Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.
Nach dem Theater Bonn blicken wir heute auf das Staatstheater Mainz.

Beste Produktion (Gesamtleistung):
La Cenerentola: Regie und Bühnenbild ist eine überzeugende Verbindung von Märchen und Dramma giocoso gelungen, getragen von einem schauspielerisch hinreißenden und musikalisch tadellosen Ensemble.
Größte Enttäuschung:
Die Dreigroschenoper: Brechts Kapitalismus-Satire gerät zur schrill-bunt-ordinäre Klamauk-Show im RTL2-Trash-Format.
Entdeckung des Jahres:
Breaking the waves: eine emotional aufwühlende Produktion, deren Bildsprache gegenüber der Filmvorlage Eigenständigkeit zeigt und die eine frische, unmittelbar ansprechende und gut rezipierbare Musiksprache in das beste Licht rückt.
Netter Versuch:
Für die Präsentation der rekonstruierten und ergänzten Oper Der Chronoplan hat sich das Staatstheater szenisch und musikalisch mächtig ins Zeug gelegt. Trotz der hohen Pointendichte des mit zeitgeschichtlichen Anspielungen gespickten Librettos kann auch die verdienstvolle Umsetzung in Mainz einige dramaturgische Schwächen und einen zähen Schlußakt nicht vergessen machen. Eine interessante Ausgrabung, aber nichts fürs Repertoire.
Beste Gesangsleistung (Hauptpartie):
Julietta Aleksanyan als fulminante Bess in Breaking the waves.
Beste Gesangsleistung (Nebenrolle):
Daniel Schliewa, der unter einer Fülle von Protagonisten in Der Chronoplan als Byron mit seinem blühenden Tenor auf sich aufmerksam gemacht hat.
Nachwuchssänger des Jahres:
Tim-Lukas Reuter, bislang im Ensemble in kleineren Partien eingesetzt, der als Papageno nicht nur mit seinem kernig-frischen Bariton gefallen, sondern für die modernisierten Sprechtexte mit vorzüglicher Diktion den genau passenden, lässigen Plauderton gefunden hat.
Bestes Dirigat:
Gabriel Venzago, der in Der Chronoplan Witz, Einfallsreichtum und Instrumentierungskunst der Komponistin Julia Kerr farbig und kraftvoll herausgearbeitet hat.
Beste Regie:
Verena Stoiber, die in Falstaff jede Menge „Regietheater“-Maschen, derer man eigentlich überdrüssig ist, so locker, originell und treffsicher eingesetzt hat, daß ein kurzweiliger und sehr vergnüglicher Abend daraus geworden ist.
Bestes Bühnenbild:
Jonas Dahl und Wiebke Schnapper, die für Falstaff in der stylischen Konzernzentrale, die Clara Hertel auf die Bühne gestellt hat, eine Fensterfront mit einer videogenerierten Stadtansicht nicht nur für effektvolle Szenenwechsel raffiniert genutzt haben.
Die Bilanz zog Michael Demel.