Sternstunde
Viele Jahre lang war Christoph Seuferle als Operndirektor für reizvolle Besetzungen, für die Entdeckung neuer Stimmen für die Deutsche Oper verantwortlich, während der noch laufenden Saison auch als Intendant zwischen Dietmar Schwarz und Aviel Cahn für den Spielplan und beschenkt nun das Publikum mit einer Serie von wunderbaren Aufführungen von Händels Giulio Cesare in Egitto. Vor gut 20 Jahren erlebte er die Produktion in Glyndebourne, wo sie ab dem 3. Juli 2005 nicht nur ihn stark beeindruckte, sondern auch ein enormer Publikumserfolg war. Sie ging an die MET und beschert nun der Deutschen Oper eine ganz ungewöhnliche Bereicherung ihres bisher eher barockabstinenten Repertoires. Eher die Komische Oper mit regelmäßigen Händelaufführungen oder die Staatsoper mit ebensolchen Barockwochen haben das der Deutschen Oper bisher fremde Repertoire abgedeckt, auch weil man meinte, das Haus sei zu groß für barocke Musik, vor allem wenn man die eher kleinen Orchester mit alten Instrumenten bedenkt. Diese Meinung will Intendant Seuferle mit der Übernahme aus Glyndebourne widerlegen, „barocken Drive“ mit „klanglicher Fülle eines modernen Orchesters“ verbinden. Bereits das immer bereits vor der jeweiligen Premiere im Internet abrufbare Programmheft bietet dabei die erste höchst positive Überraschung, indem Seuferle selbst und Silke Leopold nicht die gewohnten Versuche unternehmen, eine ideologietriefende Inszenierung wortreich und trotzdem unverständlich bleibend zu erläutern, sondern sich tatsächlich zum Stück selbst und seiner Musik, kompetent äußern und damit eine gute Vorbereitung auf die Vorstellend bieten.

Die Oper wurde 1724 im King‘s Theatre am Haymarket uraufgeführt, hatte einen geradezu rauschenden Erfolg, schon ein Jahr danach auch in Deutschland, geriet in Vergessenheit und erlebte erst innerhalb der generellen Barock-Renaissance auch die seinige. Meilensteine waren dabei die so gut wie ungekürzte Aufführung 1989 im unter Opernpapst Rodolfo Celletti entdeckungsfreudigen Martina Franca mit Martine Dupuy in der Titelpartie und Marcello Panni am Dirigentenpult sowie die aus dem Jahr 1991 stammende Aufnahme mit der Dresdner Staatskapelle unter Craig Smith, Regie Peter Sellars. In der English National Opera wurde, allerdings wie an dem Haus üblich in englischer Sprache unter Charles Mackerras das Werk mit Opern-Idol Janet Baker in der Titelpartie aufgeführt und aufgenommen. Aus allerjüngster Zeit haben eher Regieverirrungen wie Salzburgs Caesar im Bunker oder der Geschlechtertausch zwischen dem Römer und der Ägypterin in der Deutschen Oper am Rhein von sich reden gemacht.

