Stuttgart: „Turandot“, Giacomo Puccini

Sie war schon ein großartiges Opernerlebnis, die Neuproduktion von Puccinis letzter Oper Turandot an der Staatsoper Stuttgart. Dieses auf Carlo Gozzi zurückgehende, unvollendet gebliebene – Puccini starb über der Komposition – Dramma lirico in drei Akten hinterließ einen ungemein  starken Eindruck. Szene, Musik und Gesang fügten sich zu einer Symbiose von enormem Glanz zusammen. Alles wirkte wie aus einem Guss. Das Inszenierungsteam um Anna – Sophie Mahler (Regie), Katrin Connan (Bühnenbild) und Pascale Martin, Katrin Connan (Kostüme) haben hervorragende Arbeit geleistet. Es ist der Regisseurin hoch anzurechnen, dass sie aus Puccinis Werk keinen traditionellen Ausstattungsschinken gemacht hat, sondern es geschickt modernisiert und ihm gekonnt einen stark innovativen Anstrich gegeben hat. Sie siedelt die Handlung in einem im oberen Bereich klinisch sterilen weißen Raum an.

© Oliver Killig

Der untere Teil des Bühnenbildes wird von einem Tagebau dominiert. In diesem Ambiente führt  Frau Mahler dem zahlreich erschienenen Publikum eine von Totalitarismus und Kapitalismus geprägte, aseptische Welt vor Augen, die hoch technisiert ist und in der künstliche Intelligenz sich ausgebreitet hat. Gefühle spielen hier keine sonderliche Rolle mehr. Als Liu malträtierende, ausgesprochen grausame Foltermaschinen fungieren zwei Roboterhunde. Diese Gesellschaft ist sich der sie umgebenden Missstände gar nicht bewusst. Es ist nur scheinbar alles in bester Ordnung. Die Gefahr, die von dem Tagebau ausgeht, wird allseits verkannt. Die Menschen graben sich unbewusst selbst den Boden unter den Füßen weg. Um zum Zwecke der Digitalisierung seltene Erden zu gewinnen, betreiben sie einen rücksichtslosen Raubbau an der Natur, der ihre Umgebung zunehmend zerstört und sie gleichsam in die Selbstvernichtung treibt. Hier beleuchtet Frau Mahler eindringlich ein sehr aktuelles Problem, das uns alle angeht. Im Programmheft auf S. 20 spricht sie von einem Übergang vom Menschen hin zu einem Cyber-Dasein, in dem wir uns verlieren, von einem Leben am Abgrund.

In diesem Zusammenhang kommt dem Bild des Eises zentrale Relevanz zu. Das Eis führt unweigerlich zur Erstarrung und verhindert, dass das Volk eigene Ideen entwickeln und sich frei entfalten kann. Die Menschen bleiben gefangen in vorgegebenen Bildern (vgl. Programmheft S. 20) und können keine eigene Initiative mehr entwickeln. Was um sie herum vorgeht, realisieren sie nur mehr anhand ihrer Displays, auf denen ständig ihr Blick ruht. Die obere Ebene des Bühnenbildes nehmen sie zwar wahr, ohne sich indes über deren Bedeutung klar zu werden. Daraus resultieren Verständnislosigkeit und Gleichgültigkeit. Die Einwohner Pekings sind an dem, was da oben vor sich geht, überhaupt nicht mehr interessiert. Die Fähigkeit zur Differenzierung ist ihnen abhanden gekommen. Demgemäß ist es auch kein Wunder, dass die Oberschicht mit ihnen machen kann, was sie will. Widerspruch hat sie von dieser gleichsam narkotisierten Menge nicht zu erwarten. Konventionelle Operngesten drücken das Sinnfreie, Wirkungslose und Vergebliche der Handlungen der Masse aus. Daraus folgt zu guter Letzt auch ein verantwortungsloser Umgang mit der Natur. Technisierung und Industrialisierung tragen den Sieg davon. Nachhaltig drängen sich Parallelen zu Fritz Langs Film Metroplis auf, in dem ebenfalls eine kalte Technik den Ton angibt.

Turandot ist eine wahre Eisprinzessin. Man kann sie als Projektionsfläche begreifen, gleichzeitig wird sie von Frau Mahler aber auch zum Prinzip erhoben. Der Eispanzer, in dem sie eingeschlossen ist, wird durch eine oftmals vom Schnürboden herabschwebende stählerne Träne symbolisiert. Turandot steht für eine starre, unterkühlte und reiner Menschlichkeit abholden Welt, der Emotionen fremd sind. Die Kälte hält sie gleichsam gefangen, indes wird dieser Zustand von der Prinzessin zuerst noch bereitwillig angenommen. Erst bei Lius Tod beginnt sie Zweifel an ihrer Situation zu hegen. Liu opponiert gegen das technisierte, künstliche System, wobei ihr Calaf als Sprachrohr dient. Die Liebe ist der allem übergeordnete Gedanke, das hehre Prinzip, dem sich das gänzlich erdverbundene Tartaren-Mädchen letztlich bereitwillig opfert. Ihr Tod ist das Mittel, mit dem sie in Turandot eine Wandlung bewirken will. Damit wird sie gleichsam zu einer Revolutionärin, die sich für die Reinkarnation menschlicher Werte einsetzt.

© Oliver Killig

Letztere sind vor allem einem Kind anzumerken, das die Regisseurin Turandot an die Seite stellt. Hier haben wir es mit einem kindlichen Alter Ego der Prinzessin zu tun, mit einer kleinen Turandot, die sich im Gegensatz zu ihrem größeren Ich stark nach Liebe, Zuwendung und Nähe sehnt. Dies wird vor allem dann deutlich, als sich das Kind sehnsuchtsvoll an Calaf klammert. Im Gegensatz zu der erwachsenen Turandot hegt sie tiefe Gefühle für ihn und möchte von ihm festgehalten werden, um nicht in den Abgrund zu stürzen. Das ist ein sehr guter Ansatzpunkt seitens der Regisseurin, der psychologische Muster nicht fremd zu sein scheinen. Sigmund Freud lässt grüßen. Am Ende gelingt es Turandot, den sie umgebenden Eispanzer abzuwerfen. Sie und Calaf kommen aber nicht zusammen. Frau Mahler lässt sie nach verschiedenen Seiten abgehen, während das Kind allein zurückbleibt. Der Raum und die Personen lösen sich auf.

Gänzlich neu und beeindruckend gestaltet die Regisseurin das Ende. Poi Tristan – auf deutsch: Dann Tristan – schrieb der bereits schwerkranke Puccini auf eines seiner ins Krankenhaus mitgenommen Skizzenblätter. Daraus resultierte die Entscheidung von Anna – Sophie Mahler, Puccini beim Wort zu nehmen. Demgemäß wird in Stuttgart weder der Alfano- noch der Berio-Schluss gespielt, und der Dirigent hat auch nicht, wie es Toscanini bei der Uraufführung tat, nach Lius Tod abgeklopft. Stattdessen erklingt in einer Fassung für Orchester Isoldes Liebestod aus Wagners Tristan und Isolde. Das war sehr überraschend, aber durchaus nicht unpassend. Die Turandot endet nach den letzten Worten des Lius Tod folgenden Chores mit einem es, und Isoldes Liebestod beginnt mit einem es. Ein Übergang von Turandot zu Tristan war also problemlos möglich. Diese Verbindung hat sich im konkreten Fall auch bewährt. Dramaturgisch macht sie ebenfalls Sinn. Das Wesen des übergroßen Kosmos der Liebe ist in beiden Fällen sehr ähnlich. Insgesamt haben wir es hier mit einer vortrefflichen, gut durchdachten und mit Hilfe einer stringenten, abwechslungsreichen Personenregie auch spannend auf die Bühne gebrachten Inszenierung zu tun.

Am Pult erbrachte Valerio Galli eine regelrechte Glanzleistung. Er holte alles aus dem bestens disponierten Staatsorchester Stuttgart heraus. Sein Dirigat wies eine ungeheure Dramatik und enormen Schwung auf. Gleichzeitig betonte er gekonnt die lyrischen und leisen Stellen. Daraus resultierte ein sehr differenzierter, nuancenreicher Orchesterklang. Der den Abend abschließende wagner’sche Liebestod Isoldes klang unter seiner versierten Leitung weich und getragen.

© Oliver Killig

Zum größten Teil überzeugend waren die gesanglichen Leistungen. Mit bestens italienisch fokussiertem, strahlendem und über sichere Spitzentöne verfügendem dramatischem Sopran zog Ewa Vesin alle Register der Turandot, die sie auch ansprechend spielte. Einen imposanten, sehr heldisch anmutenden Spinto-Tenor brachte Diego Godoy in die Partie des Calaf ein. Betörend schönes, emotional angehauchtes jugendlich-dramatisches Sopran-Material sowie einfühlsame Piani und Pianissimi zeichneten die Liu von Esther Dierkes aus. Profund und kraftvoll sang Goran Juric den Timur. Einen guten Eindruck hinterließ der Altoum Heinz Göhrigs. Von den drei Ministern gefiel der voll und rund intonierende  Bass-Bariton Shigeo Ishino (Ping) besser als die flach klingenden Tenöre von Alberto Robert (Pang) und Oscar Encinas (Pong). Stimmlich sonor gab Jaewoung Lee den Mandarin. Der von Bernhard Moncado einstudierte Staatsopernchor Stuttgart und der Kinderchor stellten einmal mehr ihr großes Können trefflich unter Beweis. Schade war, dass die Darstellerin der kleinen Turandot auf dem Programmzettel nicht genannt wurde, denn sie machte ihre Sache ausgezeichnet.Fazit: Eine großartige Aufführung, deren Besuch sehr zu empfehlen ist!

Ludwig Steinbach, 14. Juni 2026


Turandot
Giacomo Puccini
Staatsoper Stuttgart

Premiere: 7. Juni 2026
Besuchte Aufführung: 13. Juni 2026

Inszenierung: Anna-Sophie Mahler
Musikalische Leitung: Valerio Galli
Staatsorchester Stuttgart