsicher: Davide Dato) und seine Gefährtin Zulméa (geschmeidig: Ioanna Avraam), wie auch die lieblichen Odalisken (Eszter Ledan, sowie die Rollendebütantinnen Natalya Butchko und Chiara Uderzo).

Zu vermehrten Hustenreizen im Publikum sorgte ein Räucherstäbchen, das Seyd Pascha (würdevoll: Alexis Forabosco) im 3. Akt in einen seligen Traum beförderte, so dass auch zu Beginn des Walzer-Traums (besonders positiv fällt bei den Walzer-Solistinnen Anita Manolova auf) das Orchester durch unfreiwillige Räusperer untermalt wurde.

Das Corps de Ballet glänzt einmal mehr durch Harmonie, die Ballettakademie der Wiener Staatsoper fügt sich im Walzer gut ein.

Grossen Applaus gab es für den Dirigenten Valery Ovsyanikov, welcher das Orchester der Wiener Staatsoper beschwingt durch die gefälligen (und im Finale 1 etwas D-Dur-dominierten) Melodien von Léo Délibes führte.

 

Katharina Gebauer

Bilder (c) Staatsballett

 

Nurejew Gala 2019

28.06.2019

Hauptsache Klassisch

Mit der vorletzten Nurejew Gala in der Ära Legris wurde diesmal ein klassisch-dominiertes Programm an Highlights der Ballettwelt dargeboten – verglichen mit den vergangenen zwei Nurejew Galas 2017 und 2018 eher wenig moderne Werke, was den Facettenreichtum des Wiener Staatsballetts noch mehr hervorgehoben hätte.

Eröffnet wird die Gala mit dem Delirienwalzer von Roland Petit und einer kurzen Videoeinlage (über den ganzen Abend sehr erquickend für die Zuschauer zusammengeschnitten von Delbeau Film) zum 150-jährigen Jubiläum der Wiener Staatsoper. Mit Esprit und Brillanz tanzen die bezaubernde Natascha Mair und ihr kongenialer Partner Davide Dato, die den ganzen Abend über ordentlich im Einsatz sind.

 

Kurzweilig ist auch der folgende Jockey Tanz von August Bournonville, von Solotänzer Dumitru Taran (sehr souverän) und Arne Vandervelde, welcher kurzfristig für den ursprünglich angekündigten Richard Szabo übernahm.

 

Temperamentvoll ging es anschliessend mit Fanny Elsslers Cachucha weiter, Ketevan Papava, die nicht nur hervorragend tanzt, sondern auch Kastagnetten spielen kann, zeigt sich einmal nicht von der dramatischen Seite.

Eine anspruchsvolle Choreographie nach Marius Petipa folgte mit dem Esmeralda-Pas de deux. Liudmila Konovalova setzt ganz auf ihre technische Perfektion, während ihr Partner, Gastsolist Young Gyu Choi (Principal Dancer beim Dutch National Ballet) die Sprünge geradezu aus dem Ärmel schüttelt und auch in den Hebefiguren mehr als nur ein sicherer Partner ist. Definitiv eine gute Entscheidung, ihn einzuladen.

Das folgende Stück Luminous, eine sehr ästhetische, musikalische Choreographie von Andras Lukacs, dürfte einige im Publikum zum Weinen gebracht haben, war es doch der Abschied von der lieblichen Solotänzerin Nina Tonoli, die das Wiener Staatsballett mit Ende der Spielzeit verlässt. Tonoli, welche in ihren ersten Wiener Jahren vor allem in den mädchenhaften Partien (Fille mal gardée, Nussknacker) glänzte, hat an lyrischem Ausdruck gewonnen, wäre nicht die einjährige Verletzungspause gewesen, hätte man sie noch als Myrtha und Solveig erleben können. Das Publikum in Amsterdam kann sich auf eine hochkarätige Solistin freuen. Mit Jakob Feyerlik wurde der Pas de deux auf jeden Fall zu einem der schönsten Momente des Abends.

 

Romantisch ging es mit einem Pas de deux aus Rudolf Nurejews „Romeo und Julia“ weiter, Ioanna Avraam und Robert Gabdullin hätten nach dieser Leistung wahrhaftig mehr Applaus verdient, haben beide doch sowohl darstellerisch als auch technisch einiges zu bieten. Es mag vielleicht auch an der Choreographie liegen, die nicht immer mit der Musik harmoniert (z.B. Sprünge für die Tänzer bei grossen Legatophrasen im Orchester) und das Publikum mitunter überfordern kann – von den verschiedenen Choreographien ist wohl doch John Crankos Version von „Romeo und Julia“ eine der beliebtesten, da sie die Gefühle, in der es zu Beginn des 3. Aktes geht, besonders überzeugend vermittelt.

Mehr choreographische Klarheit gab es im folgenden Pas de deux „Trois Gnossiennes“ von Hans van Manen, erstmals getanzt von Olga Esina und Roman Lazik. Esina ist in Schlichtheit und Eleganz eine Ballerina von ganz grosser Klasse, Lazik ein Danseur noble, wie man ihn heutzutage nur noch selten findet. Wie auch bei der Premiere im April spielt Laurene Lisovich die Musik von Erik Satie mit einer unbeirrten Ruhe, wenn drei Tänzer im Hintergrund das Klavier über die Bühne schieben.

Zum Schluss des 1. Teils gab es dann das Finale aus Coppélia, erfrischend getanzt von den Wiener Jungstars Natascha Mair und Jakob Feyferlik, sowie in kleinen Soli besonders brillant Scott McKenzie und Arne Vandervelde, und das Corps de Ballet kam endlich auch zum Zug.

Den 2. Teil eröffnete der junge Corps Tänzer Navrin Turnbull, seit 1 Jahr im Wiener Staatsballett, der bereits in diversen kleinen Solopartien auf sich aufmerksam machte. Das Solo des Dornröschen-Prinzen in der Choreographie von Rudolf Nurejew beinhaltet viele technische Raffinessen, denen Turnbull mit eleganter Linie und sauberer Fussarbeit voll und ganz gerecht wird – die Beförderung zum Halbsolisten in so kurzer Zeit hat er absolut verdient!