Das Barockzeitalter bediente sich der antiken Götter und Helden, um das eigene Lebensgefühl durch sie und ihr Schicksal ausdrücken zu können. Warum also nicht ebenso verfahren und die Barockoper dazu benutzen, den heutigen Opernbesucher und seine Probleme sich in ihr spiegeln zu lassen? Auf welche geradezu geniale Art das gelingen kann, zeigte sich bei der Berliner Premiere am 25. April, als nach der viereinhalbstündigen Vorstellung der Jubel gar nicht mehr enden wollte. Dabei schien das Unterfangen nicht unter dem günstigsten Stern zu stehen, denn nicht nur der Dirigent, sondern auch die Sänger von Titelfigur und Cornelia waren recht kurzfristig ausgetauscht worden.
Für die seefahrende britische Nation ist die Zeit, als sie ihre Herrschaft über die halbe Welt ausbreiten konnte, sicherlich die darstellenswerteste, und so nimmt es nicht wunder, dass im Bühnenhintergrund mal ein besonntes, wellenbewegtes, mal ein sturmgepeitschtes Meer zu sehen ist, zu Beginn kreuzen Segelschiffe im Hintergrund, später Dampfschiffe und ganz zuletzt die Titanic, was aber ein Happy End für die Protagonisten nicht verhindern kann. Die Bühne von Robert Jones dokumentiert sich als eine solche und zwar gleich mehrfach mit unterschiedlichen, durchweg aber farbenprächtigen und kostbar wirkenden Vorhängen, die schnelle Szenenwechsel ermöglichen. Die Kostüme von Brigitte Reiffenstuel sind ungeheuer phantasiereich, Schottenrock wird zum Tropenhelm getragen, und Cleopatra beginnt mit Charlestonkleidchen, feiert ihren Triumph am Schloss in einer Rokokorobe, während Sesto, der sich nicht durchweg der Sympathien der Regie erfreuen kann, als bebrillter Seminarist endet, nachdem er mit einem Schuss aus der Pistole den bereits waidwunden Tolomeo endgültig erlegt hat, wozu der Mutter die zweideutige Bemerkung einfällt, er habe sich seines Vaters würdig erwiesen. Es wird viel in Frage gestellt, besonders wenn es um das Heldentum geht, aber alles in derart humorvoller Art, dass es in keiner Weise den Entlarvungsorgien gleicht, die man sonst oft erdulden muss. Und da zwischendurch und erst recht am Ende immer wieder alle Toten auferstehen, bleiben Grazie, Leichtigkeit, Ironie und Witz durchgehend erhalten, wird die Musik nicht denunziert, sondern in all ihrem Glanz, ihrer Straffheit, ihrer Geschmeidigkeit beglaubigt.

Die Oper ist lang und einzelne Arien sind sehr lang. Dass die Spannung niemals nachlässt, liegt nicht zuletzt daran, dass vier Balletttänzer ihren optischen Kommentar zu vielen Musikstücken abgeben, dazu an der Spitze die Cleopatra von Elena Tsallagova, die auch eine ausgebildete Balletttänzerin ist und so auch in dieser Funktion erfreute, mehr aber noch durch ihr geistreich-kapriziöses Spiel und eine wunderschöne lyrische Sopranstimme. Ihren lasterhaften Bruder Tolemeo sang und spielte vorzüglich Cameron Shahbazi, ein Countertenor mit erotisch klingendem Timbre. Über ein breites Spektrum an Farben verfügt der Countertenor von Christophe Dumaux in der Titelpartie, manchmal geradezu mit vokaler Pranke ausholend und ungeheuer virtuos in den irrsinnigen Verzierungen. Ganz besonders präsent in den georgelten Tiefen zeigte sich die Cornelia von Stephanie Wake-Edwards, hoheitsvoll in ihrem Schmerz und ganz in Schwarz, ehe auch sie im Schlussbild ein prachtvolles, nämlich viktorianisches Gewand tragen darf. Ebenmäßig und geschmeidig ist der Mezzosopran von Martina Baroni als Sesto, Belcanto-Stipendiatin, die auch darstellerisch gefiel. Akustisch beinahe zu kraftvoll setzte sich der Bassbariton Michael Sumuel für den Achilla ein, viel Schillerndes in Gesang und Darstellung konnte Edu Rojas für den Nireno aufbieten. Aus dem Orchestergraben, aus dem die Theorbe von Pedro Alcácer kess herausragte, ertönte unter der Leitung von Alessandro Quarta natürlich nicht puristische Magerkost, sondern majestätischer, glanzvoller, aber durchaus fein geschliffener Barock in Korrespondenz zur Bühne.

Sämtlich ausverkaufte Restvorstellungen müssten die unvermeidbare Konsequenz sein.
Ingrid Wanja, 26. April 2026
Giulio Cesare in Egitto
Georg Friedrich Händel
Deutsche Oper Berlin
Premiere am 25. April 2026
Regie: David McVicar
Musikalische Leitung: Alessandro Quarta
Orchester der Deutschen Oper Berlin