Coburg: „L’elisir d’amore“, Donizetti

Sie heißt Hlengiwe Mkhwanazi. In Coburg ist sie eine Adina, die die vielfältig deutbare, psychologisch durchaus vielfältige Geschichte von Nemorino und seiner Angebeteten auf denkbar menschliche Weise auf die Beine stellt – womit noch nicht einmal ihre stimmlichen Kompetenzen genannt sind; eine Adina zu singen bedeutet ja nicht allein, eine scheinbar kapriziöse und schließlich zur „Liebe“ bekehrte Persönlichkeit zu porträtieren, sondern auch einen Vokalpart zu gestalten, der die Herausforderung der italienischen Koloraturoper mit all ihren Fiorituren und „Rouladen“, wie man das früher nannte, als ganz leicht erscheinen lässt. Mkhwanazi kann das Alles: die wie rasend erscheinenden Notenketten, die ganz leicht daherkommen müssen, aber auch das Sentiment, das uns die Frau, die schließlich eine (scheinbar?) schnelle Wendung von der Gefühllosen zur Liebenden vollzieht, verstehbar macht. Dass auch die Adina, die (nur angeblich?) darauf verzichtet, Nemorino zu lieben, schon ein ganzer Mensch ist, ist eine Vermutung, die – und hier wird Felice Romanis und Donizettis Musikdramatik gegen alle Konventionen der älteren komischen Oper wirklich interessant – gleichzeitig nicht von der Hand zu weisen ist. Wenn also von der Sängerdarstellerin eine Figur gezeichnet wird, die wir interessant, nicht unsympathisch und zugleich hochmusikalisch finden, ist der Abend gewonnen – und wenn dann noch Nemorino, Dulcamara und Belcore gut besetzt werden können und das Orchester einen herzhaften Donizetti herausspielt, ist der Abend gewonnen und das Glück des Zuhörers vollkommen. Denn beim wirklich zauberhaften Elisir d’Amore geht es um nichts weniger als um ein Melodramma (was zunächst nicht mehr heißt als „Oper“), in dem, wie Norbert Miller im Piper-Werkartikel schrieb, die Regungen der Figuren ganz ernst genommen werden, während sie „durch die Verkleinerungsbrille des romantischen Humoristen betrachtet werden“. Die obigen Fragezeichen weisen also auf das Richtige: Denn zwischen Schein und Sein, Komödie und Tragödie, verläuft auch im Elisir d’amore, wie in jeder gelungenen Komödie, ein sehr schmaler Grat. Mkhwanazi berührt ihn, indem sie in einem kurzen, doch entscheidenden Moment versteht, dass Nemorino sie – offensichtlich hat sie mit ihren Eintagslieben immer nur schlechte Erfahrungen gemacht, die ihrerseits durch ihr Verhalten auf die Liebhaber zurückwirkten – wirklich, also todesselig liebt. Der Übergang zwischen Ablehnung und Akzeptanz ist schnell, aber verstehbar – und die „frühere“ Adina wird nicht, was möglich wäre, zu einem seelenlosen Monster erklärt. Dafür sorgt schon Mkhwanazis Präsenz.

© Tanseok Oh

Die einzige Einschränkung liegt an diesem Abend, wenn man ihn durchleuchtet, tatsächlich auf der orchestralen Ebene. Das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg klingt unter David Preil extrem lärmend, wofür vermutlich weniger der Dirigent als die Akustik des klanglich defizitären Ersatzbaues des Landestheaters, also der Raum des Globe, verantwortlich sind. Dafür erfreut zumindest den Rezensenten die Inszenierung von Lea Willeke, weil sie den Spagat zwischen Konvention und Individualdrama gut austariert. Sie hat, wie ihre Bühnen- und Kostümbildnerin Bina Zinsmeister, jene „Verkleinerungsbrille des romantischen Humoristen“ auf der Nase, die das Bild optisch schärft. Grundfarbe des Bühnenbaus ist Altrosa, wir wissen: Rosa ist eine Verblendungsfarbe, die auf eine infantile Welt verweist. „In der Licht- und Farbtherapie Aura-Soma und in der Esoterik“, lesen wir im bekannten Internet-Lexikon, „symbolisiert Rosa bedingungslose Liebe und Fürsorge oder die Sehnsucht danach“. Von hier zu Nemorinos (innerlicher) Brille und Sicht auf das Objekt seiner Trauer ist es nicht mehr weit, während die Choristen sich in einer betont einfachen, ja kindlichen Welt eingerichtet haben und Nemorino seine Kindlichkeit in Schmerzen auslebt, die sich nur durch eine gestillte Sehnsucht in jenes Rosa verwandeln können, auf das er täglich schaut.

© Tanseok Oh

Der Chor ist also kein traditioneller Bauernchor, sondern ein Querschnitt durch eine Gesellschaft, deren einzelne Mitglieder jeweils einzelne Berufszweige repräsentieren. „Wohnen“ tun sie in einem stark stilisierten, eben altrosa Haus, in das unversehens Belcores Polizisten einbrechen, die auf der Suche nach dem entflohenen Sträfling sind, der, weil Berufsganove, die dummen Leute mit seinem „Zaubertrank“ betört; Hinweise auf gegenwärtige Verbrechen in Sachen „Wunderheilmittel“ erfolgen dezent, nicht realistisch, wenn die dummen Leut’, Einer nach der anderen, gegen gutes Bargeld sich das völlig wertlose Gesöff kaufen. Im Übrigen bleibt es bei der Komödie: Dulcamara, kraftvoll-komödiantisch gespielt von Christopher Tonkin, ist ein durchaus sympathischer Betrüger, ein Schlitzohr, das sich einfach nur die Gutgläubigkeit seiner Mitmenschen zu Nutze macht. Der Sergeant heißt Daniel Carison, wie Tonkin ist er stimmlich potent, fast überdeutlich, auf jeden Fall vital bei der Commedia dabei. Nemorino aber besitzt mit Jaeil Kim jenen sehnsüchtig-todtraurigen Protagonisten, der das Herz wohl nicht allein der weiblichen Zuschauer zu rühren vermag, wenn er mit kraftvoll-sensiblem Tenor Adina anhimmelt – und sich mit der berühmten Arie in eine Todessehnsucht hineinsingt, die zu schön ist, um hässlich zu sein.

© Tanseok Oh

Apropos Tod: Die Geschichte von Tristan und Isolde, die in der Oper, die wir gerade sehen, vom Ensemble unter Gianettas Leitung „inszeniert“ werden soll, bevor die Inszenierung an der „Wirklichkeit“ der Adina-Nemorino-Belcore-Dulcamara-Handlung scheitert, wird nicht nur mit dem Tristanakkord zitiert, was inzwischen in jeder durchschnittlichen Aufführung des Werks wohlfeil zu sein scheint. Im ersten Akt sehen wir, in einem Lebenden Bild, Nemorino mit Blumenstrauß, während das Orchester die Orchesterversion von „So stürben wir, um ungetrennt“ anzustimmen. Zu Beginn des zweiten Akts schauen wir auf dieselbe Bühne auf der Bühne (man sieht: L’elisir d’amore wird als hintergründiges Spiel ernst genommen). Nun stirbt, Jean Pierre Ponnelles Bayreuther Inszenierung von 1982 zitierend, Tristan, also Belcore, in Isoldes, also Adinas Schoß, dazu tönen die letzten Tristan-Takte in den Saal. Wie wir wissen, ist Belcore kein Tristan, sondern eher ein Don Giovanni, und Adina keine Isolde, sondern eine Adina. Allein die szenische Interpretation und Zutat, die Romanis Text aufnimmt, gehört schon zu jener romantischen Ironie, die das geniale Werk des Musikers und seines Librettisten auszeichnet. Dass es, mit einer farblich eindeutig infantilen, also in Goethes Sinn bedeutenden Farbsymbolik, vor Allem aber mit einer Riege von Sängerdarstellern gelang, die dem berühmten Affen Zucker gaben und, im Fall Adinas und Nemorinos, unsere Herzen erreichten, ließ am Ende das ungewöhnlich lärmende Orchester fast vergessen. Der zärtliche Klang der Oboe blieb in Una furtiva lagrima davon unbenommen…

Frank Piontek, 15. Juni 2026


L’elisir d’amore
Gaetano Donizetti

Landestheater Coburg im Globe

Besuchte Aufführung: 13. Juni 2026
Premiere: 14. März 2026

Dirigat: David Preil
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg