Zürich: „Tannhäuser“, Richard Wagner

Koksende Minnesänger

Die Fragen „Wer bin ich?“, „Was will ich noch vom Leben?“, „Hat das Leben mir noch mehr zu bieten, als bisher?“, „Genüge ich den Ansprüchen, die von außen an mich gestellt werden?“ beschäftigten seit jeher Künstler aller Gattungen. Viele suchten Antworten in exzessiven Drogenexzessen, nimmermüder Arbeitswut, Ausstiegen aus dem bisherigen Umfeld oder verfielen gar in Wahn oder Depressionen. (Beispiele gibt es unzählige: Im Bereich der Kunst etwa van Gogh mit seinen unzähligen Selbstbildnissen in diversen emotionalen Zuständen, Beckmann oder Frida Kahlo, die persönlichen körperlichen und psychischen Traumata in ihrer Kunst offenlegten. Im Bereich der Literatur sind Thomas Mann u.a. mit TOD IN VENEDIG, Hermann Hesse mit STEPPENWOLF, Max Frisch mit STILLER und HOMO FABER, die Autoren der Beat-Generation Jack Kerouac oder Willam S. Burroughs zu nennen, selbst Hape Kerkeling mit ICH BIN DANN MAL WEG kann man in diese Selbstfindungs-Pilgerfahrten einordnen. Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind Pascal Merciers Romane PERLMANNS SCHWEIGEN und NACHTZUG NACH LISSABON. Joseph Conrads DAS HERZ DER FINSTERNIS ist ein Klassiker des Genres.) Unterdessen sind Selbstfindungsseminare und Identitätstrips längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. 

© Herwig Prammer

Auch der Protagonist in Richard Wagners TANNHÄUSER ist solch ein getrieben Suchender. Ein Künstler, der ausbricht, um zu sich selbst zu finden, in sein Inneres reist, eine surreale Reise, die einer Realitätsflucht gleicht. Das Inszenierungsteam dieser Neuproduktion von TANNHÄUSER am Opernhaus Zürich bringt diesen Albtraum artige Suche mit schlicht grandiosen, überwältigenden Bildern auf die Bühne. Da greifen Bild (von der für ihre surrealen Bilder bekannten Isländerin Erna Mist gestaltet), Kostüme (von Teresa Vergho entworfen), die geniale Lichtdramaturgie von Martin Gebhardt, die Bewegungschoreografie von Sebastian Zuber und die Regie von Thorleifur Örn Arnarsson mit geradezu atemberaubender Eindringlichkeit ineinander. Man sitzt gebannt, während der drei jeweils gut eine Stunde dauernden Akten im Sessel und verfolgt die Reise des Tannhäuser mit höchster Konzentration und Anspannung, vom langen Tisch im Venusberg mit den unzähligen Gläsern drauf, zur bronzenen Halle des Sängerwettstreits im zweiten und der finalen Eiswüste mit den riesigen Eisscherben (Splitter der vor Rastlosigkeit zersprungenen Seele) im dritten Akt. Dies sind die Stationen von Tannhäusers Reise in sein Inneres – an ein Ziel als Künstler und als Mensch kommt er nicht, höchstens zur Erkenntnis, dass er in seiner Kunst gescheitert ist. Sein zentrales Werk sollte wohl die von ihm erschaffene Statue der Elisabeth werden, welche im Venusberg erst als non-finito Skulptur herumsteht, danach als vollendetes Werk von den Minnesängern auf die lichte Höhe gestellt wird, um im zweiten Akt lebendig zu werden – mit der Hallenarie. Danach schminkt sich Elisabeth während des Einzugs der Gäste ab, um im dritten Akt während des Gebets wieder als Statue zu erstarren. Ganz am Ende zerschlägt Tannhäuser mit dem Riesenhammer – den er bereits zu Beginn mal in der Hand gehalten hatte – die Statue (zum Glück konnte die Sängerin vorher entweichen). Ein grandioser Coup de théâtre. Im Programmheft wird die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux zitiert: „Ein Pilger sucht nicht den Weg, der Weg formt ihn.“ Tannhäuser scheitert in dieser hochspannenden Inszenierung auf ganzer Linie, wird nirgends heimisch, bleibt „unbehaust“ in einer ihm fremd und absurd erscheinenden Welt, ein Mensch, wie ihn Albert Camus in MYTHOS DES SISYPHOS beschreibt (ebenfalls im ausgezeichneten Programmheft abgedruckt).

