Die letzte Opern-Premiere des Theaters Krefeld/Mönchengladbach in dieser Saison im wahrscheinlich schönsten Opernhaus von NRW, welches ich als Kleinod bezeichne, wurde zu einem absoluten Saisonhöhepunkt – leider nicht ausverkauft. Dabei war die Premiere fußball- und publikumsfreundlich günstig auf 16 h angesetzt. Danke.
Warum Kleinod? Das wunderbare Haus hat nicht nur eine hervorragende Akustik – im Gegensatz zur grottigen in Krefeld (!) – der Besucher sitzt auch nirgendwo weiter als 17 Meter von der Bühne entfernt, wobei ich immer den Balkon empfehlen würde, denn da sitzt man (egal wo) praktisch überall im optischen Zentrum zur Bühne, nicht nur von der Höhe aus betrachtet. Es ist immer und überall von da oben ein Genuss.
Daß man bei nur einer (ja, es gibt vom üblichen Zwilling nur das zweite Werk den Bajazzo!) keinen Verlust anlässlich der fehlenden Cavalleria Rusticana empfindet, liegt an einer durch die Bank praktisch perfekten musikalischen Seite. Ein Ausnahmeabend.
Meisterdirigent Giovanni Conti geht nach bald vier erfolgreichen Jahren nun an die Deutsche Oper Berlin, das war bei einem solchen Genius vorauszusehen. Nutzen Sie, liebe Opernfreunde, also unbedingt noch die letzten Termine; danach werden Sie nach Berlin reisen müssen, wo es den zigfachen Preis kosten wird, sein Dirigat zu genießen, als man jetzt noch in der scheinbaren „Provinz“ am Niederrhein für eine Opernkarte bezahlen muss.

Alle fünf Hauptakteure waren gut – Aldo di Toro (Bajazzo) und die quirlige Sofia Poulopoulou (Nedda) waren sogar absolut brillant. Leoncavallos Oper in allen Rollen ausgeglichen besetzt – dies ist auch bei erheblich größeren Musentempeln selten so zu erleben. Bravi a tutti! Rafael Bruck als Silvio ist fast überbesetzt für die relativ kleine Rolle; was für ein toller Sänger. Ramon Mundin war ein überzeugender Beppo und, der stets und immer vorbildliche präsente Bass-Bariton, Johannes Schwärski, ist weiterhin nicht nur ein Leuchtturm, sondern ein Juwel im Ensemble – eine stete Freude auch strengster Kritik. Fünf ideale Musiktheaterdarsteller. Was für ein Abend…
Nicht zu vergessen, den, wie immer, nicht nur vorbildlich und engagiert spielfreudigen, sondern auch ganz ausgezeichnet von Michael Preiser eingestimmten Chor des Theaters Krefeld Mönchengladbach. Auch hier gilt für mich, seit gut einem halben Jahrhundert, weiterhin ein höchstes „bravi“.
Nicht unerwähnt bleiben sollte das fantastische, eigentlich sogar oscarreife Hintergrund-Bühnenbild von Siegfried E. Meyer, welches leider vorne durch leer herumstehende, völlig überflüssige Gerichtsrequisiten (was für eine blödsinnige Regie-Untat!) verstellt wurde.
Und auch die vorzüglich zeitlich passenden Kostüme von Karine Van Hercke bekommen ein außergewöhnliches Kritikerlob.
Nun zurück zur Inszenierung:
Man fragt sich, was sollte der Quatsch? Die Geschichte als eine Art Rückblende des vor Gericht stehenden Bajazzos! Warum hat, der mir eigentlich bisher in den letzten Jahren, Jahrzehnten immer nur positiv aufgefallene Francis de Carpentries, hier eine quasi Zusatzhandlung (den Anfang einer geradezu läppisch wirkende Gerichtsverhandlung) erfunden, in der sich Canio, augenscheinlich nach den Rachemorden spielend, verantworten muss; auch noch mit Zusatztexten, die zwar thematisch passen, aber nicht zur Originaloper gehören. Gott-sei-es-bedankt wurde die inhaltliche Veränderung wenigstens nicht bei der Inhaltsangabe im Programmheft erwähnt. Wenn man das als Einleitung sah, gerade noch erträglich – die richtige Oper fängt ja nach 10 sinnlosen Minuten dann korrekt an. Aber dann hätten diese störenden Riesenrequisiten verschwinden müssen, da sie im Verlauf des Abends dann keinerlei Rolle mehr spielten, außer zu nerven. Pagliacci ist ein perfektes absolut ausgewogenes Meister-Werk, da muß man nichts dazu erfinden.
Das sorgte dann auch dafür, daß die klassische Schminkszene mit der berühmten Arie „Ridi Pagliaccio“ wegfiel und nur stehend vorn an der Rampe vorgetragen wurde. Ebenso das wunderbare Liebesduett mit Nedda und Silvio, welches völlig wirkungslos blieb, weil die beiden auch vorne an der Rampe auf Holzstühlen saßen – sooo schade, weil die Stimmen traumhaft zusammenpassten; so wurde eine der schönsten Szenen des Werkes verschenkt.

Über weitere Unsäglichkeiten dieses Regiekonzepts schweigt des Kritikers Höflichkeit.
Fazit: Lassen Sie sich, liebe Opernfreunde, jetzt nicht durch die letzten kritischen Sätze davon abhalten, dieses tolle Werk ist ja auch schon nach 80 Minuten zu Ende 😉 – also auch ideal für Anfänger – zu besuchen. Karten gibt es für die Folgevorstellungen noch zuhauf.
Es lohnt sich allemal. Volle fünf Sterne für die musikalische Seite. Leider nur drei für die Inszenierung, immerhin kann Carpentries ja was. Er ist eigentlich ein guter, gelernter und erfahrener Musiktheater-Regisseur. Bitte auf jeden Fall hinfahren!
Peter Bilsing, 15. Juni 2026
PS: Morgen erscheint noch eine zweite Kritik von Markus Lamers
Der Bajazzo
Ruggero Leoncavallo
Opernhaus Rheydt
Premiere am 14. Juni 2026
Regie: Francois De Carpentries
Dirigat: Giovanni Conti
Niederrheinische Sinfoniker
Letzte Termine in Rheydt
4., 15. und 17. Juli 2026