Stuttgart: „Dialogues des Carmélites“, Francis Poulenc

Auf einem historischen Ereignis beruht Francis Poulencs Oper Dialogues des Carmélites. Am 17. Juli 1794, gerade mal zehn Tage vor dem Sturz Robespierres, erlitten sechzehn vom Pariser Revolutionstribunal wegen konterrevolutionärer Umtriebe zum Tode verurteilte Karmeliterinnen auf dem Place de la Revolution einen gewaltsamen Tod unter der Guillotine. Poulenc knüpft mit seinem Werk an Gertrud von le Forts Novelle Die Letzte am Schafott an, in der das Schicksal der fiktiven Blanche de la Force vor dem Hintergrund der realen Ereignisse um die Hinrichtung der Karmeliterinnen von Compiègne geschildert wird. Georges Bernanos` im Jahre 1949 als Schauspiel herausgegebenen Dialoge der Karmeliterinnen nahm der Komponist als Grundlage für das von ihm selbst verfasste Libretto zu seiner Oper, die jetzt an der Staatsoper Stuttgart eine fulminante, von dem zahlreich erschienenen Publikum gänzlich widerspruchsfrei aufgenommene Premiere feierte. Das war wirklich ein großartiger Opernabend, der stark unter die Haut ging!

© Matthias Baus

Die Uraufführung der Dialogues des Carmélites erfolgte am 26. Januar 1957 an der Mailänder Scala. Hier haben wir es mit einer Konversationsoper zu tun. Diese beinhaltet liturgisch anmutende Teile, ein Melodram und zahlreiche orchestrale Zwischenspiele, die die einzelnen Szenen miteinander verbinden und den Zuhörern Gelegenheit zur Reflexion und zum Nachdenken geben. Die Musik ist indes so gar nicht moderner, sondern eher romantischer Natur. Man vermag es kaum zu glauben, dass diese Oper aus dem Jahre 1957 stammt, so schön ist sie. Es erscheint wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass Poulenc mit seiner hier vollführten Anknüpfung an die alten Werte der Romantik, die von den Nazis in den 1930er Jahren so radikal abgebrochen worden waren, ein klassisches Vorbild für Komponisten der Jetztzeit gesetzt hat, die ebenfalls häufig von schrägen Klängen, Atonalität und Zwölftontechnik nichts mehr wissen wollen und das Publikum viel lieber mit Werken von erlesener Harmonie und Schönheit beglücken.

Dazu gehören die Dialogues des Carmélites auf jeden Fall, und das begeisterte Stuttgarter Publikum zeigte sich an dem überaus gelungenen Premierenabend auch im höchsten Maße angetan von der Aufführung. Der große Erfolg, den Poulencs Oper an der Stuttgarter Staatsoper erzielte, verdankte sich sicher auch dem zum Ende der Spielzeit das Haus verlassenden GMD Cornelius Meister, der zusammen mit dem blendend disponierten Staatsorchester Stuttgart einen spannungsgeladenen, emotionalen Klangteppich von großer Eleganz schuf. Wie Meister sämtliche Einflusssphären der abwechslungsreichen, tonal gehaltenen Partitur auslotete, war einfach nur grandios. Den Anklängen an Bellini, Verdi und den Verismo schenkte er die gleiche Aufmerksamkeit wie den Reverenzen an die ungleich härtere Tonsprache Mussorgskys, die neoklassizistischen Tendenzen Strawinskys und die expressionistischen Klangbilder Debussys. Insgesamt war sein Dirigat sehr differenziert, farbenreich und sängerfreundlich.

Hoch gelungen präsentierte sich die Inszenierung von Ewelina Marciniak in dem Bühnenbild von Mirek Kaczmarek und den Kostümen von Julia Kornacka. Die Regisseurin hat sich über Poulencs Oper treffliche Gedanken gemacht und das Stück mit Hilfe einer ausgefeilten, stringenten Personenregie spannend auf die Bühne gebracht. Es geht ihr erst einmal um eine ausgedehnte Reflexion über weibliche Solidarität und um die Aufzeigung einer Sehnsucht jenseits zeitlicher Verortungen. Auch der Glaube wird thematisiert. In erster Linie interessiert Frau Marciniak die Frage, was es für unsere Zeit bedeutet, dass die Werte der Französischen Revolution von Liberté, Egalité und Fraternité – auf Deutsch: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – gescheitert sind. Demgemäß lässt sie die Geschichte nicht in einem Nonnenkloster spielen, sondern siedelt diese in einem mehr abstrakten Rahmen an. Das moderne Bühnenbild wird von verschiebbaren Raumsegmenten, kalt wirkenden Stahlwänden und einer diffusen Beleuchtung dominiert. Zudem weist es Anleihen an die Kunstgeschichte sowie an die Bildende Kunst auf. Als Beispiel für Letzteres seien hier nur ein überdimensionaler Heiliger und ein abstraktes Fallbeil genannt.

© Matthias Baus

In diesem Ambiente werden die Karmeliterinnen – die sechzehn Solistinnen werden hier durch eine Anzahl von Tänzerinnen ergänzt – nicht als katholische Nonnen vorgeführt. Vielmehr stellen sie eine zeitgenössische, knallbunt und hippiemäßig gekleidete Gemeinschaft von Frauen dar, die sich nach Spiritualität sehnt und bestimmte Werte teilt, die sie in der Außenwelt nicht auszuleben vermag. Sie bildet eine Gemeinschaft, deren gesamtes Denken und Handeln darauf gerichtet ist, aus der von Getriebenheit, nackter Gewalt und immensem Leistungsdruck bestimmten Gesellschaft auszusteigen. Nachhaltig revoltieren sie gegen patriarchale Strukturen. Dazu bedienen sie sich zahlreicher Protest-Transparente mit Aufschriften wie Das Private ist politisch, Rise up women, I will not be silent, My body my choice, An other world is possible, Woman`s place is in the revolution, Smash the Patriarchy, Sisterhood is powerful, My life ist not a business plan und more life, less labor. Immer wieder werden sie dabei mit konventionell gewandeten Personen aus der Französischen Revolution konfrontiert. Mit ihrem Aufbegehren haben die Frauen indes keinen Erfolg. Die sie einengenden patriarchalen Strukturen vermögen sie letzten Endes nicht abzuschütteln. Die durchweg in elegante zeitgenössische Anzüge gekleideten Männer behalten die Oberhand. Derart schicke Kostüme werden seitens der männlichen Oberschicht am Ende auch den Karmeliterinnen verordnet. Letztere können sich die ganze Zeit über nicht entfalten und die von ihnen gelebte Utopie mündet schließlich in ihrer Hinrichtung. Die Französische Revolution hat ihnen überhaupt nichts eingebracht. Diese begünstigte lediglich die Männer. Dieser Fakt wird im dritten Akt durch die Auftritte von Marie Antoinette und der Frauenrechtlerin Olympe de Gouges verstärkt, die beide Opfer der Guillotine wurden und hier in eingefügten gesprochenen Dialogen ihre politischen Ansichten kundtun. Aus diesen geht hervor, dass der Tod nur dann etwas bringt, wenn er aus freien Stücken gewählt  wird. In der Tat denken die beteiligten Personen während des gesamten Stückes immer wieder über den Tod nach. Unter den in einem Machtvakuum lebenden, nach Selbstbestimmung ringenden Karmeliterinnen sind viele Ansichten über das Sterben verbreitet, ihr schlussendlicher Tod erfolgt aber einheitlich unter dem Schafott.