Einen weiteren Nurejew-Ausschnitt gab es mit dem Pas de deux aus dem 3. Akt „Schwanensee“ mit Kioyka Hashimoto und Leonardo Basilio. Hashimoto absolviert die italienischen Fouettés zum Ende ihrer Variation mit einem lieblichen Lächeln – als weisser Schwan dürfte sie bezaubernd sein, für den schwarzen Schwan wünscht man sich trotz Sommerhitze noch mehr Feuer. Basilio tanzt seine Variation elegant, ist jedoch noch nicht ganz der erprobte Partner für die souveräne Hashimoto.

Mit Wehmut genoss man den Pas de deux aus Roland Petits „Die Fledermaus“, da der charakterstarke Vladimir Shishov ab kommender Saison nurmehr als Ballettlehrer tätig sein wird. Er und Olga Esina zeigen gekonnt, was 1. Solotänzer auszeichnet, nicht nur eine selbstverständlich saubere Technik, sondern vor allem Stilsicherheit und Charisma.

Das einzige barfuss getanzte Stück, Cantata von Mauro Bigonzetti, wurde energisch und humorvoll von Alice Firenze und Eno Peci dargeboten, als Vertreter des Modernen eine hochkarätige Wahl!

Im folgenden Stück, Ochiba, zeigt Choreograph Patrick de Bana eine ganz andere Seite, viel ruhiger, als seine bisherigen Werke, und gekonnt setzt er die Minimal Music (präzise am Klavier: Shino Takizawa) um. Mit Nina Polakova und Manuel Legris höchstpersönlich wird auch Stille zum Tanzereignis.

Klassisch geht es mit dem Talisman-Pas de deux von Pjotr Gussew weiter, imponierend der Gastsolist Kimin Kim (Principal Dancer beim Mariinsky Theater) mit atemberaubenden Sprüngen und unumstrittener Bühnenpräsenz, als seine Partnerin debütiert Anastasia Nuikina, momentan noch im Corps de Ballet des Mariinsky Theaters, eine feine Tänzerin, jedoch mit einem Star wie Kimin Kim mitzuhalten, ist geradezu unmöglich.

Vor der 2. Pause (irrtümlich verliessen einige den Zuschauerraum, da das letzte Stück vom Tonband kam) gab es noch einen Ausschnitt aus der „Artifact Suite“ von William Forsythe. Unermüdlich im Einsatz: die schwerelos umherwirbelnde Natascha Mair und Davide Dato, sowie auch Madison Young mit James Stephens, Oxana Kiyanenko mit exakten Armbewegungen und das Corps de Ballet.

Im 3. Teil wurde der 3. Akt von Manuel Legris' „Sylvia“ präsentiert, die brillante Nikisha Fogo begeisterte in der Titelpartie ebenso wie der springfreudige Denys Cherevychko und (kurz aber eindrucksvoller Auftritt) Davide Dato als Orion und Ketevan Papava als Diana. Flinke Sprünge gab es auch bei Géraud Wielick (Eros), Dumitru Taran (Faun) und Scott McKenzie (kleiner Hirte) zu bewundern. Die Jägerinnen wurden anmutig von Elena Bottaro und Adele Fiocchi getanzt, und das ganze Corps de Ballet erfreute durch Spielfreude und Energie bis zum Schluss.

Last but not least, das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Kevin Rhodes (einen besseren Dirigenten hätte man für dieses vielseitige Programm wohl kaum finden können!) begleitete den Tanzmarathon mit facettenreichen Klängen, gleich zwei beachtliche Bratschensoli (Romeo und Julia, Coppélia) gab es, und auch der Konzertmeister hatte die höchsten Töne in „Dornröschen“ und „Schwanensee“ gut im Griff.

Nach fast 4 1/2 Stunden Höchstleistung und grossem Applaus wurden Madison Young und Elena Bottaro zu Solotänzerinnen, Arne Vandervelde und Navrin Turnbull zu Halbsolisten befördert, die Company verlassen Nina Tonoli, Vladimir Shishov, Alena Klochkova und Kamil Pavelka.

 

Nhste Vorstellung mit dem Wiener Staatsballett nach der Sommerpause: 13. September 2019 „Sylvia“

 

Katharina Gebauer, 29.6.2019

Bilder (c) Staatsballett

 

 

 

Forsythe/Van Manen/Kylian

Wiener Staatsballett, Wiener Staatsoper, 14.04.2019

Neoklassik auf höchstem Niveau getanzt – der Funke sprang nur teilweise über

Am Sonntag feierte das Wiener Staatsballett Première von vier fordernden Werken der Neoklassik, die Leistung der Tänzer_Innen war zweifelsohne auf höchstem Niveau, doch sprang der Funke nur teilweise über. Dem Publikum gefiel die „Artifact Suite“ im 1. Teil am besten, der Schlussapplaus nach der vorzüglich getanzten „Psalmensymphonie“ war bedauerlicherweise eher kurz und verhalten. Wenn man an den letzten Mehrteiler-Abend vergangene Saison zurück denkt (MacMillan, McGregor, Ashton), so wurde dieser viel frenetischer aufgenommen, als die aktuelle Première.

Einstudiert wurden alle Werke von renommierten Gästen, die selbst auf jahrelange Zusammenarbeit mit den jeweiligen Choreographen zurückblicken können: Kathryn Bennetts, Maurice Causey und Noah Gelber für „Artifact“, Igone de Jongh (van Manen kreierte einige Choreographien für sie) für „Trois Gnossiennes“ und Patrick C. Delcroix für die „Psalmensymphonie“.

 

Mit der „Artifact Suite“ von William Forsythe wurde der Abend eröffnet. Im ersten Teil dominierten die beiden Solistenpaare, während im zweiten Teil das Corps de Ballet immer mehr an Virtuosität präsentieren konnte. Nikisha Fogo und Nina Polakova faszinieren mit einer raubkatzenähnlichen Geschmeidigkeit und Schwerelosigkeit, während Jakob Feyferlik und Roman Lazik als ebenbürtige Partner jede noch so akrobatische Hebefigur absolvieren können. Als „other woman“ dirigiert Oxana Kiyanenko die Armbewegungen des Corps de Ballet und wechselt gekonnt von fliessenden auf starre Formen und wieder zurück. Auch wenn das Corps de Ballet sehr harmonisch tanzt, gibt es doch immer wieder einzelne Tänzer_Innen, die eine Choreographie besonders schön gestalten, so fallen z.B. hier die liebliche Fiona McGee, die elegante Madison Young (2. Besetzung für das 1. Hauptpaar), oder der sprungfreudige Scott McKenzie im 2. Teil positiv auf.

 

Nach der Pause gab es gleich zwei Werke von Hans van Manen, zunächst „Trois Gnossiennes“, ein virtuoser Pas de deux (der von der Atmosphäre her streckenweise an „Duo Concertante“ von George Balanchine erinnert), der von Maria Yakovleva (gekonnt zwischen puppenhaften Bewegungen und Eleganz) und Jakob Feyferlik (mühelos in den Hebefiguren) in einer technischen Perfektion dargeboten wird, dazu spielt Laurene Lisovich Stücke von Erik Satie und bleibt unbeirrt, wenn Marian Furnica, Andrés Garcia Torres und Hanno Opperman den Flügel auf der Bühne von einer Position in die nächste schieben.

Van Manens brillantes Werk „Solo“ war bereits in der Nurejew Gala 2017 am Programm, diesmal getanzt von den hervorragenden Solisten Denys Cherevychko, Richard Szabo und Géraud Wielick (letztere beiden tanzten auch 2017), die mit Schalk und Charme über die Bühne wirbeln, dass es eine Freude ist!

Nach einer weiteren Pause wurde der Abend mit der „Psalmensymphonie“ von Jiri Kylian abgerundet, vielleicht wäre es dramaturgisch in der Mitte des Programms passender gewesen und die „Artifact Suite“ als Abschluss, die Geschmäcker sind allerdings verschieden. Es ist ein bezauberndes Zusammenspiel, wie sich die 8 Paare einzeln aus der Gruppe herauslösen und wieder einfügen, so erkennt man ausdrucksstarke Persönlichkeiten, wie Ketevan Papava, Nina Polakova und Roman Lazik oder geschmeidige Ballerinen, wie Nikisha Fogo und Kiyoka Hashimoto heraus, oder mit Noblesse Denys Cherevychko und Davide Dato, sowie die hervorragend springenden Herren Navrin Turnbull und Leonardo Basilio.

Bis auf das Klaviersolo bei „Trois Gnossiennes“ wurde die Musik vom Tonband wiedergegeben, auch das Orchester der Wiener Staatsoper darf bei so vielen Vorstellungen einmal einen freien Abend haben.

 

Folgevorstellungen: 17., 20., 27., 30.4.2019

 

Katharina Gebauer 17.4.2019

Fotos (c) StOp

 

 

Coppélia

Wiener Staatsballett, Wiener Volksoper, 14.03.2019

Eine sehenswerte Vorstellung für Gross und Klein

Die Produktion „Coppélia“ von Pierre Lacotte erfreut sich nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern grösster Beliebtheit, dass für Juni 2 Zusatzvorstellungen angesetzt wurden. Auch die 9. Vorstellung wurde gebührend gefeiert.

Kurzfristig übernahm Nikisha Fogo für die erkrankte Alice Firenze die Hauptpartie der Swanilda – wenn man bedenkt, dass sie zwei Tage später ihren ersten „Sacre“ tanzt, ist man umso beeindruckter ob ihrer Vielseitigkeit. Sie ist eine Ballerina, die mit ihrer Stilsicherheit und brillanten Technik wirklich jede Hauptrolle des Wiener Staatsballett-Repertoires interpretieren könnte. Charmant und selbstbewusst ist ihre Swanilda, eine temperamentvolle, herzliche junge Frau, atemberaubend gut sind ihre Balancen in der Variation im 1. Akt, mühelos springt sie flink und hoch. Für einige Lacher sorgt der Tanz als Puppe, wenn Coppélius „ganz zufällig“ Ohrfeigen kassiert. Fogo zeigt gerade im Wechsel von Automaten zum Menschen, dass sie nicht nur hervorragend tanzt, sondern vor allem auch darstellerisch facettenreich ist. Jakob Feyferlik ist im 1. und 2. Akt ein lässiger Naturbursche, im Grand Pas des 3. Aktes vielleicht eine Spur zu „prinzenhaft“ für einen Dorfbewohner. Für Nikisha Fogo ist er ein harmonischer, sicherer Partner und tanzt seine Variationen sichtlich mit Freude. Vor 1 Monat wurde der junge Wiener übrigens nach einer umjubelten „Schwanensee“-Vorstellung (und nach über 10 Hauptrollen endlich) zum 1. Solotänzer ernannt.

Herrlich-schrullig tanzt Gabor Oberegger den Coppélius, schön anzusehen ist der Pas de deux von Nacht (Eszter Ledan) und Abenddämmerung (Alexandru Tcacenco, der die anspruchsvollen Hebefiguren sehr souverän meistert), lieblich: Adele Fiocchi als Morgenröte. Die Freundinnen von Swanilda brillieren mit Charme und Präzision (Elena Bottaro, Adele Fiocchi, Sveva Gargiulo, Eszter Ledan, Anita Manolova, Fiona McGee, Joana Reinprecht, Isabella Lucia Severi, Rikako Shibamoto und Madison Young), und die Puppen (Nicola Barbarossa, Marat Davletshin, Hanno Opperman und Eriona Bici) wirken in den starren Bewegungen wie echte Puppen. Ein grosses Lob gilt dem ausgeglichenen Corps de Ballet, sowie dem schwungvollen Orchester der Volksoper Wien unter der Leitung von Lorenz C. Aichner, Bravo für die besonders in hohen Lagen sauber intonierten Soli von Violine und Viola!

 

Folgevorstellungen: 9. und 19. Juni 2019

 

Katharina Gebauer 17-3-2019

Fotos (c) Staatsballett

 

 

 

Schwanensee

02.03.2019

Perfektion bis in die Fingerspitzen

Auch die 242. Vorstellung von Rudolf Nurejews „Schwanensee“ erfreute sich eines ausverkauften und frenetisch jubelndem Zuschauerraums.

 

Unumstrittener Star des Abends war die Erste Solotänzerin Liudmila Konovalova. Das ist eine Odette, die mit ästhetischer Melancholie bis in die Fingerspitzen (oder Flügelspitzen) ihre technische Perfektion auskostet, und mit leicht gesenktem Blick eine verletzliche, aber doch stolze Schwanenkönigin dem Publikum näher bringt. Als verführerische und berechnende Odile hingegen lächelt sie geradezu triumphierend, während sie kraftvoll die italienischen Fouettés am Ende der Variation meistert (das Publikum jubelt begeistert), und dreht die unzähligen Pirouetten in der Coda makellos. Mit Roman Lazik, dessen letzte Schwanensee-Serie schon fast zehn Jahre (November 2009) zurückliegt, hat sie einen hervorragenden Partner. Lazik, der schon allein vom Erscheinungsbild ein Prinz Siegfried ist, reüssiert mit edler Haltung, zeigt sich nobel-fadisiert von den üblichen Feiern am Hof und lässt sich danach umso mehr sowohl von Odette, als auch von Odile mitreissen. Darstellerisch hat er in den letzten Jahren sehr gewonnen und setzt auch die Zurückhaltung in den Pas de deux gekonnt ein.

Als Zauberer Rotbart überzeugt Andrej Teterin mit starkem Flügelschlag, Oxana Kiyanenko ist sowohl eine elegante Königin, als auch gemeinsam mit Adele Fiocchi, Katharina Miffek und Gala Jovanovic ein ansehnliches grosses-Schwäne-Quartett. Die vier kleinen Schwäne (Nina Tonoli, Elena Bottaro, Rikako Shibamoto und Eszter Ledan) tragen ebenfalls zu einer gelungen Vorstellung bei. Leichtfüssig tanzen Anita Manolova und Rikako Shibamoto die Gefährtinnen des Prinzen, federnde Sprünge gibt es von Scott McKenzie und Richard Szabo zu bewundern. Einmal mehr steht ausser Diskussion, dass die verschiedenen Besetzungen (und nicht nur die Hauptrollen) ein sehr hohes Niveau bieten.

Schwungvoll und gefällig gelingen die Charaktertänze im 3. Akt, wie z.B. der spanische Tanz (Zsofia Laczko, Alaia Rogers-Maman, Alexis Forabosco und Kamil Pavelka), oder der neapolitanische Tanz (entzückend: Anita Manolova und Richard Szabo), der polnische Tanz (Alena Klochkova und Alexandru Tcacenco) und natürlich der temperamentvolle ungarische Tanz mit einer vor Energie sprühenden Nina Tonoli und Géraud Wielick.

Ein grosses Lob gilt auch dem harmonischen Corps de Ballet, welches bei aller Präzision bei 32 Schwänen immer noch einen eleganten Fluss zu zeigen vermag, und dass man nicht als Tanzroboter „erstarrt“.

Den grössten Applaus gab es wieder für das Orchester der Wiener Staatsoper und den „Schwanensee“-erfahrenen Dirigenten Paul Connelly.

 

Katharina Gebauer 5.3.2019

Bilder (c) Staatsballett

 

Folgevorstellungen 5.3. und 8.3.2019 mit Kiyoka Hashimoto und Vadim Muntagirov

 

Sylvia

Dernière  am 26.01.2019

Atemberaubend schön

Zum Abschluss der erfolgreichen „Sylvia“-Serie kam grösstenteils noch einmal die Premièrenbesetzung zum Zug (anstelle von Denys Cherevychko, welcher am Folgetag die Première von „Coppélia“ tanzte, war Jakob Feyferlik als Aminta zu erleben).

Atemberaubend schön trifft vor allem auf die Leistung der 1. Solotänzerin Nikisha Fogo zu, für welche Ballettdirektor Manuel Legris die Titelpartie kreierte. Und es sind nicht nur die „technischen“ Momente, wo sie in einer rasanten Geschwindigkeit ihre Pirouetten dreht, oder mit einer souveränen Gelassenheit ihre Balancen auskostet, oder mit einer Mühelosigkeit eher zu fliegen, als zu springen scheint, sondern sie gestaltet die Rolle facettenreich, charmant, mit einer ansteckenden Freude beim Jagen, aber genauso verletzlich, wenn sie sich in Aminta verliebt und verführerisch, wenn sie Orion betrunken macht.

Fogo ist eine junge, ausdrucksstarke, enorm begabte Ballerina, die voll Energie sprüht und die triumphierende Freude am Tanzen mit dem Publikum teilt, eine Ballerina, die in ihrer Einzigartigkeit das Wiener Staatsballett bereichert! Mehrmals erntet sie Szenenapplaus, nicht zuletzt auch für eine besonders beeindruckende Hebefigur mit Mihail Sosnovschi (ein Eros, wie man ihn sich besser nicht vorstellen könnte, sehr wohl schalkhaft und sprungfreudig, aber vor allem auch ein erfahrener Tänzer mit Ausstrahlung). Jakob Feyferlik verleiht dem Hirten Aminta einen lyrisch-edlen Charakter (man freut sich schon auf seine kommenden Hauptpartien), und ist ein harmonischer Partner für Nikisha Fogo. Ideal passend dazu der energische Orion von Davide Dato, dessen kraftvolle Sprünge immer wieder aufs Neue begeistern, der aber sehr wohl zu Beginn des 2. Aktes zeigt, dass er Sylvia nicht nur aus Machtgier entführt hat, sondern dass auch „Bösewichter“ ein Herz haben können.

Ein weiteres Highlight des Abends ist die majestätische Diana (Ketevan Papava) – auch eine Göttin kann eine harte Schale und einen weichen Kern haben, dies zeigt sie vortrefflich in den Szenen mit dem schönen Jüngling Endymion (James Stephens), und wenn sie Orion erschiesst. Dumitru Taran als brillanter Faun und Rikako Shibamoto als liebliche Najade, sowie die souveränen Jägerinnen (Elena Bottaro und Alice Firenze), das gute Laune verbreitende Trio von Bäuerin, Bauer und kleinem Hirten (Sveva Gargiulo, Géraud Wielick und Scott McKenzie) und die geschmeidigen nubischen Sklavinnen (Anita Manolova und Fiona McGee) ergänzen den Reigen der Solisten optimal.

Grosses Lob verdient auch das Corps de Ballet, welches stilsicher und harmonisch agiert. Und unter der schwungvollen Leitung von Kevin Rhodes spielt das Orchester der Wiener Staatsoper die idyllische Musik von Léo Delibes, dass es zum Ohrenschmaus wird.

 

Bilder (c) Staatsballett

Katharina Gebauer 31.1.2019

 

 

 

Coppélia

Wiener Volksoper, 27.01.2019

Herzerfrischend

Mit Pierre Lacotte's „Coppélia“ konnte das Wiener Staatsballett einen weiteren grossen Erfolg bei der gestrigen Première an der Wiener Volksoper verbuchen. Die Geschichte ist gefällig: Die reizende Swanilda lebt ein unbeschwertes Leben in einem idyllischen Dorf, hat ihr Herz an den gutaussehenden Franz verloren, dieser mag sie auch, ist mir ihr verlobt, aber... wäre da nicht diese unbekannte Schöne, die Tag für Tag im Haus des verrückten Professors Coppélius zu sehen ist! Am Ende des 1. Aktes bricht Swanilda mit ihren Freundinnen im Hause Coppélius' ein, um ihre Konkurrentin zur Rede zu stellen. Es stellt sich im 2. Akt heraus, dass es sich um eine Puppe handelt. Coppélius erwischt die Mädchen und verjagt sie. Swanilda ist es gelungen, sich zu verstecken und die Kleider der Puppe unbemerkt anzuziehen, während Franz einsteigt. Coppélius mischt ihm einen „Zaubertrank“ unter und versucht, seine Seele auf die Puppe zu übertragen. Und tatsächlich: Coppélia/Swanilda wird lebendig und tanzt für ihren Meister. Dazwischen versucht sie immer wieder, Franz aufzuwecken, ein grosses Tumult mit dem ganzen Dorf beendet den Spuk des 2. Aktes, und im 3. Akt gibt es die grosse Versöhnung (Coppélius bekommt das Kleid der Puppe zurück) und eine prächtige Hochzeit.

Für die hervorragende Einstudierung zeichnet Anne Salmon (ehemalige 1. Solotänzerin unter Pierre Lacotte in Nancy) verantwortlich, und gemeinsam mit dem farbenfrohen, idyllischen Bühnenbild (Jean-Luc Simonini) und den ebenso anschaulichen Kostümen (Michel Ronvaux), rekonstruiert nach Pariser Originalentwürfen von 1870, beginnt die Produktion schon vielversprechend. Simon Hewett gibt mit seinem Dirigat sein Hausdebüt und leitet das Orchester der Wiener Volksoper voller Elan und motiviert durch die wohlklingenden Melodien von Léo Delibes. Ein besonderes Lob gilt den Solis an der Violine und der Viola.

Die Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer des Wiener Staatsballetts garantieren für einen gelungenen Abend. Die jüngst zur 1. Solotänzerin beförderte Natascha Mair (seit mehreren Wochen auf den „Coppélia“-Plakaten zu bewundern) ist eine entzückende Swanilda, die nicht nur mit einer Souveränität den technischen Ansprüchen der Rolle mehr als gerecht wird, sondern vor allem mit viel Charme und Selbstbewusstsein die Geschichte erzählt. Immer wieder reissen sie und ihr kongenialer Partner Denys Cherevychko das Publikum zum Zwischenapplaus hin. Cherevychko, genauso herzerfrischend, wie Mair, gibt den Franz als einen bodenständigen, jugendlich-charmanten Naturburschen und ist ein Tänzer, der noch mit jeder Choreographie mühelos fertig geworden ist.

Als schrulliger Coppélius zeigt Alexis Forabosco sich von einer herrlich-komischen Seite, und auch ein verrückter Professor darf sympathisch herüberkommen, wenn er sich fassungslos vor Glück zeigt, dass sein Meisterwerk tatsächlich zum Leben erwacht.

Eine beachtliche Leistung ist vor allem vom Corps de Ballet zu verzeichnen, am Vorabend noch eine Vorstellung an der Wiener Staatsoper (die technisch sehr anspruchsvolle „Sylvia“) und nun voller Esprit in den Charaktertänzen, aber auch die Freundinnen von Swanilda (Elena Bottaro, Adele Fiocchi, Sveva Gargiulo, Eszter Ledan, Anita Manolova, Fiona McGee, Isabella Lucia Severi und Rikako Shibamoto) legen eine gepflegte klassische Technik an den Tag . Als Puppen überzeugen sehr naturgetreu Nicola Barbarossa, Marat Davletshin, Hanno Opperman und Eriona Bici. Im 3. Akt gibt es vor dem Grand Pas der Protagonisten noch einen sehr ästhetischen Pas de deux mit Madison Young und James Stephens, und Nina Tonoli hat in ihrer Lieblichkeit nach längerer Verletzungspause nichts eingebüsst.

Eine wirklich sehenswerte Produktion!

 

Folgevorstellungen: 30.1., 2.2. (in der Premierenbesetzung), 6., 16.2. (mit Maria Yakovleva und Denys Cherevychko), 19.2. und 5.3. (mit Nikisha Fogo und Richard Szabo), 10. und 14.3. (mit Alice Firenze und Jakob Feyferlik)

 

Katharina Gebauer 28.1.2019

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Sylvia

19.01.2019

Erfrischend schön

Mit Manuel Legris' zweitem abendfüllenden Ballett „Sylvia“ hat das Wiener Staatsballett ein kurzweiliges, brillantes Werk ins Repertoire aufgenommen, welches Auge und Ohr erfreut. Mit der stilvollen, farbenfrohen, aber nicht überladenen Ausstattung von Luisa Spinatelli fühlt sich der Zuschauer in das antike Griechenland versetzt, sehr passend dazu die Choreographie von Legris, die sowohl die Solisten, als auch das Corps de Ballet vielseitig fordert und die Charaktere glaubhaft beschreibt.

Nachdem es mittlerweile neun 1. Solotänzerinnen und sechs 1. Solotänzer im Wiener Staatsballett gibt, kann man an diesem Abend nicht wirklich von „4. Besetzung“ sprechen, da jede Besetzung ihre Besonderheit hat. Maria Yakovleva bezaubert als sympathisch-selbstbewusste Sylvia, technisch ist sie sowieso seit Jahren eine versierte Primaballerina – ihr bravourös getanztes Solo und Pas de deux im 3. Akt sorgen für Begeisterungsstürme im Publikum. Davide Dato, welcher in der Uraufführung den Orion tanzte, ist ein begnadeter Ausnahmetänzer, den man gerne sowohl in den Charakterpartien, als auch in den Prinzenrollen, in diesem Fall als Aminta erlebt. Sein Kontrahent Orion – eine choreographisch sehr dankbare Partie – wird wunderbar von Dumitru Taran getanzt. Vor einem halben Jahr zum Solotänzer ernannt, und besonders oft positiv auffallend in der vergangenen Saison ist es sehr erfreulich, Taran in einer Hauptpartie zu erleben.

Madison Young ist eine junge, aber energische Diana, die zu Beginn des Balletts sehr wohl ins Schwärmen für Endymion (elegant: Zsolt Török) gerät, und eine würdige Gegenspielerin für den leicht bekleideten Eros (mit sauberen Sprüngen: Géraud Wielick) gibt. Hervorragend besetzt ist der Faun mit Nachwuchstalent Scott McKenzie (man erinnert sich gerne auch an die ersten Spielzeiten von Denys Cherevychko und Davide Dato...), dazu erfreut die liebliche Rikako Shibamoto. Souverän tanzen Elena Bottaro (Rollendebüt) und Alice Firenze die zwei Jägerinnen und eine weitere Augenweide sind Anita Manolova (Bäuerin), Arne Vandervelde (Bauer) und Gaetano Signorelli (ein kleiner Hirte). Das Corps de Ballet reüssiert mit Harmonie und Vielseitigkeit.

Den meisten Applaus jedoch erntete Dirigent Kevin Rhodes, welcher das Orchester der Wiener Staatsoper farbenreich durch die gefällige Musik von Léo Delibes leitete und wohl aktuell einer der besten Ballettdirigenten auf internationalem Niveau ist.

Folgevorstellungen: 24. und 26.1.2019

 

Katharina Gebauer 23.1.2019

Bilder (c) Staasballett

 

 

 

Nurejew Gala 2018

am 29.06.2018

Wien ist eine Ballettstadt

Die Ballettsaison 2017/18 fand mit der traditionellen Nurejew Gala einen fulminanten Abschluss, der gekrönt wurde mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Wiener Staatsoper an Ballettdirektor Manuel Legris. Selten wird die Ehrenmitgliedschaft an einen Balletttänzer verliehen (Anm.: zuletzt 1988 an Rudolf Nurejew), deswegen war es Staatsoperndirektor Dominique Meyer eine besondere Freude, die Laudatio auf offener Bühne im Anschluss an die Gala für den Menschen zu halten, der Wien zur Ballettstadt gemacht hatte. Meyer erwähnte, dass er zu Beginn seines Amtsantritts gefragt wurde, warum er sich so für das Ballett einsetzt, nachdem Wien ja keine Ballettstadt sei.

Die Aussage „Heute ist Wien eine Ballettstadt“ wurde mit tosendem Applaus begrüsst. Auch die Statistik spricht für sich, die Auslastung beim Ballett liegt mittlerweile wie bei der Oper bei 98%, dank des ansprechenden Programms und der hohen Qualität der Company. Meyer lobte auch den Einsatz von Legris für die neue Tänzergeneration, welcher Simona Noja (ehem. 1. Solotänzerin des Wiener Staatsopernballetts) als Leiterin der Ballettakademie engagierte, und durch deren effiziente Arbeit einige Nachwuchskünstler direkt von der Akademie ins Corps de Ballet des Staatsballetts übernommen werden konnten. (Anm: Solotänzerin Natascha Mair und Solotänzer Jakob Feyferlik, sowie 1. Solotänzer Davide Dato, dessen Comeback nach 1-jähriger Verletzungspause von Meyer freudig extra erwähnt wurde) Ein weiterer Verdienst von Legris war auch das Wiedereinführen des Titels 1. Solotänzer_In, was zur Folge hatte, dass die Tänzer_Innen der Company bessere Karrierechancen erhielten, als wenn die Hauptrollen hauptsächlich von Gastsolisten getanzt werden – die in diesem Modul aber nicht gänzlich abgeschafft wurden.

Nun aber zur gut 4-stündigen Gala, die wie im Flug verging: Eröffnet wurde der Abend mit George Balanchines „Valse fantaisie“, ein Werk, mit welchem Natascha Mair und Jakob Feyferlik bereits vor 3 Jahren im Rahmen der „Talente des Wiener Staatsballetts“ an der Wiener Volksoper einen grossen Erfolg feierten. Und wie souverän die hochkarätigen Solisten den elegant-diffizilen Stil von Balanchine beherrschen und mit welcher Freude sie tanzen! Lieblich schweben auch Elena Bottaro, Adele Fiocchi, Sveva Gargiulo und Madison Young über die Bühne.

Erfreulich ist, dass bei dieser Gala gleich zwei Tänzer auch als Choreographen präsentiert werden, das folgende Stück „opus 25“ von Solotänzer Eno Peci ist ein geschmeidig-emotionaler Pas de deux, Peci tanzt selbst mit 1. Solotänzerin Maria Yakovleva, die durch Facettenreichtum glänzt (am Ende des 1. Teils als klassisch-mädchenhafte Raymonda, hier als charakterstarke, gereifte junge Frau), begleitet werden sie von Ballettkorrepetitor Igor Zapravdin.

