Baden-Baden: „Lohengrin“, Richard Wagner

Endlich wieder Oper im Festspielhaus

Ein Osterwunder auf der Bühne des Festspielhauses: Piotr Beczała ist (!) Lohengrin und singt zum Niederknien – ein Tenor der Weltklasse. Endlich wieder Oper im Festspielhaus – wird es seinem Namen gerecht? Der neue Weg nach dem Exodus der Berliner Philharmoniker in ihre alte Heimat bringt neue Künstler an die Oos. Und der Schwan soll die Osterfestspiele zu neuen Ufern ziehen. Richard Wagners Lohengrin, die Oper der Opern, inszeniert von Johannes Erath, Joana Mallwitz dirigiert das Mahler Chamber Orchestra und eine beachtliche Sängerriege.
In guter Erinnerung ist der Baden-Badener Lohengrin von 2006, in hochrangigere Besetzung mit Kent Nagano, Nikolaus Lehnhoff, Waltraud Meier, Klaus Florian Vogt. (Opus Arte 3 DVDs).
Lohengrin, Romantische Oper in drei Akten. Uraufgeführt an Goethes Geburtstag am 28. August 1850 in Weimar unter Leitung von Franz Liszt und erst 1894 in Bayreuth gespielt. Wegen seiner Beteiligung an der Dresdner Mairevolution von 1849 musste Wagner fliehen, wurde steckbrieflich verfolgt und versäumte die Uraufführung, weil er im Zürcher Exil war. Wagner identifizierte sich mit Lohengrin. Er kommt sich als Gott vor, d.h. absoluter Künstler und erzählt so die Historie aus dem 10. Jahrhundert.

© Martin Sigmund

König Heinrich I. hält Gericht unter der großen Eiche und erhebt Klage gegen Elsa (Rachel Willis-Sørensen). Ihr Sopran sollte dramatisch sein, aber nicht scharf in der Höhe. Ihre Technik rettet sie, die ein Wagner-Sopran haben muss.), der Tochter des verstorbenen Herzogs von Brabant, die ihren Bruder Gottfried ermordet haben soll. Ihn gibt Kwangchul Youn, gekleidet im modernen blauen Straßenanzug – also zeitlos. Sein Baß ist recht hoch in der Tessitura, Schwärze geht ihm ab. Die Regie lässt die Sänger freundlich vorne und an der Rampe stehen, so dass es keine Schrei-Probleme gibt. Das Orchester und Dirigentin Joana Mallwitztragen die Sänger und rollen quasi den Teppich für die Stimmen aus. Es wird sehr textverständlich gesungen, so dass man die Übertitel kaum benötigt hätte. Elsa ist irgendwie die Hauptperson. Hatte Wagner erwogen, ihr den Titel der Oper zu widmen? Aber es geht ihm weniger um das Schicksal des weiblichen Wesens, sondern um die Tragik des Lohengrin, mit dem er sich identifiziert. Das ist nachzulesen in den Mitteilungen an seine Freunde. Wagners Idee vom Weib der Zukunft spitzt sich in der Gestalt der Elsa zu, bis hin zur totalen Fremdbestimmung der Frau. Zur Prämisse ihrer Erlösung wird, dass sie Lohengrin nicht nach seinem Namen fragen darf. „Es ist das Verhalten einer Prostituierten, das hier gefordert wird: mit dem unbekannten Mann ins Bett zu gehen“ (Mitteilung an seine Freunde). Ihr Vergehen, als sie das über sie verhängte Frageverbot bricht, besteht in der Verweigerung des absoluten Gehorsams. Die Prämisse der Welterlösung ist der Gehorsam bis zum Tode.
Der Erlösungsretter kommt mit dem Schwan, der ihn in einem Nachen auf die Bühne zieht. Wie löst der Regisseur das? Das Bühnenbild ist eine große runde Scheibe, eingerahmt von einer leuchtenden, rechteckigen Lichtröhre. Im Mittelpunkt erscheint eine Gestalt im großen Federmantel: Lohengrin. Er ist die Lichtgestalt, schon früh geadelt von Jürgen Kesting, der die drei wichtigsten Qualitäten eines Sängers mit Rossini beantwortet: „Stimme, Stimme und nochmals Stimme.“ Piotr Beczała besitzt diese Qualitäten gleich sechsfach. Seine Prachtstimme – von Samt ummanteltes Silber. Seine hohen c’s dürften ihm den Neid aller Tenöre sichern. Und wer trägt Sorge dafür, dass das alles erhalten bleibt? Im Zweifelsfall sicher seine Ehefrau, die ebenfalls Sängerin ist. Er hat es nicht nur erhalten, sondern fortgeführt um vom Lirico-spinto zum Heldentenor zu reifen. Und das alles dufte man im Festspielhaus erleben und riss das Publikum von den Sitzen. Seine Gralserzählung im III. Akt war ein Traum und ging mit den weichen Legatobögen zu Herzen. Es gibt sie also noch: die Tenöre, die die Stimme reifen lassen und dann einfach nicht zu übertreffen sind.
Zu danken ist dies auch Joana Mallwitz, die sich ihn für die Partie wünschte. Sie war das zweite Wunder des Abends. Eine Frau am Pult muss man nicht extra erwähnen, obwohl sie eine gute Figur in jeder Hinsicht machte. Sie hat Ausstrahlung und überträgt ihr Engagement auf das Mahler Chamber Orchestra. 1997 gegründet, arbeiten die Musiker frei, hier im Kollektiv aus 25 Nationen. Ihr Mentor und Partner war viele Jahre Claudio Abbado, was dem Orchester anzuhören ist.

© Martin Sigmund

Bereits das Vorspiel zum I. Akt ließ die Größe der Künstler erkennen. Über vier Takte erstreckt sich im hohen Flageolett der achtfach (!) geteilten Violinen mit sanften Flöten- und Oboen-Kolorit ein A-Dur Dreiklang. Das war hohe Kunst, das Flimmern eigentlich unglaublich überirdisch.
Diese Aufführung mit vielen Wundern ist dem Regisseur Johannes Erath zu verdanken. Er bleibt am Text und an den Noten, führt mit zeitlosen Kostümen (Gesine Völlm) in irgendeine Zeit und bleibt dabei dem Inhalt treu, was sicher nicht einfach ist. Er geht mit leichter Hand über die Nazi-Propaganda hinweg. Sie ist ja unwichtig. Herbert Murauer baute das Bühnenbild, sehr geschickt mit dem Umbau in die Handlung einbezogen. Eigentlich war es anfangs der Zauber der leeren Bühne (Peter Brookes). Das Licht wirklich ein Kunstwerk von Joachim Klein und kongenial die Videos von Bibi Abel. Sie übernahmen die Handlungsstränge, die mit dem Bühnengeschehen konform gingen. Die Chöre aus Brünn und Wien vervollkommneten das Geschehen. Die Bühne war eigentlich überfüllt durch die Chöre. Aber geschickt choreografiert waren sie Teil des Gesamtkunstwerks.
Die Sängerriege war entsprechend groß und auch schauspielerisch dabei. Wolfgang Koch war Telramund mit schwarzem Bariton. Tanja Ariane Baumgartner war Ortrud, seine böse Gefährtin. Leider ist ihr Mezzo sehr scharf in den Höhen, die beste Zeit wohl vorbei. Samuel Hasselhorn als Heerrufer erfüllte mit kernigem Bariton seine Rolle.
Über das Gesamtkunstwerk Lohengrin hat es Bühnenwitze, Anekdoten und Parodien gegeben. „Dass da ein Held in Silberrüstung vom wilden Schwan gezogen, in letzter Sekunde auf schwankendem Nachen erscheint, um eine verfolgte Unschuld zu retten, dass da eine liebende Frau unselig aufgestachelt wird, genau die Frage stellen muss, die der liebende Retter zu stellen verbot, dass da eine Hochzeitsnacht misslingt und eine Tragödie sich grausam logisch vollzieht in konkreter historischer Zeit.“ (J. Kaiser) Wenn alles auf der Bühne sich pathetisch, schwungvoll und tiefgründig mischt, dann ist die Parodie nah. Hier bei Nestroys Lohengrin, der den Schwan durch ein Schaf ersetzt:

„Nun sei bedankt mein gutes Schaf
Kehr wieder heim zum Zauberschlaf
Du warst geduldig, lieb und brav
Wie ich fürwahr kein Schaf noch traf
Leb wohl, leb wohl mein gutes Schaf!“‘

„Es mag eine dramaturgische Schwäche sein, dass Lohengrin einfach vollkommen ist, der nur menschlich lieben und geliebt werden möchte. Trotzdem hätten wir viel verloren, wenn wir ein solches Bühnenmärchen nicht angemessen aufführen und verstehen würden.“ Man schließt sich gerne dem Urteil Joachim Kaisers an. So auch das Publikum mit großem Jubel, nach mehr als viereinhalb Stunden.

Inga Dönges, 29. März 2026


Lohengrin
Richard Wagner

Festspielhaus Baden-Baden

Premiere am 28. März 2026

Regie: Johannes Erath

Musikalische Leitung: Joana Mallwitz
Mahler Chamber Orchestra