INTERVIEW MIT ELISABETH STÖPPLER ZU IHRER STUTTGARTER INSZENIERUNG VON WAGNERS DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
OF: Liebe Frau Stöppler, unser erstes Interview für den OPERNFREUND im vergangenen Jahr drehte sich um Bernhard Langs neue Oper Dora. Mit dieser Produktion gaben Sie vor zwei Jahren Ihr erfolgreiches Regie-Debüt an der Staatsoper Stuttgart. In diesem erneuten Interview nun soll es ausschließlich um Wagners Meistersinger von Nürnberg gehen, die Sie vor kurzem ebenfalls in Stuttgart erfolgreich inszeniert haben. Wie kam es, dass Sie diesen erneuten Regieauftrag von der Stuttgarter Staatsoper erhalten haben? Hat da vielleicht Ihr großer Erfolg mit Dora mit eine Rolle gespielt?
S: Das kann ich nicht sicher sagen. Dora war als Uraufführungsproduktion etwas ganz anderes, und dass mich Richard Wagner grundsätzlich interessiert, ist auch schon lange kein Geheimtipp mehr.

OF: Was hat Sie an den Meistersingern besonders gereizt?
S: Die besonders feine und differenzierte musikalische Textur, die vielen hochkomplexen Ebenen, der allen innewohnende shakespearianische Sommernachtstraum, die nicht ausformulierten Frauen-Figuren…Und insbesondere die Rezeptionsgeschichte des Werkes, die ich stark mit den politischen Abgründen Deutschlands verbinde – ein Aspekt übrigens, der mein Team und mich zunächst abgeschreckt, dann wieder besonders zum Stück hingezogen und herausgefordert hat.
OF: Worin besteht die Essenz der Meistersinger?
S: Für mich geht es letztlich um Sprache und ihre Wirkmächtigkeit. Wie leicht diese missbraucht werden kann, wie gut sie zur Manipulation taugt. Und dass wir das Wort eben nicht als Messer des Hasses benutzen sollten, wie Nelly Sachs es in ihrem Klagegedicht formuliert, das wir sehr bewusst an das Ende unserer Inszenierung gesetzt haben.
OF: Wie kein anderes Werk der Opernliteratur sind die Meistersinger von den Nazis vereinnahmt und in starkem Maße missbraucht worden. Welche Bedeutung hat eine Kritik an diesem Missstand in einer Opern-Produktion heute noch? Und mit welchen szenischen und bildlichen Mitteln drücken Sie das aus?
S: Wir haben diesen Zusammenhang erneut aufgezeigt, weil er für uns in unmittelbarem Zusammenhang zu eben diesem Werk, das von Hitlers Propagandamaschine so wirksam eingesetzt wurde, steht. Dabei ging es uns nicht um das wiederholte Präsentieren von deutscher Vergangenheit, sondern um das Aufzeigen von Mechanismen, die in jüngster deutscher Gegenwart wieder eine Rolle spielen. Deutschtümelei, Gier, Größenwahn und Rassismus sind leider gar nicht vergangen, sondern wieder allgegenwärtig und prägend für die politische Landschaft. Die Meistersinger können davon erzählen und bleiben insbesondere deswegen relevant.
OF: In welchem Maße treffen in Ihrer Inszenierung Realität und Kopfgeburten aufeinander?
S: Für mich spielt im Stück der Traum eine große Rolle. Insofern dass alle – Sachs, Beckmesser, Stolzing, Eva – träumen, alle schreiben und durch Literatur in Utopien denken. Entsprechend wird auch die Festwiese zu Sachs‘ großem Traumbild von Schönheit, Harmonie – und Machtgier.

