Wien: „Parsifal“, Richard Wagner / Wiener Festwochen

© Nurith Wagner-Strauss

Gezeigt wurde ein Parsifal in einem digitalisierten Bühnenformat: Die Inszenierung bleibt im Kern schlicht, während die visuelle Ebene nahezu ununterbrochen dominiert. Eher kein Kitsch – vielmehr eine Produktion, die bewusst über das Maß hinausgeht. Bühnenbildner Markus Selg zeigt, unterstützt durch Videodesign und kreative Technologie, welche optischen Reize auf künftige Opernbesuchende zukommen könnten. Eine permanente Videofolge versucht, die langen Wagner-Stunden visuell zu beleben, bleibt dabei jedoch oft ohne erkennbare künstlerische Notwendigkeit. Zu sehen sind immer wieder ähnliche Motive: weite, öde Bergketten, verdorrte Landschaften, drohendes Gewölk, Vulkanausbrüche und andere Eruptionen, Dornenkrone, brennende Wälder, umherschwirrende Schicksalsvögel, verwesende Tote auf dem Schlachtfeld und schließlich verklärender Lichterglanz zur wagnerischen Erlösung. Diese unablässige Bilderflut zieht meist an der musikalischen Erzählung vorbei. Statt die Handlung zu vertiefen oder Assoziationen zu eröffnen, überlagert sie häufig das Bühnengeschehen und lässt die Verbindung zu Wagners Musik nur punktuell erkennen. Die Kostüme von Andra Dumitrascu fügen sich, stilisiert und losgelöst von konkret-historischer oder realistischer Verortung, in dieses Gesamtbild ein. Regisseurin Susanne Kennedy begibt sich auf eine spirituelle Reise, hilft sich dabei jedoch mit banaler Symbolik aus.

© Nurith Wagner-Strauss

Wagners Ethos wird hier nicht befragt, sondern entzaubert — und gelegentlich auf bloße Symbolkulisse reduziert. In Wagners Bühnenweihfestspiel zehrt das Geschehen von der Kraft kirchlicher Rituale (Karfreitagszauber), weist dabei aber über das Christentum hinaus. Die Bühne wird in einen Ballungsraum der Religionen und Kulte verwandelt. Römische Standarten, Totempfähle prangen hier ebenso wie Mönchskutten, Mumientücher und Erleuchtungsposen. Plakativ darf auch ein Rehbock durch die Waldszenerie laufen. Russell Thomas in der Titelrolle verfügte über eine respektable, fallweise schneidende Höhe. Er saß die meiste Zeit wie ein Buddha auf dem Felsen der Erkenntnis. Dshamilja Kaiser war eine blasse statuenhafte Kundry, prägnant in Diktion und Timbre, die auch die Stimme aus der Höhe sang. Albert Dohmen verlieh dem Gurnemanz mit seinem dunklen Bass Präsenz. Kartal Karagedik zeichnete den Amfortas mit unverkennbaren Zügen von Christus als Schmerzensmann und prächtigem Bariton. Werner Van Mechelen setzte als Klingsor mit seinem markanten Bassbariton einprägsame Akzente. Kurt Rydl war als Titurel leider nur aus dem Lautsprecher zu hören, ebenso der von Erwin Ortner geleitete Arnold Schoenberg Chor sowie der Kinderchor der Gumpoldskirchner Spatzen. Alle singend Mitwirkenden stehen oder sitzen meist herum: klagend, starrend, wartend auf Erlösung. Das alles erinnert an die Simultanbühne der Mysterienspiele des Spätmittelalters. Musikalisch findet die in Wien aufgewachsene taiwanesische Dirigentin Yi-Chen Lin mit dem ORF-Radio-Symphonieorchester Wien immer wieder die passenden Stimmungen für die endlos langen Monologe.

© Nurith Wagner-Strauss

Die Blumenmädchen, zu beiden Seiten der Bühne drapiert, die Wucht der kraftvollen Motive und das strahlende Finale der allgemeinen Erlösung verfehlten unter ihrer Stabsführung ihre Wirkung nicht. Der Schlussbeifall des verbleibenden Teils des Publikums war überwältigend. Die Frage „Weißt du, was du sahst?“, ein zentrales, vielschichtiges Zitat aus dem ersten Akt des Parsifal (wenn Gurnemanz den unschuldigen Parsifal befragt), bleibt für das Publikum völlig offen. Im Kontext dieser Inszenierung verweist es – wie in der aufsehenerregenden Bayreuther Inszenierung von Stefan Herheim aus dem Jahr 2008 – auf eine tiefgreifende, schwer zu durchschauende metaphysische Ebene.

Harald Lacina, 21. Juni 2026


Parsifal
Richard Wagner

Museumsquartier Wien

Premiere am 15. Juni 2026
Wiener Festwochen

Regie: Susanne Kennedy / Markus Selg
Musikalische Leitung: Yi-Chen Lin
ORF-Radio-Symphonieorchester Wien