Wien : „Les pêcheurs des perles“, Georges Bizet (zweite Besprechung)

Am 14. Mai 2026 brachte die Wiener Staatsoper Les Pêcheurs des Perles von Georges Bizet in einer Neuinszenierung von Ersan Mondtag heraus, der – wie bisher unbestätigt kolportiert wird – ab 2028 hier auch den neuen Ring des Nibelungen inszenieren soll (siehe dazu unseren Kontrapunkt). Im Licht von Henning Streck war er auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich. Wenngleich er das Regiekonzept vom gefährlichen Perlenfischen im alten Ceylon in die Gegenwart der unter ähnlich prekären Bedingungen in Bangladesch oder Thailand erstellten Bekleidung für den westeuropäischen und den US-Markt verlegte, ging das dramaturgisch nicht auf, auch weil einfach zu viele handwerkliche Fehler passierten. Vor allem hatte die Bühnen-Ästhetik und selbst die Handlung im zweiten und dritten Akt kaum noch etwas mit dem Text und den Beschwörungen der Brahmanen und anderer Gottheiten zu tun.

Insbesondere passte aber das zweite Bild eines mondänen und mit hellem Marmor getäfelten Shopping Centers, verballhornten Markennamen auf den Boutiquen und zwei – nicht funktionierenden – Rolltreppen sowie einer Überzahl von Polizisten (!) nicht in diese Oper und noch weniger zu dem – allerdings auch nicht gerade beeindruckenden – Libretto von Eugène Cormon und Michel Florentin Carré.

Bild vom Schlußapplaus (© beim Autor)

Absolutes No-Go war zu Beginn des zweiten Akts eine martialische Räumung des Shopping Centers unter den Anweisungen des Staatsoperndirektors (!) aus dem Megaphon, bei unverhältnismäßig großem Polizei-Einsatz! Ähnlich deplatziert erschien die darauf folgende Truppe von Putzerinnen, die den ohnehin blanken Boden des Shopping Centers bohnern mussten. Sie ging mit dem aus dem Regisseurstheater zum Überdruss bekannten Putz-Set aus Eimer, Besen etc. hektisch zu Werke. Dazu plärrte aus einem Lautsprecher Musik aus Carmen aus einem Tonbadgerät. Buhrufe erklangen – nachvollziehbar – aus dem Parkett! Absolut entbehrlich, da rein banal aktivistisch, und hoffentlich gestrichen bei den Reprisen, oder zumindest einer späteren Serie in der Saison! So etwas hat man wohl noch nie in dieser Form in einem Shopping Center erlebt. Auch schlug wohl noch nie ein Blitz in ein solches ein! Da wäre in der Tat der Intendant gefragt! Gibt es nicht Stellproben im Laufe des Produktionsprozesses? Es wirkte jedenfalls wie ein Anschlag ins Gesicht der Thematik der Oper und ihrer eben doch auch romantischen Konzeption.

Und dabei wollte der Regisseur doch in die Realität unserer Tage! War er überhaupt einmal in einem Shopping Center über mehrere Stunden? In Brasilien gehen die jungen Leute gerade deshalb zum Flanieren hinein, weil es dort völlig sicher ist und man so auch keinen Polizisten zu Gesicht bekommt, allenfalls ein paar Security-Leute in Zivil. Kaufen will oder kann man eh nichts. Im Übrigen passten gerade im zweiten und dritten Akt die sechs äußerst bunt und kitschig-phantasievoll gekleideten Modelle mit ihren ständig vor sich hergetragenen sinnfreien MPs überhaupt nicht in die Szene und schon gar nicht in das Stück! Nicht einmal in diese Inszenierung! Was sollte dieser ganze üble und abgedroschene Militarismus mit Schiebermützen und Uniformen?

Bild vom Schlußapplaus (© beim Autor)

Im ersten Akt war die Mondtagsche Welt allerdings noch einigermaßen in Ordnung. Denn da sah man die riesigen Färberbecken zum Färben der Textilien, die man aus dem südmarokkanischen Fes kennt. Der aus den Färbern und vor allem Färberinnen bestehende Chor zeigte in seinen völlig verschmutzten und vielfarbig verschmierten Kostümen die schlimmen Arbeitsbedingungen zur Produktion der Luxus-Konfektion für die Reichen im Westen. Dieser Luxus wurde auch durch eine riesige Schaufensterpuppe „hoch“-stilisiert, die sich bis zur Bühnendecke erhob.

Am Ende kommt dann ein Video von Luis Krawen auf einer Leinwand herunter, und man sieht, wie die von Zurga angesteckte Textilfabrik in Flammen aufgeht, Arbeiter nach ihren Kindern und Ehepartnern suchen und retten, was aus den Flammen zu retten ist. Unterdessen berichtet eine TV-Reportern à la CNN unablässig im bekannten Stil von Breaking News. Das war vor allem aufgrund der banalen Präsentation allzu vordergründig und ebenfalls kaum vereinbar mit dem ganzen Regiekonzept im zweiten und dritten Akt. Zurga wird dann noch rücklings erschossen. Letztlich scheitert Mondtag an der vornehmlich romantischen Konstruktion der Perlenfischer und der diese so wundervoll unterstützenden Musik. Die Bilder stehen oft in zu starkem Kontrast mit Text und Partitur, als dass das Ganze musiktheatralisch überzeugen könnte.