Ein brillantes Solo gab es anschliessend aus John Neumeiers „Le Pavillon d'Armide“ von 1. Solotänzer Masayu Kimoto, ein beispielhafter Tänzer mit einer sauberen Technik und Schalk!

Was einen 1. Solotänzer ebenfalls auszeichnet, zeigt Roman Lazik im darauffolgenden Ausschnitt aus Kenneth MacMillans „Concerto“, als hervorragender Partner von Nina Polakova. Dieser Pas de deux wird dank seiner enormen Sicherheit in den diffizilen Hebefiguren zu einem ästhetischen Genuss, dazu die überaus elegante Haltung mit melancholischem Ausdruck von Polakova, grossartig!

Nach der doch etwas schwermütigen Musik von Schostakowitsch geht es danach umso spritziger weiter mit dem „Satanella“ Pas de deux von Marius Petipa. Kiyoka Hashimoto zeigt sich mit Charme und einer derart souveränen Technik von ihrer besten Seite, kongenial dazu Mihail Sosnovschi, der mit seinen perfekt ausgeführten Sprüngen immer noch jugendliche Energie versprüht (er ist seit 17 Jahren im Staatsballett).

Anschliessend ging es dramatisch weiter, mit einem akrobatischen Pas de deux aus Boris Eifmans „Giselle Rouge“, die Rolle, welche vor 3 Jahren Ketevan Papava den Titel 1. Solotänzerin verschaffte; sowohl sie als auch Eno Peci überzeugen mit packenden Emotionen, gepaart mit atemberaubenden Hebefiguren.

Ein charmanter Pas de deux aus Jean-Christophe Maillots „The Taming of the Shrew“ erfreute das Publikum darauf, erfrischend getanzt von den Gastsolisten Olga Smirnova und Semyon Chudin, bevor Teil 1 mit Ausschnitten aus Nurejews „Raymonda“ zu Ende ging. Hier konnte man sich vor allem von der Vielseitigkeit von Maria Yakovleva überzeugen, die nicht nur in Charakterstücken (siehe Beginn), sondern auch im „ganz Klassischen“ seit ihrem Engagement an die Wiener Staatsoper sich stetig weiterentwickelt hat und für die grossen klassischen Ballerinenpartien eine Luxusbesetzung ist. Das Corps de Ballet bewies hierbei, dass es auch das wohl schwierigste klassische Werk mehr als im Griff hat und glänzte durch Harmonie und Präzision. Beglückt ging man in die Pause.

 

Für Teil 2, Frederick Ashtons „Marguerite and Armand“, konnten die Gastsolisten Marianela Nunez und Vadim Muntagirov vom Royal Ballet gewonnen werden, sichtlich erfahren mit der für Dame Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew konzipierten Choreographie, ein purer Genuss, wie makellos und emotional die beiden das Publikum mitrissen! Legris erwähnte in seiner Dankesrede am Ende der Vorstellung, dass es ihm ein Anliegen war, dieses Werk noch vor der Gala ins Repertoire des Wiener Staatsballett aufzunehmen. Das virtuose Klaviersolo spielte Shino Takizawa.

Der 3. Teil wurde mit einem Ausschnitt aus Andras Lukacs' „Movements to Stravinsky“ eröffnet, mehrere seiner Choreographien wurden bereits an der Wiener Staatsoper getanzt. Man möge sich noch an seine erste Choreographie vor etwa 10 Jahren erinnern, wo man auf Alice Firenze (damals noch im Corps de Ballet) aufmerksam wurde. Diesmal ist sie die Haupttänzerin, und brilliert gemeinsam mit Ioanna Avraam, Sveva Gargiulo, Fiona McGee, Masayu Kimoto, James Stephens, Richard Szabo, Arne Vandervelde und Géraud Wielick durch Geschmeidigkeit.Einen romantischen Pas de deux aus dem ersten abendfüllenden Ballett von Manuel Legris, „Le Corsaire“, gaben anschliessend Liudmila Konovalova (mit atemberaubender Technik) und Robert Gabdullin zum Besten, und auch aus dem Orchestergraben wurde man mit einem süsslichen Violinsolo verwöhnt.

Die folgende Nummer, der Pas de deux aus Edward Clugs „Peer Gynt“, wurde mit besonderer Freude aufgenommen, da Publikumsliebling Davide Dato nach einer 1-jährigen Verletzungspause endlich wieder zu erleben war, gemeinsam mit der überaus sympathischen, lieblichen Nina Polakova.

Grossen Applaus gab es auch für die Gastsolisten Alexandre Riabko und Ivan Urban vom Hamburg Ballett, welche in John Neumeiers „Opus 100 – for Maurice“ einen kraftvollen Pas de deux mit sinnlichen Anspielungen zum Besten gaben.

Ein zweites Mal traten dann die Gastsolisten Olga Smirnova und Semyon Chudin mit einem Pas de deux aus George Balanchines „Diamonds“ auf – technisch makellos, wenn auch mitunter etwas kühl im Ausdruck mag der Kontrast nach Simon & Garfunkel's „Old Friends“ etwas stark gewirkt haben.

Mit grosser Spannung erwartete man dann den Pas de deux aus Roland Petits „Le Rendez-vous“, getanzt von Ballettdirektor Manuel Legris und Gastsolistin Isabelle Guérin. Das Publikum begrüsst Legris mit einem lang anhaltenden Auftrittsapplaus (mehrere Bravorufe). Man hat ihn wohl letztes Jahr bei der Gala als Tänzer vermisst, damals vielleicht auch befürchtet, dass er nicht mehr auftritt, aber wie schon Dominique Meyer bei der Laudatio erzählte, wenn er Legris im Haus suchte, dann fand er ihn so gut wie immer im Ballettsaal bei der Arbeit, selten im Büro. Legris ist nicht nur ein hervorragender Tänzer (Meyer lobte ihn u.a. als „Meister der petite batterie“), sondern auch eine starke Persönlichkeit auf der Bühne und tanzt leidenschaftlich mit der genial zwischen sexy und eiskalt pendelnden Isabelle Guérin, eine ebenso charakterstarke Tänzerin, die ihm zum Schluss triumphierend die Kehle aufschneidet.

