Wuppertal: „Die Erwartung / Der Wald“, Arnold Schönberg / Ethel Smyth

Im 1266. Tatort am Ostermontag („Angst im Dunkeln“) lag schon eine tote Frau im Wald. Anton Tschechow ging in den Wald, um seinen Verstand zu verlieren, und seine Seele zu finden. Waldeinsamkeit erfreute Ludwig Tieck. Was bot der Premierenabend vom 7.4.2024 im Barmer Opernhaus? Gleich zwei hochproblematische Kurzopern zum Thema Wald. Der Regisseur Manuel Schmitt verantwortet die glänzende Inszenierung dieses Opernabends und hat beide Werke zu einem Psychothriller zusammengefaßt, wobei Wald, heute vom Borkenkäfer bedroht, nur als Deko im Foyer und als „weißer Nebel wunderbar“ in der Tiefe der Bühne übrigblieb.

© Björn Hickmann

Arnold Schönberg (1874-1951) hatte im August 1909 die frisch promovierte, angehende Hautärztin Marie Pappenheim (1882-1966) kennengelernt, die schon als Medizinstudentin Gedichte publiziert hatte. Er hat sie nicht nur gemalt, sondern auch gebeten, ihm einen Operntext zu schreiben. Sie legte gleich, „im Gras liegend mit Bleistift auf großem Bogen Papier schreibend“ los. Ob sie die Affäre von Schönbergs erster Frau Mathilde mit dem Maler Rudolf Gerstl kannte, der dann Selbstmord beging? Jedenfalls sucht in diesem atonalen Alptraum eine Frau im dunklen Wald ihren Geliebten und trifft ihn tot an. Das ist alles andere herkömmliche Opern Kulinarik. Angst und Wahn spiegeln sich riesig orchestral bei stets durchsichtiger Instrumentierung und sorgfältiger wie inspirierender Stabführung von GMD Patrick Hahn, wobei dramatische ff-Momente in dieser auch für ein routiniertes Oper Publikum nicht fehlen. Handelt es sich um musikalische aufgezeichnete Urformen aus psychoanalytischen Tiefen der Seele? Marie Pappenheim war in der psychoanalytischen Szene Wiens ihre Zeit zuhause. Strittig ist nach wie vor, ob Schönbergs Atonalität Folge oder Ursache seiner Ehekrise war. Vielleicht hat er ja mit der Entwicklung der Atonalität tatsächlich und vor allen die existentielle Angst des modernen Menschen darstellen wollen? Seine Zwölftonmusik erfand er erst später. Der Wald wurde in dieser Inszenierung zu einer Hotellobby Bar, mit der Theke links und einigen Stühlen vor braunem Wandschrank rechts. Ein großes Gemälde (nacktes Paar im Wald sitzend) an der Rückwand nimmt im Verlauf durch Überblendung mehr Kontur und Farbe an. Eine Frau in weißem Kleid und schwarzem Überhang tritt ein und singt von wahnhaft psychotischen Ängsten ihres Inneren, sucht und erwartet den Geliebten, der zuletzt mit Axt seltsam leblos auftritt. Sein Blut tropft noch. Ein totes Reh fällt aus dem Wandschrank, die Bühne füllt sich mit Menschen in Alltagskleidung, symbolisierend, daß jedem ein solches Schicksal widerfahren kann? Musikalischer Höhepunkt ist der Hilfeschrei der Frau, mit welchem sie aus ihrer psychotischen Welt ausbricht, bevor sie mit der Axt das Bild an der Hinterwand zerstört und aussteigt.

Damit beginnt die Oper von Ethel Smyth (1858-1944), wobei der Wald hier zu einem kleinen Saal mutierte. Die attraktive wie böse Jolanthe will Heinrich vernaschen, der aber seinem Röschen treu bleibt und wegen Wilderei eines Rehs (2. Auftritt desselben) die Todesstrafe erleidet und niedergestochen wird. Dazu erscheint die Frau aus Schönbergs „Erwartung“ aus hintergründigem Theaternebel. Vernaschen oder Erstechen als emanzipatorische Initiativen?

