Lokalaugenschein bei den Queers
Die unschuldigen Normalos, in deren Leben LGBTQs nicht herumlaufen (den permanenten medialen Debatten entgeht natürlich niemand), wurden von Lotte de Beer zum Lokalaugenschein in die Volksoper eingeladen. Dort gibt es, wie die Intendantin vor der Vorstellung vor dem Vorhang unter Jubel des Publikums verkündete, kein „Pride“-Month, wie derzeit ausgerufen, sondern hier ist Pride permanente Haltung: „Nicht umsonst ist unser Haus rosa“.

Die besondere Veranstaltung, die wohl für das Besondere. betroffene Publikum veranstaltet wurde und nicht für die Normalos (deren indirekte Milieu-Kenntnisse über den „Käfig voller Narren“ nicht hinausgehen), versprach einen „queeren Blick auf „Die Fledermaus“ im Pride Monat“. Er findet im Rahmen der alten, brauchbaren Herzl-Inszenierung in den angenehmen Bühnenbildern von Pantelis Dessyllas statt und ist ausreichend „anders“, aber wohl auf die eindeutig harmlose Art, um die ungebildeten Aliens, die sich hierher verirren, nicht allzu sehr zu verwirren… Ein bißerl unzüchtiges Gschnas halt, weiter nichts.
Es beginnt schon während der Ouvertüre, Zwei Herren, die im Frack vor den Vorhang treten, sind schon an ihren Kostümen als Fledermaus und Schmetterling zu erkennen, also Falke und Eisenstein. Sie küssen sich leidenschaftlich, und nun wissen wir, dass sie einst ein schwules Paar waren. Im ersten Akt, der ziemlich nach der Regel verläuft, offenbart sich wenig mehr als die Tatsache, dass der nun mit Rosalinde verheiratete Eisenstein davon nichts mehr wissen will und den tief fühlende Falke damit sehr verletzt…
Natürlich ergibt sich alles, was man zum Thema sehen will, im zweiten Akt, wo Orlofsky (normalerweise von einer Frau gesungen, aber als Mann gemeint) ja schon in der originalen „Fledermaus“ ein zwittriges Geschöpf ist. Hier erscheint er als Dame/Herr im Federboa-Umhang mit Mann im Lederoutfit an der Leine als der Herrscher über eine Queer / Trans- und was immer Party. Hier schwirren dann auch Anspielungen herum, die vom Großteil des Publikums heftig beklatscht werden, die der arme Normalo aber wirklich nicht versteht. Na ja, man kann ja nicht erwarten, an einem Abend in eine fremde Welt einzusteigen – ein bißchen daran schnuppern, ist das Höchste der Gefühle.

Der dritte Akt bringt dann als Frosch „Conchita Wurst“, der / die gleich einen Song von sich gibt, den die meisten im Publikum glücklich mitsingen, Es gibt Menschen, für die „Conchita“ einfach nur ein Name ist, mit keinerlei Wissen darüber verbunden, und die haben natürlich wieder einmal keine Ahnung. Selbst schuld, wenn wir ausgesperrt sind…
Alle sind an diesem Abend irgendwie kreuz und quer schwul oder irgendwie andersgeschlechtlich (es gibt ja genügend Möglichkeiten), Rosalinde verwandelt sich nicht in eine ungarische Gräfin, sondern in einen ungarischen Grafen, was ihrem (schwulen) Eisenstein auch recht ist. Und Clou des Abends ist überhaupt „Ryta Tale“ (mit einem bürgerlichen Männernamen im Internet zu finden), eine offenbar berühmte Drag Queen, die von der Sekunde ihres umjubelten Auftretens an allen die Show stiehlt. Denn die Dame im Sisi-Look, Reifrock-weiß, Sterne im Haar, man weiß schon: das Winterhalter-Gemälde, ist Adeles Schwester Ida. umwerfend als Erscheinung, mit frechem Mundwerk – und sie tanzt auch mit, mit Spagat als Krönung. Na, wenn das kein Clou ist.
Im Übrigen wird die „Fledermaus“ gespielt und gesungen, und das vor allem von drei Damen hervorragend. Johanna Arrouas ist eine der souveränsten Rosalinden, an die man sich erinnert, hintergründig humorvoll, stimmlich hochrangig (glücklicherweise verlangt die Rolle nicht viel Mittellage, da ist sie am schwächsten, aber die Höhen sind eine Wucht). Eine köstliche Adele ist Jaye Simmons, welch reizvolle Gastarbeiterin, die in Wien nicht nur gelernt hat, in tadellosem Deutsch zu singen und prächtige Koloraturen leicht perlen zu lassen, sondern die auch noch ein paar Wienerische Schmäh‘ draufhat. Kompliment. Und Katia Ledoux hat als Orlofsky so viel schöne, satte Tiefe, wie man sie bei den Sängerinnen dieser Rolle meist vermißt.
Die Herren kommen weniger gut weg. Der Eisenstein wird schon in jeder normalen „Fledermaus“ gebeutelt, hier in Gestalt von Daniel Schmutzhard noch mehr als sonst, weil man ihm die Feigheit vorwirft, nicht zu seiner Homosexualität zu stehen. Thomas Oliemans als Falke ist meist gekränkt, und Martin Winkler bleibt als Frank eher am Rande, was angesichts seiner imposanten Bühnenpersönlichkeit verwundert. Der Alfred von Timothy Fallon ist als Figur etwas umgedreht, nicht er ist der Draufgänger, da scheint Rosalinde diesbezüglich lustiger…
Und da ist ja noch der Herr, der als Tom Neuwirth auf dem Programmzettel erscheint und schon als kurz auftauchender Gast (eine spanische Dame) den Ball bei Orlofsky besucht. Als Frosch ist er dann im Gerichtsdiener-Habitus, und nachdem er als Conchita gesungen hat, findet er sich durchaus in die Rolle, blödelnd, wienerisch „goschert“ und nur ein bißchen unsicher unterwegs, was sich mit mehr Routine geben wird.

Sehr gut war diesmal die orchestrale Seite des Abends unter Dirigent Tobias Wögerer aufgestellt. Am Ende waren es dreieinhalb Stunden Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die Bühne und das Publikum schienen sich geradezu zu umarmen. Und die Außenseiter im Publikum haben in eine fremde Welt geschnuppert.
Renate Wagner, 11. Juni 2026
Die Fledermaus
Musik von Johann Strauss
Pride Edition-Textfassung von Jürgen Bauer und Moritz Franz Beichl
Volksoper Wien
Premiere: 9. Juni 2026
Regie: Florian Hurler
Dirigent Tobias Wögerer
Orchester der Volksoper