Zum Schluss der Gala gab es noch ein choreographisches Arrangement aus Nurejews „Raymonda“ und „Schwanensee“, mit der besonders stilvollen Olga Esina (die Variation gelingt ihr traumhaft gut!), der brillanten Natascha Mair, dem prinzenhaften Jakob Feyferlik, dem kraftvollen Mihail Sosnovschi, und bei den „Schwanensee“- Ausschnitten begeisterten der unermüdliche Masayu Kimoto (es war definitiv die richtige Entscheidung, ihn vor 1 Jahr zum 1. Solotänzer zu befördern!), die hervorragende Liudmila Konovalova, sowie auch (diesmal im Charaktertanz) die präzise Nikisha Fogo.

Tosender Applaus für alle Beteiligten, insbesondere auch für den stilsicheren Dirigenten Kevin Rhodes und das Orchester der Wiener Staatsoper.

Im Anschluss an die Vorstellung wurden Dumitru Taran und Richard Szabo zu Solotänzern befördert, neue Halbsolist_Innen sind Fiona McGee, Rikako Shibamoto, Madison Young und Scott McKenzie. Man darf sich auf eine vielversprechende neue Saison freuen!

Katharina Gebauer 2.7.2018

Bilder (c) Staatsballett / Staatsoper

 

Balanchine/Neumeier/Robbins

Wiener Staatsoper, 16.04.2018

Ein Abend, der gute Laune macht

Mit „Stravinsky Violin Concerto“ von George Balanchine wird der Vierteiler eröffnet, ein wahrhaft virtuoses Stück, nicht nur für die Tänzer, sondern auch für das Orchester. Konzertmeisterin Albena Danailova spielt energisch und souverän die Passagen in der 7. Lage aufwärts, beherrscht die Doppelgriffe; und besonders schöne Cantilenen gibt es im 3. Satz. Dazu glänzt das Wiener Staatsballett durch Präzision, allen voran die geschmeidige Ketevan Papava mit dem kraftvollen Eno Peci und die lieblich-melancholische Liudmila Konovalova mit dem energiegeladenen Mihail Sosnovschi (sichtlich in Höchstform durch die vergangenen Abderachman- und bevorstehenden Puck-Vorstellungen). Souverän ist auch das Corps de Ballet (besonders positiv: Dumitru Taran und Richard Szabo).

Ein bravouröses Rollendebüt als Haupttänzerin in George Balanchine's „Thema und Variationen“ gab die junge Solotänzerin Nikisha Fogo, die nicht nur mühelos ihre blitzsaubere, flinke Technik ausspielt (und dafür mehrmals Szenenapplaus erntet), sondern auch die anspruchsvolle Choreographie auskostet und mit einem sympathischen Selbstbewusstsein zum Besten gibt. Bei dieser hervorragenden Leistung hofft man auf weitere Hauptpartien für sie. Ihr kongenialer Partner Denys Cherevychko ermöglicht ihr traumhaft schöne Hebefiguren und brilliert in seinen Variationen mit sauberen Pirouetten, mühelosen Sprüngen und jugendlichem Charme. Ebenfalls brillant sind die Halbsolisten-Paare (Rollendebüt bei Sveva Gargiulo, auffallend gut Francesco Costa und Rikako Shibamoto), sowie das harmonische Corps de Ballet. Tosender Applaus, nicht zuletzt auch für die schwungvolle Musik von Peter Iljitsch Tschaikowsky, man geht beglückt in die Pause.

Teil 2 wurde mit John Neumeiers „Bach Suite drei“ eröffnet, hervorragend getanzt vom Hauptpaar Maria Yakovleva und Roman Lazik, sowie dem zweiten Paar Fiona McGee (eine sehr begabte Tänzerin, aktuell noch im Corps de Ballet) und Richard Szabo, sowie drei luxuriös besetzten weiteren Paaren (geschmeidig: Ioanna Avraam, Alice Firenze und Natascha Mair, und kraftvoll: Leonardo Basilio, Dumitru Taran und Alexandru Tcacenco). Besonders bewundernswert ist deren Körperbeherrschung in den zeitlupenartigen, ästhetischen Bewegungen.

Last but not least wird mit „The Concert“ von Jerome Robbins ein herrlich-komödiantisches Werk geboten. Pianist Igor Zapravdin spielt die wunderschöne Musik von Frédéric Chopin nicht nur schwungvoll, sondern erweist sich auch als guter Schauspieler, der zum Schluss des Stücks die Tänzer mit einem Schmetterlingsnetz zu fangen versucht.

Mit Auftrittsapplaus wird das Comeback von der Ersten Solotänzerin Irina Tsymbal gefeiert, die nach der Babypause erneut mit Ausdrucksstärke und Eleganz glänzt – diesmal in der humoristischen Rolle der Ballerina, die ihr ideal liegt: gekonnt überzeichnet sie die affektierten Momente mit einer entzückenden Mimik, elegant schwebt sie als Schmetterling geradezu schwerelos über die Bühne. Eno Peci zeigt sich nach dem virtuosen Balanchine von einer ganz anderen Seite, sein komisches Talent kommt in der Rolle des Ehemanns ideal zur Geltung (nebenbei tanzt er flink und sauber) und einer der besten Momente des Stücks ist wohl der „Hitchcook“-Auftritt mit dem Messer. Als Ehefrau debütierte Gala Jovanovic mit einer starken Bühnenpräsenz, ebenso gab es für Trevor Hayden als schüchterner Jüngling ein gelungenes Rollendebüt. Céline Janou Weder überzeugt als energische Frau und sorgt für zahlreiche Lacher gemeinsam mit ihren fünf Kolleginnen im „Valse“.

Die Künstler wurden alle mit frenetischem Applaus gefeiert, sehr grosses Lob gilt auch Dirigent Kevin Rhodes und dem Orchester der Wiener Staatsoper, die selbstverständlich Strawinsky, Tschaikowsky, J. S. Bach und Chopin an einem Abend stilgerecht spielen.

Folgevorstellungen: 3. und 5. Mai 2018

Katharina Gebauer 18.4.2018

Bilder (c) Staatsballett

 

 

 

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