Kompetente interkulturelle Rezeption
Endlich der Beginn einer kompetenten und sensiblen interkulturellen Rezeption von Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen, zumindest nach dem ersten Eindruck. Nach gescheiterten Inszenierungen von Parsifal und Don Carlo an der Wiener Staatsoper gelang Regisseur Kirill Serebrennikov (auch Bühne und Kostüme, mit Co-Bühnenbildnerin Olga Pavluk und Co-Kostümbildnerin Slavna Martinovic) bei den Salzburger Osterfestspielen in der Felsenreitschule eine hochinteressante und spannende Interpretation des Rheingold, Vorabend zum Ring.
In einer Art Neubeginn nach einem nahezu zu eschatologischen Weltuntergang – man sieht Asche von mittlerweile erloschenen Vulkanen wie eisbedeckte Ebenen und Berge, offenbar in Island gefilmt. Alberich flüchtet im Video über der Bühne zum Vorspiel als einer der wenigen Überlebenden angsterfüllt durch diese Lava- und Eiswüsten. Nach einer scheinbar globalen Katastrophe befinden sich die Überlebenden in neuen klimatischen und soziokulturellen Realitäten wieder. Stämme aus verschiedenen afrikanischen Kulturen wie etwa Berber aus dem Maghreb Nordafrikas und Schwarzafrikaner aus der Südsahara finden irgendwie zusammen und verhandeln das Rheingold neu – zunächst passend aus Eis, also Wasser, und erst später nachvollziehbar als Gold. Mit den Rheintöchtern klingt auch eine fernöstliche Ästhetik an, indem Serebrennikov sie in einem antiken malaysischen Outfit auftreten lässt, wenn auch durch zugestellte Träger viel zu unbeweglich.

Dem Regisseur sind sorgfältig recherchierte eindrucksvolle Assoziationen der Geschehnisse um das Rheingold mit Verhaltensweisen, Bräuchen und Riten verschiedener afrikanischer Kulturen in einer bisweilen betörenden Optik mit Skulpturen von der Recycle Group und im Licht von Sergey Kucher gelungen. Dazu wurden Tänzer aus dem Kongo, Mali und anderen afrikanischen Ländern eingeladen, die zeitweise Aktionen und Gesang der Wagnerschen Protagonisten ergänzen und mit weitergehender Bedeutung aufladen. Man könnte nach den Beobachtungen der letzten Jahre gerade beim Ring sagen: Endlich einmal Statisten im Wagner-Theater, die sinnvoll sind und einen Mehrwert schaffen!
Die Götter um Wotan erinnern an Beduinen-Stämme aus Algerien, Marokko oder Tunesien, und die Riesen treten in eindrucksvollen schwarzafrikanischen Masken und vergrößerten Kostümen auf. Sie haben eine Gruppe von stilistisch optimal assoziierten Helfern dabei, die sie tatsächlich mächtig, bedrohlich und gar beängstigend wirken lassen. Eine Fensterlade aus verziertem Holz im Hintergrund, durch die das Gold später herein- und wieder wegbefördert wird, erinnert an solche, die man in Zentralafrika an einfachen Häusern sehen kann. Die schwarze Freia wird schließlich mit goldenen Schmuckstücken, wie Armreifen, Manschetten, Brustplatten und anderen goldenen Utensilien fast völlig verdeckt – wie es Wagner eigentlich immer wollte, es aber nie zu sehen ist. Ausgerechnet nun bei Serebrennikov – eine kleine Sensation!

Es wurde also wirklich durchgehend interkulturell inszeniert und interpretiert und damit die unendliche Universalität des größten aller je geschriebenen und komponierten Musikdramen der Opernliteratur hervorgehoben. Und dabei ist es gar kein aus dem Ruder laufendes „Regietheater“. Hier stellt sich die Regie in den Dienst der Aussage, oder einer vorerst nicht für möglichen gehaltenen, aber relevanten Aussage des Stücks. Dabei spielen auch einige Performer mit Tanzeinlagen eine Rolle in einer phantasievollen Choreographie von Ivan Estegneev und Delavallet Bidiefono.
In diesem Zusammenhang ist besonders auf zwei Figuren einzugehen, die der Regisseur besonders und – vor allem bisher Erlebten – ungewöhnlich ausgestaltet. Loge kommt daher mit einem Adjutanten in Feuerrot mit einem bunten Zelt aus vielen verschiedenen Farben und Utensilien. Im Programmheft erfährt man, dass die Recycle Group es ausschließlich aus recyceltem Material zusammengestellt hat. Es hätte ohne Zweifel der letzten Biennale von São Paulo 2025 mit dem Titel „Nem todo Viandante anda estradas – Da humanidade como prática“ („Nicht jeder Reisende geht auf Straßen – Über die Menschlichkeit als Praxis“) entliehen sein können.
Loge holt unentwegt aus diesem Zelt afrikanische Holz-Figuren heraus und stellt sie auf, wie Mahner an andere Kultur-Formen – die sich vielleicht gerade parallel woanders wieder entwickeln? Sofort denkt man an die Benin-Bronzen des Humboldt-Forums in Berlin. Loge selbst wird unglaublich facettenreich geführt, ebenfalls in einem bunten recycelten Kostüm, und belebt die an sich in düsterem Schwarz-Grau gehaltene Szenerie sehr ansprechend.
Alberich hält Serebrennikov für die interessanteste Figur unter den drei zentralen Charakteren des Rheingold, Wotan, Loge und eben dem Nibelung. Nicht zuletzt heißt der ganze Ring nach ihm. Der Regisseur hält Alberich für eine sehr komplexe Figur, weshalb sie ihn besonders anzieht. Und so lässt er ihn eine – in der Tat nachvollziehbare – Wandlung durchlaufen. Zu Beginn ein offenbar verabscheuenswertes Wesen, zeigt er ihn gegen Ende als leidenden nachdenklichen Menschen, der sogar Sympathie und Mitgefühl hervorruft. Nicht zuletzt erhält der Alberich-Sänger am Schluss oft auch den größten Applaus, unabhängig von seiner gesanglichen Qualität – da ist also etwas dran!

Die dunkle Seite der menschlichen Natur ansprechend, die stets mysteriöser als die helle ist, legt Alberich ja eine Reihe von Leidenschaften an den Tag, wie Serebrennikov in einem hochinteressanten Gespräch mit dem Dramaturgen Daniil Orlov im Programmbuch darstellt: „Zerrissenheit und Zusammenbruch, Neid, Auflehnung, eine Gott trotzig entgegengereckte Faust, ein verzweifelter Sprung ins Ungewisse, Ernücherung, märtyrerhaftes Leiden“… Auf diesem Weg inszeniere sich Alberich zum Kult, um vor den Göttern bestehen zu können. Das spiegelt sich auch in seiner über den Abend wandelnden Maske wider. Und damit meint der Regisseur auch Ähnlichkeiten zu Wagner selbst zu erkennen. Denn er hatte den Wagemut, mit dem Ring etwas zu schaffen, was in seiner Essenz eine neue Religion ist, Wagners ganz eigener Makro- und Mikrokosmos.
Immer wieder ist dieses Spannungsfeld der Multikulturalität zu sehen, aber niemals als Kitsch, sondern mit substantiell wirkenden Elementen und Artefakten. Wenn man sich mit diesem Thema auseinandersetzt, war das in diesem Sinne eine gelungene Produktion ohne jede germanische oder eurozentrierte Interpretation. Keine Straßenanzüge, Koffer oder Raum-Reinigungssets, auch keine Pistolen. Und die breite Bühne der Felsenreitschule wusste das Regieteam sehr gut zu bespielen, was nicht jedem Regisseur dort leicht fällt. Immer wieder werden nahezu unmerklich Tableaus aufgestellt, auf denen sich die Figuren in den Unebenen der schwarzen Lava-Welt bewegen.

Die Frage ist, ob der Regisseur auch selbst in Afrika war, um die Realität dieses Kontinents mit eigenen Augen wahrzunehmen und für seine Interpretation des Rheingold umzusetzen. Christoph Schlingensief hatte dieses 2007 bei der Konzeption seines Fliegenden Holländers in Manaus über acht Wochen lang gemacht. Er kam dann zu einer sehr authentischen Inkorporation der indigenen Flusskultur in diesem Teil des Amazonas, aber auch anderer brasilianischer Kultur-Elemente in seine Regie des Stücks.
Die acht Videotafeln von Yurii Karikh, die auf der geschlossenen Hinterwand der Felsenreitschule in fast ständiger Bewegung mitlaufen, weisen mit ihrer Bebilderung mannigfache Assoziationen zum jeweiligen Geschehen auf und wirken damit nicht deplatziert, wie so viele Videos, die man leider immer mehr bei Wagner und in der Oper generell sehen muss. Man sieht also einmal große Lava-Flüsse aus Vulkanen wie aus dem Kilauea auf Big Island von Hawaii oder pastellfarbene Andeutungen eines Regenbogens zur entsprechenden Musik im Finale. Stilisierte weiße Assoziationen mit den Götterfiguren steigen gegen Ende aus dem Bühnenboden langsam auf und erheben das Finale in seiner Wirkung – in einer Art assoziativ-stilistisch erweiterter Handlungsführung.
Diesem eindrucksvollen Regiekonzept steht ein Sängerensemble gegenüber, das – möglicherweise bewusst – einmal nicht auf die Elite des derzeitigen Wagner-Gesangs setzte. Christian Gerhaher, von Hause aus ein hervorragender Liedsänger, ragt dennoch als stimmschöner und leidenschaftlich agierender Wotan aus dem Ensemble heraus. Es fehlt der Stimme in der Tiefe aber an Breite und Volumen. Er hat die Rolle jedoch bestens internalisiert, bringt Gesang und Aktion in eine überzeugende Symbiose. Gleichwohl will Gerhaher nur den Rheingold-Wotan singen. Für die Walküre 2027 ist der nicht nur in dieser Rolle (zuletzt Paris, London) immer besser werdende Christopher Maltmann als Wotan angesetzt.