© Björn Hickmann

Ethel Smyth war eine der ersten hauptberuflichen Komponistinnen. Später hat sie als Suffragette Feldsteine in Luxusgeschäfte Londons geworfen und am Ende des 1. Weltkrieges als Röntgenassistentin mit mobilem Röntgengerät auf dem Schlachtfeld bei der Versorgung verletzter Soldaten geholfen. Erst nach einem Hungerstreik hatte sie mit Erlaubnis ihres Vaters als 19jährige in Leipzig u.a. bei Carl Reineke Musik studieren können. Kurz vor der Uraufführung am 02.04.1902 war sie bei dem gleichaltrigen Kaiser Wilhelm II. eingeladen und hat mit ihm über ihre Oper gesprochen. Trotz Eisenbahn, wachsendem Telefonnetz, Postzustellung in Berlin 11x/Tag und Rohrpost in den Metropolen, boomten Märchensujets wie „Rusalka“ (Dvorak), „Der Bärenhäuter“ (Siegfried Wagner) oder Hans Pfitzners „Rose vom Liebesgarten“ (uraufgeführt 1901 in Elberfeld). Märchenwald und Hexe schürten Ängste vor der Frau. Salome wurde 1905 uraufgeführt. Die skrupellose Jolanthe erinnert ein wenig an eine deutsche „Carmen“. „Der Wald“ fällt in Berlin 1902 durch. Nach Aufführungen in Straßburg, London und New York verschwand die Oper im Orkus des Vergessens, bis sie jetzt nach mehr als 100 Jahren wieder präsentiert wird. Tatsächlich erscheinen totes Reh und deutscher Wald, die Vergänglichkeit von Sterblichen und der Liebe heute wie damals doch aus der Zeit gefallen. Um eine Tragödie wie bei Tristan und Isolde handelt es sich nicht, auch wenn Herz an Herz zur Cellokantilene und Harfenarpeggio pochen. Bei sauberer Instrumentierung, nicht ganz einfallsloser, musikalischer Thematik und munteren Chorszenen winken Albert Lortzing oder Engelbert Humperdinck im Hintergrund. Von Richard Wagner, Johannes Brahms oder Anton Bruckner war die Komponistin nicht inspiriert, bot dem Publikum aber hohen Genuß.

Musikalisch gab es an diesem Abend keine Einwände. Hanna Larissa Naujoks als Frau in Schönbergs „Erwartung“ spielte souverän und sang mit Bravour die herbe Partie über 30 Minuten. Mariya Taniguchi a. G. als Röschen ließ ebenso wie Edith Grossmann als Jolanthe keine Wünsche offen. Auch Sangmin Jeon als Heinrich wurde spielerisch, wie sängerisch der Rolle wieder mehr als gerecht, was auch für Zachary Wilson mit Nika Dönges Samueol Park zutraf. Insgesamt zeigte das gesamte Ensemble, der Chor wie auch das Orchester mit vielen solistischen Passagen ein hohes Niveau, welches das Publikum mit langem, frenetischem Applaus belohnte. Der verdienstvolle Abend wurde vom Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet und wird am 01. Juni 2024 um 19:05 Uhr gesendet werden. Außerdem wird es eine CD-Aufnahme geben.

Johannes Vesper, 11. April 2024

Besonderer Dank an unsere Freunde von den MUSENBLAETTERn (Wuppertal)


Erwartung / Der Wald
Arnold Schönberg / Ethel Smyth

Opernhaus Wuppetal

Premiere: 7. April 2024

Inszenierung: Manuel Schmitt
Musikalische Leitung Patrick Hahn
Sinfonieorchester Wuppertal

Weitere Termine: 28. April, 4. Mai, 10. Mai, 18. Mai 2024