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SCHWANENSEE

04.10.2019

 

Der unverwüstliche Ballettklassiker SCHWANENSEE ohne Prinzen? Geht das überhaupt? Ja, es geht – und wie! Der Leipziger Ballettchef Mario Schröder stellt eine moderne Prinzessin anstelle eines mehr oder minder psychisch angeschlagenen Prinzen ins Zentrum seiner am 6. Mai 2018 uraufgeführten Version von Tschaikowskis Meisterwerk. Eine junge Frau auf der Suche nach ihrem wahren Ich, gefangen in einem Rokoko-Palast, dessen Wände aus ganz eigenartiger Perspektive nach oben weisen, zugleich beängstigend sind und doch einen Fluchtweg aus dem goldenen Käfig aufzeigen, in welchem die junge Frau gefangen ist. Denn ihre familiäre und gesellschaftliche Umgebung hat kein Verständnis für die Sehnsüchte und Leidenschaften der Prinzessin. Sie soll einen standesgemäßen Mann ehelichen. Ihr Stiefvater ist Rotbart (mit starker Bühnenpräsenz und kraftvoll-geschmeidiger Attitüde: Marcos Vinicius da Silva), ein selbstbewusster und tyrannischer Macho, der zudem seiner Stieftochter gnadenlos nachstellt, sie sexuell bedrängt.

Die Mutter (großartig getanzt von Fany-Yi Lu, mit wunderbar biegsamen und fließenden Bewegungen) ist eiskalt und distanziert, weiß um die Übergriffe ihres Mannes – und tut nichts, sondern schaut weg, lässt ihre Tochter in ihrer Qual allein. Die Aufwertung dieser Figur, weg vom rein pantomimischen anderer SCHWANENSEE Aufführungen stellt einen der vielen Pluspunkte dieser Choreografie dar. Die Prinzessin wird von Urania Lobo Garcia grandios verkörpert. Sie zeigt die Verunsicherung des Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden, ihre Träume, Wünsche, Fantasien, aber auch ihre Verletzlichkeit auf berührende Art und Weise, mit fantastischer tänzerischer Kraft. Immer wieder fällt sie quasi in sich zusammen, blüht dann aber wieder auf (in den beiden „weissen“ Akten), wenn sie sich in ihre Traumwelten flüchtet. Diese Welten werden ihr von ihrem Lehrer Benno (ausdrucksstark in seinen Facetten, und doch nie aufdringlich: Lou Thabart) geöffnet, einem kunstsinnigen Menschen, der auch die Ambiguität der Geschlechter verkörpert, ein Mann mit vielen weiblichen Seiten. Diese Mehrdeutigkeit der Geschlechterrollen setzt Mario Schröder in seiner stupenden Choreografie in den weissen Akten II und IV konsequent um, indem er das Corps der Schwäne mit Frauen UND Männern besetzt – was auch tänzerisch ganz wunderbar funktioniert.

Genial ist in diesen beiden Akten die Bühnen- und Videogestaltung von Paul Zoller: Er lässt die Rokokowände hochfahren und senkt eine gigantische Spiegelwand auf der Bühnenhinterseite schräg gestellt ein. Diese Spiegelung (trifft für einmal nicht das Publikum) ermöglicht den Zuschauern im Saal nicht nur in die Fantasy-Atmosphäre der Schwanen-Akte einzutauchen, sondern ermöglicht Blickwinkel auf die Choreografie quasi von oben, so dass man die Formationen und Soli nicht nur von vorne, sondern eben auch aus anderer Perspektive genießen kann. Atemberaubend, was sich hier – unterstützt von Wellen und Federn als Videos – abspielt, wunderbare stimmige und sinnige Konstellationen, Spiralen, Kreise, Gruppenformationen u.v.a.m. aus Körpern. Hier trifft die Prinzessin auch auf den weissen Schwan (Anna Jo, fragil und kraftvoll zugleich, bezaubernd und sicher getanzt). Immer stärker identifiziert sich die Prinzessin mit dem weissen Schwan – die Pas de deux der beiden Frauen sind wunderschön und berührend. Die Prinzessin scheint zu sich selbst zu finden, blüht auf; das ist sinnlich und poetisch zugleich umgesetzt. Doch der Albtraum des Alltagslebens am Hof kehrt zurück, schwarze Figuren werfen die Schwäne um, die Rokoko-Saalwand mit den Gemälden von zwei sterbenden Schwänen senkt sich herab. Nur kurz wird der Zauber nochmals lebendig, mit dem Tanz der kleinen Schwäne, die hier in witzig-grotesken Strampelbewegungen vor der Spiegelwand agieren – herrlich! Doch schnell ist auch dieser Zauber weg, die Prinzessin findet sich erneut im Saal, bricht verzweifelt zusammen. Denn nun soll sie sich einen Gemahl auswählen: Zur Auswahl stehen ein neureicher Russe (wunderbar: Oliver Preiß), der sich mit „billigen“ weiblichen Schönheiten umgibt und viel Wodka trinkt, ein unerträgliches Bachelor-Gehabe an den Tag legt, von dem die Prinzessin zu Recht abgestoßen ist.

Nicht viel besser ist es um den Spanier (Luke Francis, tuntig-virtuos) bestellt – Macho-Gehabe pur. Er kreuzt gar mit vier Begleitern auf. Auch der Neapolitaner (herrlich verspielter Latino: Alessandro Repellini) mit seinen drei sonnenbebrillten Begleiterinnen vermag die Prinzessin nicht zu verführen – im Gegenteil, sie ist von allen dreien zu Recht abgestoßen, was wiederum den Zorn des Stiefvaters entfacht. Doch dann taucht der schwarze Schwan auf, mit einem selbstbewussten Tanz vermag er (eigentlich sie, denn es ist eine schwarze Schwänin) die Prinzessin zu faszinieren und zu bannen. Und siehe da, die goldenen Wände des Rokoko-Käfigs gehen wieder hoch, die Prinzessin tanzt in tiefer Verbundenheit mit der schwarzen Schwänin. Laura Costa Chaud tanzt diese schwarze Schwänin mit selbstbewusster Kraft und Sinnlichkeit – verführerisch und virtuos. Doch die Mutter und Rotbart trennen die beiden brutal, der Hofstaat kreist auf beweglichen Sofas um den Saal, der eigentlich mit Fusstritten im ersten Akt vom Hof verbannte Benno muss hilflos zusehen. Die schwarze Schwänin wird von Rotbart ebenso getreten und gepeinigt. Im letzten Akt liegen die Schwäne in fleischfarbenen Trikots quasi nackt und schutzlos auf der Bühne, im Zentrum der weisse und der schwarze Schwan. Aus der Spirale der Schwäne bilden sich Paare, Gruppenformationen mit unglaublich starken Spiegeleffekten sind zu bewundern, überhaupt zeichnet sich Schröders Bewegungsrepertoire durch eine großartige Vielschichtigkeit aus. Nachdem die Prinzessin zunächst mit ihren beiden Vorbildern alleine auf der Bühne verbleibt, erscheint erneut das grandios und wunderbar präzise tanzende Corps des Leipziger Balletts und die drei Frauen werden in einer Art Apotheose gefeiert. Bald schon kristallisiert sich heraus, dass die Prinzessin ihre beiden Identifikationsfiguren nicht mehr braucht, sie rennt sich quasi frei -frei von allen gesellschaftlichen Zwängen – ist eigenständig und findet zu sich selbst, untermalt von Harfenklängen, Streichern und Hörnerklang. Diese wunderbare Musik steuert das herausragend spielende Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Timo Handschuh bei. Es ist ein Gesamtklang von fantastischer Transparenz, nie dicklich oder schmalzig, sondern von federnder Plastizität geprägt, weich und doch, wo gefordert mit packender Dramatik auftrumpfend.

Fazit: Eine Lesart dieses Klassikers, die überzeugt (auch wenn man als Mann darin keine Identifikationsfigur findet – doch man vermisst den melancholischen Prinzen erstaunlicherweise keinen Moment). Optisch und musikalisch ein Ereignis

 

(c) Ida Zenna

Kaspar Sannemann 6.10.2019

 

 

Magnificat

Uraufführung am 9. 2. 2019

Das Leipziger Ballett mit kühner Mixtur

 

Wie John Neumeier in Hamburg scheint es auch dem Chefchoreografen des Leipziger Balletts Mario Schröder ein Anliegen zu sein, sich mit dem Werk Johann Sebastian Bachs künstlerisch auseinanderzusetzen. Nach der Johannes-Passion folgt nun das Magnificat BWV 243 in einer tänzerischen Deutung, die am 9. 2. 2019 ihre gefeierte Uraufführung im Opernhaus erlebte. Bekanntermaßen bietet das Werk keine Klangfolie für ein Abend füllendes Ballett, so dass Mario Schröder Giovanni Battista Pergolesis Stabat mater als ergänzende Musik auswählte und die beiden Werke miteinander verwob. Das erscheint schlüssig, denn Bach und Pergolesi sind Vertreter des Barock und zudem Zeitgenossen. Die Entscheidung hatte aber auch dramaturgische Gründe, steht das Magnificat doch für Jubel und Freude, das Stabat mater dagegen für Trauer und Schmerz – Emotionen, die unser Leben bestimmen. Überraschend und irritierend dagegen ist die Einbeziehung von klassischer indischer Musik, welche von Ravi Srinivasan und seiner Formation Indigo Masala live interpretiert wurde. Die drei Musiker spielen Tabla, Pfeifen, Sitar, Percussion und sogar Akkordeon, äußern darüber hinaus fremdartige Sprechlaute. Diese Musik könnte für Temperament und Vitalität stehen, wirkte gleichwohl fremd und bizarr im Kontext zum Barock.

Ausstatter Paul Zoller hat die von Michael Röger in leuchtende Sonnentöne getauchte Bühne mit käfigartigen Gestängen von gelber Farbe eingefasst, welche zunächst von Stoffwänden bedeckt sind, die dann nach unten sinken. Das Zentrum im Hintergrund bildet ein Rhönrad, das auch das buddhistische Dharma-Rad sein könnte, in welchem mehrfach Tänzer agieren. Zu Beginn sitzen die Mitglieder des Leipziger Balletts auf dem Boden in weißen Hosen und orangefarbenen Überwürfen – dem verhaltenen Entrée folgt bald eine lebhafte Gruppenszene zum „Magnificat anima mea“. Zu sehen sind dann unterschiedliche Formationen, Laufbewegungen, viel Armarbeit, Breakdance-Anmutungen, Szenen von aufgeregtem Duktus, feierliches Schreiten, Körperskulpturen, Spiralen, Reihen, wirbelnde Gruppen, Aktionen in slow motion und sogar Figuren, die an Eiskunstlauf erinnern. Die Choreografie ist in ihrem Vokabular ungemein vielfältig, entgeht aber nicht immer der Gefahr, dass sich manche Formationen wiederholen. Zuweilen entbehrt sie auch nicht des Profanen, wenn Tänzer die hölzernen Käfige hin und her schieben und drehen, dass sie tanzenden Bambusstäben ähneln.

Starke Momente gibt es in einigen Soli von heiterer Stimmung sowie empfindsamen Pas de deux, vor allem mit Laura Costa Chaud/Urania Lobo Garcia und Lou Thabart. Faszinierend ist der Auftritt in animalischem Duktus von Fang-Yi Liu zu Masalas „Pipit“. Die Tänzerin hüpft, schleicht, flattert und windet sich mit der Leichtigkeit eines Vogels. Aber auch den anderen Tänzern sind agile Körperlichkeit und stupende Gewandtheit zu attestieren. Den musikalischen Jubel im letzten Satz der Musikfolge, Bachs „Gloria“, bricht der Choreograf, denn da gibt es nach dem kraftvollen Auftakt auch Momente des Verharrens und am Ende einen fragenden Blick der Tänzer ins Publikum.

Das Gewandhausorchester musiziert unter der Leitung von Christoph Gedschold stilistisch versiert, während der Chor der Oper Leipzig (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint) mitunter verwaschene Koloraturen hören lässt. Kompetent besetzt ist das Solistenquintett mit den klaren Sopranen von Steffi Lehmann und Susanne Krumbiegel, der Altistin Marie Henriette Reinhold, dem versierten Tenor Martin Petzold und dem Bassisten Dirk Schmidt.

 

Bernd Hoppe 13.2.2019

Bilder (c) Ida Zenna

 

 

 

 

 

 

 

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