Buchkritik: „Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“, Michael Wolffsohn

Karajan und kein Ende
Michael Wolffsohns neuestes Buch „Genie und Gewissen“ entlastet den Star-Dirigenten

Das „Wunder Karajan“ wurde vor allem von der NSDAP-treuen Presse erfunden und setzte sich als beispiellose Karriere auch nach 1945 fort. Karajan wurde zu einem der künstlerisch herausragenden, mit mehr als 300 Millionen zu Lebzeiten verkauften Tonträgern kommerziell erfolgreichsten Dirigent aller Zeiten, eine Ikone der Klassischen Musik und Legende multimedial vermarkteter, globalisierter Produktionen. Zurecht sprach Florian Kraemer vom „Coca-Cola-Faktor“ Karajans. Nach dem Krieg und kurzem Dirigierverbot startete Karajan, nicht zuletzt dank des englischen EMI-Plattenproduzenten und Gründers des Philharmonia Orchestra, Walter Legge, eine zweite Karriere: Teil zwei des „Wunders Karajan“. Was folgte, war ein unaufhaltsamer Aufstieg in die musikalische Schaltstellen Europas. Karajan wurde Künstlerischer Direktor der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde, Chef der Wiener Staatsoper und Künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele, aber auch der Mailänder Scala, um nur die wichtigsten Stationen seines enormen Aktionsradius zu nennen. Er galt als „Generalmusikdirektor Europas“. Viel ist darüber geschrieben worden.

An (kontroverser) Karajan-Literatur ist kein Mangel. Nur einige Autoren wichtiger Publikationen seien genannt: Robert C. Bachmann, Wolfgang Stresemann, Werner Thärichen, Klaus Lang, Richard Osborne, Peter Uehling und Klaus Schulte/Peter Sardovc. Karajans Karriere wird bis heute überschattet von seiner Nazivergangenheit. Klaus Prieberg hat in seinem 1982 erschienenen Buch „Musik im NS-Staat“ erstmals die Frage aufgeworfen, die bis heute im Raum steht: Hat sich Herbert von Karajan mit den Nazis nur arrangiert oder spielte er eine aktive Rolle im Nazisystem?
Der kritische Karajan-Biograph Oliver Rathkolb zitierte einst ein Interview Karajans, der angeblich gestand: „Die NSDAP-Mitgliedschaft sei für ihn wie die Mitgliedschaft beim Alpenverein gewesen, damit man billig in einer Hütte übernachten könne.“ Karajan-Biograph Klaus Riehle hat Dokumente zutage gefördert, die ein etwas anderes Licht auf Herbert von Karajan werfen. Je mehr man in seinem Buch liest, desto unappetitlicher wird die Einsicht in die mutmaßlichen Verstrickungen Herbert von Karajans in das Geflecht des Nazisystems: „Karajan ist sicher nicht der einzige Beelzebub, vielmehr muss man ihn als Teil des gesamten Geflechts betrachten.“ Riehle betont zwar, dass Karajan wohl kein überzeugter Nazi war. Aber, und das ist nicht weniger unmoralisch, Karajan sei ein aktiver und opportunistischer Mitläufer gewesen und habe jeden hochkarätigen Nazikontakt, der ihm in seinem Karriere- und Machtstreben dienlich war, schamlos genutzt. Die Angst vor der Aufdeckung seiner Vergangenheit beherrschte Karajan bis zu seinem Tod. Was Wunder, dass er nach 1945 alle Informationen über sich und seine Vergangenheit betreffend steuerte und kontrollierte. In einem späten Interview hat er einmal bekannt: „Ich möchte omnipräsent sein, ohne dass man mich eigentlich sieht“.

Wie auch immer: Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist, der für seine Beiträge zum Nahost-Konflikt, zum Antisemitismus und die deutsch-jüdisch-israelische Beziehungen bekannt ist, widmet sein neustes Buch (eine akribische Recherche- und Bibliotheks-Arbeit) der brisanten Frage: War Karajan, der 1935 in die NSDAP eintrat, und dessen Karriere während der NS-Zeit erheblichen Aufschwung bekam, ein Nazi?

Das Buch entstand übrigens auf eine Initiative der beiden Karajan-Töchter hin, die Genaues darüber wissen wollten, wie sehr ihr Vater in die NS-Maschinerie verstrickt war. Nun, das Buch dürfte sie beruhigen.

Wolfsohn hat vor allem Karajans private Briefwechsel mit seiner ersten Frau Elmy und seiner zweiten Frau Anita als Quelle benutzt. Aus den Briefwechseln gehe hervor, dass Karajan nie große Euphorie für Adolf Hitler gezeigt habe. Daher unterscheidet Wolfsohn zwischen „Formalnazi“ und „Gesinnungsnazi“. Karajan sei kein glühender Nazi gewesen, so Wolfssohn. „Ein Formalnazi ja. Aber entscheidend ist die Frage: War Karajan auch ein Gesinnungsnazi? Die Deutschen strömten ab März 1933 aus Opportunismus in die NSDAP. Karajan war Österreicher und hätte das nicht tun müssen. Aber er war seit 1929 berufstätig in Deutschland – und zwar als Kapellmeister in Ulm. Diese Stelle war gefährdet.“ Er habe sich durch die Parteimitgliedschaft abzusichern bemüht. Damit unterscheide sich der Weg des gebürtigen Österreichers allerdings wenig von dem vieler anderer Deutscher, die nach der Machtergreifung 1933 aus reinem Opportunismus in die Nazi-Partei eintraten.

