Milano: „Carmen“, Georges Bizet

Diese Produktion hätte aus mehreren Gründen „Don José“ heißen müssen. Ein bedeutender Grund liegt darin, dass die Regie von Damiano Michieletto die Schwierigkeiten des jungen Brigadiers zeigt, sich in der Welt zurechtzufinden. Offenbar stand er unter der Fuchtel einer besitzergreifenden Mutter, denn Micaelas Ankunft bereitet ihm keinerlei Freude, er weist sie im Gegenteil wiederholt grob zurück. Der mitgebrachte Brief der Mutter wird über einen Lautsprecher verlesen, womit die Bitte um Rückkehr einen geradezu erpresserischen Ton erhält. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich die Geschichte tödlicher Eifersucht folgerichtig bis zum Femizid, der einem gefühlsmäßig unreif gebliebenen Mann als einzige Lösung erscheint. Dieses Konzept wird von Vittorio Grigolo perfekt umgesetzt. Offenbar glaubte der Tenor an diese Auslegung, denn er spielte konzentriert und ohne die von ihm ansonsten bekannten Mätzchen. Gesanglich war er in bestechender Form und setzte seine Stimme in den dramatischen wie lyrischen Momenten mit großer Überzeugungskraft ein. Die Blumenarie beschloss er mit dem verlangten pianissimo auf ‚Je t’aime‘, was nur mit einer bestens fundierten Technik gelingen kann.

© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala

Ein weiterer Grund dafür, dass dieser José so sehr im Mittelpunkt stand, war leider die Besetzung der Titelrolle mit Clémentine Margaine. Angsichts ihrer Darbietung bleibt es unerklärlich, wie die Künstlerin zu einem gewissen Ruf in dieser Rolle gekommen ist. Zugegeben, dass ihr die Kostüme von Carla Teti (im 1. Akt ein Overall, dann bedeutungslose Fähnchen und im 4. Akt eine Hose und Bluse, deren Farben heftig miteinander stritten) keine Unterstützung waren, aber eine derart unerotische Carmen ist mir noch nie untergekommen. Diese Farblosigkeit wurde noch durch eine wenig differenzierte Textbehandlung der Muttersprachlerin unterstrichen. Ebenso uninteressant war die stimmliche Leistung, denn da Farben und Nuancen fehlten, fielen ein paar schrille Spitzentöne umso mehr auf (bezeichnenderweise rührte sich nach der Habanera keine Hand).

Enttäuschend auch der stocksteife Escamillo des Georgiers Giorgi Manoshvili, der seinen auffallend schön timbrierten Bassbariton überhaupt nicht zur Geltung zu bringen wusste (und gleichfalls unter einem Anzug in sagenhaft hässlicher Farbe zu leiden hatte). Die mit Brille und plumpem Schuhwerk bewusst unvorteilhaft gekleidete Micaela wurde von der Moldawierin Natalia Tanasii szenisch überzeugend interpretiert und ohne besondere stimmliche Merkmale passabel gesungen. Als eher dünnstimmig erwiesen sich Frasquita (die Kanadierin Sarah Dufresne) und Mercédès (die Französin Marine Chagnon). Tüchtig der Moralès von Simone del Savio und der Zuniga von Xhieldo Hyseni (dieser aus der Accademia der Scala). Dancaïre Pierre Doyen und Remendado Loïc Felix wurden von der Regie die Möglichkeit, szenisch zu punkten, genommen.

Womit wir endgültig bei der Regie wären: Michieletto hatte verkündet, das Sujet von der iberischen Folklore befreien zu wollen. Ein durchaus legitimes Ansinnen, aber wozu die Verlegung in den Wilden Westen? (Was übrigens nicht aus dem Bühnenbild von Paolo Fantin ersichtlich wurde, sondern in einem Gespräch mit dem Regisseur im Programmheft nachzulesen war). Das Geschehen spielte sich in jedem der vier Akte in einem kleinen, engen Raum ab, wobei die Außenwelt, bestehend aus Resten vertrockneten Grases bei Erfordernis durch die Drehbühne sichtbar gemacht wurde. Die Polizeistation im 1. Akt und das Magazin der Schmuggler im 3. gerieten da noch überzeugend, aber im 2. und 4. Akt fehlte jedwede Atmosphäre, spielten sie doch in einer Art Mininachtlokal bzw. in der Garderobe Escamillos. Carmen musste ihr Chanson de Bohéme ohne Publikum singen, da keine Gäste anwesend waren und ihre beiden Begleiterinnen nur stockbesoffen umhertorkelten. Völlig verschenkt auch Escamillos Auftritt mit dem (wie immer fabelhaft singenden) Chor des Hauses unter Alberto Malazzi, denn der Toreador kam hereingeschlendert, absolviertesein Lied und ging in Ruhe wieder ab (auch hier nicht einmal der Versuch für Szenenapplaus! Wenig überzeugendauch das Schlussbild vor einer nicht-existenten Arena, in den zahlreichen Lichtquellen von oben (Alessandro Carletti) der letzten Konfrontation Carmens mit José und deren (zugegeben eindrucksvollen) Tod durch Erwürgen Gesellschaft leisteten. In jedem Akt näherte sich außerdem eine schwarz gekleidete Frau Carmen, um ihr zu bedeuten, dass ihr Schicksal besiegelt sei. Schönen Gruß vom Holzhammer!

© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala

In krassem Gegensatz zu der flauen Stimmung auf der Bühne lag die musikalische Interpretation durch den designierten neuen Musikdirektor der Scala, Myung-Whun Chung. Er ließ im Orchester des Hauses plastisch spanische Atmosphäre funkeln, die nichts mit Kitsch oder Folklore zu tun hatte, sondern eher an Autoren wie García Lorca und sein A las cinco de la tarde denken ließ. Aus dem Graben war von einem unausweichlichen Schicksal der Frau zu hören, die ihre Freiheit als höchstes Gut über alles andere stellt. Dass das köstliche Schmugglerquintett und die Fröhlichkeit der kartenlegenden Mercédès und Frasquita weniger zur Geltung kamen, ist nicht dem Dirigenten anzulasten, sondern der Regie.

Fazit: Hielt man sich an die prachtvolle Orchesterleistung und die beeindruckende Interpretation von Vittorio Grigolo, konnte man das Haus doch mit Gewinn verlassen.

Eva Pleus, 15. Juni 2026


Carmen
Georges Bizet
Teatro alla Scala

Besuchte Vorstellung: 12. Juni 2026 (Premiere am 8.6.)

Regie: Damiano Michieletto
Dirigent: Myung-Wung Chung
Orchestra del Teatro alla Scala