Man kann als junger und offenbar nicht gegen die Bezeichnung „Regie-Rockstar“ etwas habender Regisseur eben das Rad des Komponisten nicht neu erfinden, den die Regisseure und vor allem die letztlich schuldigen Intendanten doch endlich einmal beherzigen sollten! Aber zumindest im deutschsprachigen Raum scheinen sie regelrecht immun gegen solche Überlegungen zu sein. Warum eigentlich? Haben sie Angst vor einem – sicher auch von großen Teilen der Kritik unterstützen – (vermeintlich) intellektuellen bzw. pseudointellektuellen, in der finalen Beurteilung zu anspruchslosen Herangehen an universale Opernstoffe?

Wenn das so weitergeht, wird man in Deutschland und teilweise auch in Österreich irgendwann mal vor fast leeren Häusern spielen und sich die Frage stellen müssen, warum man überhaupt noch Oper macht. War es nicht einmal einfach für ein potenziell opernaffines Publikum mit einem gewissen Bildungsauftrag tradierter und zu traditionsrelevanter europäischer Werte? Die gerade dieser Tage wieder so heftig beschworen, aber immer verschwommener werden?

Regie-Team / Bild vom Schlußapplaus (© beim Autor)

Am Ende schlug dem Regisseur und seinem Team eine Buh-Salve entgegen, die er freundlich lächelnd quittierte. Viel wichtiger als die zahlenmäßig relativ geringen, obwohl aufgrund der Formanten, die beim unverhältnismäßig laut wirkenden Buhen im tiefen Frequenzbereich liegen, war aber das gleichzeitig signifikante Abflauen des vorher für die Sänger so starken Applauses. Das ist zahlenmäßig für das Ausmaß der Gleichgültigkeit bis zur Ablehnung dieses Teils des Publikums viel bedeutsamer. Man stelle sich einmal vor, der Regisseur kommt vor den Vorhang, und niemand klatscht, aber es buht auch niemand! Das wäre wie ein künstlerisches Todesurteil!

Ludovic Tézier war ein Weltklasse-Zurga, sowohl stimmlich wie in seiner Souveränität ausstrahlenden Ruhe auch darstellerisch. Juan Diego Florez war ihm ein Partner auf Augenhöhe als Nadir. Allerdings hat sein wohlklingender Belcanto-Tenor mittlerweile etwas an Potenz und Strahlkraft verloren. Kristina Mkhitaryan sang im Laufe des Abends eine immer besser und dramatischer werdende Leïla, mit starkem vokalen und darstellerischen Ausdruck im Duett mit Zurga. Die kunstvollen Koloraturen, die diese Rolle auch verlangt, waren eher nicht ihr Ding. Ivo Stanchev gab einen klangvollen Nourabad und sorgte sich, das ganze Chaos etwas unter Kontrolle zu bringen. Alle vier Sänger absolvierten am Premierenabend ihre Rollendebuts.

Eine tragende Säule des Abends war der von Martin Schebesta einstudierte Chor der Wiener Staatsoper, der sich in absoluter Topform, wenngleich manchmal etwas lieblos choreografiert, präsentierte. Große Tableaus vor allem im ersten Akt.

Daniele Rustioni, erstaunlicherweise an diesem Abend mit seinem Debut an der Wiener Staatsoper, trug mit dem Orchester der Wiener Staatsoper vor allem im zweiten und dritten Akt stark auf und konnte so die dramatischer werdende Handlung musikalisch bestens akzentuieren. . Er ging besonders einfühlsam auf die Sänger ein und gestaltete die sublimem Momente der klangvollen und mit vielen herrlichen Melodien aufwartenden Partitur ebenso eindrucksvoll wie die dramatischen Passagen. Ein überaus gelungenes Haus-Debut! Die Musik Bizets beeindruckt immer wieder mit schwelgerisch schönen Melodien, und die Arie des Nadir sowie das Duett von ihm mit Zurga zu Beginn sind absolute Ohrwürmer. Ein guter, aber kein großer Abend am Haus am Ring, da einfach nicht überzeugend. Relativ kurzer Applaus für eine Premiere an diesem Haus, der meiste zu Recht für Tézier und Rustioni mit dem Orchester.

Klaus Billand, 6. Juni 2026


Les Pêcheurs des Perles
Georges Bizet

Staatsoper Wien

Besuchte Aufführung der Premiere 14. Mai 2026

Inszenierung: Ersan Mondtag
Musikalische Leitung:
Daniele Rustioni
Orchester die Wiener Staatsoper