Zwischen Sahnetorte XXL und Kalaschnikow
Nicht müde zu beteuern, dass er fast gar nichts, kaum etwas, nur wenig und dann nur vom Text an Lortzings Singspiel Zar und Zimmermann geändert habe, wurde Martin G. Berger, bevor am 20. Juni die Premiere über die Bühne der Deutschen Oper ging, und bricht dem zwar brutal Gegner vernichtenden, aber auch Russland dem Fortschritt öffnenden Zaren doch mehr als einen Zacken aus der Krone, ja macht ihn sogar zu einem imaginären Duodezfürsten eines Phantasielandes, lässt Peter Iwanow Industriespionage betreiben, van Bett illegale Migranten aufspüren und Marie sehr offensiv Feministisches vertreten.

Mehrfach schon tätig geworden an Berliner Bühnen war der Regisseur zuvor mit einer empfindsamen Stella an der Neuköllner Oper und einem erfrischenden In Frisco ist der Teufel los an der Komischen Oper. Nun aber musste man eine Regie-Kopfgeburt befürchten, wenn es hieß, man solle sich „als Gesellschaft auch Gedanken darüber machen, ob es andere Möglichkeiten als den radikalen Individualismus unserer Zeit geben“ müsse, ob wirklich „ein Unterhaltungsstück die behutsame Anpassung ans heutige Zeitempfinden“ brauche. Damit teilt er die Ansicht vieler seiner Berufskollegen, das Publikum sei nicht in der Lage, historisch zu denken und geographische Besonderheiten kritisch einzuordnen, beraubt ein Stück gleich zweier Dimensionen zugunsten des dem Zuschauer ohnehin allzu vertrauten Hier und Jetzt.
Natürlich ist es erst einmal ein Verdienst der Deutschen Oper, des 225. Geburtstags und 175. Todestags des Komponisten zu gedenken, dem die Oper Leipzig eine ganze Woche widmete. Immerhin war die letzte Premiere eines Zaren und Zimmermann in den Achtzigern an der Deutschen Oper in der Regie von Winfried Bauernfeind mit einem riesigen, im Bau befindlichen Schiffskörper als faszinierendem Bühnenbild noch ein sich über lange Jahre hinweg anhaltender Erfolg. Seit einigen Jahrzehnten gibt es kaum noch Aufführungen deutscher Singspiele, die gesprochenen Dialoge gelten als langweilig und sind es teilweise auch, stellen zudem die international aufgestellten Ensembles vor Probleme, Sänger streben in die spektakulären Partien, die man sogar eher in Donizettis Il borgomastro di Saardam findet als in Zar und Zimmermann.

Es ist also sicherlich zu begrüßen, das Werk zum Schluss der von Interims-Intendant Christoph Seuferle verantworteten Spielzeit, die bisher glücklich verlief, noch einmal zur Diskussion zu stellen, zu prüfen, ob es dafür noch ein Publikum gibt. Schließlich sind mehrere Jahrzehnte vergangen, seit eine treue Abonnentin den in der Kassenhalle auf den Bundespräsidenten wartenden Götz Friedrich ansprach und darum bat, doch einmal Thomas‘ Mignon auf den Spielplan zu setzen. Die Zeit der Spieloper, nicht nur der deutschen, schien endgültig vorbei zu sein.
Der erste Eindruck ist der, dass die Bonbonfarben, darunter viel Rosa, aber auch sonstige Pastellfarben, die dank der Kostüme von Esther Bialas vorherrschen, nicht zu den klaren Farben der Musik zu passen scheinen. Hatte der Regisseur kein Vertrauen in das Stück, so dass er meint, es mit einer überbordenden Optik und zusätzlichem Personal aufwerten zu müssen? Er ließ an Personal zu den beiden Petern, van Bett, Marie, Witwe Browe und den Botschaftern zusätzlich noch einen Onkel des Zaren, einen Geheimdienstmitarbeiter und den Ministerpräsidenten von Holland, die Bühne bevölkern und eine durch und durch verquaste zusätzliche Handlung zu einer unnötigen, ja ermüdenden Verlängerung des Werks führen, das nun statt seiner klaren, zu einem Happy End für alle führenden Schluss sich mühsam durch alle heutigen Probleme schleppt, woke bis zum Abwinken den heterosexuellen lesbische und homosexuelle Paare zur Seite stellt, aus Witwe Browe eine Deals nachjagende Kapitalistin macht und nichts, aber auch nichts auslässt, was heutige Gemüter bewegt, das ideologische Gestrüpp dazu noch mit einer Soße von „schön“ und ironisch sein sollenden Bildern übergießt, so dass das harmlose Werklein geradezu zerquetscht wird zwischen Erdbeersahne und Sturmhaubenkolonnen. Dazu passt eine der Götterdämmerung würdige Bühne (Sarah-Katharina Karl) mit riesigen Edelstahlgerüsten, Glitzerwänden, und auch ins Publikum wird mal geleuchtet, der Orchestergraben umrandet und zum Schluss der Zar samt Konsorten abgeführt, Peter Iwannow zum neuen Zaren ernannt, der sofort abdankt – und Friede, Freude, Eierkuchen – oder doch nicht?

Eher kläglich eingestreut in die optische Übermacht erscheinen die bekannten Arien und Chöre, das Personal der Lächerlichkeit preisgegeben, so dass seine Arien, so das bekannte „Sonst spielt‘ ich mit Zepter, mit Krone…“ überhaupt nicht zu der Figur passen, die auf der Bühne steht. Pech war zudem, aber grundsätzlich wird sich daran nichts ändern, dass beide Zaren-Sänger erkrankt waren, so dass der Regisseur den Peter spielte und der aus Wien eingeflogene Daniel Schmutzhard von der Seite her sang. Dabei kollidierten der durchaus profund und mit Überzeugung gesungene und der sich läppisch gebärdende szenische miteinander, so dass des Reußen-Herrschers trauriges Ende kaum rühren konnte. Große Begeisterung erweckte der Holzschuhtanz, der jeder Cheerleader-Tanzgruppe zur Ehre gereicht hätte, eher knapp bis fehlend fiel der Applaus für die Sänger aus, die offensichtlich viel weniger das Interesse der Regie hatten wecken können als die ideologiebefrachteten Sentenzen, die diese ihnen in den Mund gelegt hatte.
Tröstlich war immerhin, was aus dem Orchestergraben zu vernehmen war, wo Antonello Manaconda viel von Rubati und Accelerandi hielt, Duftiges und viel Slancio bot, die Ouvertüre trotz der üppigen Bebilderung nicht untergehen ließ. Auch der Chor (Thomas Richter) erfreute mit einem fein differenzierenden „Heil sei dem Tag“. Trotz des unkleidsamen Arbeitsoveralls eine attraktive Marie gab Nadja Mchantaf mit zierlichem lyrischem Sopran und uncharmant nur durch ihre Ideologieversessenheit. Die an sich undankbare Partie des Peter Iwanow wurde durch dessen Ernennung zum Zaren samt Verzicht kaum aufgewertet, Philipp Kapeller schlug sich dennoch achtbar. Mehr Süße im Timbre hätte man vom Chateauneuf von Kieran Carrel erwartet, der das Flandrische Mädchen recht trocken besang. Pralle Töne, aber rollenbedingt nur wenige steuerte Nicole Piccolomini bei, Patrick Zielke ließ sich als van Bett zunehmend, bedingt wohl auch durch schauspielernde Beanspruchung, zum Outrieren verleiten. Jared Werlein und Padraid Rowan gliederten sich in die Schar der nicht ernst zu nehmenden Witzfiguren ein, während die drei hinzugefügten Figuren nicht mehr und nicht weniger als zeitraubenden Überdruss fabrizierten. An der Überaktion auf der Bühne mag es auch gelegen haben, dass von den Dialogen wenige zu verstehen und man dankbar für die Übertitel war.

Bereits zur Pause hatte es Buhrufe gegeben, am Schluss hielten sich trotziger Beifall und wütende Ablehnung die Waage. Für Lortzing war dieser Abend eher eine Verhöhnung als eine Ehrung.
Ingrid Wanja, 20. Juni 2026
Zar und Zimmermann
Albert Lortzing
Deutsche Oper Berlin
Premiere am 20. Juni 2026
Regie: Martin G. Berger
Musikalische Leitung: Antonello Manacorda
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin