Lieber Opernfreund-Freund,
traditionell bietet das Theater Aachen gegen Ende der Spielzeit der Produktion der Hochschule für Musik und Tanz Köln (HfMT) am Standort Aachen eine Bühne, doch das ist in diesem Jahr anders: die Zuschauer begeben sich nicht ins Stadttheater, sondern in die Citykirche St. Nikolaus in der Aachener Fußgängerzone unweit des historischen Rathauses, um sich dort die heurigen Aufführungen anzuschauen – gegeben wird Puccinis Suor Angelica. Und die wartet mit ungewöhnlichen Besetzungen und beachtlichem musikalischen Niveau auf.

Puccinis Trittico war vom italienischen Erfolgskomponisten als großer Opernabend geplant, der drei jeweils rund einstündige Stücke mit verschiedenem Charakter zu einem großen Gesamtkunstwerk vereint: den dramatischen Tabarro (Der Mantel), die lyrische Suor Angelica sowie die musikalische Komödie Gianni Schicchi. In den letzten Jahren werden die einzelnen Teile oft herausgelöst und mit anderen Kurzopern gepaart oder bleiben – wie jetzt in Aachen – als vollständiges Werk für sich alleine stehen. Suor Angelica mit ihrer zu Herzen gehenden Geschichte zeichnet sich dadurch aus, dass sie (eigentlich) ausschließlich mit Frauenstimmen besetzt ist, spielt sie doch im Kloster, in das Angelica, die aus adeligem Haus stammt, nach der Geburt eines unehelichen Kindes weggeschlossen wird. Nach sieben Jahren erhält sie erstmals Nachricht von ihrer Familie: ihre alte Tante kommt ins Kloster, um von Angelica die Aufgabe ihrer Erbansprüche zu verlangen. Als Angelica nach ihrem Kind fragt, erklärt die Tante, dies sei bereits gestorben. Die verzweifelte Angelica unterzeichnet die Abtrittsurkunde und nimmt Gift.

In Aachen nun ist die kaltherzige Zia Principessa mit einem Countertenor besetzt, wird also zum Zio Principe. Das hat zur Folge, dass die dunklen Farben, die die Stimmlage eines Mezzosoprans mitbrächten, von der anbetungswürdigen Klarheit des jungen Nima Pournaghshband abgelöst wird. Die Farbe des aus dem Iran stammenden Counters ist berückend schön, die Phrasierung perfekt. Er singt fast ohne Vibrato und vermittelt so die Kälte der Figur. Und doch fehlt mir in dieser Interpretation die abgründige Tiefe, die er naturgemäß nur in seinem untersten Register zeigen kann. Doğa Eren Birlik bringt beeindruckenden Stimmumfang und warme Farben für die Badessa mit. Die junge Türkin ist die einzige Trans-Mezzosopranistin aus ihrem Heimatland und zeigt neben gesanglichem Talent auch starke Bühnenpräsenz. Anastasia Patsakidou ist eine herrlich quirlige Suor Genovieffa mit feiner Höhe und auch der Rest des Ensembles kann sich ausnahmslos mehr als hören lassen.

In der Titelrolle – und das kann man wirklich nicht anders ausdrücken – brilliert Yuina Miyahara. Die junge Studentin aus Japan beeindruckt mich mit großem Farbenreichtum, sicherer Höhe, herrlichen Piani, die sich mit beeindruckenden Ausbrüchen abwechseln – also schlicht mit einem vollendeten Rollenportrait der verzweifelten Angelica. Sie entfacht auf der karg ausgestatteten Spielfläche ein Feuerwerk der Emotionen. Dorien Thomsen verlässt sich ganz auf die Wirkung des Kirchenraums an sich und stattet die Bühne nur mit einem kleinen Podest und ein paar Pflanzenregalen aus, die Angelicas grünen Daumen visualisieren sollen. Kostümbildnerin Lieke Rietjens setzt den Nonnen stilsicher überdimensionale Hauben auf und malt ihnen ein paar schicke weiße Punkte und Striche ins Gesicht. Und auch die Regie bleibt sehr reduziert – allenfalls in der letzten, in anderen Inszenierungen oft schmerzhaft verkitschten Szene, setzt Ramona Bartsch auf Interpretation und zeigt den Schluss als eine Art kathartischen Apotheose. Die Kraft des Werkes jedoch entfaltet sich auch in der reduzierten Szene und das ist der musikalischen Leitung zu verdanken.

Timo Handschuh führt die Musikerinnen und Musiker des Orchesters des Standorts Aachen der HfMT Köln versiert durch Puccinis Partitur. Diese wird – wohl wegen der akustischen Besonderheiten im Kirchenraum – in der reduzierten Bearbeitung des Komponisten Ettore Panizza aus den 1950er Jahren gespielt, verzichtet aber nicht auf die klanglichen Besonderheiten wie Glockenspiel und Klavier. Der Direktor der HfMT am Standort Aachen interpretiert Suor Angelica ganz im Sinne des Komponisten, dessen Lieblingsstück aus dem Trittico sie war: als lyrisches Gesamtkunstwerk voller wogender Bögen und klanglicher Tiefe. Ein Besuch lohnt sich also in jedem Fall.
Ihr
Jochen Rüth
8. Juni 2026
Suor Angelica
Oper von Giacomo Puccini
Citykirche St. Nikolas, Aachen
Premiere: 7. Juni 2026
Regie: Ramona Bartsch
Musikalische Leitung: Timo Handschuh
Orchester des Standorts Aachen der HfMT Köln
weitere Vorstellungen: 13., 20. und 24. Juni sowie 1. und 5. Juli 2026