Leigh Melrose ist ein Alberich mit einer großartigen Darstellung im Sinne des oben beschriebenen Figuren-Konzepts, nicht immer stimmlich ganz eindeutig. Manchmal konnte man ihn kaum hören, dann sang er wieder schöne Bögen, es war stimmlich etwas unausgeglichen, durchaus aber im Stile der so heterogenen und komplexen Rolle. Der dritte im Bunde der bedeutendsten Rheingold-Protagonisten, gab Brenton Ryan einen unglaublich agilen Loge mit einem ansprechenden prägnant vorgetragenen Tenor, der zu vielen Ausdrucksvarianten fähig ist – auch hier in Harmonie mit der komplexen Rollengestaltung des Feuergotts durch Serebrennikov.
Catriona Morison ist eine präsente und stimmlich kraftvolle Fricka, absolut auf Augenhöhe mit Gerhaher als Wotan. Le Bu als schönstimmiger Fasolt und Patrick Guetti als boshafter Fafner sind vokal exzellente und optisch wie darstellerisch beeindruckende Riesen mit stoisch agierenden schwarzafrikanischen Adjutanten. Jasmin White singt eine wenig mythische, aber umso menschlichere Erda mit einem Mezzo, der etwas voluminöser hätte sein können. Ihr Kostüm war ein Ausrutscher in der allgemein bestechenden Kostümpolitik. Sie sah aus wie eine Landstreicherin. Gihoon Kim singt einen ordentlichen Donner und Thomas Atkins einen ansprechenden Froh. Sarah Brady ist eine etwas unauffällige Freia. Thomas Ciluffo glänzt in der kurzen Rolle des Mime. Die Rheintöchter, Louise Foor als Woglinde, Yajie Zhang als Wellgunde und Jess Dandy als Flosshilde sind stimmlich zufriedenstellend, werden darstellerisch aber eben durch – in diesem Fall – völlig unnötige Statisten mit Tragefunktionen verdoppelt.
Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker, die nach 13 Jahren wieder an die Salzach zurückgekommen sind. Schlicht und einfach ein überragendes musikalisches Ereignis! In einem schnellen Dirigat von nur zwei Stunden und 20 Minuten lässt Petrenko ein Rheingold musizieren, dem es zu keinem Moment an Spannung mangelt. Sein Dirigat befand sich in größtmöglicher Harmonie mit dem vielfältigen Geschehen auf der Riesenbühne der Felsenreitschule. Das war alles von erster Güte, Weltklassequalität! Entsprechend wurde Kirill Petrenko, dessen Ring-Erfahrung aus Meiningen 2004 und Bayreuth 2013 bis 2015 natürlich offenbar wurde, vom Publikum gefeiert. Als er auf die Bühne kam, sprangen die Leute spontan von ihren Sitzen auf.
Wie geht es nun weiter mit diesem Ring im Stile eines Welttheaters, der er ja in der Tat auch ist? Man könnte sich eine Walküre in einem präkolumbianischen Südamerika der Anden-Region vorstellen, einen Siegfried in einem geschichtlich kulturell ganz neuen Land wie Neuseeland oder Australien, und einer Götterdämmerung im Norden Argentiniens, wo einst die großen Missionsstationen brannten, wie bei einem religiösen Weltuntergang… Man darf gespannt sein, was Kirill Serebrennikov noch einfällt, um diesen Ring wirklich kulturell GLOBAL zu schmieden.
Klaus Billand, 24. April 2026
Das Rheingold
Richard Wagner
Osterfestspiele Salzburg
Besuchte Aufführung: 6. April 2026
Inszenierung: Kirill Serebrennikov
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Berliner Philharmoniker