Mit dem Liverpool Oratorio betrat Paul McCartney Anfang der 1990er Jahre Neuland. Der ehemalige Beatles-Musiker schrieb das Werk anlässlich des 150-jährigen Bestehens des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra gemeinsam mit dem Komponisten und Dirigenten Carl Davis. Die Uraufführung fand 1991 in Liverpool statt und wurde damals mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Das Oratorium erzählt in acht Teilen die Lebensgeschichte einer Figur namens Shanty. Von der Geburt im Krieg über Kindheit, Liebe, Verlust und persönliche Krisen bis hin zu Versöhnung und Hoffnung spannt sich ein weiter Bogen, in den McCartney auch Erinnerungen an seine eigene Herkunft und Jugend in Liverpool einfließen ließ.
Mehr als drei Jahrzehnte später brachte die Aufführung am 13. Juni 2026 in den Holstenhallen Neumünster eines der größten chorsinfonischen Projekte der vergangenen Jahre nach Schleswig-Holstein. Über 600 Mitwirkende standen auf und hinter der Bühne. Allein rund 500 Sängerinnen und Sänger aus 16 Chören aus Schleswig-Holstein und Hamburg bildeten einen Chor von beeindruckender Größe: Konzert- und Männerchor Quartett Lied Hoch, Internationale Chorakademie, Alumni Chor Uni Hamburg, Chorknaben Uetersen, Ensemble Elmshorn der Liedertafel Elmshorn, Extrachor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, Hamburger Knabenchor, Hochschulchor Flensburg, Holstein Chor Neumünster, Jugendchor Chorverband Schleswig-Holstein, Landesjugendchor Schleswig-Holstein, Meldorfer Domchor, Robins Echo, Sonux Ensemble, Universitätschor Lübeck, Vokalensemble Glückstadt wirkten an diesem Abend zusammen.
Hinzu kamen das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester, Mitglieder des Landesjugendorchesters Schleswig-Holstein sowie Studierende der Musikhochschule Lübeck.

Die musikalische Leitung lag bei Generalmusikdirektor Harish Shankar. Er erwies sich als idealer Dirigent für dieses Werk. Das Liverpool Oratorio bewegt sich zwischen Oratorium, Musical, Filmmusik und Pop und kann leicht in einzelne effektvolle Episoden zerfallen. Shankar formte die acht Teile zu einer geschlossenen Lebensgeschichte.
Schon zu Beginn überzeugte die Klarheit seiner musikalischen Gestaltung. Die filmisch angelegten Passagen behielten Kontur und Chor und Orchester agierten als gleichberechtigte Partner.
Statt bloßer Klangwucht setzte Shankar in den Chorpassagen auf differenzierte Dynamik und sorgfältig aufgebaute Spannungsbögen. Dadurch zeichnete er selbst in den gewaltigen Tutti-Passagen musikalische Entwicklungen klar nach.
In den lyrischen Szenen von Liebe, Verlust und Selbstzweifel kostete er McCartneys melodischen Reichtum aus und begleitete die Solisten aufmerksam und sensibel. Auch das Finale geriet überzeugend: Ohne ins Sentimentale abzugleiten, führte Shankar die musikalischen Linien konsequent zu einem versöhnlichen und menschlichen Höhepunkt.
Statt auf einzelne spektakuläre Momente zu setzen, hielt Shankar die Interpretation konsequent zusammen und formte aus dem gewaltigen Apparat eine packende musikalische Erzählung.
Dazu trommelte der Regen mal stärker, mal leiser auf das von wechselnden Lichtstimmungen illuminierte Dach der Holstenhalle und erinnerte Akteure wie Publikum daran, dass es Kräfte gibt, die größer sind als jede menschliche Inszenierung.
Caroline Bruker behauptete sich auch in den dichtesten Chorszenen mühelos gegen die enorme Klangfülle der Chöre und des Orchesters. Ihr Sopran verband Strahlkraft mit einer angenehmen Natürlichkeit und gewann besonders in den ruhigeren, lyrischen Passagen an Ausdruck. Dort verlieh sie McCartneys oft überraschend persönlichen Melodien eine berührende Unmittelbarkeit.
Mireille Lebel setzte dazu einen warmen, klangvollen Gegenpol. Gerade in den emotional aufgeladenen Szenen überzeugte sie weniger durch große Gesten als durch ihre kontrollierte Linienführung und ihre Fähigkeit, Stimmungen differenziert auszuleuchten.
Ian Spinetti meisterte die anspruchsvolle Tenorpartie mit hörbarer Energie und sicherem Gespür für die dramatischen Zuspitzungen des Werkes. Wo McCartney die Musik in größere Höhen und stärkere Emotionen führt, blieb sein Vortrag präsent und fokussiert, ohne in bloße Kraftmeierei abzugleiten.
Sönke Tams Freier sorgte mit seinem markanten Bassbariton für das nötige Fundament. Er gab den entsprechenden Passagen Ruhe und Autorität, während seine präzise Textbehandlung dafür sorgte, dass die erzählerische Dimension des Werkes stets erhalten blieb.

Wenn man überhaupt etwas kritisieren wollte, dann allenfalls die Organisation rund um die Veranstaltung: Die Parkgebührenzahlung erwies sich als wenig effizient und führte zu Staus bei der Anfahrt, die Parkgebühr von fünf Euro sowie drei Euro für die Garderobe waren nicht gerade zurückhaltend kalkuliert, und selbst beim Gang zur Toilette wurden noch einmal mit 50 Cent erbeten. Künstlerisch hingegen ließ dieser Abend keine Wünsche offen. Die vom Konzert- und Männerchor „Quartett Lied Hoch“ aus Glückstadt initiierte Aufführung zeigte eindrucksvoll, welche Kraft gemeinsames Musizieren entfalten kann, wenn Hunderte von Menschen über Monate hinweg auf ein einziges Ziel hinarbeiten.
Marc Rohde, 14. Juni 2026
Liverpool Oratorio
von Paul McCartney und Carl Davis
13. Juni 2026
Dirigat: Harish Shankar
Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester