Wuppertal, Konzert: „Siegfried“, Richard Wagner

© Yannick Dietrich

Angekündigt als „6. Sinfoniekonzert“ am 22. Februar 2026 glänzte Patrick Hahns konzertante Aufführung der Oper „Siegfried“ in der für ihre exquisite Akustik berühmten Historischen Stadthalle Wuppertal auch diesmal mit einem jugendlich-temperamentvollen Dirigat und einer hochkarätigen Besetzung. Wagners Opernzyklus konzertant aufzuführen, mit nur kleinen Lichteffekten, erschließt in besonderer Weise den Text und die Bedeutung. Hahn arbeitet mit modernen Instrumenten eines großen romantischen Sinfonieorchesters und mit Sängern und Sängerinnen, die ihre Partien überwiegend bereits mehrmals gesungen haben. Er schuf mit dem Sinfonieorchester Wuppertal drei fesselnde Spannungsbögen in drei Akten. Die Vorstellung, die bereits um 16:00 Uhr begann, endete um 21:45 Uhr bei jedem Aktschluss mit langanhaltenden Beifall-. Das Publikum, überwiegend erfahrene Wagnerianer, ging beglückt nach Hause.

In dieser Fortsetzung der „Walküre“ wird erzählt, wie Siegfried zum Helden wurde. Mit den Trümmern Nothungs floh Sieglinde, Siegfrieds Mutter, nach dem Tod Siegmunds, Siegfrieds Vaters, in den Wald. Von Mime, dem garstigen Zwerg und Bruder des Nibelungen Alberich, aufgezogen, verlangt Siegfried Auskunft über seine Herkunft. Siegfrieds Eltern sind die Zwillinge Siegmund und Sieglinde, die Göttervater Wotan mit einer Menschenfrau zeugte. Das Schwert Nothung, das Siegmund aus dem Stamm der Weltesche zog, zerbrach an Wotans Speer, nachdem Wotan aus formalen Gründen – Inzest des Zwillingspaars und Ehebruch der mit Hunding verheirateten Sieglinde – Siegmund seine Unterstützung versagen musste. Daher steht die Szene, in der Siegfried mit dem Schwert, das er selbst aus den Trümmern Nothungs geschmiedet hat, den Speer Wotans zerschmettert, für das Ende von Wotans Herrschaft. Siegfried, der das Fürchten nie gelernt hat, steht in Wagners Werk wie kein anderer für den mit der Natur verbundenen naiven jungen Mann, der nach dem Trinken von Fafners Blut mit dem Waldvöglein reden kann, für den „freien Helden“, der Wotans Herrschaft fortsetzen könnte. Die Uraufführung des „Ring des Nibelungen“ im Bayreuther Festspielhaus im Jahr 1876 war wie kaum ein anderes kulturelles Ereignis identitätsbildend für die deutsche Nation, die sich am 18. Januar 1871 in Versailles durch die Krönung Kaiser Wilhelms I. aus zahllosen Kleinstaaten mit eigener Kultur und eigenem Dialekt konstituiert hatte.

© Yannick Dietrich

Frei von Bindungen und materieller Not nimmt Siegfried sein Schicksal in die Hand und macht sich auf die Suche nach der Gattin, die ihm der Waldvogel verhieß. Dass ihm als Enkel Wotans mit dem magischen Schwert, dem von Alberich verfluchten Ring (das Fluch Motiv erklingt nur im Orchester) und der Tarnkappe die Herrschaft zusteht, weiß er nicht. Sein Glück ist vollkommen, als er Brünnhilde auf dem Felsen entdeckt, den Feuerkreis furchtlos durchschreitet und sie als seine Partnerin erkennt. Brünnhildes Erwachen und das anschließende ekstatische Liebesduett, in dem sich das Paar findet, sind der emotionale Höhepunkt des gesamten Ring-Zyklus.

Das Orchester wird sinfonisch behandelt. Es erzählt mit den Leitmotiven im Grunde die gesamte Geschichte des Rings des Nibelungen. Es ist mit modernen Instrumenten besetzt, die es zu Wagners Zeit in der Form noch nicht gab. Die konzertante Aufführung lenkt den Blick auf den Text und auf die Musik. Abweichend vom Ort der Uraufführung, dem Festspielhaus Bayreuth, gibt es keinen Orchestergraben, sondern das Orchester war hinter den Singenden aufgestellt. Trotzdem war die Textverständlichkeit und die Hörbarkeit der Sänger und Sängerinnen hervorragend, denn es waren starke Wagner-Stimmen, die sich auch gegen ein großes Orchester durchsetzen konnten.

Die Besetzung des Titelhelden mit dem mittlerweile schweren Heldentenor Corby Welch erfüllte die kühnsten Erwartungen. Er hatte die Ausdauer, die man braucht, um die lange Partie des Siegfried durchzustehen und die Kraft und Fülle, die strahlenden Höhen und die dramatische Ausdruckskraft, die Entwicklung des Naturburschen zum liebenden Mann Brünnhildes darzustellen. Er ist im Ensemble der Deutschen Oper am Rhein von 2003 bis 2018 in Ruhe gereift. Welch hat den Siegfried bereits in der Wiederaufnahme des „Siegfried“ 2020 an der Deutschen Oper am Rhein, unter Axel Kober, mit großem Erfolg verkörpert. Mit enormem Einfühlungsvermögen gestaltete er den seine Identität suchenden jugendlichen Helden, der „das Fürchten lernen will“. Mit Siegfrieds Sieg über den Drachen endete der zweite Akt. Das „Schmiedelied“ war sein erster Triumph, denn er ist ein echter Heldentenor, der das riesige Orchester, das sich hinter ihm auftürmte, scheinbar mühelos überstrahlte. Mich hat Welch mit der psychologischen Durchdringung des heranwachsenden Helden, auch mit intimen und zarten Tönen als seine Identität Suchender voll überzeugt, erst recht als naiver junger Kerl, der im 3. Akt auf die schlafende Brünnhilde trifft und sich auf der Stelle in diese wunderbare mutige Frau verliebt und sich tatsächlich fürchtet.

Zwei Akte, die nur von Männerstimmen geprägt sind, sind ein musikalische Wagnis, das hier voll aufgeht. Mime wurde äußerst suggestiv von Christian Elsner, einem deutschen Charaktertenor der Spitzenkasse, verkörpert. Elsner blickt auf eine internationale Weltkarriere zurück und gestaltete die komplexe Rolle des garstigen, verbitterten Zwergs, der Siegfried nur benutzen will, um in den Besitz des verfluchten Rings zu gelangen, mit technischer Perfektion und überragendem Ausdruck, auch in der Körpersprache. Die beiden Tenöre hoben sich gut voneinander ab und gestalteten einen fantastischen Generationenkonflikt. Wie Welch den alten, verbitterten Zwerg, der seinen Ziehsohn vergiften wollte, um in den Besitz des verfluchten Rings zu gelangen, imitierte, war sensationell. Am Ende des zweiten Akts ersticht Siegfried ungerührt seinen berechnenden Ziehvater und legt die Leiche neben den Kadaver des erlegten Lindwurms vor den Eingang zur Drachenhöhle, in der sich das Rheingold befindet. Nach dem Genuss des Bluts des erlegten Drachens kann Siegfried nämlich Mimes Gedanken lesen, und er hört, dass Mime ihn vergiften will. Dieser Dialog, bei dem auch der Zuschauer Mimes Gedanken hört, ist von einer makabren Komik. Das Waldvöglein hat Siegfried empfohlen, Ring und Tarnkappe an sich zu nehmen. Mit dem Erwerb von Tarnhelm, Ring und der Unverwundbarkeit Siegfrieds, der im Blut des Drachen gebadet hat, endet der zweite Akt. Ein einzigartiger Held, der im Handumdrehen ein gefürchtetes Ungeheuer vernichten konnte, ist geboren.

Der Wanderer, von dem das Orchester verrät, dass es kein anderer als Wotan ist, Michael Kupfer-Radecky, gibt dem resignierten Gott in seinem Rollendebut als Wanderer mit kraftvollem Bariton Kontur. Eine kongeniale Partnerin war die erstaunlich junge stimmgewaltige Altistin Deniz Uzun als Erda, die weise Erdgöttin, Brünnhildes Mutter. Der Lindwurm Fafner wird überwiegend vom Orchester (Tuba: Artur Saumets) dargestellt, und Starbass Kurt Rydl sang die Phrasen, die er zu singen hatte („Ich sitz und besitz, lasst mich schlafen!“), mit Hilfe elektronischer Verstärkung aus dem Off mit großer Durchschlagskraft und voll ausgesungenen tiefen Tönen. Joachim Goltz war ein bestens disponierter listiger Alberich, der sich in der gleichen Absicht wie sein Bruder Mime in der Umgebung des Lindwurms herumtreibt, um sich bei erster Gelegenheit in den Besitz des Rings zu setzen.

© Yannick Dietrich

Ein voller Erfolg war der Einsatz eines Sängerknaben der Chorakademie Dortmund als Waldvogel. Wagners Absicht war, zu zeigen, dass Brünnhilde die erste Frau ist, die Siegfried sieht. Er soll ursprünglich einen Knaben vorgesehen haben, aber aus aufführungstechnischen Gründen (Jugend-Arbeitsschutz) wird häufig darauf verzichtet. Cornelius Park als Waldvogel rührte unmittelbar an, weil er zutraulich den Helden begleitete, wobei er die Partie mit silberhellem Knabensopran souverän meisterte. Er gab Siegfried den Hinweis, auf dem von Feuer umringten Felsen nach seiner Gefährtin zu suchen. Cornelius Park wurde vor 20:00 Uhr mit stehenden Ovationen verabschiedet und konnte mit seinen Eltern nach Hause gehen.

Der Machtwechsel findet im Zusammentreffen Siegfrieds mit Wotan statt. Siegfried hat keinerlei Respekt vor dem alten Wanderer im langen Mantel, der sich ihm auf dem Weg zum Walküren Felsen in den Weg stellt. Als er in ihm den für den Tod seines Vaters verantwortlichen Wotan erkennt, zerschmettert er wutentbrannt dessen Speer mit seinem Schwert. Wotan zieht sich resigniert zurück. Seine Herrschaft ist beendet, und Siegfried erreicht den Felsen im roten Feuerschein. Stéphanie Müther hat die Brünnhilde bereits mit großem Erfolg in Dortmund verkörpert. Ihr klarer, jugendlich-frischer, warmer, hochdramatischer Sopran besticht durch exquisite, durchschlagende Spitzentöne. Brünnhilde, Tochter Wotans und Erdas, wird von Siegfried von den Insignien ihrer Rolle als Walküre befreit und zur normalen verletzlichen Frau. Wie auch Siegfried schildert sie eindrücklich ihre Angst vor der Hingabe an einen Partner. Mit „Heil dir, Sonne“ eröffnete sie eine der beeindruckendsten Liebesszenen der gesamten Opernliteratur mit innigem Ausdruck ihrer Verletzlichkeit und überbordender Liebe zum Helden Siegfried. Mit „Ewig war ich“ endete „Siegfried“ in einem jubelnden und ergreifenden Finale, das das Publikum zu langanhaltenden stehenden Ovationen hinriss.

Mit der minimalistischen Personenführung und Lichtregie von Fabian Rickenmann entstand ein durch keinen bizarren Einfall des Regietheaters getrübter Genuss. Besonders gelobt werden muss der Solo-Hornist Karsten Hoffmann, der das Siegfried-Motiv entwickelte, stellvertretend für das Sinfonieorchester Wuppertal, das unter Patrick Hahn ein beeindruckendes Niveau erreicht hat, das auch von Fachleuten anerkannt wird. Im „Waldweben“ konnte man die Atmosphäre des Waldes mit den vielfältig geteilten Streichern und den Vogelstimmen imitierenden Bläsern begreifen. Auffallend war die hervorragende Textverständlichkeit, auf die Wagner besonders großen Wert gelegt hat. Hilfreich waren allerdings auch die Übertitel, denn Wagners Kunstsprache ist nicht leicht verständlich.

„Siegfried“ ist der Entwicklungsroman der Tetralogie, der Mythos des freien Helden, den keine Gesetze mehr binden. Mit dem jungen Paar manifestiert sich der Sieg der Jungen über die Alten, dem Siegfrieds Ziehvater Mime und Wotans Macht zum Opfer fallen.

Wir haben einen märchenhaften Abend mit überwältigender emotionaler Musik erlebt, in dem der mit Erwartungen überfrachtete Held Siegfried von seiner menschlichen Seite gezeigt wurde. Patrick Hahn hat die Wagner-Gemeinde voll überzeugt. Man kann auf die „Götterdämmerung“ am 22. März 2026 gespannt sein!

Ursula Hartlapp-Lindemeyer 25. Februar 2026


Siegfried (konzertant)
Historischen Stadthalle Wuppertal

24. Februar 2026

Dirigat: Patrick Hahn
Sinfonieorchester Wuppertal