Buchkritik: „Von Bayreuth nach Auschwitz. Oper-Politik-Gewalt“, Anno Mungen

Anno Mungen ist in Thurnaus bei Bayreuth seit 2006 Nachfolger von Sieghart Döhring als Leiter des Forschungsinstitut für Musiktheater. Neben vielen anderen Forschungsprojekten hat sich einen Namen gemacht mit seinen Forschungen zum Thema „Oper im Nationalsozialismus“, die in der Ausstellung Hitler.Macht.Oper“ 2018 gipfelten, die in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg und dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände der Stadt Nürnberg gezeigt wurde. Als ein weiteres Ergebnis dieser Arbeiten wurde eine Monographie zu Wieland Wagners Karriere von 1941–1945 erstellt, das Buch „Hier gilt’s der Kunst“, Frankfurt 2012. Auch ein Wagnerlexikon hat er (gemeinsam mit zwei anderen Herausgebern veröffentlicht. Er kommt offenbar von Wagener nicht los, aber auch von Hitler nicht. Auch in seiner jüngste Publikation scheint Mungen der Meinung zu sein, dass Hitler wesentliche Impulse und Strategien aus dem Werk Richard Wagners bezogen hat und zieht eine direkte Linie von Wagner (Bayreuth) zu Hitler (Auschwitz).

Schon zur Hundertjahrfeier der Bayreuther Festspiele – 1976 – hat der damalige deutsche Bundespräsident, Walter Scheel, in seiner bemerkenswerten, als skandalös empfundenen Rede auf ein weitverbreitetes Missverständnis hingewiesen: „Ich glaube nicht an die direkte Linie Wagner-Hitler. Man hat noch mehr solche ‚historischen‘ Linien gezogen. Sie beruhen alle auf Geschichtsbildern, die allzu simpel sind.“ Walter Scheel fügte hinzu: „Sicher, Wagner war ein Antisemit. Aber es ist ein-fach falsch, zu behaupten, Hitler habe seinen Antisemitismus von Wagner übernommen. Beide, Hitler und Wagner, sind Teil einer unheilvollen antisemitischen Unterströmung des europäischen Geistes. Aber Hitler wäre sicher auch ohne Wagner Antisemit geworden.“ Die Wagnerforschung hat das inzwischen längst bestätigt. Friedrich Nietzsche hat als übrigens als Erster bemerkt, dass Wagner „unter Deutschen bloß ein Missverständnis ist“. Dieses Missverständnis wird in Mungens Publikation erneut bestätigt.

Schon vor Jahren hat der britische Historiker Peter Gay das Problem der verzerrten deutschen Wagnerwahrnehmung nach 1945 auf den Punkt gebracht, als er davor warnte, dass dem deutschen Historiker die Suche nach unheilvollen Ursachen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert zur „Zwangsvorstellung (werde), so dass er die ganze Vergangenheit nur noch als ein Vorspiel zu Hitler sehe und jeden angeblich deutschen Charakterzug als einen Baustein zu jenem schrecklichen Gebäude, dem Dritten Reich.“

Mungens Buch versteht sich als „Spurensuche“ im Jahre des 150. Jubiläums der Bayreuther Festspiele und geht aus entsprechenden Projekten mit Studierenden aus Poznan und Bayreuth hervor. Es ist nicht chronologisch-systematisch aufgebaut, sondern eher assoziativ. Kein historisches Buch also. Stattdessen werden stichwortartig Personen wie Joseph Goebbels, Robert Ley, Hans Frank, Bodo Lafferenz Heinrich Himmler und Adolph Hitler abgehandelt, dazwischen gibt es kurze Essays und historische Abschnitte über Kult, Vernetzungen, Germanisierung, Kriegsfestspiele und Todeslager. Alles ist mit allem lose vernetzt wie in einem Kaleidoskop. Stringent und logisch auf sich aufbauend ist diese Dramaturgie nicht. Und doch diene das Buch der Geschichtsaufarbeitung behauptet der Autor. Persönlichkeiten wie Arnold Breker, Hitlers Lieblingsbildhauer, dessen Wagner- und Cosima-Büsten noch heute im Park von Wahnfried stehen, aber auch die ausgegrenzte Sängerin Ottilie Metzger-Lattermann werden beispielhaft für den Bayreuther Umgang mit NS-Kunst und jüdischen Künstlern angeführt. Bücher von Friedelind Wagner und Gertrud Wagner werden demontiert, Namedropping überflutet den Leser. Räume und Reisen spielen eine Rolle. Ein Besuch Mungens im Breker-Museum in Nürvenich wird beispielhaft für den heutigen Umgang mit Nazikunst geschildert. Zum Schluss dann wieder Bayreuth-Impressionen, Bayreuther Orte…das Chamberlain-Haus, Bayreuther „Ehrenbürgerschaften“, persönliche Eindrücke von der Installationen „Verstummte Stimmen“. Betroffenheit über die „soziokulturelle Abwehr der Deutschen gegen die Shoah“. Seitenhiebe gegen Schlingensief und Heiner Müller. Und doch wird ein Heiner- Müller-Gedicht „Seife in Bayreuth“ für Daniel Batrenboim abgedruckt. Darin heißt es „Hier wurde Auschwitz geboren im Seifengeruch“. Als Epilog wird die Todesfahrt der Ottilie Metzger-Lattermann nach Auschwitz geschildert. Mungen polemisierte (nicht zu Unrecht) gegen Wagnerautoren. Nur Wissenschaft könne die Augen öffnen über die brisanten Zusammenhänge, über die er schreibe. Doch mit Wissensacht hat Mungens Buch nichts zu tu. Es sind aneinandergereihte, persönliche Lippenbekenntnisse und Meinungen, mehr nicht.

In dem Buch Mungens wird behauptet: „Sie führen Krieg, foltern, morden und sind kunstbeflissen: die Männer des Nationalsozialismus. Bayreuth ist seit 1900 ein beliebter Treffpunkt völkisch denkender Kreise.“ Anno Mungen zeige, wie Kultur, Krieg und Massenmord in den letzten Jahren des Regimes zusammenwirken. „Bis heute behaupten große Teile der Wagner-Gemeinde, dass man sich im national-sozialistischen Bayreuth nur für wertfreie Kultur interessiert und sich der politischen Vereinnahmung entzogen habe. Es ist an der Zeit, erstmalig die Kontexte von Gewalt und Kunst in der hier aufscheinenden engen Verstrickung aufzuzeigen.“

Viele kritische Wagner-Forscher haben diese Verstrickungen schon längst aufgezeigt. Und überzeugender, sachlicher als Arno Mungen Die Zusammenhänge sind klar erfasst und können benannt werden.

Zugegeben, zu den dunklen Kapiteln Bayreuther Geschichte gehört vor allem die Rolle, die Bayreuth während des Dritten Reichs spielte. Unmengen von Publikationen haben sich damit befasst. Hitlers Ideologie war nicht mehr als ein krudes Amalgam des Antimodernismus, den Treitschke und de Lagarde an Langbehn und Chamberlain weitergereicht hatten, vermischt mit rassistischem Sozialdarwinismus Eugen Dührings, Hermann Ahlwardts und Otto Böckels, die ihn begründet hatten, vermittelt durch Ludwig Schemann und in erster Linie Houston Stewart Chamberlain. Auch die Geschichte der Wagnervereinnahmung und -Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten ist längst bekannt.

Martin Geck, einer der profundesten Wagnerkenner, hat es in seinem Wagnerbuch auf den Punkt gebracht: „Wer Wagners Werk allzu entschlossen mit seiner verzerrten Rezeption durch Nationalismus und Nationalsozialismus gleichsetzt, mystifiziert in zwei Richtungen: Er lenkt von stärkeren gesellschaftlichen Kräften ab, auf die sich der Nationalsozialismus stützen konnte, und verweigert sich zugleich der Einsicht, dass es Abendland, Zivilisation, Moderne nur als Ganzes gibt.“

Im Übrigen wies schon Hubert Kolland zu Recht darauf hin, dass „mit einem hypothetisch noch lebenden Wagner ein faschistischer Wagner-Kult nicht möglich gewesen wäre – trotz dessen Antisemitismus und anderer völkisch interpretierbarer Züge. Aber für die persönlichen, künstlerischen und politischen Provokationen des hypothetischen Zeitgenossen wäre im NS-Staat kein Platz gewesen: nicht zuletzt wegen Wagners rigidem und unangepasstem Kunstanspruch. Die Nazis wären mit der neuesten Musik konfrontiert gewesen, und wie sie es mit der hielten, ist bekannt. (…) Nur der tote Wagner, verdeckt durch den nationalistisch gewendeten Ruhm, taugte zur Beschwörung der NS-Volksgemeinschaft, nachdem der historisch-konkrete Wagner einschließlich seiner rebellischen Züge schon zurückgedrängt war und die Widersprüche und Provokationen seiner Werke fürs bürgerliche Untertanenbewusstsein unterhalb der Wahrnehmungsschwelle blieben.“

Wagner heute noch und immer wieder vom Betroffensein der Nachwelt aus zu betrachten und zu beurteilen heißt, die Kausalität der Geschichte, wenn es denn eine gibt, auf den Kopf stellen, es heißt aber auch, das Spezifische des Wagnerschen Denkens im Allgemeinen, seines Antisemitismus im Speziellen zu ignorieren, seine Brüchigkeit, Widersprüchlichkeit und seine politische Intention, die frühsozialistischem Gedankengut verpflichtet ist und letztlich auf Assimilation abzielt und im krassen Gegensatz zum aufkommenden Rassenantisemitismus steht. Die Einsicht Theodor W. Adornos hat noch immer Gültigkeit, dass jegliche Dimension Wagners Ambivalenzen zum Wesen habe: „Ihn erkennen heißt, die Ambivalenzen bestimmen und entziffern, nicht, dort Eindeutigkeit herstellen, wo die Sache zunächst sie verweigert.“ Auch die methodische Prämisse des israelischen Historikers Jakob Katz: „Der Historiker, der seiner wissenschaftlichen Überzeugung gehorchend die Vergangenheit aus ihren Gegebenheiten verstehen, darstellen und beurteilen möchte, muss sich vor der Gefahr hüten, sich von Tendenzen der Gegenwart bestimmen zu lassen.“

Fazit: Mungens Buch ist wieder einmal das Paradebeispiel einer „von Hitlers Wagner-Usurpation aus rückblickenden Interpretation Wagners und daher schon rein methodologisch betrachtet Fehlinterpretation“ (so Jacob Katz).

Dieter David Scholz, 15. Juni 2026


Von Bayreuth nach Auschwitz. Oper-Politik-Gewalt
von Anno Mungen

Westend Verlag 2026
381 Seiten