OF: Aus welchem Grund haben Sie aus den Lehrbuben Frauen gemacht?
S: Mir hat in den Meistersingern die Stimme der Frauen grundsätzlich gefehlt. Ich empfand diese als unterrepräsentiert und wollte das durch eine einfache Zuspitzung der Rollenzuschreibung dieser Chorgruppe ändern. Und GMD Cornelius Meister und Chordirektor Manuel Pujol als musikalisch Verantwortliche sowie der Damenchor haben sich gerne darauf eingelassen.
OF: Wer ist Sachs in Ihrer Interpretation? Warum haben Sie ihn so negativ vorgeführt?
S: Hans Sachs ist von mir nicht negativ dargestellt, sondern menschlich komplex. Er will schreiben, mehr als er seinem Brotjob als Schuster nachgehen möchte. Er will träumen und über sich hinauswachsen. Beckmesser ist ihm dabei ein Dorn im Auge, dabei sein ewiger Konkurrent seit Kindertagen. Außerdem könnte er auch in Bezug auf Eva zum Nebenbuhler werden. Sachs ist hochambitioniert, ehrgeizig, aber eben auch eifersüchtig und eitel. Und das treibt ihn bei uns in den finalen Wahnsinn.
OF: Warum richtet Sachs im dritten Aufzug in der Schusterstube eine Pistole auf Stolzing?
S: Weil er sukzessive einen Wahnsinn entwickelt, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Sachs braucht Stolzing für seinen Plan, und Stolzing selbst geht am Ende in dieser Figur, die sich Sachs für ihn erträumt hat, vollständig auf.
OF: Aus welchem Grund singt Sachs seine große Schlussansprache Verachtet mir die Meister nicht zu Eva und nicht zu Stolzing?
S: Weil bei uns Eva und eben nicht Stolzing das wichtigste Gegenüber von Hans Sachs ist. Er liebt und begehrt diese junge Frau und kann sich doch nicht zu ihr als Partnerin an seiner Seite bekennen. Zum Schluss bleibt Eva in seinem Wahn übrig, mit ihr muss er sich bis zum Ende auseinandersetzen. Da hat er sich Stolzing längst einverleibt, während Eva weiterhin Fragen und Forderungen stellt.
OF: Gratulieren kann man Ihnen zu Ihrer Neudeutung des Beckmesser, den Sie sehr sympathisch zeichnen. Auf der Festwiese scheitert er mit seinem Lied. Aber wird er dadurch nicht zum Begründer einer neuen Kunst?
S: Das sehe ich ganz sicher so. Beckmesser passiert – sicher unbewusst – bei seinem Preislied ein neuer Ton – aus Unsicherheit, Angst und weil er fragil und verletzlich ist. Er hat nichts zu verlieren und wächst dabei über sich hinaus, trotzdem er ausgelacht, von Sachs vorgeführt und gedemütigt wird. Natürlich ist auch Beckmesser – wie Sachs! – eine hochambivalente Figur, von Ehrgeiz, Arroganz und Perfektionismus getrieben und gezeichnet. Aber er kämpft bis zum Schluss um Eva, gegen allen körperlichen Schmerz und alle äußerlichen Widerstände, und ist darin mindestens genauso romantisch veranlagt wie Sachs…
OF: Hat Beckmesser vielleicht sogar etwas Heldenhaftes an sich?
S: Ich finde ja so besonders an den Meistersingern, dass Wagner hier eben keine heldischen Persönlichkeiten mehr komponiert, sondern charakterstarke Menschen aus Fleisch und Blut, innen und außen schön wie hässlich. Beckmesser kann darin eben weit mehr sein als der dämliche Anti-Held, als der er immer noch oft dargestellt wird.
OF: Eva weist in Ihrer Inszenierung ebenfalls heldenhafte Züge auf. Was macht die Pogner-Tochter bei Ihnen zu einer Heldin?
S: Heldin nein, starke und komplexe Persönlichkeit ja! Eva ist viel mehr als nur die Tochter von Pogner, mehr als die Preiskuh im Wettbewerb der Meister. Wie Sachs lebt sie für die Literatur, will schreiben und selbständig leben, möchte raus aus der konventionellen Umgebung ihres väterlichen Umfeldes – und das nicht zuletzt mit der Unterstützung und Solidarität ihrer Freundin Magdalene.
OF: Warum singt Eva bei Ihnen auf der Festwiese ihr Keiner wie Du so hold zu werben weiß nicht, wie von Wagner vorgeschrieben, an die Adresse von Stolzing, sondern zu Beckmesser?
S: Weil sie in unserer Lesart Stolzing längst aus den Augen und aus dem Sinn verloren hat, weil auch Stolzing längst mehr Dichter sein will als Liebender, weil Eva immer mehr bei Sachs war als bei Stolzing und weil sie letztlich Beckmessers Ode, die ihr gilt, ernst nimmt.
OF: Was ist der Grund dafür, dass Eva Beckmesser bereits im zweiten Aufzug bei seinem Ständchen assistiert?
S: Im Finale des zweiten Aufzuges sind Traum und Wirklichkeit stark miteinander verschränkt, entsprechend handelt es sich da wohl bei allen Beteiligten um einen wilden und uferlosen surrealen Moment – der allerdings sehr viel über ihr Innenleben offenbart…
OF: Offensichtlich wird, dass Beckmesser Eva nicht egal ist. Ist da aber womöglich noch mehr zwischen den beiden? Fühlt sie vielleicht auch für ihn Zuneigung oder womöglich sogar ein wenig Liebe?
S: Ich fände es verkürzt, von Liebe zu sprechen, sondern eher von Aufmerksamkeit, später Anerkennung und Wertschätzung Beckmesser gegenüber. Die Liebe hat ja hoffentlich sehr viele Facetten; Zuneigung ist diesbezüglich ein schönes und passendes Wort für das, was Eva am Ende für Beckmesser empfinden könnte. Aber diesen Moment möchte ich unbedingt offen halten, sonst wird das unterkomplex, ja kitschig.
OF: Wie gingen Sie mit dem Fakt um, dass die Sänger Björn Bürger (Beckmesser) und Esther Dierkes (Eva) im wahren Leben miteinander verheiratet sind? Hatte das irgendwelche Konsequenzen für Ihre Deutung von Beckmesser und Eva?
S: Das hat uns alle tatsächlich gar nicht interessiert und beschäftigt, am wenigsten die beiden selbst.
OF: Wie wirkt es sich aus, dass Eva in Ihrer Inszenierung gleich mehrere Männer liebt? Für wen wird sie sich letztendlich entscheiden?

S: Ich möchte auch hier präzisieren: Eva liebt nicht mehrere Männer gleich, sondern auf sehr unterschiedliche Weise. Sachs ist ihr Lebensmensch, Vater, Mentor, Geliebter zugleich. Stolzing entfacht ihr Begehren, ihre Neugier, ihren Jagdinstinkt, Beckmesser ihr Mitgefühl und Interesse. Muss sie sich denn letztendlich entscheiden? Ich denke nicht. Und wenn, dann für sich selbst und ihren eigenen Weg.
OF: Warum setzen Sie den Meistern Vogelmasken auf?
S: Die Metapher der Vögel entstand durch den Text von Stolzing, der das Singen von den Vögeln lernte und die Meister als stimmgewaltige Vogelschar darstellt, aus deren Krächzen und Rangeln er als goldener Phoenix aufsteigt. So wurden bei uns im Festwiesen-Finale die Meister zu ebensolchen Vögeln, in gewisser Weise degeneriert und mutiert sowie auf groteske Weise zu ihrer eigenen Karikatur verzerrt.
OF: Vielen Dank für das Interview.
Ludwig Steinbach, 16. Mai 2026