Antwerpen: „Nabucco“, Giuseppe Verdi

Lieber Opernfreund-Freund,

eine höchst aktuelle Lesart von Verdis erster Erfolgsoper Nabucco zeigt die Opera Ballet Vlaanderen derzeit in Antwerpen. Die unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Grand Théâtre in Genf entstandene Produktion, die dort schon 2023 gezeigt wurde, punktet außerdem mit einer nahezu perfekten musikalischen Umsetzung.

© OBV/Annemie Augustijns

Keine Hebräer, kein Baal, keine Uniformen – Leute wie Du und ich, von An D’Huys in heutige Alltagskleidung gesteckt, stehen in Antwerpen auf der Bühne, wenn die brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy ihre Interpretation von Verdis Dauerbrenner Nabucco zeigt – und das ist das Geheimnis der unter die Haut gehenden Regiearbeit: Es könnte jeder sein, der da flieht, der da unter Tyrannei zu leiden hat, der da einen Hoffnungsträger, sei es einen Herrscher oder einen Gott, sucht. Das machen die Bühnenbildner Thomas Walgrave und Marcelo Lipiani schon dadurch deutlich, dass sie zwei überdimensionale Spiegel über die Bühne hängen, die das Publikum selbst so immer wieder Teil der Kulisse werden lassen. Doch auch sonst ist man als Zuschauer mittendrin im Geschehen, erhebt sich doch da und dort ein Nachbar im Publikum, um in den Chorgesang auf der Bühne mit einzustimmen. Eine zusätzliche Ebene erhält die vielschichtige Produktion noch durch live auf die Spiegel projizierte Videoaufnahmen, die die Chormitglieder zu einzelnen Individuen werden lässt und die Gefühlsregungen und Mimik der Darsteller überdeutlich zeigen. So wird das Schicksal der Menschen auf der Bühne individualisiert, wird greifbar und bekommt – ganz wörtlich genommen – ein Gesicht.

© OBV/Annemie Augustijns

Gesichtslos hingegen werden die Frauen, die wie Königstochter Fenena, entführt und zur Braut wider Willen werden – sie sind mit überdimensionalen Schleiern bedeckt, was sie wirklich bewegt, wird nur in den erwähnten Nahaufnahmen sichtbar. Den Bühnenboden bedeckt eine Art Teich in der, zur riesigen Rosette aufgeschwungen, der Königsmantel liegt, den sich auch Abigaille immer mal wieder um die Hüften schwingt. Durch das Wasserelement bekommen Kampfszenen eine zusätzliche Dynamik. So wechselt Christiane Jatahy gekonnt zwischen statischen und hochenergetischen Momenten und schafft einen Musiktheaterabend, der Gänsehaut macht.

© OBV/Annemie Augustijns

Das schafft der prächtige, von Jan Schweiger betreute Chor nicht erst zum Va pensiero, das als Schlusspunkt a cappella von den Rängen und aus dem Parkett gleichermaßen ertönt. Die Damen und Herren leisten Großartiges und werden so zum Star der Vorstellung. In der Titelrolle glänzt Daniel Luis de Vicente. Mit imposantem Bassbariton zeigt er alle Facetten Nabuccos, vom Despoten bis zum gebrochenen Vater, spielt mit Kraft, Volumen und Gefühl gleichermaßen. Ganz so nuanciert kommt seine Tochter Abigaille gestern nicht daher: Ewa Vesin trumpft mit viel Kraft und atemberaubender Stimmgeläufigkeit auf, wird in den gut zwei Stunden bis zur letzten Faser zur machtgeilen Widersacherin ihres Vaters. In der Schlussarie jedoch hätte ich mir ein wenig mehr Mut zum Piano vorstellen können. Die Interpretin ihrer Halbschwester Fenena, die seelenvoll singende Lotte Verstaen, packt mich von der ersten Sekunde an mit ihrem warmen, gefühlvollen Mezzo, während der junge Matteo Roma als Ismaele seinem immer frischen, klangvollen Tenor eine gehörige Portion Virilität und Volumen beimischt. Als Zaccaria schließlich entfaltet Vittorio de Campo die zahlreichen Farben seines durchdringenden Basses und Sawako Kayaki, Emanuel Tomljenović und Samson Setu, allesamt Mitglieder des Jong Ensemble Opera Ballet Vlaanderen, komplettieren die exquisite Sängerriege.

© OBV/Annemie Augustijns

Gaetano Lo Coco präsentiert im Graben ein präzises, bemerkenswert klares Dirigat, ohne dabei den Verdi’schen Klang aus dem Auge zu verlieren. So schafft er zusammen mit den Sängerinnen und Sängern bis hin zum letzten Chormitglied eine beeindruckende Einheit und macht diesen eindrucksvollen Abend erst möglich.

Das Premierenpublikum im ausverkauften Haus ist zu Recht von den Socken, spart nicht mit frenetischem Applaus und zahlreichen Bravo-Rufen für alle Beteiligten. Wer also einen Grund sucht, Antwerpen wieder einmal zu besuchen (oder Luxemburg im Mai), der hat nun einen gefunden. Dieser Nabucco geht unter die Haut!

Ihr
Jochen Rüth

23. Februar 2026


Nabucco
Oper von Giuseppe Verdi

Vlaamse Opera, Antwerpen

Premiere: 22. Februar 2026

Regie: Christiane Jatahy
Musikalische Leitung: Gaetano Lo Coco
Symfonisch Orkest Opera Ballet Vlaanderen

weitere Vorstellungen: 24., 26. und 28. Februar sowie 3., 5., 8., 12. und 15. März, außerdem am 6., 8. und 10. Mai  2026 im Grand Théâtre Luxembourg

Trailer (zur Genfer Produktion)
Making of