Mit Die Piraten von Penzance beweist das Schleswig-Holsteinische Landestheater einmal mehr, dass Operette weit mehr sein kann als bloße nostalgische Unterhaltung. Die turbulente Geschichte um den jungen Frederic, der durch ein Missverständnis bei einer Piratenbande aufwächst und an seinem 21. Geburtstag eigentlich in ein bürgerliches Leben starten möchte, entfaltet sich in dieser Inszenierung als ebenso komisches wie musikalisch anspruchsvolles Vergnügen.

Die Handlung entwickelt sich unter der Regie von Matthias Kitter mit großer Leichtigkeit, während die Pointen treffsicher sitzen. Dabei gelingt es ihm, den typisch britischen Witz von Gilbert und Sullivan lebendig werden zu lassen und zugleich betont parodistisch zu überhöhen. Auch dank der schrillen Kostüme (Ausstattung: Birte Wallbaum) sind schon beim ersten Auftreten der Piraten vor dem noch geschlossenen Vorhang erste Lachsalven im Publikum zu vernehmen. Wo sonst hat man auch schon mal einen waschechten Piraten mit einem SG Flensburg-Handewitt Trikot samt Fan-Schal erleben dürfen?
Polizisten in historischen Uniformen mit Blaulicht auf dem Helm sieht man auch nicht alle Tage. Piraten, Ordnungshüter und die Töchter des Generalmajors bewegen sich in einer Welt, die den Charme einer Bilderbuchgeschichte mit augenzwinkernder Ironie verbindet.
Auch musikalisch überzeugt die Produktion auf ganzer Linie. Das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester spielt unter der Leitung von Jooan Mun mit Schwung, Präzision und feinem Gespür für die zahlreichen stilistischen Facetten der Partitur. Die großen Ensembles entwickeln eine mitreißende Dynamik, während die lyrischen Momente ausreichend Raum zur Entfaltung erhalten.
Im Mittelpunkt steht der bestens aufgelegte Dritan Angoni als Frederic. Mit klarem, höhensicherem Tenor und sympathisch-trotteliger Bühnenpräsenz gestaltet er die Rolle glaubwürdig zwischen Pflichtgefühl und aufkeimender Liebe. Anna Avdalyan setzt als Mabel vokale Glanzpunkte. Ihr Sopran strahlt mühelos durch den Saal, ihre Koloraturen gelingen mit bemerkenswerter Sicherheit, und zugleich verleiht sie ihrer Figur Charme und Natürlichkeit.

Mikołaj Bońkowski verleiht dem Piratenkönig mit dunkel grundiertem Bariton und präzisem komödiantischem Timing eine überraschend autoritäre Präsenz. Gerade der Kontrast zwischen vokaler Gravität und ironischer Überzeichnung macht seine Auftritte besonders wirkungsvoll. Philipp Franke überzeugt als Generalmajor Stanley mit ausgezeichnetem Timing und pointierter Textbehandlung. Besonders in den rasanten Passagen zeigt er eine bemerkenswerte Präzision, die dem Wortwitz der Figur zugutekommt. Dass er dabei in einigen Momenten optisch an Loriots Opa Hoppenstedt erinnert, setzt seiner Interpretation die Krone auf.
Auch die übrigen Solisten fügen sich harmonisch in das Ensemble ein. Itziar Lesaka stattet Ruth mit Charakter und komödiantischem Gespür aus. Kai-Moritz von Blanckenburg verleiht Samuel Profil und Präsenz, während Karol Malinowski als Polizeisergeant mit trockenem Humor punktet.
Anna Stepanets als Edith und Anna Grycan als Kate bereichern das Damenensemble mit stimmlicher Frische und ansteckender Spielfreude. Trotz ihrer vergleichsweisen kleinen Rollen hinterlassen beide einen nachhaltigen Eindruck und tragen spürbar zum Gelingen der Produktion bei.

Besonders erfreulich wirkt wieder einmal die Geschlossenheit des gesamten Ensembles. Niemand drängt sich unnötig in den Vordergrund; vielmehr entsteht die Qualität des Abends aus dem präzisen Zusammenspiel aller Beteiligten. Chor und Solisten agieren mit sichtbarer Freude und tragen entscheidend dazu bei, dass die Aufführung ihren Schwung bis zum Finale behält.
Auch an diesem regnerischen Sonntagnachmittag bedankt sich das Publikum mit langanhaltendem Applaus und stehenden Ovationen und wird mit einer schmissigen Zugabe vom Ensemble belohnt
Marc Rohde, 10. Juni 2026
Die Piraten von Penzance
Komische Operette in zwei Akten von Arthur Sullivan
Schleswig-Holsteinisches Landestheater – Stadttheater Flensburg
Besuchte Aufführung: 7. Juni 2026
Premiere: 23. Mai 2026
Regie: Matthias Kitter
Dirigat: Jooan Mun
Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester