Für Ost und West
Welch glücklicher Zufall: Die Berliner Tageszeitungen jubelten über die Wiedereröffnung der in der DDR einst höchst belieben Mokka-Milch-Eisbar in der Karl-Marx-Allee, und in der Komischen Oper, allerdings als Gast im Schillertheater des einstigen Westberlin, liefen die Proben zur letzten Premiere der Saison 25/26 für Mokka-Hits und Milchbar-Träume mit der Musik unter anderem von Gerd Natschinski, der bereits Komponist des mit viel Erfolg in der vorvergangenen Spielzeit aufgeführten Messeschlager Gisela und des wegen finanzieller Probleme 2025 zwar geplanten, aber nicht aufgeführten Mein Freund Bunberry gewesen war. Nun sah man dessen Sohn Thomas Natschinski genüsslich ein Eis schlecken und sich an seinen einstigen Kulthit „In der Mokka-Milch–Eisbar“ erinnern. Die Bar schloss bereits einen Tag nach der Eröffnung wieder wegen zu großen Massenansturms und versagender Technik, ist wohl mittlerweile wieder eröffnet, wenn auch, glaubt man den Beurteilungen im Internet, an mangelnder Ware und ebensolchen Services leidend. Mokka-Hits und Milchbar-Träume in der Komischen Oper aber konnte am Sonntagabend mit Erfolg über die Bühne gehen, leider zur gleichen Zeit wie das erste Spiel der deutschen Fußballmannschaft. Aber wenn dieses mit einem glorreichen 7 zu 1 endete, in der Handtasche verfolgt, so wurde das Mokka-Gesöff auf der Bühne zu einem rauschenden Erfolg, der den Gedanken nahe legte, man müsste es eigentlich en suite einen ganzen Sommer lang spielen.

Der Untertitel für die neue Produktion der Komischen Oper ist Ein Kessel Bunte unter Druck, eine Erinnerung an die wohl beliebteste Unterhaltungssendung des DDR-Fernsehfunks, der wohl einerseits unter dem Druck stand, die DDR-Bürger zum Umschalten vom West-auf einen Ostsender zu verführen, andererseits unter dem der SED, dem allerdings mehr noch das ebenfalls für den Abend Beiträge liefernde Kabarett Die Distel ausgesetzt war, das es anders als den Kessel noch heute am Bahnhof Friedrichstraße gibt.
Stars des Kessels waren Helga Hahnemann, Namensgeberin des Fernsehpreises Goldene Henne, Gisela May, Manfred Krug, Frank Schöbel, die Puhdys, Ost-, aber zunehmend auch Weststars, denn man ließ es sich etwas kosten, die DDR-Jugend vom verderblichen amerikanischen Einfluss zu bewahren, erlaubte „gepflegte Beatmusik“, veranstaltete sogar 1959 in Lauchhammer die 1. DDR-Tanzmusikkonferenz.
Das Programm von Mokka-Hits und Milchbar-Träume ist, nachdem Dirigent Adam Benzwi und Regisseur Axel Ranisch eine Rahmenhandlung verworfen haben, als Revue chronologisch angelegt, reicht von der Hoffnungs- und Aufbaustimmung unmittelbar nach dem Krieg über Enttäuschungen, einem Hin und Her zwischen Indoktrinierung und Lockerung bis hin zum Mauerbau und seiner zynischen Kommentierung, sowie schließlich dem Ende der DDR. Bewusst wurden auch reine Propagandastücke einbezogen, die sich allerdings als solche entlarven, zudem werden die „Texte gebrochen durch die Choreographie“. Der Gefahr, als Wertschätzer der DDR angesehen zu werden, entgeht die Revue nicht zuletzt durch das Bekenntnis der beiden Macher: „Es geht nicht darum, das System wertzuschätzen, ….aber die Menschen, die darin gelebt haben.“

