An der Scala 1908 auf Betreiben von Arturo Toscanini und unter seiner Leitung erstaufgeführt, wurde das verrätselte Werk auch 1925/26 unter demselben Maestro wieder auf Italienisch gegeben. Auf Französisch erstmals unter Victor De Sabata 1949 in einer Produktion der Opéra Comique, und als Eigenproduktion zum 50-jährigen Jubiläum der Komposition 1953. 1962 war Karajans Wiener Inszenierung in der Originalbesetzung zu sehen, allerdings musste der erkrankte Maestro von Serge Baudo vertreten werden. Seit damals hat es vier Neuinszenierungen, u.a. von Jean-Pierre Ponnelle, gegeben, und als musikalische Leiter blieben vor allem Georges Prêtre und Claudio Abbado in glanzvoller Erinnerung.

Für die Realisierung des undurchschaubaren Werks hatte man den König der verwirrenden Produktionen verpflichtet: Romeo Castellucci arbeitete damit erstmals an einem italienischen Opernhaus. Der für Regie, Bühnenbild, Kostüme und Beleuchtung verantwortliche Künstler ließ sich denn auch nicht lumpen und stellte eine atmosphärisch dichte, undurchschaubare Interpretation auf die Bühne, wobei „Interpretation“ ein gewagtes Wort ist, denn es handelte sich offensichtlich um eine Reihe von Assoziationen zum Thema, an denen man sich als Publikum abarbeiten sollte. Allerdings habe ich mich dafür entschieden, keinerlei diesbezügliche Versuche zu machen und Reliefs, in der Luft schwebende römische Ziffern, in Vitrinen (wo Mélisande aufgebahrt werden wird) ausgestellten Goldschmuck oder die große, aufgestellte Holzplatte, an der Golaud und Yniold hängen, mit jeweils einer antiken Statue unter ihren Füßen, schlicht zu ignorieren und mir auch keine Frage zu stellen, warum die Liebenden bei ihrem gegenseitigen Geständnis als Pierrot und Pierrette gekleidet sind. In meinen Augen handelt es sich um keine Regie, sondern um eine Performance, weil Castellucci einfach kein Regisseur im klassischen Sinn ist. Zu erwähnen sind noch Christian Longchamp als Dramaturg und Giulia Giammona als künstlerische Mitarbeiterin.

Am Pult des Orchesters des Hauses stand mit Maxime Pascal ein Spezialist für Musik des 20. wie des 21. Jahrhunderts. Er fächerte Debussys Farbenreichtum eindrucksvoll auf und erzielte einen Klang, der intensiver auf das Gemüt wirkte als Castelluccis Folge von Assoziationen. Debussy pur, vor allem auch in den Zwischenspielen. Für Pelléas hatte man sich mit Bernard Richter für einen Tenor anstatt eines Baryton Martin entschieden, wodurch die Figur stimmlich eindimensionaler wird. Richter machte seine Sache aber gut und passte gut zur Mélisande von Sara Blanch, die mit viel Animo die von ihr verlangten Verrenkungen umsetzte, ohne stimmlich unter diesen zu leiden. Ihr Sopran klang immer rein und hatte das richtige „unschuldige“ Timbre. Beeindruckend war die Leistung von Simon Keenlyside, dem es mit festem, intaktem Bariton gelang, aus Golaud einen intensiv leidenden Menschen zu machen, der aus seiner Haut einfach nicht herauskonnte. Yniold war Debussys Wunsch gemäß mit einem Knaben besetzt, und Alberto Tibaldi aus dem Kinderchor der Scala spielte mit unglaublicher Natürlichkeit und sang mit bewundernswerter Musikalität. John Relyea war mit knorrigem Bass ein empathischer Arkel, Marie-Nicole Lemieux mit sattem Alt eine ebensolche Geneviève. Zhibin Zhang und Geunwha Lee, Studierende der Accademia della Scala, ergänzten als Arzt bzw. Schäfer.

Viel Zustimmung des internationalen Publikums, aber wenig lautstark, als wollte man sich an der Musik orientieren.
Eva Pleus, 12. Mai 2026
Pelléas et Mélisande
Claude Debussy
Teatro alla Scala
Vorstellung am 6. Mai 2026
Premiere am 26. April
Regie: Romeo Castellucci
Musikalische Leitung: Maxime Pascal
Orchestra del Teatro alla Scala