Lüttich: „Otello“, Giuseppe Verdi

Lieber Opernfreund-Freund,

mit einem fulminanten Otello als letzte Produktion der laufenden Spielzeit wartet die Opéra Royal de Wallonie-Liège derzeit auf. Die packende Regie von Allex Aguilera, Francesco Lanzillottas energiegeladenes Dirigat und die durch die Bank exzellente Sängerriege bescheren mir dabei einen wahrhaft würdigen Spielzeitabschluss.

© J. Berger – ORW-Liège

Verdis Otello steckt hierzulande oft in einem Inszenierungsdilemma. Man mag die Titelfigur – aus vielleicht falsch verstandener political correctness – nicht mehr als farbigen Protagonisten zeigen. Doch Otellos Herkunft und Hautfarbe sind der Grund für sein mangelndes Selbstvertrauen und machen damit Jagos Intrige erst möglich. Nur weil Otello selbst glaubt, Desdemona nicht genug zu sein, kann die Saat der Eifersucht, die in Wahnsinn und Mord endet, erst aufgehen. Deshalb sucht man oft nach anderen Ansätzen, um Otellos Minderwertigkeitskomplex zu begründen – und das gelingt nicht immer so gut wie im vergangenen Frühjahr in Bonn.

© J. Berger – ORW-Liège

Dass es auch anders geht, zeigt Allex Aguilera in seiner spannungsgeladenen Regiearbeit: Bei ihm darf Otello schwarz sein – so schwarz wie die durchweg düsteren Kostüme von Françoise Raybaud im dunklen Bühnenbild Bruno de Lavenères. Der französische Bühnenbildner hat einen halbrunden Raum erschaffen, an dessen Wänden sich Treppen emporhangeln und der von einem an maurische Ornamentik erinnernden Fenster durchbrochen wird und dadurch etwas Kathedralenhaftes bekommt. Allex Aguilera braucht kaum Requisiten, sondern verlässt sich ganz auf die Kraft der Geschichte, die er mit den Mitteln moderner Bühnentechnik ebenso modern erzählt und sie dabei doch ganz klassisch belässt: die sinnfälligen Videos von Arnaud Pottier machen das Medium Wasser omnipräsent und das so spärlich wie präzise eingesetzte Licht von Laurent Castaingt verstärkt die Stimmungen, die in Verdis genialem Meisterwerk angelegt sind. Noch vor zwei Jahren in Aguileras ebenfalls in Lüttich herausgekommenen Capuleti e Montecchi wurde noch uninspiriert herumgestanden. Im Otello überzeugt er mich nun mit packender Personenregie.

© J. Berger – ORW-Liège

Den Damen und Herren des Chores kommt im Otello besondere Bedeutung zu. Sie sind von Beginn an Treiber der Handlung und meistern ihren umfangreichen Part unter der Leitung von Denis Segond exakt und spannend zugleich. Gleiches gilt auch für das, was aus dem Graben kommt. Vom ersten Takt an entfacht Francesco Lanzillotta ein wahres Feuerwerk an Farben und Emotionen. Dabei gelingt ihm die schmale Gratwanderung zwischen klanglichem Bombast und Gefühl vorbildlich. Trumpft er gerade noch im Fortissimo auf, findet der aus Rom stammende Dirigent im nächsten Moment berührendste Töne und übertüncht weder da noch dort die Sänger. Hier sind durch die Bank sämtliche Rollen vorzüglich besetzt. Dass Luciano Ganci den Otello erst vor zwei Tagen zum allerersten Mal gesungen hat, mag man kaum glauben. Bühnenpräsent und stimmgewaltig führt er seinen imposanten Tenor scheinbar mühelos in glänzende Höhen und findet in den intimen Moment hinreißende Piani und immenses Gefühl. Das ist auch der Desdemona von Maria Teresa Leva zu eigen, die mich mit anbetungswürdigen Höhenpiani packt. Sie darf als einzige Weiß tragen und glänzt so im Schlussakt nicht nur durch perfekten Gesang, sondern auch optisch. Roman Burdenko ist ein herrlicher Jago: seinem ausdrucksstarken Bariton mischt der russische Sänger etwas Diabolisches und düstere Farben bei und wird so zur Bilderbuchbesetzung des Bösewichts. Paride Cataldo ist ein klanglich schlanker Cassio und auch die kleineren Rollen überzeugen, wobei mich Blagoj Nacoski mit facettenreichem Tenor und starker Bühnenpräsenz die Figur des Roderigo erstmals so richtig wahrnehmen lässt.

© J. Berger – ORW-Liège

Die rundum gelungene Vorstellung wird auch vom voll besetzten Opernhaus begeistert aufgenommen. Ein Blick in die Pläne der kommenden Spielzeit verrät, dass Luciano Ganci, Maria Teresa Leva und Blagoj Nacoski im Juni 2027 für die Turandot-Produktion nach Lüttich zurückkehren. Das lässt Großes erwarten!

Ihr
Jochen Rüth

22. Juni 2026


Otello
Oper von Giuseppe Verdi

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Premiere: 19. Juni 2026
besuchte Vorstellung: 21. Juni 2026

Regie: Allex Aguilera
Musikalische Leitung: Francesco Lanzilotta

Orchestre d’Opéra Royal de Wallonie-Liège

Trailer: https://www.youtube.com/shorts/fYd2MazJdlY

weitere Vorstellungen: 23., 25. und 27. Juni 2026