Köln: „Fest der schönen Stimmen“

ein Galaopernabend an der Kölner Oper

Manch ein Besucher im ausverkauften StaatenHaus der Oper Köln mochte sich gefragt haben, wieso denn dieses „Fest der schönen Stimmen“, zu dem die „Freunde der Kölner Oper“ eingeladen hatten, dem Anspruch des angekündigten Galaopernabends genüge. Nach Ende der Vorstellung waren solche Zweifel endgültig verstummt. Diese Aufführung von Bizets Oper „Carmen“ war tatsächlich ein Sängerfest hervorragender Künstlerinnen und Künstler, und dies, obwohl keine Stargäste verpflichtet worden waren. Ganz im Gegenteil bestand das Besondere dieses Abends gerade darin, wie der Vorsitzende des Vereins in seiner Begrüßung anmerkte, dass alle Partien mit Sängerinnen und Sängern besetzt waren, die entweder dem „Internationalen Opernstudio der Oper Köln“ angehören oder aber aus diesem Opernstudio ihre Opernkarriere angetreten haben. Zu Recht durften sich die Mitglieder des Vereins darüber freuen, welche Früchte ihre langjährige Unterstützung des von Rainer Mühlbach geleiteten Opernstudios gezeitigt hat.

Die Titelpartie sang und spielte Adriana Bastidas Gamboa mit einer Intensität und Leidenschaft, die das Publikum von der ersten Minute an in eine atemlose Spannung versetzten. In einem kürzlich erschienenen Interview machte die Sängerin deutlich, warum sie sich mit der Interpretation der Titelfigur in der Inszenierung von Lydia Steier voll und ganz identifiziert: „Das Besondere ist in der Tat, dass Carmen einmal nicht als Femme fatale entworfen ist – so wie es schon tausendmal gemacht wurde. Bei Steier ist sie eine Frau, die von Anfang an mit Gewalt und Machismo zu tun hat. Und die es leid ist, Projektionsfläche von Männerfantasien zu sein. Die das alles anekelt. Das ist auch der Grund dafür, dass sie zunächst Don José interessant findet – er ist einfach anders.“ (Interview mit Markus Schwering im „Kölner Stadtanzeiger“, 07.05.2022) Mit ihrer glutvollen, wunderbar tief timbrierten Stimme bleibt Frau Bastidas Gamboa ihrer Lieblingsrolle nichts schuldig. Eine bessere Carmen wird man in diesen Tagen auf einer deutschen Bühne kaum erleben können.

Young Woo Kim war der kongeniale Partner als Don José. Dem jungen koreanischen Tenor kann man schon jetzt eine ganz große internationale Karriere voraussagen. Er verfügt über einen strahlenden, baritonal gefärbten Tenor, der auch und gerade in den Pianotönen einen betörenden Schmelz besitzt. Die „Blumenarie“ wurde so zu einem ganz besonderen Höhepunkt an diesem denkwürdigen Abend. Dazu ist Young Woo Kim ein begnadeter Schauspieler, der alle Gefühlsfacetten des von ihm verkörperten Liebhabers bis hin zu ohnmächtiger Raserei und Eifersucht im Schlussbild authentisch wiederzugeben vermag. Eine beeindruckende Leistung! Da verwundert es nicht, dass die Hamburger Staatsoper diesen jungen Sänger in der nächsten Spielzeit eingeladen hat, den Cavaradossi in Puccinis Oper „Tosca“ zu singen.

Auch Kathrin Zukowski als Michaela bezauberte mit ihrem herrlichen lyrischen Sopran und knüpfte nahtlos an ihre viel beachteten Leistungen als Pamina und Konstanze in der „Zauberflöte“ und der „Entführung aus dem Serail“ an. Man kann nur hoffen, dass Young Woo Kim und Kathrin Zukowski auch unter der neuen Intendanz von Hein Mulders ein fester Bestandteil des Kölner Opernensembles bleiben.

Und dann erlebten die begeisterten Besucherinnen und Besucher in der Kölner Oper doch noch einen Sänger, der schon seit langem auf fast allen großen Opernbühnen zu Hause ist und mittlerweile – man darf es so nennen – unter Opernliebhabern Weltruhm genießt. Samuel

Youn, das langjährige Ensemblemitglied der Kölner Oper, seit Februar dieses Jahres aber Professor für Gesangspädagogik in seinem Heimatland Südkorea, war noch einmal zu einem Abschiedsabend an die Kölner Oper zurückgekehrt und glänzte in seiner Paraderolle als Torero. „Die Oper Köln wird immer meine große Liebe bleiben und ich würde mich riesig freuen, im wieder eröffneten Haus erneut in Köln auf der Bühne zu stehen“, meinte Samuel Youn nach Ende der Vorstellung, als er sich sehr bewegt bei dem Kölner Publikum für dessen langjährige Unterstützung bedankte.

Alfred Eschwé stand am Pult des seitlich positionierten Gürzenichorchesters und begleitete trotz dieser Schwierigkeit das groß auftrumpfende Sängerensemble aufmerksam und einfühlend. „Es ist schon mehr als schwierig, die Balance zwischen Orchester und Sängern herzustellen, wenn man keinen Augenkontakt besitzt“, äußerte er sich im Gespräch mit dem Rezensenten. Das Publikum an diesem umjubelten Abend schien derartige Probleme nicht bemerkt zu haben, sondern feierte nicht nur die Sängerinnen und Sänger, sondern auch Dirigenten, Orchester und Opernchor enthusiastisch.

Ein besonderer Höhepunkt schloss sich noch an. Der kroatische Bariton Miljenko Turk und eben Samuel Youn wurden von der Kölner Intendantin Dr. Birgit Meyer mit der Würde eines Kölner Kammersängers ausgezeichnet. Schade nur, dass Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker sich die Gelegenheit entgehen ließ, die von ihr unterzeichneten Urkunden selbst zu überreichen und damit auch ihre Wertschätzung der Oper Köln und deren Opernteam entgegen zu bringen. Der Intendantin Dr. Birgit Meyer und ihrem Team ist es nicht nur in den langen Jahren der Interimszeit gelungen, die Kölner Oper am Leben zu halten, sondern diese Zeit ist genutzt worden, das Interim zu einer Erfolgsgeschichte zu machen. Das „Fest der schönen Stimmen“ mit einer rundum beglückenden Aufführung von Bizets Oper „Carmen“ ist dafür nur ein Beleg unter vielen.

Norbert Pabelick
24.05.2022