Das Absurde begegnet ihm auf seiner ganzen Reise: Am Ende des ersten Aktes, nachdem sich Tannhäuser von Venus losgerissen hat (Zu viel, zu viel), krachen die Minnesänger und der Landgraf im Kombi mit voller Wucht in den Venusberg-Tisch. Dank einer Kamera, die im Inneren des Wagens angebracht ist, kann man live wie ein Voyeur auf einer riesigen Leinwand mitverfolgen, was diese Männergesellschaft im Wagen so alles treibt: Da wird gekokst und aus dem Flachmann gesoffen, dass es eine Freude ist. Mit all den diversen Drogen zugedröhnt (wahrscheinlich um ihre eigene, unglaubwürdige Bigotterie zu überdecken), nehmen sie Tannhäuser wieder in ihre Gesellschaft auf, locken ihn mit seiner Elisabeth – Skulptur auf die Wartburg zurück. Dort nimmt ihnen (alle sind in Felle gehüllt mit Tierköpfen, man erinnert sich an die Stürmer auf das Kapitol am 6. Januar 2021) Tannhäuser ihre moralinsauren, bigotten Lobpreisungen der „reinen“ Liebe nicht ab, und so kommt es zum bekannten Eklat, die schweren Wände verengen sich, scheinen ihn zu erdrücken, also auf zur Pilgerreise nach Rom. Zu Eis erstarrt ist die Landschaft im dritten Akt. Keine fallenden Blätter, von denen Wolfram singt, sondern fallender Schnee. Das Bühnenbild ist hier ein echter Hingucker. Die Pilger, die man bereits im ersten Akt sah (allesamt Alter Egos Tannhäusers, identische Kleidung, Tannhäuser – Gesichtsmasken) fallen vor Erschöpfung zusammen, scharen sich dann aber um die sich erneut zur Statue transformierende Elisabeth. Auch dies ist inszenatorisch und choreografisch ganz hervorragend gelöst.