Bewusst wurde zwar eine chronologische Abfolge eingehalten, zugleich aber auf das Nacheinander von Kontrasten gesetzt, sodass propagandatriefende Texte von ihren Nachbarn im Programm entlarvt werden, falls sie das nicht selbst besorgen. So kann das Duo darauf bauen, dass sein Vorhaben gelingt: „Erinnerungsräume öffnen und Denkräume schaffen.“
So bunt wie sie auf der Bühne des Schillertheaters nun erscheint, hatte man die DDR gar nicht im Gedächtnis, weder als ihr zum Glück nur wenige Jahre lang Angehörender, noch als Kalter Krieger in der Frontstadt Westberlin, noch als zunächst begeisterter, dann leicht befremdeter Wiedervereinigter, besonders nach einem heftigen Diskussionsabend mit Regine Hildebrand und Birgit Breuel. Nun kann man feststellen, dass es viele Parallelen zwischen Ost und West gab, dass manche Texte, allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen, fast austauschbar sind zwischen denen der Distel und dem allwöchentlich im RIAS gesendeten Der Insulaner. In bunter Folge unterhalten den Zuschauer nachdenkliche Chansons und Texte von teilweise hohem literarischem und musikalischem Wert, so von Thomas Brasch oder Bert Brecht. „Wie viele sind wir eigentlich noch“ stammt wie viele andere Beiträge aus dem Distel-Programm und wurde nach der Generalprobe aus dem Verkehr gezogen. Kritisch wurde ein Auge darauf geworfen, dass die Gleichberechtigung der Frau auch ihre Doppelbelastung bedeuten kann, werden Missstände wie der Verfall der Bausubstanz angeprangert oder wirkt die hymnenhafte Aufzählung der bescheidenen Vorzüge einer Stalin-Allee-Behausung lächerlich wie der nachweisbare Mangel an Toilettenpapier. Erschauern lässt den jetzigen und wohl auch damaligen Hörer das den Mauerbau verherrlichende Lied, auf das als Kontrast die Meldung über den ersten Berliner Mauertoten folgt.

Dass der Abend nicht ein grauer ist, welche Farbe einem noch immer in den Sinn kommt, wenn man an die DDR denkt, das liegt zum einen daran, dass doch vieles gewagt wurde, was man nicht vermutet hatte, das durchaus, man denke nur an die Vorstellungen im Friedrichstadt-Palast, versucht wurde, Farbe in den Alltag der DDR zu bringen. Es liegt auch an den zunehmenden Auftritten von Westkünstlern, an die leicht karikierend erinnert wird, an Al Bano und Romina Power, Karel Gott oder Katja Ebstein, nicht zuletzt an Time to say good-by. Axel Ranisch hat dafür gesorgt, dass in einem hurtigen Ablauf einem nachdenklichen Chanson eine turbulente Tanzszene, ein regimekritischer Sketch einer kaltschnäuzigen Verlautbarung folgt.
Zu einem guten Teil verdankt der Abend seinen Erfolg auch den phantasievollen Kostümen von Alfred Mayerhofer. Die Bühne von Saskia Wunsch verfügt sowohl über eine den großen Auftritt begünstigende Treppe wie über die Mauer mit Stacheldrahtkrone als Hintergrund, aus der am Ende ein Stück herausbricht, als auch über das davor fast im Dunkeln sitzende Orchester, das einen großen Teil des Abends seine Aufgabe an eine Combo am Bühnenrand delegiert. Beide Klangkörper sorgen unter der Leitung von Adam Benzwi für Tempo, Schwung, akustisches Funkeln.
Leider werden die Mitwirkenden, Sänger und Sängerinnen wie Tänzer und Tänzerinnen nur pauschal, ohne Zuordnung zu ihrem jeweiligen Aufritt, auf dem Besetzungszettel aufgeführt, so dass der mit dem Berliner Kulturleben, was die sogenannte leichte Muse betrifft, nicht Vertraute sie auch nur pauschal als wunderbar an ihre Aufgabe hingegeben, mitreißend oder ergreifend, urkomisch oder tragisch ernst wahrnehmen und mit einem Pauschallob bedenken kann. Das aber kommt aus vollem Herzen und gilt den Sängerinnen Maria-Danae Bansen, Gisa Flake und Mirka Wagner, die beweist, dass sie nicht nur Oper kann. Von den singenden Herren prunkte Philipp Meierhöfer mit seinem fein konturierten Bass, Johannes Danz, Nico Holonics und Thorsten Merten trugen das Ihre zum Gelingen des Abends bei. Christopher Tölle sorgte für die mitreißende Choreographie.

Man übertreibt sicherlich nicht, wenn man behauptet, dass dies nicht nur ein überaus interessanter Abend ist, sondern auch Aufklärung über ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte leistet, für Verständnis bei den spöttisch als Charlottenburger bezeichneten „Wessis“ und nachdenkliches Reflektieren bei den zahlreich im Publikum vertretenen „Ossis“ sorgt – und dazu noch fabelhaft unterhält.
Ingrid Wanja, 14. Juni 2026
Mokka-Hits und Milchbar-Träume
Eine Revue
Zusammengestellt von Axel Ranisch und Adam Benzwi
Komische Oper Berlin
Uraufführung am 14. Juni 2026
Regie: Axel Ranisch
Musikalische Leitung: Adam Benzwi
Orchester der Komischen Oper Berlin