Dortmund: „Judith und das Wunder der Schöpfung“, Chormusical der Stiftung Creative Kirche

Judith ist eine junge Frau, deren Welt ins Wanken gerät. Scheinbar gefangen zwischen gesellschaftlichen Spannungen und familiären Konflikten, stellt sie vieles infrage. Doch Judith will auch aktiv Stellung beziehen. Bei dem großen Druck, der auf ihr lastet, ist es allerdings alles andere als einfach, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Inmitten von Angst und Zweifel entdeckt sie das größte Wunder der Schöpfung: das Geschenk des Lebens. Diese sehr kurze Zusammenfassung, im Programmheft wird die Handlung über mehr als zwei Seiten beschrieben, bildet die Grundlage für das neue große Chormusical der Stiftung Creative Kirche, welches am 21. Februar 2026 in der Dortmunder Westfalenhalle uraufgeführt wurde. Dramaturgisch geschickt umgesetzt, steht Judith hier für die gesamte Menschheit, die mit der großen Frage konfrontiert ist, wie alles weitergeht. Das Musical zieht hierbei anhand der Schöpfungsgeschichte des Buches Genesis einen großen Bogen zur bedrohten Natur, die der Mensch immer weiter zerstört, wodurch sich die Lebensgrundlagen für die Menschheit zunehmend verringern. Eindrucksvoll zeigt das Bühnenwerk zudem die wechselvolle Geschichte zwischen einer unvorstellbaren Unendlichkeit auf der einen Seite und den Menschen mit all ihren Begrenzungen auf der anderen Seite auf.

© Stiftung Creative Kirche

Die aus dem Griechischen ins Lateinische übernommene Bezeichnung „Genesis” könnte man auf Deutsch am besten mit „Entstehung” übersetzen. Eindrucksvoll mischen sich daher immer wieder hebräische Bibelzitate mit großartigen Naturaufnahmen. Besonders gut ist dies beim Lied Schau dich nur um gelungen. Mit Bildern aus der Antarktis, der Sahara, dem Regenwald und einem Korallenriff wird die Schönheit der Erde eindrucksvoll verdeutlicht. Doch das Musical will kein naturwissenschaftlicher Bericht sein. Vielmehr wird das Leben insgesamt als großes Geschenk dargestellt, das es für nachfolgende Generationen zu erhalten gilt – und hierbei ist die Liebe der Schlüssel. Viele Konflikte lassen sich nur lösen, wenn man miteinander ins Gespräch kommt und sich dabei von Respekt und Liebe leiten lässt. Das Werk wird dadurch besonders eindringlich, dass es eben nicht nur große Worte sind, sondern dass diese in vielen Situationen unseres täglichen Lebens dargestellt werden: Der Streit in der Familie, eine plötzliche und unerwartete Schwangerschaft, die Problematik, dass gut gemeinte Proteste inzwischen zunehmend von radikalen Kräften instrumentalisiert werden, sowie die damit einhergehende Polarisierung der Gesellschaft. Hinzu kommt eine steigende Verunsicherung vieler Menschen, verstärkt durch die Frage „Welche Nachrichten sind noch echt und welche sind einfach nur gelogen?“. Geschickt eingestreut werden im Stück immer wieder theologische Aspekte, die aber an keiner Stelle leere Worthülsen sind oder die Geschichte zu religiös werden lassen. Judiths aus Äthiopien stammender Freund Ammo stellt beispielsweise ganz bewusst eine Figur dar, die man auch als Gott verstehen kann: eine Person voller Liebe für ihre Mitmenschen. Er stellt sich später auf einer großen Demo schützend vor Judith und opfert damit alles, was er hat – eine Anspielung auf Jesus, der sich am Kreuz für die Menschen geopfert hat. In diesem Zusammenhang ist auch sein fast beiläufig gebrachter Kommentar mit den Worten „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ als Zitat aus dem Lukasevangelium bemerkenswert gut im Stück eingebaut.

© Stiftung Creative Kirche

Wie bereits die vorherigen Produktionen dieser Art beeindruckt das Chormusical vor allem durch seinen unglaublich großen Chor aus rund 3.000 Sängerinnen und Sängern, die eine komplette Kurve der Westfalenhalle einnehmen. Miriam Schäfer und Roland Orthaus sorgen für einen homogenen Chorklang. Die einzelnen Songs des Musicals reichen hierbei von großen Chorwerken über Gospel und Rap bis zu rockigen, poppigen Stücken und eindringlichen Balladen. Diese wurden vortrefflich von den Songwritern Laura Diederich, Johannes Pinter und Ilja Krut komponiert. Auch die Umsetzung des Gesamtwerkes durch Autor Kevin Schroeder weiß zu gefallen. Mit Alida Will (Judith), Oliver Edward (ihr Freund Ammo), Benjamin Oeser (ihr Bruder Micha), Frank Logemann (ihr Großvater Jakob), Josefine Rau (ihre Freundin Mire) sowie Charlotte Heinke und Detlef Leistenschneider (als ihre Eltern Esther und Paul) stehen einige namhafte Musicaldarsteller als Solointerpreten auf der Bühne. Trotz der großen Wucht aus dem Chorraum waren sie allesamt stets gut zu verstehen. Auch wenn die Regie bei einer solchen konzertanten Aufführung natürlich stark eingeschränkt ist, gelang es Christoph Drewitz bei der Uraufführung immer wieder, geschickte Betonungen zu setzen. Besonders eindrucksvoll war hierbei der Song Kein Zurück, bei dem sich die beiden Gruppen der Naturschutzdemonstranten und der konservativen Gegendemonstranten feindselig gegenüberstanden. Drewitz ließ die Chormitglieder hierbei mit großen Gesten aufeinandertreffen und kleidete sie auf der linken Seite der Halle in weiße Kleidung, während die rechte Seite schwarze Jacken trug. Ein schauriger Gänsehautmoment des Abends. Später kamen die Jacken auch noch bei Schwarz und Weiß zum Einsatz: Diesmal trug der gesamte Chor die Jacken und öffnete und schloss sie immer wieder, um zu verdeutlichen, dass es nicht immer eindeutig so oder so ist, sondern die Wahrheit oft in der Mitte liegt. In Verbindung mit dem gelungenen Lichtdesign von Philipp Zanders und dem Videodesign von Annie Bracken sorgten diverse optische Hingucker für eine passende Umsetzung der Geschichte auf der Bühne.

© Stiftung Creative Kirche

Mit Judith und das Wunder der Schöpfung ist der Stiftung Creative Kirche ein ebenso unterhaltsames wie eindringliches Bühnenwerk gelungen, das in Zeiten der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft wichtiger denn je ist. Man kann nur hoffen, dass sich für die Aufführungen Anfang 2027 auch einige Schulklassen in den Hallen einfinden werden, denn diese zweieinhalb Stunden können viel bewegen, und man möchte die Botschaft des Abends möglichst vielen Menschen ans Herz legen: Gemeinsam besteht noch Hoffnung. „Auch wenn es schwierig ist, ehrenamtlich die Welt zu retten, solange andere sie hauptberuflich zerstören“, um an dieser Stelle abschließend aus der gelungenen Rede von Eckart von Hirschhausen zu zitieren, die er vor der Vorstellung hielt, noch ist es nicht zu spät. Die Menschen benötigen aber dringend positive Visionen und von denen ist Judith und das Wunder der Schöpfung eine.

Markus Lamers, 22. Februar 2026


Judith und das Wunder der Schöpfung
Chormusical der Stiftung Creative Kirche von Kevin Schroeder (Autor), Michael Herberger (Produzent), Johannes Pinter (Songwriter), Ilja Krut (Songwriter) und Laura Diederich (Songwriterin)

Westfalenhalle, Dortmund

Uraufführung: 21. Februar 2026

Inszenierung: Christoph Drewitz
Musikalische Leitung: Miriam Schäfer & Roland Orthaus

Highlight-Clip der Weltpremiere

Weitere Aufführungen im Jahr 2027 in Mannheim (31. Januar), Hannover (6. Februar), Bonn (27. Februar), Stuttgart (20. März) und Nürnberg (10. April), Details unter: https://www.chormusicals.de/judith