Festgruss aus Steinway Hall an Richard Wagner – der Titel des Instruments, das der Festspielleiter und Nibelungen-Komponist im Sommer 1876 geschenkt bekam, prangt immer noch über den Tasten.
Der Steinway im Salon von Haus Wahnfried ist bekannt und, seit er seit 1999 regelmäßig gespielt wird, ein beliebtes Instrument, von dem man nach diversen Restaurierungen davon ausgehen konnte, dass er den Originalklang der Wagner-Zeit einigermaßen authentisch in die Gegenwart zu bringen vermag. Das Instrument war wunderbarerweise über den Krieg gekommen – das ikonische Foto eines am verstaubten Instrument sitzenden US-amerikanischen Soldaten im eroberten Haus Wahnfried ging um die Welt –, sodass der Museumsgründer und -leiter Manfred Eger das Gerät nach Hamburg schicken konnte, wo es für null ouvert restauriert wurde. Dann wurden einige wenige LPs und CDs eingespielt, die den Klang einfingen. Hört man sich die Berichte des jetzigen Museumsdirektor Sven Friedrich und Udo Schmidt-Steingraebers an, dessen Klavierfabrik sich seit Wagners Zeiten um die Stimmung des Flügels kümmert, wird man eines Besseren belehrt. Was vordem auffiel, war schon ein etwas schnarrender Ton im oberen Bereich, eine nicht besonders starke Mitte und eine etwas zu dunkle, also mulschige Tiefe, während gelegentlich das Quietschen der Pedale unüberhörbar war. Diese Defizite eines scheinbaren Originalklangs, der eben nur deshalb nicht ganz perfekt transportiert wurde, weil das Instrument schon weit über ein Jahrhundert existierte, nahm man gern in Kauf, weil man davon überzeugt sein musste, dass „es“ nicht besser ging. Nach der Restaurierung des Instruments durch das belgische How Atelier Chris Maene und nach dem ersten Vorspiel, also der neuerlichen Einweihung des Instruments durch Michael Wessel, wird man eines Besseren belehrt: Es war doch außerordentlich viel zu machen, um dem Steinway von 1876 den Klang von 1876 annäherungsweise wiederzugeben.
Das Instrument mit der Opus-, also Seriennummer 34404 klingt nun, wie Friedrich bemerkt, „eher wie ein Bösendorfer“. Unter der Leitung von Chris Maen hat man den hier und da aufgrund der enormen Trockenheit der letzten Jahre gesprungenen Resonanzboden restauriert, man hat die Hämmer nach alten Vorbildern modelliert, nachdem – das war eine Aufgabe für Johannes Warmuth – die Bleiplomben händisch aus den Hölzern entfernt werden mussten. Man hat die Saiten komplett erneuert und das Äußere des schönen Geräts schellackmäßig verschönert, aber nicht zu Tode restauriert, so dass sich die Zeit immer noch im Instrument zu spiegeln vermag. Als Modell für die Restaurierung diente ein baugleiches Instrument aus einer Serie, von der seinerzeit, im Jahrhundert des Klaviers, Tausende von Stück hergestellt worden sind. So bewahrte man die Patina des Instruments, um gleichzeitig eine neue Spielbarkeit zu ermöglichen. Der Steinway von 1876 ist also, so Friedrich, ein „Hybrid-Instrument“ geworden: ein neues, doch auf historischen Vorlagen basierendes Inlay im alten Gehäuse, das, nachdem man in den 70er Jahren historische Substanz bedenkenlos ersetzt hatte, nun nicht wenig von dem Charme zurückerhielt, über den das Instrument im Jahr seiner Erbauung verfügte.
In Wahnfried war man sehr zufrieden, wenn man Cosima Wagner glauben darf: „Der Flügel von Steinway“, so die Tagebuchschreiberin am 24. März 1879, „mit einem ‚Pulsator‘ versehen, kehrt bei uns wieder ein und erfreut durch seinen herrlichen Ton! Klänge aus Parsifal weihen ihn ein.“ Nur so ist der offensichtlich für die Werbung konzipierte Brief verständlich, den Wagner wenig später an Steinway schickte: „Unsere großen Klangmeister scheinen, als sie ihre großartigsten Werke für das Klavier schrieben, eine Vorahnung von dem idealen Flügel gehabt zu haben, wie er nun von Ihnen verwirklicht wurde. Eine Beethoven-Sonate, eine Chromatische Fantasie von Bach, kann nur dann voll und ganz gewürdigt werden, wenn sie auf einem Ihrer Klaviere gespielt wird.“ Und so fort: „Klänge von solcher Schönheit, wie sie aus meinem Steinway-Flügel erklingen, schmeicheln meinem harmonisch-melodischen Empfinden und entlocken ihm das angenehmste Klangbild“. So entstand ein Klavier, das ganz und gar auf den neuen, warmen Parsifal-Ton abgestimmt war.

Von all dem hat man in den letzten Jahrzehnten in Wahnfried wenig gehört, und auch die Tonaufnahmen überzeugen uns davon, dass die anonyme Spende, die vor einiger Zeit im Wagner-Museum einging, für die 41.000 Euro, die die Restaurierung des Instruments kostete, brillant und völlig richtig angelegt worden ist. Brillant und völlig richtig: So klingen auch die drei Stücke, die unter den Händen von Michael Wessel erklingen. Wessel weiht das alt-neue Instrument, ohne Pulsator, aber mit dramaturgischem Gespür und delikatem wie kräftigem Anschlag, mit Walhall ein, einer just 1876 komponierten Paraphrase von Franz Liszt, die er wohl auch an diesem Klavier gespielt hat. Der Klang ist voluminös, aber nicht dröhnend, er ist warm und zugleich, in den oberen Regionen, silbrigzart, er ist unten rund, aber nicht trüb. Auch Isoldens Liebestod zeigt, wie der Musiker sagt, dass „der Steinway alles macht, was man will“, auch im piano-Bereich, in dem man noch nuancieren könne. Das ideale Stück – es kommt, nicht ohne Grund, zum Abschluss – ist der Feierliche Marsch zum Heiligen Gral, ein spätes Huldigungsstück, in dem die Parsifal-Glocken so klingen, wie sie klingen müssen und die starken Kontraste zwischen den emphatischen Rittermotiven und dem enigmatischen Torenspruch vollkommen zur Geltung kommen: klangschön und konzentriert, in den ausgehaltenen Noten schwebender als zuvor, insgesamt also so, wie Wagner selbst es Mr. Steinway schrieb: „Mit einem Wort:Ich finde Ihren Flügel von wundersamer Schönheit. Er ist ein edles Kunstwerk.“
Dass er es wieder ist: Das war das Ereignis des durchaus festlichen Vormittags in Haus Wahnfried, der das akustische Bild von Wagners privatem Bayreuth nun bedeutend erweitert, ja: erst wieder hergestellt hat.
Frank Piontek, 18. Mai 2026
Wagners Steinway
Wahnfried, 17. Mai 2026