Meiningen: „Das Rheingold“, Richard Wagner

Würde man nur die Bildergalerie überfliegen, erkennt man in Meiningen sofort, wer Bühnenbild und Kostüme ausgeheckt hat. Denn es ist nach La Bohème und Una cosa rara bereits die dritte Regiearbeit eines Künstlers, den es juckt, zeitgenössischen Regisseuren zu zeigen, dass er es besser kann. Statt nackiger Bühne mit Tatortcharme erschuf Markus Lüpertz eine abstrakte Wunderwelt mit kräftigen Farben und Formen und würzt den sagenhaften Stoff mit Skurrilem und Komik, ohne ihn der Lächerlichkeit oder Gewöhnlichkeit preiszugeben. Es ist seine phantasievolle Antwort auf die gegenwärtige Rheingoldflut und ein Plädoyer für den Stellenwert des Theaters: „Wer ins Theater geht, soll keinen öden Alltag sehen, sondern Illusion, Romantik und Erhebendes.“ Natürlich ist es ein Glücksfall für ihn, dass das Haus ein exzellentes Ensemble mit höchster Experimentier- und Spielfreude hat, denn es lässt ihm Freiraum und damit auch Verantwortung. Er ist kein Opernregisseur. So konzentriert sich seine Arbeit auf die Prospekte im Großen und die Kostüme im Kleinen. Wohlweislich in der Gewissheit, dass mit GMD Killian Farrell und seiner Hofkapelle der Klangraum dieser naturalistischen Musik in Perfektion die Hauptrolle spielen wird, kann er sich ganz seinen Ideen widmen.

© Christina Iberl

Der Anfangsprospekt zeigt eine Rheinlandschaft. Am Rande steht, mit Hut und Stock, der Künstler und blickt zur Walhall. Auf dem Rhein rudert der Tod und im Fluss krault eine Nixe. Weit hinten raucht ein Fabrikschornstein. Düstere Aussichten. In der ersten Szene albern drei grazile Rheintöchter, die den Schatz, das Rheingold, bewachen: Monika Reinhard, Marianne Schechtel und Hannah Gries bezaubern stimmschön und anmutig als Wellgunde, Floßhilde und Woglinde. Hübsch anzusehen mit grünen Haaren und stacheligen Gräten am Rücken. Sie schieben munter große Stellwände herum, auf denen der Maler wuchtige Exemplare dieser Spezies – oben ohne, unten mit Schwanz – gemalt hat. Im Hintergrund illustrieren griesgrämige Fische in bunten Farben die Unterwasserwelt. Der Nibelung Alberich, scharf auf die Mädels, wird nur veräppelt und hat keine Chance. Bucklig bullig, mit fieser Visage, noch dazu im grüngefleckten Kampfanzug, wirkt er abstoßend. So lässt er die Liebesallüren sausen, klaut sich den Schatz und sieht in Reichtum und Macht eine lohnende Alternative.

Für die zweite Szene entwarf Lüpertz einen Rheinuferprospekt. Oben thront Walhall, und im Vordergrund blüht und grünt es. Allerlei Getier ist angedeutet und eine Eule beäugt skeptisch, was da so passiert. Es ist der Auftritt der Götter mit ihren goldenen Flügelhelmen. Wotans Frau Fricka ist mehr als sauer, weil er den Erbauern der Burg, den Riesen Fasolt und Fafner, ihre Schwester Freia als Lohn versprach. Um die Größe der beiden darzustellen, fährt ein Bild zweier riesiger Gestalten von oben auf die Bühne. Den beiden Darstellern verpasst der Künstler grob karierte Hemden, gestreifte Hosen mit riesigen Gürteln und gewaltige Moonboots. Diese Dinger tragen übrigens alle, nur in verschiedenen für sie typischen Farben. Für die Darsteller sind sie bestimmt, nebenbei bemerkt, recht bequem. Keith Klein und Selcuk Hakan Tiraşoğlu sind für diese Rollen eine wunderbare Besetzung. Ungleich riesig und mit gewaltigem Stimmpotential verschaffen sie sich schon Respekt, wenn auch mit einer Portion Komik. Um aus der Nummer mit Freia wieder herauszukommen, soll Feuergott Loges ein ähnlich reizvolles Wesen finden. Bislang erfolglos, hat dieses raffinierte Schlitzohr – unübersehbar im Flammengewand mit bizarrem Kopfputz – einen anderen Plan: Gold statt Frau. John Heuzenroeder spielt diesen eloquenten Berater Wotans mit mephistophelischer Raffinesse und hat die eigentliche Hauptrolle. Wotan wirkt da recht fad. David Steffens vermittelt schon, dass die Spezies ein Auslaufmodell wird. Der Gott Donner, stets mit riesigem Hammer unterwegs, baut eine Kampfkulisse auf und sein Bruder Froh bringt noch ein wichtiges Argument für Freias Befreiung ins Spiel: Sie verwaltet und verteilt einen besonderen Stoff, nämlich Äpfel für die ewige Jugend. Ohne die droht allen der Verfall.

© Christina Iberl

Wotan und Loges schleichen sich ins unterirdische Nibelheim, wo Alberich sein Volk im Bergwerk schindet. Von dessen Bruder Mime erfahren sie von dem sagenhaften Ring und der Tarnkappe. Lüpertz hat für die dritte Szene ein düsteres, graues Szenario aus groben Brocken, Gold und menschlichen Überbleibseln geschaffen. Tobias Glagau windet sich als geschundene Kreatur Mime in Leid und Aussichtslosigkeit seiner Situation.Hochspannende Musik und echtes Hammergeklimper schaffen eine authentische Atmosphäre. Alberich ist so doof, den Göttern vom Ring und der Tarnkappe zu erzählen. Boaz Daniel verkörpert diesen widerlichen Möchtegern-Weltherrscher, stimmlich in Hochform, absolut zum Dreinschlagen. Ausgetrickst verwandelt er sich in eine Kröte. Putzig dargestellt, indem ein zierlicher Junge ganz in Grün eine solche heranbringt. Flugs wird das kleine Tier gefesselt und ins Reich der Götter verschleppt.

In der vierten Szene – wieder am Rheinufer – wird er vor die Wahl gestellt: Gefangenschaft oder Freiheit gegen Herausgabe seiner Schätze. Wotan entreißt ihm sogar noch den Ring. Alberich belegt ihn in seiner Wut aber mit einem furchtbaren Fluch: Tod und Verderben für den, der ihn besitzt. Die Riesen kriegen den Hals nicht voll und fordern nicht nur alles Gold, sondern auch die Tarnkappe und den Ring. Als Urmutter Erda hat Tamta Tarielashvili einen fulminanten Auftritt. Der Himmel verdunkelt sich und gibt schon eine Vorahnung von Götterdämmerung. Mit eindringlicher, gewaltiger Stimme warnt sie vor der verhängnisvollen, tödlichen Wirkung des Rings. Tatsächlich gibt Wotan betroffen nach. Der Fluch erfüllt sich bei den Riesen: Aus Habsucht erschlägt Fafner Fasolt: Ein riesiger Kopf poltert auf die Bühne. Donner zieht einen Schlussstrich unter die Beinahe Katastrophe: Zuerst gibt’s Gewitter, Regen und danach Sonne. Froh zaubert den Regenbogen herbei und bietet den Göttern die Brücke nach Walhall, wo sie vielleicht in Langeweile, aber in Sicherheit zunächst weiterexistieren werden.

© Christina Iberl

Selbst wer bislang kein Wagnerfan war, könnte nach Killian Farrells hochsensibler Rheingold-interpretation süchtig werden. Wagner – hörte er sie – würde ihm ob der naturalistischen, vielschichtigen Passagen die Füße küssen. Selbst wenn man die Augen schlösse, würden die Bilder präsent werden. Die Musik erschafft die Bilder fließenden Wassers von der plätschernden Quelle bis zum reißenden Strom. Der gewaltige Auftritt der Riesen, das launige Spiel der Rheintöchter, die harte Arbeit unter Tage: Alles, was auf der Bühne geschieht, hat sein Pendant im Orchester. Nie werden die Sänger überspült, und dennoch ist viel Raum für rauschhafte Fulminanz.

Dem nicht enden wollenden Applaus half nur der Vorhang, und die vielen Besucher aus der ganzen Republik waren nicht nur von diesem Schmuckstück an Theater entzückt, sondern schlichtweg geplättet von der hervorragenden Leistung aller Sänger und des Orchesters. Als Markus Lüpertz einmal gefragt wurde, wie das so ist, in der Provinz zu arbeiten, antwortete er typisch: „Wo ich arbeite, ist keine Provinz!“

Inge Kutsche, 29. März 2026


Das Rheingold
Richard Wagner

Staatstheater Meiningen
Premiere am 27. März 2026

Regie: Markus Lüpertz
Musikalische Leitung: GMD Killian Farrell
Meininger Hofkapelle

Weitere Vorstellungen: 5. und 19. April, 9. und 25. Mai 2026