Diese Kritik erscheint spät. Nicht, daß wir keine Zeit gefunden hätten, unsere Eindrücke von der Premiere niederzuschreiben. Vielmehr ist in uns am Premierenwochenende eine massive Verärgerung aufgekommen, die womöglich den Blick auf Einzel- wie Gesamtleistungen trübt. Besser also noch einmal eine Nacht darüber schlafen. Oder zwei. Besser noch: drei. Es hat aber auch nach einer Woche nichts geholfen. Den Stein des Anstoßes bietet nicht die Musik, auch nicht eine einzelne darstellerische oder musikalische Leistung, sondern der von der Dramaturgie verbreitete theoretische Überbau zu dieser Inszenierung. Dazu später.
Musikalisch jedenfalls wird man in dieser Produktion gut bedient, teilweise sogar glänzend. Giuliano Carella erweist sich wieder als idealer Rossini-Dirigent. Schon die Ouvertüre ist ein Hochgenuß. Das vorzüglich disponierte Orchester bringt diese Musik auf den Punkt und bietet genau die richtige Mischung aus Perfektion und Lockerheit. Die Streicher klingen schlank, aber nicht dünn, Bläsersoli gelingen in blühendem Ton, Blech und Pauke setzen ihre Akzente ohne Knalligkeit, die Rhythmen federn, kurz: So sollte Rossini klingen. Daß nach der Pause bei den Geigen gelegentliche Intonationstrübungen zu vermerken sind, schmälert diese Leistung nicht.

Carella ist zudem ein aufmerksamer Begleiter und ermöglicht es den Sängern, auf ihre Qualitäten aufmerksam zu machen. So kann Cláudia Ribas in der Titelpartie ihren dunkel timbrierten, samtigen Alt gut zur Geltung bringen. Sie hätte es dabei nicht nötig, in den zahlreichen tiefen Passagen ihr Material zusätzlich einzudunkeln, was mitunter den Eindruck macht, als wolle sie ihre Stimme künstlich größer und „männlicher“ erscheinen lassen. Zu großer Form läuft sie am Ende in ihrer anrührend gestalteten Sterbeszene auf – fraglos der vokale Höhepunkt des Abends. Es ist eine gute Nachricht, daß Ribas ab der kommenden Saison dem festen Ensemble angehören wird.
Bianca Tognocchi brilliert als Amenaide mit dem, was man despektierlich eine „geläufige Gurgel“ nennt: Die Höhen gelingen ihr klar und unangestrengt, Koloraturen perlen mit lockerer Selbstverständlichkeit. Das Timbre ihrer Stimme ist hell, besitzt aber ausreichend Fülle und Volumen, um sich in Ensembles und gegenüber dem Chor durchzusetzen, und wirkt allenfalls in wenigen Spitzentönen etwas scharf. Koloraturgeläufigkeit zeichnet auch Theo Lebow aus, der seine leicht herbe Stimmfarbe zur Charakterisierung der Figur des Argirio passend einsetzt. Der Baßbariton von Kihwan Sim ist inzwischen schwärzer geworden, hat sich aber seine Saftigkeit und Beweglichkeit bewahrt. Für den Orbazzano klingt er beinahe zu schön. Ruby Dibble macht als Isaura mit ihrem warmen Mezzo auf sich aufmerksam, Clara Kim erfreut als Lorendana mit frischem, rundem Sopran. Die Herren des Opernchors sind häufig im Einsatz und gefallen mit einem kraftvollen und homogenen Klang.

Nun zu unserem immer noch nicht völlig abgeklungenen Ärger. Es begann damit, daß im Regionalteil der FAZ ein Bericht über ein Gespräch zu der Neuinszenierung mit dem verantwortlichen Dramaturgen Konrad Kuhn unter der Überschrift „Themen, die uns auf den Nägeln brennen“ erschien. Gleichrangig mit „von brennender Aktualität“ gehört das unter den Dramaturgen-Phrasen zu den abgedroschensten, für deren Verwendung man Bußgelder verhängen sollte. Wenn Theaterleute solche Worthülsen gebrauchen, läuten bei uns die Alarmglocken. Was nun sind diese die Nägel versengenden Themen? Zunächst einmal ist der Plural übertrieben: Fremdenfeindlichkeit (Singular) ist gemeint. In dem Gespräch hatte der Dramaturg die Handlung laut dem Artikel wie folgt umrissen: „Es geht um die Liebe zwischen der Adelstochter Amenaide und dem Ritter Tancredi, der aus Syrakus verbannt worden ist und unerkannt zurückkehrt. Um einen abgefangenen Brief, den Amenaide ihm schreibt, um ihre Zwangsheirat, damit eine Familienfehde beendet wird, und um den näher kommenden Krieg.“ Das ist gut zusammengefaßt. Haben Sie die „brennende“ Thematik der Fremdenfeindlichkeit erkannt? Die liegt darin, daß Syrakus im Libretto in Angst vor Übergriffen der Sarazenen lebt. Letztere seien das Sinnbild des „Fremden“. Und um diese Angst vor dem Fremden/den Fremden gehe es tatsächlich.
Auf der Bühne wird dazu ein provinzielles Vereinsheim mit Biertheke gezeigt. Das also ist für den Dramaturgen der Hort der Fremdenfeindlichkeit, die er – worin wir ihm ausdrücklich Recht geben – für irrational hält. Wir gehen auch insoweit mit, daß aus dieser irrationalen Fremdenfeindlichkeit paranoide Tendenzen erwachsen, Verschwörungsmythen ins Kraut schießen und daß dies wiederum der Nährboden für die in Europa und weltweit grassierende Pest des Rechtspopulismus ist. Um das zu illustrieren, wird nun auf der Bühne eine Dorfgesellschaft gezeigt, ein Teil trägt Gummistiefel, ein Teil paramilitärisch angehauchte Kleidung mit Camouflage-Muster, die sich auf rustikalen Stühlen versammelt und sich mit Boxkämpfen, Bogenschießen und auf der Jagd die Zeit vertreibt. Die Gleichung, die hier aufgemacht werden soll, lautet also offenbar: Provinziell = reaktionär = rechtsextrem. Zur Bekräftigung zitiert das Programmheft zwei Prozeßberichte: einen über das Verfahren gegen die Reichsbürger-Bande und einen über einen Rechtsextremisten, der Anschläge auf ihm mißliebige Politiker und Wissenschaftler geplant hatte. Diese Gleichung „unterkomplex“ zu nennen, wäre die Untertreibung des Jahres. Darauf kann nur kommen, wer sich in einer pseudo-intellektuellen, hermetisch abgedichteten, großstädtischen Blase befindet, aus der heraus er mit wohligem Gruseln und einer Attitüde auf andere Lebensentwürfe herabblickt, die man als Arroganz bezeichnen könnte, wenn sie in ihrer Selbstgerechtigkeit nicht so schlicht wäre.

Regisseur Manuel Schmitt bekommt diese ihm vorgegebene Thematik weder theoretisch noch praktisch zu fassen. Das im Programmheft wiedergegebene, von Dramaturg Kuhn mit Schmitt geführte Interview ist bezeichnenderweise das gehaltloseste, welches die Oper Frankfurt je gedruckt hat. Das Schöne ist: Es ist unnötig, die Augen vor der Inszenierung zu verschließen, um die Musik ungestört zu genießen, denn die Regie findet für den im Programmheft behaupteten Überbau keine eindrücklichen Bilder. Womöglich war es sogar die geheime Absicht des Regisseurs, den wohlmeinenden politischen Anspruch des Dramaturgen als das erscheinen zu lassen was er ist: dünne Suppe.
Schmitt und seinem Bühnenbildner Bernhard Siegl ist zu diesem Setting abgesehen von zwei Boxkämpfen, Pfeilschießen und dem Häuten erlegten Wildes im Randgeschehen jedenfalls für die Kernhandlung nichts eingefallen, was man nicht in jeder anderen Kulisse und beliebigen anderen Kostümen hätte spielen können. Vielleicht deswegen kommt das Inszenierungsteam im Schlußapplaus mit höflich-mattem Beifall und wenigen Unmutsbekundungen einigermaßen glimpflich davon: Das Publikum hat gar nicht bemerkt, daß es über Fremdenfeindlichkeit belehrt werden sollte.
Nun wäre es möglich, daß der Ärger über die Dramaturgie uns den Blick auf eine in Wahrheit geniale Inszenierung getrübt hat. Immerhin hatte uns das Team Schmitt/Siegl mit dem Doppelabend zu Brittens Kirchenparabeln seinerzeit zu Jubelgesängen hingerissen (unsere Kritik). Da hat der zeitliche Verzug beim Abfassen der Kritik auch den Vorteil, in den bereits erschienen Rezensionen der Kollegen nachzusehen, ob man womöglich etwas übersehen hat. Ergebnis: offenbar nicht. Der verehrte Kollege von der FAZ etwa sagt zur Inszenierung kaum etwas und lobt lediglich das Bühnenbild aus zwei Gründen: Erstens dreht sich Bühne, weswegen die Sänger sich längere Wege sparen können, was sich wiederum günstig auf ihre Atmung auswirke, zweitens sei das besagte Vereinsheim akustisch für die Singstimmen sehr günstig. Wenn das nicht mit feinsinniger Ironie getränkt sein sollte, so ist es jedenfalls bezeichnend.

Wer sich also von der Lektüre des Programmheftes nicht ärgern läßt, bekommt in einem trostlosen, immerhin akustisch vorteilhaften Bühnenbild bei im Kern ordentlicher Personenregie einen musikalisch anregenden Rossini-Abend präsentiert, wofür sich der Erwerb einer Karte dann doch lohnt.
Michael Demel, 16. Juni 2026
Tancredi
Melodramma eroico in zwei Akten von Gioachino Rossine
Oper Frankfurt
Premiere am 7. Juni 2026
Inszenierung: Manuel Schmitt
Musikalische Leitung: Giuliano Carella
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Weitere Vorstellungen am 17., 20., 22., 24., 26. und 28. Juni 2026.