Giuseppe Verdis nach der ersten Fassung des Simon Boccanegra und vor der Forza del destino entstandener Maskenball (Rom, 1859) ist mit seiner stilistischen Mischung aus klassischem italienischem melodramma und französischem Esprit nicht leicht zu inszenieren, wenn das Gleichgewicht gehalten werden soll.
Für Florenz, wo das Werk szenisch zum letzten Mal in der Saison 2007/08 gegeben worden war,wählte die argentinische Regisseurin Valentina Carrasco einen Zugang, der deutlich mehr zur dramatischen Seite tendierte. Dies auch, weil die ins vorige Jahrhundert verlegte Handlung eine Person wie den ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy in den Fokus stellt. Damit geht die Problematik des damals noch besonders virulenten Rassenkonflikts einher. Dies wird im Ulrica-Bild besonders deutlich, wo Ulrica als evangelikaler, die Massen hysterisierender, Prediger gezeigt wird. Die Story ist ganz auf Kennedy zugeschnitten, denn wir sehen im ersten Bild auch Jackie K. in typischer Kleidung und mit ihren Kindern an der Hand (und am Ende die Videoeinblendung der Todesfahrt des amerikanischen Präsidenten). Im sogenannten Galgenbild ist eine trostlose, verlotterte Peripherie samt Betrunkenen und dem Zugang zu einem Bordell zu sehen (wo sich Amelia mit großer Sonnenbrille und Kopftuch in einer Telephonzelle verstecken kann und damit plausibel wird, warum sie von ihrem Gatten erst erkannt wird, als sie sich selbst zu erkennen gibt – die erste geglückte Lösung der Szene, auf die ich bis zu dieser meiner 41. Aufführung dieser Oper warten musste). Die Auseinandersetzung Amelia-Renato und das Verschwörer-Terzett finden in Renatos Büroräumen statt, der im MAGA-Stil gehaltene titelgebende Ball (Oscar mit Stars and Stripes drapiert, die Micky-Maus-Masken…) könnte genauso heute stattfinden (Bühne: Andrea Belli, Kostüme: Silvia Aymonino).

Meine Einwände betreffen im Grunde Überflüssiges, wie ein paar unnötige Vertreter des Ku-Klux-Klan im Ulrica-Bild, oder dass der Sohn von Amelia und Renato als Baby in seiner Mutter Armen gezeigt wird, und das während „Eri tu“, Renatos großer Abrechnung mit Riccardo. Die grundsätzliche Frage scheint mir eine andere: Mit dem Liebesduett des 2. Akts hat Verdi das wohl schönste Liebesgeständnis der italienischen Oper geschrieben, das für mich immer von der „großen Liebe“ gesprochen hat. Hier sehen wir szenisch allerdings ein sehr körperliches Bedürfnis der Annäherung seitens (des im 1. und 2. Bild von Anbeterinnen umringten) Riccardo und eine Körpersprache Amelias, die fast darum fleht, nicht zu weit zu gehen. Dies passt allerdings zum Regiekonzept, wenn an der Seite des sterbenden Riccardo wiederum Gattin und Kinder sind („Addio, miei figli“ richtet sich somit an diese und nicht an das Volk). Die ganze Erzählung ist in sich stringent und wird auch überzeugend, wenn man sich einen Staatsmann in der Scheinheiligkeit der öffentlichen Politik vorstellen wollte, der zu seiner Liebe steht und die Scheidung durchsetzt. Die Konsequenz wären Popularitäts- und damit Machtverlust – eben.
Alle Achtung für die Interpretation der so schwierige Partie des Riccardo durch Antonio Poli, der die Leichtigkeit für die Canzone des Fischers und für „E‘ scherzo od è follia“ ebenso aufbrachte wie für die Wehmut seiner Verzichtserklärung in „A me s’è forza perderti“. Auch schauspielerisch brachte er nach anfänglicher Verkrampftheit eine gute Leistung. Chiara Isotton war eine sehr gute, wenn auch nicht hervorragende, Amelia. Für eine noch höhere Einstufung fehlten ihr die letzte Durchschlagskraft und ein charakteristischeres Timbre. Dennoch eine respektable Leistung. Der rumänische Bariton Bogdan Baciu verfügt über einen kraftvollen, leicht metallischen Bariton, mit dem er Renatos Hingabe an den Freund und seine Enttäuschung über dessen Verrat auch szenisch sehr überzeugend über die Rampe brachte. Ein ganz ausgezeichneter Oscar (hier als Sekretärin) war Lavinia Bini, die die Koloraturen zwar bestens beherrschte, aber mit ihrer zum Lyrischen tendierenden Stimme die Ensembles glanzvoll leitete bzw. überstrahlte. Als (männliche) Ulrica imponierte Ksenia Dudnikova mit schön grundiertem Alt und faszinierender Interpretation des fanatischen Predigers. Die Verschwörer Samuel und Tom waren mit Mattia Denti und Adriano Gramigni durchschlagskräftig und profiliert besetzt. Der Pole Janusz Nosek war ein der Flasche huldigender Silvano mit kraftvollem Einsatz. Aus der Accademia del Maggio Musicale Fiorentino kam der präzise Giudice vonFrancesco Congiu, und das Chormitglied (nicht als solches ausgewiesen) Roberto Miani sang die Worte von Amelias Diener. Sehr gut auch die Leistung des Chors des Hauses in der Einstudierung von Lorenzo Fratini.
Der Angelpunkt (und Grund für meinen Ausflug nach Florenz) war allerdings die musikalische Leitung durch Emmanuel Tjeknavorian. Der junge Wiener, der mit seiner Führung des Orchestra Sinfonica di Milano wie ein Blitz in die italienische Musikwelt eingeschlagen hat, dirigierte nach seinen zahlreichen symphonischen Erfahrungen erstmals eine Oper. Was trotz der hohen Erwartungen in einem internationalen Haus wie dem Maggio Musicale ein Risiko scheinen mochte, wurde hingegen zu einer großartigen Bestätigung nicht nur eines Talents, sondern der Gabe, ein geeichtes Orchester wie das des Florentiner Festivals es ist, zu Höchstleistungen an Klangqualität zu führen. Kein Wunder, dass aus aller Welt großzügige Offerte eintreffen, aber ‚Tjek‘ bleibt Mailand noch zwei weitere Jahre treu.
Eva Pleus, 20. Mai 2026
Un ballo in maschera
Giuseppe Verdi
Teatro del Maggio Musicale Fiorentino
Besuchte Aufführung: 17. Mai 2026
Premiere am 12. Mai 2026)
Regie: Valentina Carrasco
Musikalische Leitung: Emmanuel Tjeknavorian
Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino