Erklär mir Hoffmann!
Nachdem Lotte de Beers Wander-Inszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“ schon in Straßburg, Mulhouse, Paris und Reims gezeigt wurde, ist sie nun zu Saisonende schnell noch an ihrem Stammhaus, der Wiener Volksoper, gelandet. Dass Französisch gesungen und Deutsch gesprochen wird, kann man nicht genug loben, das ist die ideale Entscheidung zu Gunsten des Publikums.
Ein wenig sieht man der Produktion an, dass sie leicht zu transportieren sein sollte, denn szenisch ist sie höflich gesagt bescheiden, unhöflich vermerkt armselig. Denn „Hoffmann“ hat durchaus Elemente einer „großen Oper“, das Kuriositäten-Kabinett des Physikers Spalanzani findet ebenso wenig statt wie das Venedig des Giulietta-Akts, und in Luthers Keller ist auch nicht viel los. Die Bühnenbilder von Christof Hetzer sind eine Art Einheits-Zimmer-Dekoration mit schrägen Seitenwänden, mit deren Möblierung man sich nicht die geringste Mühe gemacht hat – mit den Kostümen von Jorine van Beek offenbar auch nicht. Der optische Glanz der Oper fehlt ebenso wie ihre Eleganz und Grandezza.

Immerhin hat man von Lotte de Beer stets Überraschungen zu erwarten, und diesmal gibt es gezählte zwei. Im Spalanzani-Akt sitzt Olympia als riesige Zelluloid-Puppe geradezu raumgreifend auf der Bühne – womit die Regisseurin allerdings sich, dem Stück und dem Publikum den Olympia-Akt gänzlich ruiniert. Wenn man die Oper nicht gut kennt, hat man keine Ahnung, was die große Puppe (die mit den Augen rollt und gelegentlich die Lippen bewegt) soll, noch weniger, die kleine Puppe, mit der Hoffmann spielt, am allerwenigsten die Dame Koloratursopran, die durch den Chor marschiert, ihre hohen Töne abliefert und irgendwie gar keine Funktion hat. Der szenische Effekt ist da – der Sinn verloren.
Vor allem aber möchte uns Lotte de Beer den Hoffman erklären, wobei es bei ihr feministisch auch darum geht, ihm – schließlich ist er ein weißer Mann – die Leviten zu lesen. Immer wieder fällt der Zwischenvorhang, damit Hoffmann sich mit der Muse allein auf der Bühne findet und seltsame Dialoge austragen muss, die Dramaturg Peter te Nuyl (natürlich ganz im Sinn der Regisseurin) neu erfunden hat. Da wird der Macho Hoffmann gewissermaßen hinterfragt, da gebärdet sich die Muse wie eine schlechte Talk-Meisterin, die in das Innenleben ihres Gastes stochern will. Für die Oper bringt es nichts außer zahllose retardierende Momente, und dass man – solcherart nachgefragt – wirklich mehr über das Werk erfährt, das man eigentlich kennt, könnte man auch nicht sagen…
Auch ist die Kanadierin Wallis Giunta, um mit der hier kreierten neuen Hauptfigur des Werks zu beginnen. nicht die ideale Besetzung, ihre Sprechstimme ist zu kraftlos, die Sprache nicht akzentuiert genug und letztendlich immer wieder unverständlich. Das macht den ganzen Dialog-Unfug noch sinnloser.
Attilio Glaser, der schon Erfahrung mit der Inszenierung hat, gab sein Hausdebut an der Volksoper und ist der Titelheld im Shabby-Look, ein bißchen Sandler (sehen die Dichter heute so aus?), der auch gesanglich eine Spur verwahrlost wirkt, obwohl es ihm nicht an Stimme fehlt. Es ist sechs Jahre her, dass er in der Staatsoper dreimal den Rigoletto-Herzog singen durfte, nächstes Jahr wird er für Stefan Herheim der Florestan in einem wieder einmal alternativen „Fidelio“ sein.
Die drei berühmten „Hoffmann“-Damen, die so selten in der Kehle einer Sängerin wohnen (Diana Damrau war eine der Letzten, die es erfolgreich meisterte), sind in der Volksoper stimmkräftig besetzt. Anna Simińska durfte die Olympia zwar nicht spielen, nur singend herumwandern, aber sie schleuderte ihre Koloraturen (samt einiger gewaltiger Piepser) souverän ins Publikum. Haus Debütantin Axelle Fanyo presste die Dramatik der Antonia exzessiv heraus. Und Hedwig Ritter, als Giulietta weniger Kurtisane als Nutte im roten Mieder und Zirkuspferd-Kopfschmuck, ließ auch hören, was sie hat, und das ist nicht wenig.
Josef Wagner verwandelte sich für die vier Bösewichte jeweils in eine komplett andere Figur und führte seinen Baßbariton erfolgreich ins Feld.
Feinschliff war an diesem Abend von niemandem zu erwarten, kam folglich auch nicht aus dem Orchester, das von Emmanuel Villaume geleitet wurde. Sagen wir einmal so: Wir haben Offenbach schon viel, viel eleganter gehört und „Hoffmanns Erzählungen“ schon überzeugender und auch spektakulärer gesehen.
Renate Wagner, 9. Juni 2026
Hoffmanns Erzählungen
Jacques Offenbach
Wien, Volksoper
Koproduktion mit der Opéra National du Rhin, dem Théâtre National de l‘Opéra-Comique Paris und der Opéra de Reims
Premiere: 7. Juni 2026
Regie: Lotte de Beer
Dirigat: Emmanuel Villaume
Orchester der Volksoper