„Karajan konnte vom Naziregime, so Wolfssohn, trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft kaum profitieren. Adolf Hitler mochte ihn als Dirigenten nach einer verunglückten Aufführung von Richard Wagners ‚Meistersingern‘ am 2. Juni 1939 überhaupt nicht. Er war so erbost, dass er erklärte, nie wieder eine Vorstellung zu besuchen, in der Karajan dirigierte.“
Wolffsohn korrigiert übrigens eine der hartnäckigsten Behauptungen über Karajan. Wie der Autor auch in einem Interview erklärte: „Er ist nur einmal in die NSDAP eingetreten. Und zwar im Frühjahr 1935. Der Parteieintritt war zwingende Voraussetzung für den Posten des Generalmusikdirektors am Aachener Stadttheater. In der Literatur schwirren aber noch zwei weitere Daten herum: der 8. April 1933 und der 1. Mai 1933. Tatsächlich hatte Karajan am 8. April 1933 von seiner Geburtsstadt Salzburg aus einen Antrag auf Parteimitgliedschaft gestellt – unmittelbar nach Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums. Dieser Antrag war unwirksam. Karajan hat bis 1935 keine Mitgliedsbeiträge bezahlt.“

In seiner umfassenden und differenzierten historischen Aufarbeitung wird Herbert von Karajan denn auch als beispielhafter Opportunist dargestellt. Das Buch ist eine exemplarische Untersuchung über die Handlungsspielräume eines Künstlers in einem autokratischen System zwischen „Genie und Gewissen“. Das Karajan-freundliche Buch plädiert dafür, die Autonomie der Kunst und die individuelle Verantwortung zu unterscheiden.

Wolffsohn behauptet, dass Karajan bei Adolf Hitler bereits ab Juni 1939 „musikalisch gestorben“ war, seine Karriere eindeutig auf dem Abstieg gewesen sei. Karajan sei, so Wolfssohn, zum Spielball im Machtkampf zwischen dem Luftwaffenchef Hermann Göring, der ihn stützte, und Propagandaminister Joseph Goebbels, der Karajans Rivalen Wilhelm Furtwängler bevorzugte, geworden. Ab 1941 sei Karajans Stern im Dritten Reich dramatisch gesunken, sein Vertrag an der Staatsoper Berlin wurde gekürzt und seine Auftrittsmöglichkeiten innerhalb Deutschlands wurden massiv beschnitten.

Nach der Lektüre des Buches hat man (im Gegensatz zu Büchern anderer Autoren, die sich Karajan weniger empathisch genähert haben) nicht den Eindruck, Karajan habe vom Naziregime aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft profitiert. Doch war es wirklich so?

In einem Interview sagte Wolfsohn: „In den Herrschaftsstrukturen des Dritten Reiches war Karajan nur Objekt, aber er trat immer mit der Großspurigkeit auf, Subjekt sein zu wollen. Darin täuschte er sich über sich selbst.“ Er sei ein Egoist gewesen. Sein Leben habe der Musik gegolten. „Wenn man Karajans Interviews Revue passieren lässt, war er im politisch-intellektuellen Bereich nie so genial wie als Dirigent. Er lebte in seiner Blase und betrachtete sich als Musikgott.“

Wolfssohn, der selbst aus einer deutsch-jüdischen Familie stammt, klammert natürlich das Thema Antisemitismus nicht aus. Es gebe einige antisemitische Äußerungen des jungen Karajan. Die ordnet Wolfssohn allerdings einem „Feld-Wald-und-Wiesen-Antisemitismus“ zu, die Juden hätten ihn als „den guten alten Risches“, den „guten alten Antisemitismus“ der Zeit vor den Nationalsozialisten bezeichnet, der durchaus gesellschaftsfähig und weit verbreitet gewesen sei. Er sei zwar diskriminatorisch, aber nicht liquidatorisch gemeint gewesen. Abgesehen von diesen frühen Äußerungen des Studenten Karajan gebe es keinerlei Zeugnisse von Antisemitismus beim späteren Dirigenten. Auch hätten jüdische Musiker, mit denen Karajan nach 1945 zusammengearbeitet hatte, etwa Hellmut Stern und Michel Schwalbé, ihn selbst nach dessen Tod nie als Nazi bezeichnet.

Schwalbé stammte übrigens, so erfährt man, aus Polen, verlor im Holocaust seine gesamte Familie und kam, wie er selbst bekundete, als Zeichen der Aussöhnung aus Genf zu Karajan und den Berliner Philharmonikern, nachdem er sich eine Bedenkzeit von sechs Monaten erbeten hatte. Auf seinem Grabstein steht: „Ein Leben für Musik und Aussöhnung – In Memoriam – Seine im Holocaust verlorene Familie“. Er hatte für Karajan auf eine Solokarriere verzichtet.

Wolffsohns Arbeit zeichnet jenseits von aller Schwarz-Weiß-Malei das Porträt eines Künstlers, der in einer Diktatur versuchte, sein Genie zu entfalten, dabei aber zwangsläufig zum Teil des Systems wurde.

Immerhin gesteht der Autor ein, gebe es Hinweise darauf, dass der Dirigent in seinen letzten Lebensjahren mit dem früheren Wiener Kardinal Franz König über seine Schuld und Mitverantwortung für die Verbrechen des NS-Staates gesprochen habe.

Dieter David Scholz, 25. Februar 2026


Michael Wolffsohn: Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus

Verlag Herder, 1. Auflage 2026
Gebunden, 368 Seiten

ISBN: 978-3-451-07317-5