Heimbach: „Spannungen“, Musik im RWE-Kraftwerk Heimbach

Seit dem frühen Tod von Lars Vogt vor vier Jahren führt sein enger und langjähriger Freund Christian Tetzlaff das Kammermusikfestival „Spannungen“ in der am malerischen Rursee gelegenen Eifelstadt Heimbach mit ungebrochener Kreativität und Energie fort. Gestützt von einer ganzen Legion international prominenter Musiker und einem bienenfleißigen Organisationsteam des Dürener Kunstvereins. Nicht zu vergessen der Energiekonzern RWE, der alljährlich die Turbinen seines über 100 Jahre alten und immer noch laufenden Jugendstilkraftwerks für eine Woche abstellt und die einzigartige Spielstätte der Kammermusik überlässt.

© Georg Witteler

Architektonisch erinnert das mit pittoresken Türmen, ovalen Fenstern, kunstvoll geschnitzten Holzaufgängen und mit zahlreichen Ornamenten ausgestattete Gebäude eher an eine Kathedrale als an eine Industriestätte. Nicht nur diese Assoziationen bewogen Christian Tetzlaff als künstlerischen Leiter dazu, die diesjährige Woche der „Spannungen“ unter das Motto „Das Heilige und das Profane“ zu stellen. Auch die aktuellen Krisen gaben den Anstoß, mit Hilfe der Musik innehalten und den Zustand der Welt, in der Empathie und Menschlichkeit immer stärker zurückgedrängt zu werden drohen, innerlich reflektieren zu können. Tetzlaff: Das Motto lädt dazu ein, Musik in ihrer ganzen Dimension und Faszination zu erleben, dem Alltäglichen musikalisch ebenso nachzuspüren wie den tieferen Dimensionen menschlichen Geistes. Das kann nur Musik.“

Gedanken, die stets vom Geist des Festival-Gründers Lars Vogt beflügelt scheinen, der im Bewusstsein der Interpreten und des Publikums allgegenwärtig ist. Nicht nur durch die Porträts, die die Wände des Kraftwerks zieren. Seine älteste Tochter Isabelle Vogt setzt mittlerweile als Moderatorin und Organisatorin von Schul- und Familienkonzerten nachhaltige Akzente. Und der Geiger Christian Tetzlaff wie auch dessen Kollegin Antje Weithaas, die dem Festival seit seiner Gründung vor 28 Jahren die Treue halten, waren sogar an seinem Sterbebett anwesend und versprachen ihrem Freund, das Festival fortzusetzen.

© Georg Witteler

Lars Vogt war ein international rastlos reisender Klavier-Star, aber ebenso ein erd- und heimatverbundener Mensch von beeindruckender Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft. Geboren ist er in Düren und es war ihm ein Herzenswunsch, in der angrenzenden, kulturell nicht gerade verwöhnten Region der Nordeifel ein anspruchsvolles Festival für die Bürger seiner Heimat in einem möglichst familiären Umfeld zu veranstalten. Eine Idee, die bei vielen zunächst auf Skepsis stieß. Aber er setzte seinen Wunsch um und letztlich überstimmten die Förderer die Skeptiker. Die Stadt Heimbach, die Kraftwerkbetreiber, der Kunstverein Düren, die gastronomischen Betriebe und nicht zuletzt Vogts musikalische Freunde setzten das Projekt mit vehementer Leidenschaft um. Gleich der erste Anlauf im Jahre 1998 wurde ein riesiger Erfolg. Die Kartennachfrage in den Folgejahren überstieg oft das Angebot bei weitem.

Ganze Legionen ehrenamtlicher Helfer sind seitdem dabei und an interessierten Spitzenmusikern ist kein Mangel, auch wenn sie sich quasi ohne Gage mit einem Taschengeld zufriedengeben müssen. Zu den Mitwirkenden der ersten Stunde gehören neben Antje Weithaas und Christian Tetzlaff u.v.a. der Cellist Gustav Rivinius und die Klarinettistin Sharon Kam. Und bei den Tetzlaffs sind seit langem auch dessen Schwester, die Cellistin Tanja Tetzlaff, und mittlerweile auch zwei seiner Kinder dabei. So die Oboistin Marie und der Cellist Simon Tetzlaff. Und auch der Geiger Florian Donderer trat in diesem Jahr die Reise in die Eifel an der Seite seines Sohnes, des Fagottisten Aljoscha Donderer an.

Insgesamt waren in diesem Jahr über 30 Solistinnen und Solisten vertreten und darüber hinaus mit dem „Konzertchor Westfalica“ zum ersten Mal auch ein Chor. Ein junges Spitzenensemble im Rahmen der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund, das im Schlusskonzert dem Motto des Festivals mit Beethovens Chorfantasie zu einem effektvollen Ausklang verhalf. Am Klavier saß Alexander Lonquich, der, wie auch sein Kollege Martin Helmchen und die Cellistin Tanja Tetzlaff, ein Riesenpensum absolvierte.

Der mögliche Radius des Mottos wurde weit ausgeschöpft. So stoßen Himmel und Erde sinnfällig zusammen, wenn Franz Schuberts bestrickendes Streichquintett angestimmt wird, Beethoven in seinem abgeklärten späten Streichquartett op. 131 der Welt entrückt zu sein scheint oder in einer Violinsonate Johann Sebastian Bachs ein Zitat aus dessen „Kreuzstab“-Kantate erklingt. Nicht zu reden von den erfreulich vielen neueren Werken, etwa den von Kriegseindrücken erschütterten „Lachrymae“ von Benjamin Britten. Oder dem „Lobgesang auf die Unsterblichkeit Christi“ in dem in einem deutschen Kriegsgefangenenlager entstanden „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen, von denen nicht zuletzt auch Beiträge von Jörg Widmann und Sophia Gubaidulina Erwähnung verdienten.

Auch wenn für die Realisierung eines weitgehend privat finanzierten, auf Sponsoren und Fördergelder angewiesenen Projekts wie das einer aufwändigen Festspielwoche jedes Jahr erneut um die nötigen Gelder gerungen werden muss, können sich Christian Tetzlaff und Hans-Joachim Güttler, der Vorsitzende des „Arbeitskreises Spannungen“ im Kunstverein Düren, auf eine treue Schar von Unterstützern verlassen, so dass man der Zukunft des Festivals mit guten Gefühlen entgegensehen kann.

Die „Spannungen 2027“ sind gesichert und werden vom 20. bis 27. Juni 2027 durchgeführt.

Pedro Obiera, 24. Juni 2026


Spannunge
Musik im RWE-Kraftwerk Heimbach
14. bis 21. Juni 2026