Als die Oper Frankfurt im März 2015 Die Passagierin herausbrachte, war es gerade fünf Jahre her, daß das bereits 1968 vollendete Stück bei den Bregenzer Festspielen seine späte Uraufführung erlebt hatte. Es war nach dem Staatstheater Karlsruhe 2013 überhaupt erst die dritte Inszenierung dieser ungewöhnlichen Auschwitz-Oper. Die Frankfurter Produktion wurde als Gastspiel bei den Wiener Festwochen gezeigt und mit anderer Besetzung sogar von der Staatsoper Dresden übernommen. Seitdem hat das Werk sich einen festen Platz im Repertoire zumindest des deutschsprachigen Raumes erobert mit Inszenierungen in Braunschweig, Graz, Innsbruck, Mainz, Lübeck, München, Weimar und zuletzt in Krefeld und Mönchengladbach.
Nun wurde die Frankfurter Produktionwiederaufgenommen und schlug erneut das Publikum in ihren Bann. Das hat mehrere Gründe. Zunächst liegt es am Stück selbst, dem es gelingt, einen eindringlichen und zugleich vielschichtigen Beitrag zur Vergegenwärtigung der Schoa mit Mitteln der Kunst zu präsentieren. Das Textbuch destilliert aus den Erinnerungen der Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz zwei Hauptelemente heraus: Die Liebesgeschichte zweier Lagerinsassen, die schnörkellos und ohne Sentimentalität erzählt wird, und den Alltag im Lager, der mit vielen Einzelschicksalen skizzenhaft gezeichnet wird.

© Barbara Aumüller
Regisseur Anselm Weber und seinem Produktionsteam ist es gelungen, gerade diesen Szenen kammerspielartige Eindringlichkeit zu verleihen und der Gefahr zu entgehen, die Monstrosität der Tötungsmaschine als platten Horrorfilm auszustellen. Schon dies alleine würde eine solche Produktion rechtfertigen. Den außerordentlichen Rang dieses erst lange nach der Entstehung in seiner Bedeutung erkannten Stückes macht aber die Rahmenhandlung aus. Sie schildert die Überfahrt eines deutschen Ehepaares auf einem Schiff nach Amerika. Die Gattin, Lisa, verbirgt ein dunkles Geheimnis: Sie war SS-Aufseherin in Auschwitz. Diese Vergangenheit, die nicht vergehen will, begegnet ihr in der KZ-Überlebenden Marta, die sich als Passagierin auf dem selben Schiff befindet. Die Aufseherin offenbart sich ihrem Ehemann, der einen Skandal heraufziehen und dadurch seine Karriere als Diplomat gefährdet sieht. Lisas Erinnerungen nehmen reale Gestalt an. Dieses Verweben von Gegenwart und Vergangenheit bewerkstelligt das Produktionsteam mit dem beeindruckenden Bühnenbild von Katja Haß. Es zeigt zunächst das Äußere des Passagierschiffes mit Reling und Sonnendeck. Durch Drehung um 180 Grad jedoch öffnet sich ein leerer Schiffsrumpf, der zum Projektionsort der Erinnerungen an das Vernichtungslager wird.
Unangestrengt und völlig werkadäquat nimmt die Regie auch die musikalischen Impulse der ungemein reichen Partitur von Mieczyslaw Weinberg auf, die Anklänge an Unterhaltungsmusik mit einer Fortführung und Anschärfung von an Schostakowitsch orientierter Expressivität mischt. Unter der Leitung von Leo Hussain, der bereits die Premiere und die erste Wiederaufnahme musikalisch betreut hatte, zeigt sich das Frankfurter Opernorchester gut vorbereitet und hoch konzentriert.

Darf man bei einer Auschwitz-Oper überhaupt ästhetische Aspekte ansprechen? Wie will der Rezensent es ausdrücken, daß in der Schilderung des unfaßbaren Grauens „schöne Stimmen“ auf herausragendem musikalischem Niveau zu erleben sind? Auch das Publikum ist hörbar verunsichert und wagt es nach dem ersten Teil kaum, Beifall zu spenden. Was da auf der Bühne zu erleben ist, geht in einer unaufdringlichen, unsentimentalen Art sehr nahe. Es berührt gerade deswegen, weil Einzelschicksale im Mittelpunkt stehen, kein Holokaust-Grusel-Kitsch. Und diese Einzelporträts sind ausnahmslos allen Darstellern ausgezeichnet gelungen. Exemplarisch genannt seien Julia Stuart mit ihrer berührenden Darstellung der Katja und Juanita Lascarro, die – mit grauer Kurzhaarperücke kaum wiederzuerkennen – es vermag, eine durch den Lageralltag wahnsinnig gewordene Alte authentisch zu zeichnen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben.
Die Besetzung der drei Protagonisten ist wieder herausragend. Wie in der ersten Wiederaufnahme überzeugt Katharina Magiera in der Rolle der KZ-Aufseherin und erweist sich dabei als weiter gereifte, große Singschauspielerin. Ihr Mezzosopran zeigt eine kräftige, ungefährdete Höhe. Zugleich versteht sie es, durch geschickten Einsatz von Abtönungen und Aufrauhungen der Gefahr zu entgehen, ihre jugendlich-frische Stimme allzu sorglos aufblühen zu lassen, was sich mit der Zerrissenheit ihrer Figur nicht vertragen würde. Auch AJ Glueckert bewährt sich erneut in der Partie ihres Ehemanns Walter.
In der Rolle der Marta ist nun Amanda Majeski zu erleben. Es ist ein Wiedersehen mit einer vor Jahren in Frankfurt als Rusalka, Vreli (Romeo und Julia auf dem Dorfe) und Rosenkavalier-Marschallin viel beschäftigten Gastsängerin. Sie verleiht der Figur im Auftreten eine noble Würde und vermeidet mit der vokalen Gestaltung jede Larmoyanz. Klar und rein klingen ihre ersten Einsätze und auch in Momenten der emotionalen Aufgewühltheit zeigt ihre Stimme keinerlei Schärfe.

Die beachtliche Anzahl an Produktionen dieser Oper in den vergangenen Jahren hat den erfreulichen Nebeneffekt, daß zahlreiche Sänger mit den Partien vertraut sind. So war es in der besuchten Dernière möglich, den erkrankten Mikołaj Trąbka in der männlichen Hauptpartie von Martas Geliebten Tadeusz kurzfristig durch Ilya Silchuk zu ersetzen, der die Rolle bereits in der Produktion des Weimarer Nationaltheaters gesungen hatte. Er fügte sich darstellerisch wie selbstverständlich in die Inszenierung ein und beeindruckte mit seinem schlanken und doch kernigen Bariton.
Diese eindringliche und werkgerechte Produktion berührt auch bei der wiederholten Begegnung. Daß die Oper Frankfurt ihre Wiederaufnahmen vorzüglich besetzt, ist man gewohnt. Mit Amanda Majeski konnte man nach meinem Eindruck die bislang beste Besetzung der Marta erleben. Es ist sicher unangemessen, angesichts der Thematik von „Frische“ der Produktion zu sprechen. Gemeint ist, daß auch die Dernière der zweiten Wiederaufnahmeserie eine Intensität aufwies, die bei einer Premiere nicht hätte größer sein können.
Michael Demel, 28. Februar 2026
Die Passagierin
Mieczysław Weinberg
Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 21. Februar 2026
Premiere: 1. März 2015
Inszenierung: Anselm Weber
Musikalische Leitung: Leo Hussain
Frankfurter Opern- und Museumsorchester