Wiedergutmachung?
Bereits vierzig Nachlässe von österreichischen Künstlern, deren Karriere mit dem Anschluss von 1938 jäh endete oder zumindest unterbrochen wurde, sind dem seit 2016 bestehenden Forschungszentrum Exilarte in Wien anvertraut worden, so auch der vom Komponisten Erich Zeisl, der zunächst nach Paris und kurz darauf in die USA emigrierte, um sich in die Schar der zwischen gänzlichem Verstummen und zu einer Synthese von alter und neuer Heimat Wählenden einzureihen. Mehrheitlich empfanden sie sich weiterhin als in der deutschen Musiktradition verharrend, selbst wenn sie wie Zeisl ihren Namen in Eric änderten und sich jüdischen Inhalten widmeten. Die Ausstellung und das Buch dazu sehen in ihm jedenfalls „Wiens verlorenen Sohn in der Fremde“.

Der wohl auch dank der Zuwendungen der Familie Zeisl-Schönberg reich bebilderte Band, der anlässlich der Ausstellung über Leben und Wirken von Zeisl herausgegeben wurde, enthält interessante Kapitel sowohl über Zeisls sich erfolgreich anbahnende Karriere als Komponist in Wien vor 1938 als um sein Bemühen, an diese in den USA anzuknüpfen, was nur teilweise gelang, sich zunächst im Unterrichten, im Komponieren von Filmmusik erschöpfte, ehe im Bearbeiten jüdischer Themen ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde und der frühe Tod den Schlusspunkt setzte.
Karin Wagner beginnt ihren Aufsatz mit dem Nachvollziehen einer vergeblichen Suche nach dem den Zeisls gehörenden Café Tegetthoff in einem mehrheitlich von Juden bewohnten Wiener Stadtteil, der allerdings bereits vor der Bombardierung Wiens durch die 1938 sofort einsetzend Arisierung vernichtet wurde. Sie berichtet über erste, durchaus erfolgreiche Kompositionen, vor allem für Streichorchester und noch mehr von Liedern (das letzte in Wien komponierte ist „Komm, süßer Tod“), ganz in der Tradition von Schubert und Wolf, abgeneigt gegenüber den von Arnold Schönberg eingeleiteten revolutionären Umwälzungen. Die später erfolgende Verschwägerung der beiden Familien ließ sich damals noch nicht einmal erahnen. Ein Ballett, eine Messe, ein Requiem und die Oper Die Sünde folgen, werden aber trotz bestehender Pläne nicht aufgeführt. Ganz sachlich berichtet die Autorin und überlässt es dem Faksimile einer Aufforderung des Städtchens Baden bei Wien, nach der die jüdische Familie den Ort innerhalb von 48 Stunden zu verlassen habe, den Schock mitzuempfinden, den diese veranlasst haben musste. Eindringlich wird beschrieben, wie zweimal ein Affidavit aus New York, mal eines angeblichen, mal eines tatsächlichen Cousins die Flucht ermöglicht und wie den bis dahin vollkommen assimilierten und konvertierten Juden ihre Herkunft bewusst und ihre Religion, manchen der neue Staat Israel zum neuen Lebensmittelpunkt wird. Zahlreich und bedeutend sind die Namen, die in Wagners Aufsatz auftauchen: Joseph Roth, Darius MiIhaud, Hanns Eisler, und es werden dann in New York und Hollywood noch weit mehr werden.
Die Autorin berichtet eindrucksvoll von der Schaffenskrise, auf die eine neue Sinngebung mit dem Auftragswerk eines Rabbiners im „synagogalen Stil“ folgt und viele Unterrichtsverpflichtungen die Familie finanziell über Wasserhalten.
Intensiver als das voran gehende Kapitel widmet sich Tina Walzer dem Café in der Heinegasse 42, dem Schicksal der Eigentümer, dem Viertel, dem auch die Physikerin Lise Meitner entstammte, und dem Ersuchen um Entschädigung durch Erich Zeisl im Jahre 1957.
Michael Haas schreibt über das Schicksal zweier jüdischer Komponisten aus Wien, neben Erich Zeisl noch über Walter Bricht, und weitet sein Thema aus auf die Darstellung der Unterschiede zwischen dem der leichten Muse zugewandten Berlin und dem an der Klassik orientierten Wien sowie der Arbeiterbildung betreibenden österreichischen Hauptstadt und der Agitprop ausübenden deutschen Metropole. Interessant ist dabei dir Unterscheidung zwischen Ringstraßen- und Schtetl-Juden, lange Zeit einschneidender als die zwischen christlichem und nicht mehr jüdischem Großbürgertum. Wer kennt nicht Pauline Strauss` despektierliche Bemerkung über die Nazis, die Baldur von Schirach „überhörte“. Dass dieser Herr mit dem Titel „Ehren-Jude“ den Komponisten Bricht bedenken wollte und dieser ablehnte, verrät etwas vom Irrsinn der Nazi-Ideologie.
Ausführlicher als seine Kollegen zuvor widmet sich E. Randol Schoenberg der „Konvergenz zwischen Schönberg und Zeisl“ und schöpft als Enkel der beiden natürlich aus dem Vollen. Es geht um den 1944 geschriebenen Aufsatz Zeisls gegen atonale Musik, um sein Requiem Ebraico, das Schönberg trotz der Tonalität rühmt, um in den Neunzigern entstandene Aufnahmen von Zeisls Musik durch harmonia mundi und Decca.
Zwei Beiträge von Michael Haas und Karin Wagner beschließen den Band, von der Heimatlosigkeit der Juden ab 33/38 und der Suche nach einer neuen, auch geistigen Heimat berichtend., während es für Wagner um ein jüdisches Pendant zum berühmten Tanglewood, an dem Zeisl maßgeblich, mitwirkte, geht.
Das Buch leistet einen bedeutenden Beitrag dazu, die Bedeutung jüdischer Künstler für das kulturelle Leben im deutschsprachigen Raum ins Bewusstsein zu rufen und vielleicht Anlass für eine Wiederentdeckung ihrer Werke zu sein. „Leonce und Lena“ von Zeisl könnte ganz oben auf der Liste stehen.
Ingrid Wanja, 17. Juni 2026
Gerold Gruber (Hrsg.): Erich Zeisl. Wiens verlorener Sohn in der Fremde
180 Seiten
Böhlau 2026
ISBN 978 3 205 22192 0