Bayreuth: „Götterdämmerung“, Richard Wagner (zweiter Zyklus)

Wie im Fußballstadion klingt das Gegröle eines Teils des Publikums, kaum dass der letzte Ton verklungen ist. Wie unsensibel und rücksichtslos muss man sein, dass man nach diesem musikalischen Wunder nicht wenigstens einmal durchatmen und die Musik einige Sekunden nachklingen lassen kann? Oder es wenigstens anderen zu gestatten. Erschreckend! Letztendlich treffen diese Buhrufe das Orchester im Graben und die Sänger und Sängerinnen auf der Bühne, denn die Verantwortlichen zeigen sich an diesem Abend nicht. Bedenklich aus deshalb, weil sich Christian Thielmann und das Festspielorchester mit dieser Leistung nochmal selbst übertroffen haben. Das Faszinierende seines Dirigats, die Durchhörbarkeit, die Feinheiten, die Steigerungen, die Vielschichtigkeit und Dynamik, zusammen mit dem in allen Instrumentengruppen phänomenal spielenden Festspielorchester sind der Höhepunkt dieses Ring-Zyklus.

© Enrico Nawrath

Unübertroffen der Siegfried von Klaus Florian Vogt. Er beglückt das Publikum mit seiner strahlenden Stimme, klarer Diktion und einer alle Facetten der Figur herausarbeitenden Interpretation, vom fröhlich in die Ferne ziehenden Helden bis hin zur ganz verinnerlichten Sterbeszene.

Während im ersten Akt die Stimme von Camilla Nylund als Brünnhilde in der Höhe stumpf und mit viel Vibrato nicht überzeugt, steigert sie sich erheblich im zweiten und dritten Akt. Da beginnt auch die Höhe zu leuchten, und die Darbietung wird intensiver. Für den Schlussgesang mobilisiert sie noch einmal alle Reserven und gestaltet vor allem die leisen Phrasen mit Intensität. Trotzdem bleibt der Eindruck zwiespältig, was ihr am Ende auch Buh-Rufe beschert. Auch dies ein Zeichen für das sich leider ändernde Niveau bei einem Teil der Hügel-Besucher. Respektlos.

Ein besonderer Höhepunkt ist, wie schon im letzten Ring, die Waltrauten-Szene. Christa Mayer fasziniert durch die kluge und genaue Auslotung des Textes und durch ihre wunderbar strömende, intensive Stimme.

© Enrico Nawrath

Mika Kares ist Hagen. Mit seiner klangmächtigen Stimme und sehr nuancierten textlichen Gestaltung gibt er der Figur die nötige verschlagene und bösartige Ausstrahlung. Zusammen mit dem von Thomas Eitler-de Lint einstudierten Festspielchor, wie immer stimmgewaltig und homogen im Klang, entsteht eine mitreißende Mannen-Szene.

Eine Enttäuschung, wie auch in den anderen Ring-Teilen, der Alberich von Jochen Schmeckenbecher. Die Stimme klingt zu unstet und hat zu wenig Substanz, um die Rolle auszufüllen.

Michael Kupfer-Radecky überzeugt mit klarer Diktion und kernigem Ausdruck als Gunther, während Magdalena Hinterdobler mit unausgeglichener Stimme der Gutrune und 3. Norn nicht ganz gerecht wird. Überragend die 1. Norn von Anna Kissjudit, die wieder mit großer, klangvoller Ausstrahlung und Diktion gestaltet. Auch Alexandra Ionis überzeugt als 2. Norn.

Katharina Konradi, Natalia Skrycha und Marie Henriette Reinhold sind im Klang und in der Interpretation unwiderstehliche Rheintöchter. Dass Siegfried da nicht schwach wurde, ist kaum zu verstehen.

© Enrico Nawrath

Und die KI? Die hat schöne, aber auch sehr viele, geradezu hysterische Bilderfolgen parat. Zum Glück gewöhnt man sich daran und kann öfter mal, wenn man sich nur auf die Sänger konzentriert, einiges von dem unzusammenhängenden Unsinn ausblenden. Wohltuend wieder der geschlossene Vorhang bei den Vor- und Zwischenspielen. Das sollte generell wieder eingeführt werden!

Nach dem schon eingangs erwähnten primitiven Buh-Geschrei gib es dann für die Sängerinnen, Sänger und den Dirigenten überbordenden Jubel.

Und was bleibt? Eine alles übertreffende musikalische Darbietung durch Christian Thielemann und das Festspielorchester, ein optisch verpatzter Jubiläums-Ring, die Einsicht, dass sich in Bayreuth vieles weiterhin zum Schlechten entwickelt, die merklich nachlassende Demut gegenüber dem Werk Richard Wagners und die bange Frage „Weißt Du, wie das wird…?“

Axel Wuttke, 10. August 2026


Der Ring des Nibelungen
Dritter Tag: Götterdämmerung
Text und Musik von Richard Wagner

Bayreuther Festspiele

Aufführung am 9. August 2026 (zweiter Zyklus)
Premiere (erster Zyklus) am 1. August 2026

Kurator: Marcus Lobbes
Künstlerisch-technische Konzeption: Marcus Lobbes und Nils Corte
Digital- und KI-Storytelling: Roman Senkl
Creative Code / Visual Art: Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger

Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Orchester der Bayreuther Festspiele

Weitere Vorstellung (dritter Zyklus) am 16. August 2026