© Herwig Prammer

Gewählt hat man die Dresdner Fassung des TANNHÄUSER, inklusive seiner Überarbeitungen bis 1860, also ohne das für Paris geschaffene Bacchanale und die ebenfalls für Paris vorgenommenen Erweiterungen im ersten und Kürzungen im zweiten Akt. Eine gute Wahl (obwohl ich das vor erotischer Chromatik nur so strotzende Bacchanale persönlich sehr mag), denn so kommt das Werk stilistisch sehr einheitlich daher. Der weltweit gefragte russische Dirigent Tugan Sokhiev leitete erstmals eine Neuproduktion am Opernhaus Zürich – und es war eine auch musikalisch überwältigende Aufführung. Perfekt ausgewogene Tempi, eine überragend subtile Dynamik, die auch vor krachenden, knallenden Ausbrüchen nicht zurückschreckte, dann aber wieder ganz fein ausgehorchte, intime Passagen hörbar machte und die Sänger in keinem Moment zum Forcieren zwang. Diese kamen aus der derzeit führenden, jungen Wagner-Riege: Eric Cutler begeisterte mit seinen Stamina, seiner ungebrochenen Kraft, aber auch mit der Schönheit der romantisch – liedhaften Aspekte in der fordernden und gefürchteten Titelpartie – ein stimmlich und darstellerisch überaus gelungenes Rollendebüt. Ein Wagnertenor, dem man ausgesprochen gerne zuhört! Zu den jungen rising stars gehört auch Christina Nilsson: Die schwedische Sopranistin (sie sang die Partie der Elisabeth bereits 2024 in Frankfurt, kann man hier nachlesen) zählt unterdessen mit ihrem leuchtenden, freischwebenden und ungemein durchschlagkräftigen Sopran zu den grossen Hoffnungen im lyrisch-dramatischen Fach. Hoffentlich kann man diese Sängerin längerfristig ans Haus binden. Überwältigend auch die Venus von Rachael Wilson (mit Rollendebüt!). Was für eine vokale Prachtentfaltung eines sowohl sinnlichen als auch klangsatten Timbres! Der Bass Christof Fischesser ist zum Glück immer wieder in Zürich zu erleben. Sein Landgraf verströmte Wärme, vermochte aber auch eine gewisse Gebrochenheit der Figur zu zeigen. Überragende, exemplarische Diktion brachte Christian Gerhaher als Wolfram von Eschenbach für die in dieser Inszenierung sehr zwiespältig angelegte Rolle mit (servil und schleimig wie Wurm in Schillers Kabale und Liebe, dann wieder überdreht und zugedröhnt). Mit unheimlich subtiler dynamischer Differenzierungskunst erfüllte er seine Kantilenen, von beinahe geflüsterten Passagen zu vehementen Ausbrüchen war da die gesamte Bandbreite sängerischer Souveränität zu erleben. Vieles erschien sehr ungewohnt, ja beinahe manieriert (O du, mein holder Abendstern), verfehlte jedoch die effektvolle Wirkung nicht. Eine tenorale Glanzleistung an Schöngesang vollbrachte Johan Krogius als Walther von der Vogelweide: Seine Lobpreisung der edlen, reinen Liebe (Den Bronnen, den uns Wolfram nannte) ist ein großes Versprechen für die Zukunft des jungen finnischen Sängers. Andrew Moore wetterte vortrefflich mit seinem sonoren Bassbariton gegen Tannhäuser im Sängerkrieg. Nathan Haller hatte als Heinrich der Schreiber von Wagner leider nicht allzu viele solistische Noten zugeteilt bekommen, doch seine witzige Darstellung des zu kurz Gekommenen war herrlich. Das gilt auch für Brent Michael Smith, der als Reinmar von Zweter gute Figur machte. Yewon Han beglückte das Ohr als (im Glitzerkostüm und mit weihnächtlicher Leuchtgirlande geschmückt) auftretender Hirte mit ihrer wunderschön gesungenen Lobpreisung und Begrüßung des Wonnemonats Mai (Frau Holda kam aus dem Berg hervor).

© Herwig Prammer

Fantastisch und bewegend gestalteten der Chor der Oper Zürich und die SoprAlti der Oper Zürich ihre diversen Einsätze als Pilger, als Sirenen und als herrlich bunt und clownesk gekleidete Gäste auf der Wartburg (mit herzförmigen Luftballonen). Man konnte sich so richtig im satten Chorklang suhlen! (Einstudierung: Klaas-Jan de Groot)

Nach Matthew Wilds überragend stimmiger Lesart des TANNHÄUSER in Frankfurt präsentiert nun auch das Opernhaus Zürich eine andere, aber genauso interessante Interpretation des TANNHÄUSER durch Thorleifur Örn Arnarsson. Auch wenn Wagner mal geäußert hat, dass er der Welt noch einen Tannhäuser schuldig sei – wir können mit den vorhandenen Fassungen bestens leben und sie immer wieder neu auf ihre Relevanz hinterfragen (lassen). Dazu waren anscheinend nicht ganz alle im Saal gestern Abend bereit, doch die Bravi überwogen bei weitem. Für die Sänger, den Dirigenten und das fabelhaft disponierte Orchester der Oper Zürich war der Jubel einhellig!

Kaspar Sannemann, 24. Juni 2026


Tannhäuser
Richard Wagner

Opernhaus Zürich

Premiere: 21. Juni 2026

Regisseur: Thorleifur Örn Arnarsson
Dirigat: Tugan Sokhiev
Orchester der Oper Zürich

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