Frankfurt: „Der Triumph von Zeit und Erkenntnis“, Georg Friedrich Händel

Händels Triumph in Frankfurt am Main

Im Bockenheimer Depot, einem ehemaligen Betriebshof und ehemalige Hauptwerkstatt der Straßenbahn Frankfurt am Main aus dem Jahr 1900, eine bemerkenswerte hölzerne Halle, sie ist eine fabelhafte Alterativ-Spielstätte des Frankfurter Opernhauses, fand am 13. Juni eine besonderen Händel-Produktion statt. Simone Di Felice, seit 2017/18 Kapellmeister an der Oper Frankfurt und die in London geborene Regisseurin Katharina Kastening, die eine enge Zusammenarbeit mit Keith Warner verbindet, haben dort das Händel-Oratorium Der Triumph von Zeit und Erkenntnis aufgeführt, das auf einem Libretto des Kardinal Benedetto Pamphilj fußt.

Der Triumph von Zeit und Erkenntnis (italienisch: Il Trionfo del Tempo e del Disinganno) ist das erste Oratorium von Georg Friedrich Händel. Das 1707 in Rom uraufgeführte Werk in zwei Teilen erzählt eine allegorische Geschichte über die Eitelkeit der Jugend, die Vergänglichkeit des Lebens und den wahren Wert der Erkenntnis.

Im Mittelpunkt steht die Personifikation der Schönheit (Bellezza), die vom Vergnügen (Piacere) verführt wird. Das Leben in unbeschwerter Jugend soll ewig währen. Doch im Verlauf des Oratoriums treten die Zeit (Tempo) und die Erkenntnis (Disinganno) auf den Plan. Sie konfrontieren die Schönheit mit der Vergänglichkeit irdischer Freuden und der Wahrheit des Lebens. Letztlich entsagt die Schönheit dem eitlen Vergnügen und findet durch die Erkenntnis zu innerer Erleuchtung und Ewigkeit.

© Monika Rittershaus

Händel hat dieses außerordentlich erfolgreiche Oratorium immer wieder bearbeitet und immer neue Fassungen herausgebracht und aufgeführt, auch immer wieder aus diesem Oratorium zitiert, vor allem die Musik der Sarabande, die Eingang fand in die Opern-Arie „Lascia ch’io pianga“.

Zu jener Zeit hatte Papst Clemens XI. in Rom Opernaufführungen verboten. Der Vatikan ging gegen weltliche Bühnenwerke vor und ließ mehrere Theater in der Stadt schließen. Um das Verdikt der sogenannten „opera proibita“ (die „verbotene Oper“) zu umgehen, schrieb Händels das Oratorium Il Trionfo del Tempo e del Disinganno für die Fastenzeit, damit blieb er formal korrekt, aber sein szenisches Gespür offenbart sich in jeder Note seines ersten römischen Oratoriums. Die zweiteilige, chorlose Partitur spiegelt die italienische, kantatenhafte Tradition dieser Gattung und steht darin der Oper näher als dem späteren oratorischen Schaffen des Komponisten. Auch die Abfolge von Da-capo-Arien, Duetten und Ensembles rücken das Werk in Opernnähe. Es liegt beinahe auf der Hand, dieses dialektische Streitgespräch zwischen den vier Allegorien Schönheit, Vergnügen, Erkenntnis und Zeit auch szenisch auf die Bühne zu bringen.

Regisseurin Katharina Kastening entfaltet nicht zuletzt wegen fehlender Dramatik und Handlung ein weitgehend abstraktes, steriles, allegorisches Spiel als zeitlosen szenischen Disput über das Thema des erfüllten Lebens, ja den Sinn des Lebens, zumal vor den Glücksversprechungen heutiger Spaßkultur- und -Industrie. Schon vor Beginn der Vorstellung hört man immer wieder  aus dem Lautsprecher Allgemeinplätze wie „Erfolgreiche Menschen sind attraktiv“ oder „Attraktivität macht erfolgreich!“ Schließlich werden auch die fragwürdigen Segnungen ästhetisch-plastischer Eingriffe thematisiert. Eine sehr plakative Inszenierung. Der britische Bühnen- und Kostümbildner Ashley Martin-Davis, zuletzt hat er Peter Grimes mit Keith Warner an der Oper Frankfurt ausgestattet, hat Katharina Kastening einen „medizinisch klinischen“ Raum geschaffen, der Assoziationen an einen Lebensweg weckt, über die „Oberflächlichkeiten in unserem eigenen Leben“ nachdenken lässt und mit  Licht (Jan Hartmann) und Videos (Tal Rosner) bespielt werden kann. Es sind traumhafte, bunt suggestive Schlieren und „attraktive Menschen“, die da auf den Boden projiziert und nach Art eines Laufbandes animiert (bewegt) werden. Über allem schwebt ein gewaltiger Kippspiegel als zentrales und wichtigstes Requisit der narzisstischen Bellezza. Die Regisseurin arrangiert den allegorischen Dialog (es handelt sich ja um kein dramma in musica) um die Thesen der Figuren (die ohne alle Psychologie agieren).

© Monika Rittershaus

Die Schönheit bewundert sich im Spiegel. Allmählich kommt sie zur Einsicht: So jung und schön werde ich nicht immer sein! Piacere (die Verkörperung des Vergnügens) verspricht Genuss ohne Reue. Tempo (die Verkörperung der Zeit im Kostüm eines glatzköpfigen, nosferatuhaften Totengräbers) und Disinganno (die Allegorie der Erkenntnis bzw. der Ent-Täuschung) mahnen: Von all der Herrlichkeit bleiben am Ende nur ein paar der Knochen in der Gruft. Du musst dein Leben ändern! „Im Bunde mit Piacere erklärt Bellezza den Spaßbremsen den Krieg“. Am Ende sagt sie sich (ganz kirchentreu) vom sinnlichen Vergnügen los.

Um nichts Geringeres als den Sinn des Lebens geht es in dem Libretto, das Kardinal Pamphilij dem jungen Händel zu vertonen gab. Als Librettist von 14 weiteren Oratorien und über 80 pastoralen und moralischen Kantaten besaß Pamphilj große Erfahrung in der Schöpfung von Worten und Musik. „Der hat‘s erfasst und Bellezzas Weg zum Licht der Erkenntnis mit so intensiver Musik ausgestattet, dass die Geschichte noch immer Herz und Geist bewegt“. Händels Werk ist ohne Frage eine zeitlose Reflexion über Schönheit, Eitelkeit und die Unabwendbarkeit der Endlichkeit. Nur muss man es nicht derart platt und „heutig“ inszenieren wie Katherina Kastenig es unternimmt, die Bellezza als junges Mädchen in kurzem Röckchen zeigt: strahlend, sorglos, jung, berauscht von Bewunderung ihrer selbst, spastisch zuckend und in immer neue Posen sich werfen.

„Drei Stimmen begleiten sie: das verführerische Versprechen des Vergnügens, die unerbittliche Präsenz der Zeit und die ernüchternde Macht der Desillusionierung. Zwischen ihnen entfaltet sich Bellezzas Weg in einer Welt, die unserer beunruhigend ähnelt. Ein vielschichtiger Resonanzraum entsteht, der an eine permanente Beschallung erinnert – an jene Botschaften, die uns täglich umgeben und sich oft unbemerkt in unser Denken einschreiben. Was wie Unterhaltung wirkt, entpuppt sich als subkutan wirkender Nährboden für unsere Selbstzweifel. In einer Zeit vermeintlich größerer Bewusstheit hat der Druck zur Selbstoptimierung seine Form verändert – er ist heute alltäglicher, noch individueller und vielfältiger.“ (Kastening)

© Monika Rittershaus

Schön und gut – nein: eher einleuchtend – das Konzept, doch die szenische Ausführung ermüdet, die Zeit wird lang zum einen wegen fehlender Dramatik, zum andern wegen der austauchbaren, monotonen Optik.

Musikalisch darf der Abend hingegen als Triumph der Händelschen Musik bezeichnet werden. Der in Italien geborene Simone Di Felice am Pult hat mit Verve, Temperament, subtiler, stilbewusster Gestaltung und bekenntnishafter Emotionalität, dabei durchaus historisch informiert, Händels meisterhafter Partitur Rechnung getragen. Die handverlesene Klein-Besetzung des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters spielte einen Händel zum Niederknien farbig, rhythmisch pointiert, straff, vital und klangschön. Das kleine Orgelkonzert, das der begnadete Organist Händel in seine farbenreiche Partitur einbaute, begeisterte ganz besonders ob der rasanten Virtuosität des Organisten Johannes Oesterlee.

Sängerisch war die Aufführung durchweg hochkarätig besetzt. Die vier Hauptpartien des Werks wurden alle mit hauseigenen Kräften besetzt. Sie überboten sich an stilsicherem  und stimmlich geradezu atemberaubendem barocken Ziergesang. Die Bellezza (Die Schönheit / Sopran) wurde von der in Polen geborene Sopranistin Monika Buczkowska-Ward mit außerordentlich warmer und höhensicherer Stimme gesungen. Piacere (Das Vergnügen / Sopran) wurde von der koreanische Sopranistin Younji Yi plastikverschürt verkörpert. Der gebürtige Amerikaner Michael Porter sang mit feiner, schlanker und markantem Stimme Tempo (Die Zeit / Tenor). Katharina Magiera lieht der Allegorie Disinganno (Die Erkenntnis / Alt) ihre balsamische und doch sehr bewegliche Stimme. 

Alles in allem ein Sängerfest und eine zumindest musikalisch superlativische Händelaufführung. 

Dieter David Scholz, 14. Juni 2026


Der Triumph von Zeit und Erkenntnis
Oratorium in zwei Teilen von Georg Friedrich Händel

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot

Premiere (besuchte Aufführung): 13. Juni 2026

Musikalische Leitung: Simone Di Felice
Inszenierung: Katharina Kastening
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Weitere Aufführungen: 15., 17., 18., 20. Juni