Ihrem erfolgreichen, weil nicht zuletzt abwechslungsreichen Konzept treu geblieben ist die Komische Oper Berlin auch in der sich ihrem Ende zuneigenden Saison (und wird es auch in der kommenden Spielzeit bleiben) mit einem Mammut-Ereignis im Hangar auf dem Tempelhofer Feld, der Uraufführung einer Kinderoper (in der nächsten Saison wegen finanzieller Schwierigkeiten leider nicht möglich), einer halbszenischen Operette kurz vor Weihnachten, einer Kosky-Inszenierung und zum Abschluss einer DDR-Operette. Regelmäßig, wenn auch nicht in jeder Saison, taucht auch Händel im Spielplan auf, angefangen nach in den frühen DDR-Jahren wegen „Formalismus“ angeordneten Händel-Abstinenz mit der bahnbrechender Inszenierung des Giustino von Harry Kupfer, die zugleich die Entdeckung von Jochen Kowalski als Countertenor darstellte.

In dieser Saison steht nun des Hallensers Belshazzar auf dem Spielplan und erzielte in der Regie von Helmut Fritsch einen beachtlichen Erfolg. Das Stück ist eigentlich als Oratorium entworfen, eignet sich jedoch wegen seiner spektakulären Handlung auch für eine szenische Aufführung. Es geht um den wegen seines Übermuts bestraften Babylonierkönig Belshazzar, außer im Alten Testament nicht nur in Heinrich Heines Gedicht, sondern auch in Rossinis Ciro in Babilonia o la caduta di Baldssarre verewigt, in dem der König zwar das Ende des Heine-Königs („ward in selbiger Nacht von seinen Knechten umgebracht“), nicht aber die Ermordung durch feindliche Truppen bei Händel erspart bleibt. Das „Menetekel“ in feuriger Schrift an der Wand fand Eingang nicht nur in den Duden als Beispiel für ein unabwendbares Unglück. Die bei Händel wichtige Mutter des Königs stammt nicht aus einem Bibeltext, sondern aus griechischen Quellen.
Knallbunt und quietschvergnügt, mit viel Jux und Tollerei hatten sich Mozarts Don Giovanni und die Geschichte vom Hut fressenden Pferd in der Regie von Fritsch dargestellt, was zu ersteren gar nicht und zum zweiten recht gut passte. Unfassbar grauenvoll war Der Fliegende Holländer gewesen, zu dem der folgende Spruch des Regisseurs gar nicht passen will: „Es braucht Demut“, wie er jetzt bekannte, aber das schien damals nicht die Devise für das Herangehen an ein kompositorisches Meisterwerk zu sein. Am Anfang, so das Bekenntnis des Regisseurs, habe er „Lust auf ein Bild“, die ihn in eine bestimmte Richtung dringe. Für Belshazzar war es „eine lange Schleppe“, die zum Ausgangspunkt der Regiearbeit wurde. Dieses Credo dürfte die Meinung über Fritsch als „König der bewussten Konzeptlosigkeit“ noch verstärken, weniger das kokette Bekenntnis: „Ich mache meine Stücke nur für Kinder“. Die allerdings sah man bisher bei seinen Premieren noch nicht.

Auch die neueste Arbeit des Regisseurs bestätigte den Verdacht, den vorherige Produktionen wachgerufen hatten: Ein einmal für gut befundenes Konzept wird ohne Rücksicht auf Verluste an Glaubwürdigkeit und Sinnfälligkeit jedem des Wegs kommendem Werk übergestülpt – und im Falle Belshazzar passt es mal wieder richtig gut. Die in „einfacher Sprache“ verfasste Vorschau der Komischen Oper definiert das so: „Er (der Regisseur) macht aus der Geschichte ein wildes Theater-Stück.“ Dazu hat er sich eine Art Showtreppe zimmern lassen, auf der die prachtvollen, in allen Farben schimmernden Kostüme der Höflinge optimal zur Schau gestellt werden konnten, „historisch ungenau“, wie der Regisseur verkündet hatte, und die einzelnen Personen deftig, aber zutreffend charakterisierend. Blaue Ameisen sind die Gefolgsleute von Cyrus, während die Juden streng traditionell gekleidet und frisiert sind, Daniel an ihrer Spitze noch eher eine Spur verrückter und übertriebener mit wagenradgroßer Pelzmütze. Gern hatte man vor der Premiere vernommen: „Grundsätzlich möchte ich einem Werk keinen Gedanken aufzwingen“, und es war wohl auch kein Gedanke gewesen, sondern eher ein Gefühl, ein Impuls, der sich selbständig gemacht hat und dem sich das Werk, nicht zu seinem Nachteil, konsequent unterworfen hat. Heraus kommt ein, was die Optik betrifft, unterhaltsamer, abwechslungsreicher, mehr als einmal zum Schmunzeln animierender Abend, für den das Publikum sich mit herzlichem, allerdings nur kurz anhaltendem, von nur einem Buh unterbrochenem Beifall bedankte.

Der Star des Abends sind unzweifelhaft die Chorsolisten der Komischen Oper, denn was sie an fast schon akrobatisch zu nennenden Bewegungsabläufen, an Stolpern, Gleiten, Fallen, Tänzeln und Scharwenzeln, an Fallen und wieder Aufstehen, an Freude, Entsetzen, Trauer Mimendem aufzubieten haben, das grenzt schon ans eigentlich nicht Machbare, vor allem wenn es um Die-Treppe-erklimmen, Herabfallen, Emportanzen oder viele weitere Bewegungsformen geht, ist es einfach unvorstellbar, vor allem wenn sie dazu noch wundervoll präzise und klangvoll singen und eigentlich alle Solisten in den akustischen Schatten stellen. Dazu rekrutierten sie aus ihren Reihen noch vier vorzügliche Solostimmen mit Amber Arias, Annette Hörle, Takahiro Namiki und Simon Wallfisch. Die Juden wurden ebenfalls über jeden Tadel erhaben vom Vocalconsort Berlin gesungen. David Cavelius, dem Chordirektor, gebührt wieder einmal ein ganz besonderes Lob.
Eine lange und anspruchsvolle Partie ist die der Königinmutter Nitocris, die Soraya Mafi zunächst noch verhalten, spätestens aber in der Trauer um den Sohn mit feinen Soprantönen ausfüllte und dazu anrührend spielte. In zwei Phasen zerfiel die Partie des ebenfalls um einen Sohn trauernden Gobrias, zunächst eher eine Art Witzfigur und recht trocken in seinen vokalen Äußerungen, ehe der Bass Philipp Maierhöfer zu einer bewegenden Klage anheben konnte. Zart in der Optik wie in den vokalen Äußerungen war der Cyrus von Susan Zarrabi, der sich nur allzu gern in die goldene Schleppe des toten Königs hüllte und sich dessen Krone aufsetzen ließ. Vokal wenig von einem Apokalyptiker hatte der Daniel von Ray Chenez. Und ganz am Schluss schließlich war es für die sich als Sieger Fühlenden eine unangenehme Überraschung, dass alle Toten flugs wieder auferstanden einschließlich des Belshazzar von Robert Murray, der vokal recht anonym und glanzlos geblieben war. Ganz anders verhielt es sich mit dem Orchester, das unter George Petrou barocken Glanz, Stringenz und Straffheit hören ließ, so wie die für den Basso continuo sorgenden Felix Nickel (Cello), Max Hattwich (Theorbe), Panos Iliopoulos (Cembalo) und Rui Rodrigues (Orgel).

Insgesamt war dies ein interessanter, anregender Abend mit erstklassigen Chor- und Orchesterleistungen und einem interessanten, in sich schlüssigen, nur manchmal über die Stränge von Sängertauglichkeit schlagenden Regiekonzept.
Ingrid Wanja, 29. März 2026
Belshazzar
Georg Friedrich Händel
Komische Oper Berlin
Premiere am 28. März 2026
Regie: Herbert Fritsch
Musikalische Leitung: George Petrou
Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin