Frankfurt: „Der Triumph von Zeit und Erkenntnis“, Georg Friedrich Händel (zweite Besprechung)

Bereits dieses eine Video genügt, um denen, die für die im Bockenheimer Depot wie üblich schnell ausverkauften Vorstellungen keine Karte mehr bekommen haben, eine Ahnung davon zu geben, was sie verpaßt haben: Younji Yi singt „Lascia la spina“, eine frühe Fassung des bekannten „Lascia ch’io pianga“. Makellos, innig, mit einem wunderbar gerundeten, jugendlich-frischen Sopran, der über ein geradezu honigsüßes Timbre verfügt. Im Da-capo des ersten Teils bringt sie stilsicher Verzierungen an. Das Orchester begleitet zurückhaltend und aufmerksam, atmet mit ihr. Es ist einer jener Momente des vollkommenen Opernglücks, bei denen die Zeit stillzustehen scheint und man sich wünscht, er würde ewig dauern. Die junge Sängerin ist Mitglied des hauseigenen Opernstudios und hatte in dieser Spielzeit bereits als Ismene in Mozarts Mitridate auf sich aufmerksam gemacht. Regelmäßig sind in dieser Talentschmiede Stimmen zu entdecken, von denen man hofft, daß sie bitte in das feste Ensemble übernommen werden, um dem Frankfurter Publikum erhalten zu bleiben.

© Monika Rittershaus

Diesen Weg sind vor Jahren Katharina Magiera und Michael Porter gegangen. Bei beiden kann man eine stimmliche Entwicklung beobachten, in der gutes, jugendlich-frisches Ausgangsmaterial über die Jahre keine Verschleißerscheinungen gezeigt hat und nun von großer Erfahrung profitiert (um das altväterliche Wort „Reife“ zu vermeiden). Magiera singt Disinganno (Erkenntnis) mit ihrem wie immer klangsatten und dabei wendigen Alt. Wir waren lange im Zweifel, ob sie nicht eher als Mezzosopran zu bezeichnen wäre, denn ihre Höhe wirkt unangestrengt, während man gerade in ihren ersten Rollen bei der tiefen Lage mitunter den Eindruck einer herben Verschattung mit gelegentlichen Intonationstrübungen hatte. Davon ist aktuell nichts zu hören. Auch und gerade bei der tiefen Lage gibt es keine Kompromisse. Porter als Tempo (Zeit) beeindruckt mit einer fein abstufenden Differenzierungskunst. Da die Zeit hier vor allem für Vergänglichkeit steht, zeigt er in zurückgenommenen Elementen auch fahle Farben, die er in wirkungsvollen Kontrast zu seinem saftig-frischen Tenormaterial an anderen Stellen setzen kann. Das ist alles sehr genau auf den Text bezogen und präsentiert sich als Muster an Gestaltungskunst.

Monika Buczkowska-Ward hatte sich 2023 in Orlando als neues Ensemblemitglied mit technischer Leichtgängigkeit und makelloser Verzierungskunst als ideale Händel-Sängerin empfohlen. Diesen Eindruck festigte sie vor einem Jahr als Händels Alcina und zeigte zudem, daß sie neben einer schönen Stimme und handwerklichem Können auch über die Fähigkeit zur eindringlichen Rollengestaltung verfügt. Das alles ist auch jetzt wieder bei ihrem Einsatz als Bellezza (Schönheit) zu erleben.

© Monika Rittershaus

Insgesamt hat sich ein nahezu ideales Händel-Quartett zusammengefunden, bei dem Klangschönheit, stilsichere Gesangstechnik und Gestaltungskunst sich glücklich verbinden. Dazu kommt ein Orchester, das unter der Leitung von Simone Di Felice den Abwechslungsreichtum und die Kreativität des jungen Händel plastisch zur Geltung bringt. Als besondere Preziose hat der Komponist ein kleines Orgelkonzert eingebaut, in dem Luca Quintavalle sich als Tastenvirtuose profiliert.

Als Oratorium mit allegorischen Figuren eignet sich das Stück auf den ersten Blick nicht zwingend für eine szenische Einrichtung. Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Vielmehr entspinnt sich ein auf vier Figuren verteilter Diskurs darüber, dass die Schönheit (Bellezza) sich nicht dem leichtsinnigen Vergnügen (Piacere) hingeben sollte, sondern sich der Vergänglichkeit bewußt sein und der göttlichen Ewigkeit gemäß leben sollte. Ein frommer Text also. Katharina Kastening und ihr Produktionsteam lesen den Text weltlich und breiten an ihm ein Panorama zum Thema „Selbstoptimierung durch plastische Chirurgie“ aus. Diese Idee wirkt auf den ersten Blick wie ein weiterer Exzeß zwanghafter Aktualisierungs- und Banalisierungsbemühungen der endemischen Regisseurstheater-Krankheit. Tatsächlich aber läßt sich das Libretto mit dieser Idee erstaunlich bruchlos durchdeklinieren, auch wenn es sich um eine thematische Verengung handelt. Dabei hilft das Bühnenbild von Ashley Martin-Davis, welches in seiner raffiniert-kargen Abstraktheit Metaphern des Librettos aufnimmt. Über einer langen, nach hinten ansteigenden weißen Rampe als Spielfläche schwebt eine übergroße Fassung jenes „getreuen Spiegels“, der im Text Erkenntnisse über die eigene Vergänglichkeit zu Tage fördern soll. Dieser riesenhafte Spiegel steht vor Beginn hochkant und zeigt das Publikum. Dann kippt er um 90 Grad und reflektiert das Geschehen auf dem Bühnenboden, wobei sich durch Videoprojektionen auf dem Bühnenboden (Tal Rosner) reizvolle Effekte ergeben. Wo von Gräbern die Rede ist, tut sich eine Bodenplatte auf und offenbart eine mit Erde gefüllte Grube, in die von oben wie in einer Sanduhr der Staub rieselt, zu dem jedes Lebewesen am Ende zerfallen wird. Das Allegorische und die Metaphorik sind also in dieser Produktion nicht vollständig eliminiert. Vielmehr wird der abstrakte Diskurs anhand der aktuellen Thematik der Selbstoptimierung exemplarisch verdeutlicht. Am hinteren Ende der Rampe sitzt in einem Zimmer die gealterte Bellezza (Susanne Beck als stumme Rolle) und blickt auf ihren Lebensweg zurück. Wenn Piacere die junge Bellezza zu Sorglosigkeit anhält, erscheinen Tempo und Disinganno als Spielverderber. Die Regie zeigt dabei den Namen von letzterer in seinem wörtlichen Doppelsinn: Disinganno ist eine „Erkenntnis“, die aus Ent-Täuschung rührt: Die Figur wird als Ergebnis mißlungener Schönheitsoperationen gezeigt. Zu solchen Operationen verführt Piacere im Krankenschwesternkostüm die junge Bellezza. Das wird schonungslos blutig herausgearbeitet. Die Hoffnung, dem Traum von ewiger Jugend und Schönheit chirurgisch nachzuhelfen, erweist sich als Täuschung. Die geläuterte, ent-täuschte Schönheit akzeptiert schließlich die Vergänglichkeit: Ihre gealtertes Ich tritt aus ihrer Kammer heraus und blickt versöhnt auf die vergangene Schönheit. Das ist am Ende sogar gegenüber dem Libretto, bei dem Bellezza sich in ein Kloster zurückzieht, der stimmigere Schluß, jedenfalls aber ein die Profanisierung der geistlichen Parabel konsequent zu Ende führender.

© Monika Rittershaus

Diese Produktion reiht sich glänzend in eine kaum mehr überschaubare Reihe von gelungenen Händel-Produktionen der Oper Frankfurt ein. In der kommenden Saison kommen gleich zwei Werke des deutsch-englischen Barockmeisters mit verheißungsvollen Besetzungszetteln heraus, eine davon wieder im Bockenheimer Depot. Für letztere sollte man sich frühzeitig um Karten bemühen.

Michael Demel, 28. Juni 2026


Der Triumph von Zeit und Erkenntnis
Oratorium in zwei Teilen von Georg Friedrich Händel

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot

Besuchte Aufführung: 15. Juni 2026
Premiere: 13. Juni 2026

Musikalische Leitung: Simone Di Felice
Inszenierung: Katharina Kastening
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Erste Besprechung