„Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben“, schrieb Sophie Scholl damals in einem Brief an ihren Freund Fritz Hartnagel. Zwei Attribute, die man Sophie Scholl zweifelsfrei zuordnen kann. Mit Klarheit und Entschlossenheit unterstützte sie die von ihrem Bruder Hans und seinem Studienfreund Alexander Schmorell gegründete Widerstandsgruppe Weiße Rose, die zunächst in München und später – trotz aller Gefahren – auch in weiteren Städten des Deutschen Reiches Flugblätter gegen das NS-Regime verfasste, vervielfältigte und unter die Leute brachte. Dabei waren Hans und Sophie Scholl im Frühjahr 1934 selbst Mitglied der Hitlerjugend bzw. des Bundes Deutscher Mädel und sehnten sich danach, etwas zum Aufbau ihres Heimatlandes beizutragen. Die Gemeinschaft in den nationalsozialistischen Jugendorganisationen gefiel den Geschwistern zunächst, doch nach und nach begannen sie zu zweifeln, da das einzelne Individuum immer weiter eingeschränkt wurde. Gleichzeitig wuchs die Ausgrenzung von Andersdenkenden, gegen die zunehmend auch mit Gewalt vorgegangen wurde. Das Musical Die Weiße Rose berichtet auf beeindruckende und eindringliche Weise über den Lebensweg der Geschwister Scholl und die Gründung der bis heute bekannten Widerstandsbewegung, deren Flugblätter später auch von den Flugzeugen der Alliierten über Deutschland verteilt wurden. Die Handlung wird dabei chronologisch erzählt, in kurzen Intermezzos wird jedoch immer wieder zu den Verhören der verhafteten Mitglieder der Weißen Rose im Jahr 1943 gesprungen, in denen dem Zuschauer diese Personen nach und nach vorgestellt werden. Zum Ende des Stücks gehen diese beiden Zeitstränge dann bewegend ineinander über.

Für das Musical, das im vergangenen Jahr beim Deutschen Musical Theater Preis in den Kategorien Bestes Musical, Beste Regie, Bestes Buch, Bestes musikalisches Gesamtbild, Beste Liedtexte, Beste Choreographie und Bestes Lichtdesign mit sieben Auszeichnungen geehrt wurde, sind vor allem Vera Bolten und Alex Melcher verantwortlich. Die beiden etablierten Musicaldarsteller steckten viel Herzblut in dieses Projekt, für das sie lange recherchierten und das sie über viele Jahre entwickelten. Am 30. Juni 2025 erlebte das Musical im Füssener Festspielhaus seine Uraufführung. Entstanden ist ein Stück, das durch seine historische Genauigkeit ebenso beeindruckt und fesselt wie durch seine moderne Musik, die die Zuschauer emotional in die Geschichte zieht. Auch die Einflechtung von Originalzitaten in die Texte des Musicals ist sehr gut gelungen. So steht gleich zu Beginn des Stücks eine Propagandarede der Nazis, die in von Alex Melcher vertonte Auszüge aus Sophies Schulaufsatz über ein glückliches Leben übergeht. Im Verlauf des Abends folgen immer wieder Zitate des Widerstands, die sehr gut mit den neuen Texten des Musicals harmonieren. Das Bühnenbild von Marcus Bendel ist optisch schlicht gehalten. Zwei verschiebbare Treppen und diverse Würfel werden immer wieder neu zusammengestellt und bieten so fließende Übergänge zwischen den Szenen. Die verschiedenen Orte werden dabei durch Bleistiftzeichnungen ergänzt, die durch Projektion auf die Bühnenwand entstehen. So werden die Zuschauer in den Englischen Garten, die Küche der Familie Scholl, die Universität oder – besonders eindrucksvoll – in verschiedene Zugabteile mit vorbeiziehenden Landschaften mitgenommen. Diese wunderbaren Illustrationen von Jens Hahn orientieren sich dabei an Skizzen von Sophie Scholl, die nicht nur sehr kunstinteressiert, sondern auch eine sehr gute Malerin war.

Eine gute Idee von Regisseurin Vera Bolten ist es auch, dass fast alle Darstellerinnen und Darsteller den gesamten Abend über auf der Bühne stehen. Wenn sie gerade nicht in eine Szene eingebunden sind, reagieren sie am Bühnenrand stehend dennoch oft mit verschiedensten Emotionen auf die einzelnen Geschehnisse. Dramaturgisch stark endet der erste Akt mit der Gründung der Widerstandsbewegung Weiße Rose, während sich im Hintergrund Zitate aus den Protest-Flugblättern mit Bildern großer Menschenmengen jubelnder Nationalsozialisten abwechseln. Auch die Verurteilung und Hinrichtung von sechs Mitgliedern zum Ende des zweiten Akts zählt zweifelsfrei zu den emotionalsten Musical-Szenen der letzten Jahre und ist darüber hinaus auf den Punkt inszeniert. Wie hier die ruhigen und tief berührenden Abschiedsworte von Hans Scholl, Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Christoph Probst und Professor Huber dem laut tobenden Leiter des Volksgerichtshofes gegenüberstehen überzeugt nachhaltig. Während letzterer nur brüllt: „Was kümmern mich Gesetze”, finden die Verurteilten die passenden Worte, die auch in unserer Zeit mehr denn je benötigt werden.
Die siebenköpfige Liveband steht unter der musikalischen Leitung von Johannes Still und sorgt für einen rockigen Sound. Die Musiker und Musikerinnen sind geschickt hinter einer Videowand in der Bühnenmitte untergebracht, die hin und wieder durchlässig wird und einen Blick auf die Band ermöglicht. Hinzu kommt ein starkes Ensemble, das gut zur Hälfte aus Absolventen der Jahrgänge 2022–2024 der Essener Folkwang Universität der Künste besteht. Mit Friederike Zeidler (Sophie Scholl), Jonathan Guth (Hans Scholl), Adam Demetz (Alexander Schmorell), Julius Störmer (Willi Graf), Albert Gaßmann (Christoph Probst), Tamara Köhn (Traute Lafrenz), Louis Dietrich (Fritz Hartnagel) und Juliette Lapouthe (Inge Scholl) machen die jungen Darstellerinnen und Darsteller nachhaltig auf sich aufmerksam. Claudia Dilay Hauf und Martin Planz verkörpern unter anderem das Eltern-Ehepaar Scholl sowie den Universitätsprofessor Kurt Huber. Die unsympathischen Rollen des Gestapo-Beamten bei den Verhören und des Richters am Ende werden eindrucksvoll von Daniel Berger übernommen.

Dieses Musical sollte man gesehen haben. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Schüler und Schülerinnen in den Genuss der angesetzten Schulvorstellungen kommen, denn hier wird einer wichtigen Botschaft eine laute Stimme gegeben. Als kleiner Wehmutstropfen der besuchten Vorstellung bleibt zu erwähnen, dass einige Zuschauer leider deutlich zu früh mit dem Applaus für die Leistung der Darstellerinnen und Darsteller begonnen haben. Ja, die Leistung aller elf Akteure war zweifelsfrei von höchster Güte. Dennoch bleibt lautstarker Beifall bei den Einblendungen der Hinrichtungsdaten der Widerstandskämpfer fehl am Platz. Beim dritten Namen hatte dies zum Glück auch der letzte Zuschauer verstanden. Nach angemessener Ruhe brandete am Ende an passender Stelle der verdiente Beifall für die Akteure auf der Bühne sowie das Team rund um Alex Melcher und Vera Bolten dann aber erneut auf. Zu sehen ist das Musical bis Anfang August 2026 in Düsseldorf (Capitol Theater), München (Deutsches Theater), Füssen (Festspielhaus Neuschwanstein) und Stuttgart (Theaterhaus) sowie abschließend zur Eröffnung des. 37. Kölner Sommerfestival in der Kölner Philharmonie. Weitere Informationen sind auf der Homepage zur Tour unter https://dieweisserose-tour.de/ zu finden.
Markus Lamers, 18. Juni 2026
Die Weiße Rose
Musical über Umdenken, Verantwortung und Mut von Alex Melcher (Musik, Songtexte) und Vera Bolten (Buch, Songtexte)
Capitol Theater, Düsseldorf
NRW-Premiere: 17. Juni 2026
Inszenierung: Vera Bolten
Musikalische Leitung: Johannes Still
„Die Weiße Rose“-Band
Weitere Aufführungen: 19. bis 21. Juni in Düsseldorf, 2. bis 5. Juli in München, 9. bis 18. Juli in Füssen, 22. bis 26. Juli in Stuttgart und 28. Juli bis 2. August in Köln