© Matthias Baus

In diesem Zusammenhang nimmt Blanche eine besondere Stellung ein. In dem gleichen Maße wie das zu Beginn von der uniform gekleideten Gesellschaft ausgestoßene Mädchen ist sie eine Außenseiterin. Sehr melancholisch veranlagt, sondert sie sich von der gehetzt und getrieben wirkenden Gesellschaft ab und sucht ihr Heil in dem einen Gegenentwurf zur äußeren Welt darstellenden Karmelit. Auch sie denkt viel über den Tod nach. Dieser ist für sie allgegenwärtig. Die Tatsache, dass ihre Mutter ihre Geburt nicht überlebt hat, kann sie nur schwer bewältigen, was bei ihr zu einer Depression geführt hat. Mutterersatz findet sie in der Gemeinschaft des Glaubens, und dort besonders in der schwerkranken alten Madame de Croissy, die bald nach Blanches Eintritt in die Frauengemeinschaft einen qualvollen Tod stirbt. Blanche verliert ihre Mutter gleichsam zum zweiten Mal, was sie tief prägt. Rasch erkennt sie die unter den Frauen aufkommenden Machtkämpfe. Aus einem Schutzraum der Selbstbesinnung wird ein Ort der Spannung (vgl. Programmheft S. 21). Wenn sich Blanche im dritten Akt rührend um ein einsames Kind kümmert, wird sie derart selbst zur Mutter. Das ist eine sehr eindringliche Szene. Ungemein stark mutet auch das Schlussbild an, in dem die bis auf ihre Untergewänder entkleideten Karmeliterinnen hingerichtet werden. Nacheinander gehen die Frauen durch eine gläserne Dusche. In dem Augenblick, in dem im Orchester der Schlag der Guillotine hörbar wird, werden die Delinquentinnen von einem Blutstrahl getroffen. Daraufhin gehen sie ruhig zur Rampe und legen sich dort auf den Boden. Dieses Schicksal trifft als letzte auch Blanche, die hätte fliehen können, nun aber freiwillig mit in den Tod geht. Insgesamt haben wir es hier mit einer hochkarätigen und sehr eindringlichen Inszenierung zu tun, die sich tief in das Gedächtnis eingrub.

Auf hohem Niveau bewegten sich auch die gesanglichen Leistungen. Rachael Wilson ging in jeder Beziehung voll in der Rolle der Blanche auf. Schon darstellerisch sehr intensiv, vermochte sie auch vokal mit ihrem vorbildlich gestützten, ebenmäßig dahinfliessenden und ausdrucksstarken Mezzosopran sehr für sich einzunehmen. Im Großen und Ganzen gelang ihr ein recht ansprechendes Rollenportrait. Schauspielerisch ausgesprochen intensiv legte Evelyn Herlitzius die Rolle der Madame de Croissy an. Wie sie die Todesqualen der alten Priorin auslebte, war phantastisch. Gesungen hat sie solide, konnte aber eine etwas harte Tongebung nicht verleugnen. Ganz hervorragend schnitt Simone Schneider als Madame Lidoine ab. Mit bemerkenswertem, bestens italienisch geschultem, sonor und farbenreich klingendem dramatischem Sopran zog sie alle Facetten ihrer Partie, die sie obendrein mit einem gehörigen Schuss Emotionalität ausstattete. Prachtvoll war insbesondere ihr famos gesungener Monolog. Einen ebenfalls prächtig fundierten, ausdrucksstarken, tiefsinnigen und ebenmäßig dahinfliessenden Mezzosopran brachte Diana Haller für die Mère Marie mit. Eine quicklebendige, voll und rund intonierende Soeur Constance war Claudia Muschio.

© Matthias Baus

Über immer noch beachtliches Stimm-Material verfügte die Mère Jeanne von Helene Schneiderman. Ansprechend war Catriona Smiths Soeur Mathilde. Mit sonorem Bass-Bariton sang Shigeo Ishino den Marquise de la Fort. Nicht zu gefallen vermochte der sehr dünn und bar jeder soliden Körperstütze intonierende Cameron Becker in der Rolle des Chevalier de la Force. Ein sehr charaktervoll in die Maske singender Beichtvater war Torsten Hofmann. Joseph Tancredi (Erster Kommissar), Jacobo Ochoa (Erster Offizier, Zweiter Kommissar, Kerkermeister) und Jaewoung Lee (Thierry, Dr. Javelinot) rundeten mit tadellosen, profunden Stimmen das homogene Ensemble ab. Der Carmélites-Chor und der von Manuel Pujol einstudierte Staatsopernchor Stuttgart machten ihre Sache ganz vortrefflich. Toll waren auch die Carmélites-Tänzerinnen.

Fazit: Eine ungemein ansprechende, geradezu preisverdächtige Aufführung, die die Fahrt nach Stuttgart wieder einmal voll gelohnt hat und deren Besuch dringendst empfohlen wird!

Ludwig Steinbach, 31. März 2026


Dialogues des Carmélites
Francis Poulenc

Staatsoper Stuttgart

Premiere und besuchte Aufführung: 29. März 2026

Inszenierung: Ewelina Marciniak
Musikalische Leitung: GMD Cornelius Meister
Staatsorchester Stuttgart